Bewertung: 9

Review: #10.02 Head Count

Ein Besucher aus Matt Caseys Vergangenheit. Der altbekannte 'Schundroman' "Sheets on Fire". Eine dramatische Rettungsaktion. Probleme mit einem neuen Vorgesetzten. Und Panikattacken im Job. Die neuste "Chicago Fire"-Episode konnte das Zuschauerherz auf viele Arten begeistern! Der englische Episodentitel "Head Count" bezieht sich perfekt auf viele einzelne Aspekte dieser Episode: Zum einen natürlich auf den dramatischen Einsatz, bei dem der kleine Junge zunächst nicht gefunden wurde ("das Durchzählen (von Personen)"), zum anderen auf das von Sylvie Brett angesprochene Problem beim "Personalbestand" der Rettungssanitäter*innen und zuletzt auch auf die "Belegschaft" der Wache 51, bei der Veränderungen anstehen! Die Episodentitel sind immer treffend gewählt, aber selten beziehen sie sich auf alle großen Themen einer Folge! Chapeau!

"The CFD put the kibosh on what might've been five years ago."

Hand auf Herz: Der Nebenstrang rund um das Bücherregal war absolut herrlich! Der Erotikroman "Sheets on Fire" sorgte bereits in Staffel 5 für herrliche Szenen! Und nachdem er nun fünf Jahre in der Versenkung verschwunden ist, zaubert Mouch ihn einfach so wieder hervor! Jede Szene dieser Handlung war einfach nur köstlich! Angefangen mit den Pulitzer-Preis-Büchern, die Capp von seiner Ex angeschleppt hat, über Gallos Entdeckung von "Sheets on Fire" bis hin zum Brand des Bücherregals. Herrlich, wie Capp mit dem Feuerlöscher angerannt kam, Mouch den 'Tatort' abgeriegelt hat und Kelly Severide dann durch seine Erfahrung beim OFI die Brandermittlung übernommen hat, um herauszufinden, dass Mouchs Lesebrille den Brand entfacht hat. Perfekt abgeschlossen wurde die Handlung, indem Boden von Mouch verlangt hat, dass die ganze Sauerei bis zum Ende der Schicht beseitigt ist! Da es sich dabei um die allerletzte Schicht von Chief Boden auf Wache 51 handelt, ist es besonders schön, dass man hier kleine Aspekte aus vergangenen Staffeln vereint hat, um noch mal einen für die Serie typischen komödiantischen Handlungsstrang einzuflechten.

Bezug auf vergangene Staffeln wurde dann auch in der finalen Szene genommen, als plötzlich Griffin Darden mitten in der Wache stand. Mit Andy Dardens Tod fing die Serie damals an und er hat vor allem in den ersten beiden Staffeln einen wichtigen Teil in der Beziehung von Kelly und Matt gespielt. In Staffel 2 hat Matt dann die Vormundschaft für Griffin und seinen kleinen Bruder Ben Darden übernommen, da deren Mutter Heather Darden wegen Alkohol am Steuer mit Todesfolge ins Gefängnis kam (damals übrigens von dem jungen Kevin Atwater verhaftet!). Matt stand die Vaterrolle damals sehr gut, doch nachdem Heather ein paar Episoden später frühzeitig aus dem Gefängnis entlassen wurde, ist sie mit ihren Söhnen nach Florida gezogen und wir haben die letzten sieben Staffeln nicht einmal mehr was von ihnen gehört.

Es gab schon eine Vielzahl von Charakteren, die einfach in der Versenkung verschwunden sind und nie wieder erwähnt wurden, obgleich sie eigentlich einen wichtigen Teil im Leben der Hauptcharaktere gespielt haben. Aber wie bspw. in Staffel 6 mit Renee Royce besinnen die Drehbuchautoren sich manchmal älterer Storylines! Und egal bei welchem Problem Griffin nun die Hilfe von Matt benötigt und warum er sich in Schweigen hüllt, als Matt ihn auf seine Familie anspricht: Allein die Tatsache, dass Griffin wieder zurückgeholt wurde, gibt diesem Handlungsstrang die nötige Spannung!

"We don't need that ambo anymore."

Mit Chief Evan Hawkins wurde in dieser Episode ein neuer Vorgesetzter der Rettungssanitäter*innen eingeführt. Zuvor hat Chief Karl Hatcher dieses Amt bekleidet, doch leider ist der Schauspieler Sam Porretta am 8. September 2020 gestorben. Die erste Szene zwischen Hawkins und Sylvie deutet an, dass er noch mehr auf die Einhaltung von Regeln erpicht ist, als es Hatcher war. Da kann Sylvie ja fast schon froh sein, nicht mehr Gabriela Dawson an ihrer Seite zu haben, die ständig bei Hatcher wegen diverser Regelbrüche vorsprechen musste. Noch kann man Hawkins nicht wirklich einschätzen. Nachdem Christopher Herrmann die Schuld für den Regelbruch auf sich genommen hatte, war Hawkins deutlich freundlicher und zugewandter. Aber die Einhaltung von Vorschriften scheint er sehr groß zu schreiben und die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Mitglieder der Wache 51 nicht immer ganz regelkonform arbeiten.

Inwiefern Sylvie Bretts angedachtes Projekt bei Hawkins Zustimmung finden wird, bleibt noch abzuwarten. Das Problem, dass Rettungswagen zu Einsätzen gerufen werden, die gar keine wirklichen Notfälle sind, was wiederum dazu führt, dass echte Notfälle nicht hinreichend bearbeitet werden können, ist ohne Zweifel von immenser Bedeutung. Das hat nicht zuletzt die hiesige Folge eindrucksvoll bewiesen, indem man einen kleinen Jungen zum Opfer macht, der unter den gegebenen Umständen im Rettungsdienst wahrscheinlich gestorben wäre. Nur dank des Regelverstoßes von Herrmann und Sylvie hat der Junge den Unfall überlebt. Eigentlich steht es also außer Frage, dass man sich als Paramedic Chief für eine Problemlösung stark macht, vor allem, da es bereits positive Erfahrungen aus einem Pilotprojekt in San Diego gibt. Doch die Storyline wäre kaum eingeführt worden, wenn sie nicht mit zig Stolpersteinen versehen werden wird. Und der erste Eindruck deutet darauf hin, dass Hawkins einer dieser Stolpersteine sein wird.

"Yeah, let's not get sentimental, okay?"

Die Episode war geprägt von drei wichtigen Ereignissen auf der Wache: Zum einen Chief Bodens letzte Schicht, Joe Cruz' Panikattacke und Herrmanns Regelbruch beim Einsatz. Nimmt man dazu noch Stella Kidds Beförderung zum Lieutenant in der vergangenen Staffel und die Tatsache, wie beeindruckt Kelly beim hiesigen Einsatz von Gallo war, kommt man nicht umhin dies alles als deutliches Anzeichen dafür zu sehen, dass eine riesige (personelle) Veränderung auf Wache 51 stattfinden könnte.

Seit Staffel 1 haben wir nahezu immer die gleiche Personalstruktur bei Führungskräften gehabt. Ausnahmen sind natürlich die kurzen Personalwechsel, die die jeweiligen Storylines verlangt haben. Aber letztlich war Chief Boden von Beginn an der Chief von Wache 51 und Matt und Kelly haben das Kommando über Drehleiter bzw. Rüsttruppe gehabt. Zwischendurch hat Kelly mal mit einer Position beim OFI geliebäugelt, aber diese Storyline hat man nie ernsthaft verfolgt, wahrscheinlich, weil man Angst hatte, dass Taylor Kinney außerhalb der Wache 51 nicht mehr organisch in die Handlungsstränge eingebunden werden könnte. Und genau dieses Problem steht ja eigentlich auch noch bei Stella Kidd im Raum, die definitiv ein Karrieremensch ist und ihre Beförderung - im Gegensatz zu Christopher Herrmann - auch nutzen möchte.

Und genau hier könnte die hiesige Storyline eine entscheidende Rolle spielen: Da Chief Bodens Position scheinbar immer noch nicht besetzt ist, liegt die Vermutung nahe, dass Matt Casey diese als derzeitiger Captain einnehmen wird. Man könnte der Wache natürlich einen externen Chief aufs Auge drücken, aber das würde letztlich zu viel Veränderung mit sich bringen, da sich die komplette Dynamik auf der Wache ändern könnte. Setzt man Matt auf diese Position, dann bleibt der Tenor auf der Wache der gleiche, aber trotzdem kommt es zu Veränderungen, da es neue Charakterkonstellationen gibt. Also eine win-win-Situation!

Sollte Matts Position frei werden, gibt es derzeit zwei Lieutenants, die diesen Platz ausfüllen könnten: Christopher Herrmann und Stella Kidd. Und wer sich gewundert haben sollte, warum die Szene eingebaut wurde, in der Chief Boden Herrmann erklärte, dass er diesmal nichts für ihn tun konnte und durch den Regelbruch seine Karriere ausgebremst werden könnte, der wird hier wahrscheinlich seine Antwort finden. Herrmann war noch nie ein Karrieremensch. Er hat in Staffel 2 seine Prüfung zum Lieutenant bestanden und sich nur direkt im Anschluss einmal auf einen solchen Posten beworben. Natürlich würde er nun sicher gerne den Posten von Matt einnehmen, doch das wird er eben nicht mehr können und somit könnte Stella Kidd diese Stelle erhalten. Hier hätte man dann auch gleich ein wenig berufliches Drama für die Beziehung zwischen Kelly und Stella geschaffen, da die beiden dann auf gleicher Stufe stehen und sicherlich im Einsatz ab und an aneinander geraten würden.

In Bezug auf die Panikattacken von Joe Cruz fand ich vor allem den Aspekt interessant, dass Kelly so begeistert von Gallo gewesen ist. Denn - so wie es aussieht - wird Cruz bald ausfallen und somit wird Gallo sicher von Kelly ins Boot geholt werden. Und auf der Drehleiter kann dann gleich mal wieder Nachwuchs geholt werden (wenn man den Kreis perfekt schließen will, nimmt man hier Griffin Darden)! Ob Cruz nur kurzfristig ausfällt und man hier eine Storyline ausbaut, die sich eventuell mit psychischen Belastungen auseinandersetzt, oder ob man mutig ist und den Schritt wagt, dass sich Cruz wahrhaftig von seiner Arbeit beim CFD verabschiedet, bleibt abzuwarten. Auch wenn Joe Minoso ein wichtiger Bestandteil der Serie ist, muss man ehrlich sagen, dass der Charakter Joe Cruz kein Alleinstellungsmerkmal mehr hat. Mit Ritter und Violet wurde die Diversität auf der Wache ausgebaut, das witzige Zusammenspiel mit Otis wurde inzwischen von Blake und Gallo abgelöst und der damals spannende Bezug zu den Gangs ist längst unter den Tisch gefallen. Vielleicht wäre es spannender hier mal einen Handlungsstrang aufzuzeigen, bei dem sich jemand für seine Familie gegen seinen Beruf entscheidet...

Randnotizen

  • Matt Caseys Desinteresse an Sozialen Medien, seine Unbeholfenheit bei den schwärmenden Teenagerinnen und sein Unbehagen beim Fernsehinterview waren einfach nur grandios anzuschauen. Perfekt abgerundet wurden diese Szenen, indem Matt genau diese Gelegenheiten genutzt hat, um die beiden relevanten Themen von Stella Kidd ("Girls on Fire") und Sylvie Brett ("Personalmangel bei Rettungssanitätern") in den Vordergrund zu rücken.
  • Dafür, dass es wirklich Chief Bodens letzte Schicht gewesen ist, hätte man ihm durchaus auch mal einen Einsatz gönnen können. Aber wahrscheinlich wollte man damit noch mal unterstreichen, dass die anderen das auch sehr gut ohne ihn hinbekommen.
  • Ich hoffe die Montagsgespräche beim Kaffee zwischen Herrmann und Boden werden wirklich eingebunden!



Fazit

Alle Anzeichen deuten auf eine Umstrukturierung der Wache 51 an, was sehr interessante Handlungsstränge nach sich ziehen könnte. Nach neun Jahren mit den gleichen Strukturen und sich entsprechend wiederholenden Handlungssträngen wird die Serie definitiv davon profitieren, wenn man die Charakterkonstellationen mal ordentlich durchmischen würde!

Annika Leichner - myFanbase

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