Bewertung: 8

Review: #6.23 Der Tod und seine Freunde (1)

Vielleicht hat Serienschöpferin Shonda Rhimes einmal zu oft gehört, wie dramatisch, aufregend und erschütternd doch das Finale der fünften Staffel gewesen ist. Möglicherweise haben einfach zu viele Leute behauptet, der Schlussakt der fünften Season sei gar nicht mehr zu überbieten. Was auch immer Shonda Rhimes inspiriert haben mag, Tatsache ist, dass dieser erste Teil des sechsten Staffelfinales eine neue Stufe der Radikalität erreicht. Wir sehen hier nicht nur die vorletzte Episode der sechsten Staffel, sondern auch die erste Folge von "Grey's Anatomy: Hardcore".

Gary Clark, den wir aus den Episoden #6.19 und #6.21 kennen, läuft im Krankenhaus Amok, da er den Tod seiner Frau nicht verwinden kann und es Derek zum Vorwurf macht, dass bei ihr die lebenserhaltenden Maschinen abgeschaltet wurden. Sie war hirntot und wollte nicht künstlich am Leben erhalten werden, doch Mr. Clark ist nicht fähig, dies zu begreifen und zu akzeptieren. Sein erstes Opfer wird Reed. Er schießt ihr genau zwischen die Augen, nachdem sie ihm keine Hilfe dabei war, Derek zu finden. Diese Szene (in ihrer ungeschnittenen Variante) hat durchaus das Potential, zum schockierendsten Moment der gesamten Serie gekürt zu werden. Natürlich haben wir im Laufe der bisherigen sechs Staffeln schon viele schauerliche Verletzungen und tragische Schicksale gesehen, doch diese plötzliche Eskalation, dieser unvorhersehbare und willkürliche Mord an einem Nebencharakter der Serie, ist doch etwas anderes. Reed wird ohne jede Vorwarnung regelrecht hingerichtet und ist tot, noch bevor sie auf dem Boden aufschlägt. Keine Chance für ihre Kollegen, sie zu retten, keine letzten Momente der Erkenntnis - sie wird einfach während ihres Arbeitsalltags aus dem Leben geschossen. Dass Reed kein sympathischer Charakter war, ändert an der Heftigkeit der Szene nichts, eher im Gegenteil. Die meisten Zuschauer (so wie ich) mochten sie nicht und haben für sie keinen Platz in der Serie gesehen, zumal sie auch über einen längeren Zeitraum in keiner Folge dabei war. Nur schwebte dabei aber niemandem vor, dass sie kaltblütig erschossen wird. Doch genau das passiert.

Im Voice-Over spricht Meredith davon, dass für sie das Krankenhaus immer ein Zuhause war, ein Ort, den sie kannte und schätzte – bis jetzt. Uns Zuschauern geht es ähnlich. Auch wir haben über die Jahre ein bestimmtes Bild vom Seattle Grace - mit oder ohne Mercy West – gewonnen. Wir haben dieses Krankenhaus als einen Schauplatz tragischer aber auch humorvoller Geschichten schätzen gelernt, doch sicher nie als einen Ort der Gewalt, an dem Menschen über den Haufen geschossen werden – bis jetzt, wie gesagt. Es ist ein ganz neues Gefühl, dieses Krankenhaus als Todesfalle wahrzunehmen.

Mr. Clark schießt nach dem Mord an Reed auch Alex nieder, der danach heftig blutend in einen Fahrstuhl kriecht. Die bittere Ironie hier ist, dass Alex von der jungen Ärzteclique, mit der die Serie ursprünglich begann, bis dato der einzige war, der noch nicht verwundet oder krank auf dem OP-Tisch lag. Nun erwischt es auch ihn, doch statt, dass er wie Meredith, Cristina, Izzie und George dabei wenigstens narkotisiert ist, müssen Mark und Lexie ihn aufschneiden, während er bei vollem Bewusstsein ist - ja, ausgerechnet seine neue Freundin Lexie und deren Ex, der ihr gerade erst zu verstehen gegeben hat, dass er sie durchaus gerne heiraten würde. Shonda Rhimes lebt mit dieser Episode eindeutig ihre böse Seite aus.

Einige Hauptcharaktere sind noch nicht unmittelbarer Bedrohung ausgesetzt, wie Callie und Arizona, die auf der Kinderstation festsitzen und höchstens Gefahr laufen, sich gegenseitig zu zerfleischen, und Owen und Teddy, die sich im OP befinden und – Hallo, die Ironie mal wieder – einen jungen Mann mit Schussverletzung behandeln.

Bailey ergeht es schlimmer. Während sie sich unter einem Krankenbett versteckt, erlebt sie mit, wie Charles von Mr. Clark niedergeschossen wird, nachdem er die Frage des Amokläufers, ob er Chirurg sei, bejaht hat. In einer Szene, die jedem Horrorfilm zur Ehre gereichen würde, zieht Mr. Clark dann Bailey unter dem Bett hervor und stellt auch ihr die tödliche Frage. Erwartungsgemäß spielt Chandra Wilson dies so stark, dass sich beim Zuschauer permanente Gänsehaut einstellt. Um ihr Leben zu retten, verneint Bailey die Frage und behauptet, Krankenschwester zu sein. Mr. Clark verschont sie daraufhin. Wohlgemerkt hat er zuvor schon eine Krankenschwester, die ihn angesprochen hatte, und andere Mitarbeiter des Krankenhauses, die eindeutig keine Chirurgen waren, wie zum Beispiel einen Wachmann, erschossen, doch darf man von einem Amokläufer wohl kaum durchgehende Logik erwarten.

Meredith, die gerade festgestellt hat, dass sie schwanger ist, und Cristina, die sich von Owen trennt, registrieren zunächst nicht, was vor sich geht. Zwar wissen sie, dass das Krankenhaus abgeriegelt ist, doch wähnen sie sich nicht in Gefahr. Nun gut, es ist durchaus verständlich, dass sie eher mit einem nicht so bedrohlichen Szenario, wie einen Patienten auf der Flucht oder ein von der Säuglingsstation verschwundenes Baby, rechnen, doch könnte man meinen, die beiden würden wenigstens versuchen in Erfahrung zu bringen, was vor sich geht, statt locker plaudernd durch die Gänge zu spazieren. Vielleicht muss man dies aber einfach mit der Tatsache erklären, dass beide gerade andere Dinge im Kopf haben.

Am Ende dieser Folge erreicht Mr. Clark sein Primärziel Derek. Diesem scheint es jedoch zu gelingen, den Amokläufer zu besänftigen, in dem er von seinem Vater erzählt, der erschossen wurde, und betont, auch nur ein Mensch mit Schwächen zu sein. Gerade, als Mr. Clark seine Waffe senkt, platzt April in die Szenerie, was Clark wieder die Kontrolle verlieren lässt. Vor Merediths Augen schießt er Derek nieder. Gott sei Dank ist das nicht der Cliffhanger, mit dem wir in die Sommerpause müssen, sondern "nur" das Ende des ersten Aktes ...

Maret Hosemann - myFanbase

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