Bewertung: 8

Review: #7.05 Fast erwachsen

Eine der berühmtesten hypothetischen Fragen in der Geschichte des Was-wäre-wenn-Prinzips lautet: was würdest du mit einer Millionen Euro (bzw. Dollar) machen? Die häufigsten Antworten, die darauf gegeben werden, sind im Transportwesen angesiedelt (Auto kaufen, Motorrad anschaffen, Boot erwerben), oder gehen in den Immobilienbereich (ein Haus bauen, ein schon existierendes Heim renovieren, ein Ferienhaus erstehen). Einige verkünden wie aus der Pistole geschossen, dass sie das Geld spenden würden – schätzungsweise 20% davon meinen es sogar ernst. Gelegentlich bewegen sich die Antworten auf die Millionen-Frage auch in Richtung Medizin, denn so manch einer würde sich mit einer Eins und sechs Nullen auf der Habenseite gerne operativ etwas vergrößern oder etwas anderes wegmachen lassen. In dieser Episode von "Grey's Anatomy" müssen sich alle Stationsoberärzte des Seattle Grace/Mercy West überlegen, was sie jeweils mit einer Millionen Dollar anfangen würden, natürlich nicht privat, sondern im Hinblick auf ihre jeweiligen Abteilungen. Wer Chief Webber die beste Idee vorlegt, gewinnt die Million und darf damit sein Konzept verwirklichen. In die Kittel, fertig, los ...

Die Ideen der einzelnen Oberärzte, beziehungsweise die Art und Weisen, wie sie dem Chief ihre Pläne präsentieren und wie sie den Wettbewerb ganz allgemein angehen, sagen viel über ihre jeweiligen Gemütslagen aus, was durchaus interessant zu beobachten ist.

Eine Million für Callie?

Callie stürzt sich mit Feuereifer in den Wettbewerb, doch dabei geht es ihr gar nicht wirklich darum, das Geld für die Orthopädie abzugreifen, vielmehr will sie einfach nur gewinnen, um Arizona zu besiegen. Rivalität unter Liebenden ist nicht so ungewöhnlich. Callie fühlt sich gegenüber Arizona manchmal etwas unzulänglich, vor allem, was das lesbisch sein betrifft. Arizona hat sich schon immer nur zu Frauen hingezogen gefühlt, während Callie lange Zeit ausschließlich heterosexuelle Beziehungen hatte. Diese Tatsache hat bei dem Paar schon öfter eine Rolle gespielt, zum Beispiel wollte Arizona ja anfangs nicht einmal mit Callie ausgehen, weil ihr diese zu unerfahren und unsicher in Bezug auf Romanzen mit Frauen war. In einigen Jahren wird diese Erfahrungs-Diskrepanz sicher keine Rolle mehr spielen, doch momentan ist das durchaus noch ein heikler Punkt, der Callie dann auch schon mal zu überzogenem Ehrgeiz treibt.

Eine Million für Mark?

Mark vertritt die Idee, aus dem Seattle Grace/Mercy West eine der besten Kliniken für Verbrennungsopfer zu machen, und wirbt damit, dass er seine ganze Energie in ein solches Projekt stecken könnte, schließlich wird er momentan nicht durch irgendwelche Liebschaften abgelenkt und strotzt daher nur so vor Kraft. Mit dieser Marketingstrategie ist er bei Webber allerdings an der falschen Adresse. Es steht außer Frage, dass Mark ein hervorragender Schönheitschirurg ist, aber er ist nicht der Typ, der die absolute Erfüllung allein in der Arbeit findet. Nachdem es ihm (bislang) nicht gelungen ist, mit Lexie einen Neuanfang zu starten, betrachtet er die Vorstellung, sich ganz auf die Arbeit zu konzentrieren, vielleicht als interessante Alternative, aber funktionieren wird das wohl eher nicht.

Eine Million für Arizona?

Arizona scheint von vornherein gute Karten zu haben, schließlich würde sie mit dem Geldtopf Kindern helfen. Dass wir dazu neigen, Kindern besondere Zuneigung und Großzügigkeit zukommen zu lassen, ist von der Natur beabsichtigt. Ein Nachteil für Arizona ist allerdings ihre Neigung, gegenüber Autoritätspersonen schnell in Tränen auszubrechen, was mittlerweile im Krankenhaus sehr bekannt ist und was auch Callie ausnutzt, um ihre Freundin zu verunsichern. Arizona bricht jedoch nicht in Tränen aus, sondern erleidet vielmehr einen kleinen Wutausbruch, eben weil jeder glaubt, sie würde zu heulen anfangen. Arizona ist also durchaus in der Lage, ein bisschen stinkig zu werden, und lässt sich nicht tatenlos auf ihre Schwächen reduzieren. Das hat sie auch wahrlich nicht nötig.

Eine Million für Teddy?

Schon seit einigen Episoden frage ich mich so ein bisschen, wohin Teddys Weg führt, jetzt, da sie kein Beziehungsdreieck mit Owen und Cristina mehr bildet. Unabhängig von Owen und Cristina haben wir noch nicht viel von Teddy gesehen und ihre kleine Romanze mit dem Traumaspezialisten Dr. Perkins zu Beginn dieser Staffel war auch nicht mehr als eine kaum beachtete Randbegebenheit zwischen den wesentlich interessanteren Geschichten der anderen Charaktere. Passend dazu würde Teddy mit der Million gerne ihre Abteilung stärken und verhindern, dass Dereks Neurochirurgie den Geldsegen abgreift, denn das Derek sie in seiner Zeit als Chief entlassen wollte, hat sie noch nicht vergessen. Teddy kämpft als Leiterin einer Abteilung, die bislang den größten Verschleiß an Chefs (Preston Burke, Erica Hahn) hatte, um ihren Platz.

Eine Million für Derek?

Dereks Gedanken kreisen in erster Linie um Meredith und die Hoffnung auf ein langes Glück mit ihr. Obwohl er zuletzt betont hat, dass er sich nicht damit beschäftigen will, was alles Schlechtes passieren könnte, macht er sich doch Sorgen, dass Meredith womöglich wie ihre Mutter irgendwann an Alzheimer erkrankt, und würde das Geld daher verwenden, um an ein Heilmittel für diese Krankheit zu forschen. In der Rolle des liebenden Ehemannes sehen wir Derek natürlich immer wieder gerne, mussten wir doch an die 100 Episoden darauf warten, doch dass Webber diesen sehr persönlich motivierten Vorschlag nicht auswählt, kann man nachvollziehen. Ob Dereks Sorgen um Meredith begründet sind, ist ein anderes Thema. Okay, sie vergisst gelegentlich irgendwelche Kleinigkeiten, aber wem passiert das nicht? Schusseligkeit muss nicht unbedingt ein Indiz für eine beginnende Gehirn-Erkrankung sein und wenn man wie Meredith einen schwierigen Job hat, der viel Konzentration erfordert, kann man bei den alltäglichen Kleinigkeiten, die nicht so viel mit Leben und Tod zu tun haben, schon mal den Überblick verlieren.

Eine Million für Bailey?

Bailey ist in diesen Tagen als knallharte Realistin unterwegs. Sie schlägt lediglich vor, die Million in Notwendigkeiten zu stecken, gewissermaßen in die Haushaltseinkäufe des Krankenhauses. Sie holt Webber, der auf kreative Vorschläge von seinen Oberärzten aus war, um das Seattle Grace/Mercy West zu neuem Glanz zu verhelfen, auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie erinnert ihn daran, dass eine Millionen Dollar im Gesundheitswesen wirklich nicht viel sind und sich damit nichts Großes bewegen lässt. Damit hat Bailey zweifellos Recht. Bevor das Seattle Grace/Mercy West neuen Glanz versprühen kann, muss es erstmal wieder richtig auf die Beine kommen.

Eine Million für Owen!

Am Ende gewinnt Owen mit seiner Idee, die Ärzte durch gezieltes Training besser auf Krisensituationen vorzubereiten. Eine solche Maßnahme hat nichts mit großen medizinischen Fortschritten, die Ruhm und Auszeichnungen bringen, zu tun, doch sie ist sinnvoll. Die Ärzte des Seattle Grace/Mercy West haben schließlich am eigenen Leib erfahren, welche Katastrophen von einem Moment auf den anderen hereinbrechen können. Natürlich gibt es kein Training der Welt, das es möglich macht, eine Krise hundertprozentig perfekt zu meistern, doch man kann zumindest die Verluste geringer halten. Owens Ausführung, dass drei der elf Todesopfer, die Gary Clarks Amoklauf gefordert hat, durch besseres Katastrophenmanagement vermeidbar gewesen wären, darunter der Tod von Charles Percy, ist natürlich ein beeindruckendes und bedrückendes Argument zugleich.

Beinahe erwachsen

Während die Oberärzte mit der Eine-Million-Dollar-Frage beschäftigt sind, dürfen die Assistenzärzte in deren Rollen schlüpfen und sich für einen Tag schon mal die dunkelblaue OP-Kleidung der voll ausgebildeten Ärzte überstreifen. Nur Lexie geht bei der Verteilung der Erwachsenenkleidung leer aus und muss erfahren, dass die Chef-für-einen-Tag-Aktion nur Assistenzärzten im vierten Jahr vorbehalten ist. Dies ist ein bemerkenswertes Detail, da man mittlerweile fast vergisst, dass Lexie in der Hierarchie noch unter Meredith und Co. steht und einer anderen Ausbildungsstufe angehört. Mit ihrem eigentlichen Jahrgang hat Lexie aber praktisch nichts mehr zu tun und genießt wesentlich mehr Ansehen als ihre Mitschüler. Wie dann letztlich Meredith und Lexie gemeinsam im OP stehen – Meredith als überzeugende Oberärztin und Lexie als ihre fähige Assistentin – ist schon ein Klassebild.

Für Cristina ist es natürlich eine geradezu schizophrene Situation. Endlich darf sie als Ärztin ganz vorne stehen und dann will sie es eigentlich gar nicht, weil sie noch immer mit ihrem Trauma zu kämpfen hat. Doch immerhin macht sie weitere Fortschritte und setzt sich erfolgreich für den Patienten ein.

Maret Hosemann - myFanbase

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