Bewertung: 8

Review: #8.01 Fighting Ghosts

Fast auf den Tag genau sind sieben Monate vergangen, seit wir zuletzt in der Serienwelt von "Chicago P.D." verbringen durften. Eine ganz schön lange Zeit, in der sich die Welt ordentlich verändert hat. Da das Serienfinale von Staffel 7 aber durch einen Drehstopp erzwungen war, standen die geplanten Handlungen für das eigentliche Serienfinale noch aus. Aber ob man nach sieben Monaten einfach da weitermachen kann, wo man aufgehört hat? Während vom ursprünglich geplanten Serientod einer Nebenfigur Abstand genommen wurde, bin ich aber zutiefst dankbar, dass an Kevin Atwaters Auseinandersetzung mit der 'blauen Wand' haargenau angesetzt wurde, denn genau diese kam im Serienfinale großartig rüber und ich hätte es extrem schade gefunden, ein solches Potenzial einfach untergehen zu lassen.

Warum die Handlung ein solches Potenzial hat, ist ironischerweise in den vergangenen sieben Monaten noch einmal drastisch vor Augen geführt worden. Fälle wie George Floyd, Breonna Taylor und viele weitere sind leider eher an der Tagesordnung als eine Seltenheit, aber in diesem Jahr, wo ohnehin alles durcheinandergeraten ist, haben diese Proteste gegen Rassismus unter dem Begriff Black Lives Matter noch einmal eine besondere Stahlkraft entwickelt und das nicht nur exklusiv in den USA, sondern auch in Europa. Mit Kevin im Hinterkopf sich nun stark auf diese Entwicklung zu stützen, ist in meinen Augen jedenfalls sehr clever, denn die Corona-Pandemie hat auf die Arbeit der Polizei in den USA doch deutlich weniger Auswirkungen gehabt. Da ist das Thema besser bei den Serienschwestern "Chicago Fire" und "Chicago Med" aufgehoben.

Nun aber konkret zu Kevin und seiner Situation: Mir hat es unheimlich gut gefallen, dass die Episode zu Beginn so eng fokussiert auf Kevin erzählt wurde. Normalerweise geht es mit dem Fall der Woche los und zwischendurch darf das Private mal durchblitzen, aber hier hat man deutlich gemerkt, dass es vorrangig um Kevin gehen wird und dass der Fall der Woche nur Beiwerk und später Mittel zum Zweck werden würde. Auch wenn sich immer mehr alles durch klassisches Mobbing um Kevin zusammenzieht, so konnte ich sehr gut nachvollziehen, dass es ihn eher noch darin bestärkt hat, auf seiner Zeugenaussage zu beharren. Ich werde bei Widerstand auch gerne noch störrischer, vor allem, wenn es wie hier um moralische und ethische Überzeugungen geht. Und obwohl ich unheimlich stolz auf Kevin bin und es unheimlich feiere, dass er nach sieben abgeschlossenen Staffeln nun endlich seine größte Storyline bekommt, so leide ich auch sehr mit ihm. Kevin hatte immer schon etwas von einem Teddybären, den man nicht verletzt sehen will. Aber wenn er durch die Hölle muss, damit da so gutes Fernsehen bei rumkommt, dann zieht man das als Zuschauer eben mit ihm durch.

Regelrecht wunderbar passt sich darin auch die zweite große Teilhandlung der Auftaktepisode hinein. Nach den Ereignissen rund um Floyd, Taylor und Co hat sich die Wahrnehmung der Polizei rapide verschlechtert. Während die systemrelevanten Berufe wie Personal im medizinischen Wesen oder Feuerwehrleute frenetisch gefeiert werden, sieht sich die Polizei einem kalten Wind entgegen. Wo sonst oft auch Polizei und Politik Hand in Hand gingen, könnte der Abstand inzwischen nicht größer sein, denn niemand will sich mehr mit der Polizei in Verbindung gebracht sehen. Was muss also her, um die Polizei wieder im Ansehen der Öffentlichkeit steigen zu lassen? Der Wille zu Reformen und damit der vermeintliche Anschein, dass man etwas ändern will. Dies geschieht in Form des Neuzugangs Samantha Miller, die neue Deputy Superintendent, die Hank Voight und seiner Intelligence Unit gerne freie Hand lassen würde, die aber auch verlangt, dass sie sich an neue Regeln halten, weil dann alle folgen werden.

Für Hank, einen Mann der alten Schule, ist das eine riesige Herausforderung, denn er kennt im Prinzip nur seine eigenen Regeln. Er ist sicherlich einer der besten ambivalentesten Charaktere der TV-Geschichte, weil man ihn gleichzeitig hassen und gern haben kann. Ich habe es oft kritisiert, dass seine Unit-Mitglieder gerne wie die Lemminge alles von ihm abnicken und kleines Aufbegehren schnell im Keim erstickt wird, deswegen spielt hier Kevins Geschichte eine so entscheidende Rolle. Denn er ist aufgerüttelt von den gesellschaftlichen Ereignissen. Er hat kapiert, dass die Zeit für einen Wandel gekommen ist und Hank ist kein Mann, der für so etwas steht. Aber nicht nur Kevin lässt Zweifel aufkommen, auch die anderen haben vermehrt zweifelnde Blicke, was für Hank ein Schlag ins Gesicht ist. Ich fand die Auseinandersetzung mit Kevin jedenfalls unheimlich intensiv gespielt, wie auch anschließend, wo Hank alleine zurückbleibt und erstmals eingestehen muss, dass er auf sich gestellt ist. Doch statt zu einer One-Man-Mission aufzubrechen, verzichtet er darauf, den Verdächtigen in den Käfig zu zerren oder anschließend persönliche Rache zu nehmen. Ob das nun bei ihm auch für ein Umdenken steht, ich weiß es noch nicht, aber ich finde es spannend, dass Hank hier so an seine Grenzen gestoßen wird. In "Chicago Fire" haben wir es schon in Form von Randall ‚Mouch‘ McHolland und Christopher Herrmann mehrfach gehabt, dass sie sich damit auseinandersetzen mussten, ob sie ihrem Job noch gewachsen sind. Daher ist es nur logisch, auch einmal Hank an seine persönliche Grenze zu bringen.

Die ganze Darstellung der Polizeiarbeit in dieser Episode ist auch so bemerkenswert, weil "Chicago P.D." im Zuge der Ereignisse im Frühling/Sommer von Talkshow-Host Trevor Noah als eine der TV-Serien deklariert wurde, die exzessiv Polizeigewalt darstellen. Auch wenn ich dieser Kritik nicht vorbehaltlos zustimmen kann, so war die Serie ohne Frage immer schon eine, die moralische Grenzen austestet. Aber man hat die Kritik angekommen und da man die Serie nicht von heute auf morgen auf den Kopf stellen kann, finde ich die Bemühungen eines Umschwungs hier sehr vielversprechend. Die Serie wird eben aus der Sicht der Polizei erzählt, natürlich werden die Verbrecher so immer schlechter wegkommen, aber es gab schon zahlreiche Fälle, bei denen auch Korruptionen innerhalb des CPDs aufgedeckt wurden. Es war also nie eine reine schwarz-weiß-Darstellung. Insgesamt bin ich sehr gespannt, was die Zukunft in beiden Konflikten bringen wird.

In diesem dicht erzählten Auftakt war nicht mehr viel Zeit für anderes, aber dennoch sind natürlich einige Baustellen zurückgeblieben. So ist Hailey Uptons Ausflug zu "FBI" mit keinem Wort erwähnt worden und auch das Verschwinden von Jason Crawford und Vanessa Rojas wurde nicht thematisiert. Leider hatte "Chicago P.D." immer schon ein Händchen dafür, Figuren einfach in der Versenkung verschwinden zu lassen. Immerhin ist mit Miller ein vielversprechendes neues Gesicht dabei. Nicole Ari Parker hat ohne Frage eine extrem fesselnde Aura, sie ist charmant und vermittelt den Eindruck, dass sie für Zuckerbrot und Peitsche steht. Sie beißt nicht wie Katherine Brennan alles weg, sondern sie inszeniert sich als Freundin, die aber ihren Weg gehen wird, wenn es hart auf hart kommt. Auch hier sehe ich positiv gen Zukunft, wie es sich mit Miller entwickeln wird.

Fazit

Ich bin dankbar, dass "Chicago P.D." trotz langer Pause unmittelbar an den Ereignissen des letzten Staffelfinales ansetzt, denn Kevins Auseinandersetzung mit der Polizei angesichts eines rassistischen Vorfalls hat durch die realen Umstände in diesem Jahr noch einmal unheimlich an Bedeutung gewonnen. Vor diesem Hintergrund, aber natürlich auch dank Fingerspitzengefühl und dem ewigen Talent, mit der Zeit gehen zu können, hat sich diese Episode vermutlich fast von selbst geschrieben. Hut ab für einen starken Auftakt auf gleich mehreren Ebenen, wo nur offene Fragen als Manko stehen bleiben.

Lena Donth – myFanbase

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