Bewertung: 8

Review: #7.20 Silence Of The Night

Mit Kevin Atwater ist es jede Staffel irgendwie dasselbe Spiel. Er ist ein vollwertiges Mitglied des Teams und dennoch wird er niemals den Anteil an Soloepisoden erreichen, den Kollegen wie Jay Halstead und Adam Ruzek auf sich vereinen. Nur Trudy Platt spielt eine noch unbedeutendere Rolle, was ebenfalls extrem verschenkt ist, da sich auch mit ihr bewiesenermaßen extrem tolle Episoden aufbauen lassen. Das ist aber ein anderes Thema… Ich kann mich auch noch gut an ein Interview zu Beginn der Staffel erinnern, als von einer möglichen dauerhaften Liebesgeschichte für Kevin gesprochen wurde, für die man Vanessa Rojas vermutlich ins Auge gefasst hat, aber auch daraus ist nichts geworden. Zudem wird er zu oft in den rassistisch motivierten Fällen hervorgehoben, was sich natürlich anbietet, was für eine komplexe Figur aber zu eindimensional ist. Dennoch habe ich gelernt, mit wenig bei Kevin schon zufrieden zu sein, das beweist auch das durch Corona erzwungene Staffelfinale von "Chicago P.D.".

"Chicago P.D." hat neben der Stiefmütterlichkeit gegenüber vereinzelten Charakteren noch ein zweites Manko, das mir oft genug ins Auge fällt. Es ist die zu augenscheinliche Konstruktion von Fällen, die zwar durchaus zu spannenden Auflösungen führen kann, die aber dennoch immer wieder ungeschickt ins Auge fällt. Hier ist es nun dadurch bedingt, dass Kevin in einer Ermittlung undercover geht, in der eine rassistische Gesinnung sehr wahrscheinlich ist. Will ich als Leiter der Intelligence Unit, also in Person von Hank Voight, eine Ermittlung erfolgreich durchziehen, dann suche ich mir die sinnvollste Herangehensweise und das ist bestimmt kein Schwarzer als Käufer einer durch und durch weißen Gruppierung, die zudem einen gewissen Ruf hat. Das ist aber wie gesagt ein Nebenaspekt, der für mich "Chicago P.D." zum Teil ausmacht, so dass es in der Punktvergabe nur noch ins Gewicht fällt, wenn es zu nichts führt, aber das ist hier nicht der Fall.

Was "Chicago P.D." dafür sehr gut kann, sind Überraschungen. Ich hätte niemals gedacht, dass es mal ein Wiedersehen mit Tom Doyle geben wird, den wir in #6.13 Chicago bei Nacht kennengelernt haben. Er war auf die Gesamtschau der Serie eine so unbedeutende Figur, dass es sogar vorab einen Rückblick auf die Episode mit ihm geben musste, denn ohne das hätte ich den Kerl nie im Leben wiedererkannt. Er war damals ein Polizist, der einen schwarzen Drogendealer erschossen hat, obwohl es keine konkrete Notwehrsituation gab. Kevin wollte eigentlich gegen Doyle aussagen, doch unter dem Druck sämtlicher Meinungen hat er doch zugunsten des Streifenpolizisten ausgesagt und sein Problem mit ihm dann mit einer Prügelei geklärt.

Nun ist Doyle also wieder da. Ich fand es gut, dass seine Figur diesmal deutlich vielschichtiger beleuchtet wurde. Er war jetzt nicht nur der rassistische Polizist, sondern einer, für den die Verbrechensbekämpfung über allem steht. Zudem waren seine Bemühungen um eine Versöhnung mit Kevin ernst gemeint, das war deutlich zu merken. Zwar war von Anfang an klar, dass die beiden niemals beste Freunde werden können, aber es hätte eine Zweckgemeinschaft sein können, in der man auf kollegiale Weise das Beste aus dem anderen herausholt und so gemeinsam die Straßen von Chicago sicherer macht. Doch Doyle hat nicht verstanden, dass er mit seinem Handeln ein historisch geprägtes Pulverfass in die Luft gejagt hat, bei dem nichts mehr zu retten ist. Kevin bemüht sich zwar der Professionalität wegen, aber es war mit jeder Faser zu merken, dass er die Zusammenarbeit zwischen beiden Einheiten lieber früher als später beendet hätte. Was muss es auch für ein Schlag ins Gesicht für ihn gewesen sein, als er begriffen hat, dass Doyle aufgrund seiner Falschaussage auch noch Karriere machen konnte mit seiner Beförderung zum Detective?

Am Ende bestätigt sich dann auch Kevins innere Abneigung gegen Doyle, denn dieser hat ganz offensichtlich einen Alltagsrassismus in sich verwurzelt, den er selbst niemals erkennen könnte, der aber stetig sein Handeln beeinflusst. Nun hat Doyle mit seinem Instinkt nicht gänzlich falsch gelegen, aber tot war am Ende ein Unschuldiger. Hiernach habe ich lange befürchtet, dass wir eine exakte Kopie der bereits erwähnten Episode aus Staffel 6 erleben werden. Der Fall hat durch einen Polizistenmord natürlich noch eine besondere Brisanz erhalten, aber dennoch ging es letztlich wieder um die Frage: wird Kevin die Wahrheit über Doyle sagen, oder nicht? Auch das Gespräch zwischen Hank und Kevin, was nun die beste Strategie ist, fühlte sich wie ein Déjà-vu an, doch dann wurde der Schalter umgelegt und es kam doch noch vieles anders.

In Staffel 6 war es noch Ray Price, der Kevin und seine Aussage für seinen Wahlkampf nutzen wollte. Auch wenn Kevin sich damals dagegen entschieden hat, ist dadurch aber eine tiefere Verbindung entstanden, vermutlich auch durch den offen zutage getragenen Rassismus, der beide belastet und sie umso stärker zu Verfechtern ihrer Community macht. Kevin besucht Price daher im Gefängnis und das war wirklich ein gelungener Gastauftritt, denn Price war schon immer eine Figur, die auf einem schmalen Grat balanciert. Doch er hat nicht denselben Rat für Kevin wie damals. Zwar hat ihn eine ganz andere Situation ins Gefängnis gebracht, aber dennoch hat er erkennen müssen, dass Held sein nicht alles ist. Man kann nicht immer für den Einzelnen eintreten, wenn man dadurch die Gemeinschaft aus den Augen verliert. Es ist eine bittere Erkenntnis der Realität, die vermutlich jeder von uns bestätigen kann. Dennoch kitzelt es immer in einem, der Held zu sein; warum sonst erfreuen sich Superheldenfilme und –serien einer solchen Beliebtheit? Kevin entscheidet sich jedenfalls dazu, der Held zu sein. Ob das auf lange Sicht die richtige Entscheidung war, das wird sich noch zeigen müssen, dennoch habe ich laut Applaus geklatscht, denn Kevin musste diese Entscheidung treffen. Um sich von Staffel 6 abzusetzen, aber auch um eine Entwicklung für seinen Charakter voranzutreiben.

Kevin hat sich für seine Rasse entschieden und damit auch irgendwie gegen den Kodex seiner Profession, womit er sich nun Feinde ohne Ende gemacht hat. Am Ende der Episode hatte ich richtig Gänsehaut, als zunächst Hank und Adam mit ihm zusammen saßen, alle ahnend, dass die Tore zur Hölle geöffnet worden sind. Und natürlich als Kevin nach Hause kommt und die ganze Straße mit Kollegen in Autos voll steht, die damit ausdrücken, dass sie ihn nun auf dem Kieker haben. Wie Kevin dazu immer wieder schreit, dass er es mit ihnen aufnehmen wird, das war sicherlich eine der stärksten Szenen der gesamten Serie. Man ahnt hier auch, dass etwas Großes in Gang gesetzt werden sollte, dass durch die frühzeitige Beendigung der Staffel ausgebremst wird. Ich hoffe nur, dass die lange Sommerpause nicht zu viel an den ursprünglichen Plänen für die Serie ändert, denn die Konsequenzen aus Kevins Entscheidung will ich erzählt sehen.

Fazit

Während man bei "Chicago Fire" noch halbwegs mit dem erzwungenen Staffelfinale leben konnte, kommt es bei "Chicago P.D." ganz eindeutig zur Unzeit. Man hat deutlich gemerkt, dass hier vermutlich die Grundlagen für einen spannenden Abschluss von Staffel 7 gelegt wurden. Nichtsdestotrotz ist die Episode für sich gesehen voller Wendungen, intensiver Dramatik und einem gelungenen Gastauftritt. So kann man sich qualitativ immer in die lange Pause über den Sommer verabschieden.

Lena Donth – myFanbase

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