Bewertung: 6

Review: #3.08 Six Thanksgivings

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Ich achte in der Regel vor dem Anschauen einer neuen Folge nicht auf den Episodentitel. In diesem Fall wären da wahrscheinlich ohnehin nur Fragezeichen gewesen, dafür wäre jedoch der Aha-Effekt beim Anschauen wahrscheinlich um Einiges größer gewesen. So erschloss sich mir die Wirkung des Titels also erst im Nachhinein. Und das sollte nicht der einzige zunächst unklare Punkt gewesen sein. Denn ehrlich gesagt, ließ mich die Folge nach dem Ende erst einmal etwas ratlos zurück. (Anmerkung der Redaktion: Der ursprüngliche Episodentitel lautete "18,615")

Die Handlungen
 
Es gefiel mir sehr, wie gut Kate inzwischen mit Tobys Situation und den Depressionen umzugehen weiß. Beim ersten Anschein einer aufkommenden Panik gelingt es ihr schnell, ihn wieder zu erden. Das wurde dazu gekonnt mit der nötigen Prise Humor garniert, dass dem ganzen Thema etwas mehr Leichtigkeit verlieh. Typische Toby-Momente gab es dann auch noch, als er zunächst nichtsahnend auf Tess stieß und mit der Situation mehr als überfordert war und später das leider für uns nicht miterlebbare Debakel in der Küche hinterließ. Da musste ich wirklich laut lachen. Als Kate ihm am Ende aufgrund des geretteten Thanksgiving-Dinners dann noch den "Jack Pearson Magic Moment" zusprach, war das nicht nur eine schöne Hommage an ihren geliebten Vater, sondern auch irgendwie eine tolle indirekte Liebeserklärung. Schöne Szenen, die uns jedoch nur wenig die Entwicklung von Tobys Depression zeigen konnten.

Ein Ähnliches Problem offenbart sich auch im Handlungsstrang von Randall und Beth. Nachdem er ihr zuletzt einen Job in seinem Wahlkampfteam angeboten hatte, werden wir hier nun bereits mitten in ein neues Problem in diesem Handlungsumfeld geworfen, einem Kompetenzgerangel zwischen Beth und Jae-won, die unterschiedliche Vorstellungen über die Ausrichtung des Wahlkampfes haben. Ehrlicherweise hätte ich gerade die Anbahnung dieses Konfliktes gerne von Anfang an gesehen. So kam es mir stellenweise vor, als hätte ich Teile des Wahlkampfes einfach verpasst. Zumal ja auch die Konfrontation mit dem amtierenden Stadtrat Brown zuletzt vermuten ließen, dass wir hier noch tiefer in die Wahlkampagne eintauchen werden. Mein zweiter Kritikpunkt an der Handlung bezieht sich auf Randall und seine in meinen Augen sehr lapidare "She's my wife"-Begründung gegenüber Jae-won. Das halte ich als Rechtfertigung doch ziemlich mäßig, zumal Randall doch selbst klar sein müsste, dass das keine Begründung sein kann, die Beth akzeptieren kann. Ich kann ihre Enttäuschung und Verärgerung jedenfalls gut verstehen. Mit einer sachlichen Auseinandersetzung hätte sie mit Sicherheit eher Verständnis dafür haben können, warum er sich für ihren oder im Zweifelsfall auch für Jae-wons Vorschlag entschieden hat.

Thanksgiving ist ein Familienfest und Familienmomente gab es in dieser Folge in diversen Ausprägungen. Nur eine Nebengeschichte, aber passend in diesem Kontext, war der Kontakt von Déjà mit ihrer Mutter Shauna per Textnachricht. Zunächst noch einer Antwort verweigert, hat Déjà es sich beim Anblick der glücklichen Familie Pearson beim Dinner dann doch anders überlegt und erwidert die Grüße. Die kleine fast untergegangene Szene zeigt, dass sie sich noch immer nicht ganz eingefunden hat in der Familie Pearson und gleichzeitig ihre Vergangenheit, die Teil ihrer eigenen Familie ist, auch nicht aufgeben will. Dazu passend zeigte sich auch der Handlungsstrang von Miguel und Rebecca.  Warum ist mir eigentlich vorher noch nie in den Sinn gekommen, dass wir Miguels Kinder noch gar nicht zu Gesicht bekommen haben? Sie sind ja schließlich auch Teil der Familie. Gut, die Erklärung folgte auf dem Fuße, aber das hätte ja auch früher schon einmal Thema sein können. À propos, wurde zuvor schon einmal so konkret erwähnt, dass zwischen dem Tod von Jack und dem Zusammenkommen von Rebecca und Miguel zehn Jahre vergangen sind? Das Familiendinner mit Miguels Familie verursachte selbst mir beim Ansehen ein unangenehmes Gefühl und so war es von Miguel sehr schön zu hören, welche liebevollen Worte er über Rebecca an seine Familie richtete und nicht weniger schön, wie souverän Rebecca mit der Situation umgegangen ist und diese auch entspannen konnte. Ein selten gesehenes Zeichen dafür, wie sehr sie an seiner Seite steht.

Eine interessante Geschichte entwickelte sich überraschend um Tess, die als Figur bislang kaum eine eigenständige Handlung vorzuweisen hatte. Lediglich das Timing empfand ich in dieser ohnehin schon vollgestopften Episode als unglücklich. Ich weiß auch nicht warum, aber als es zu Beginn der Folge noch hieß, Tess ginge es nicht gut, musste ich schon spontan daran denken, dass es sich um ihre erste Periode handeln könnte. Das nahm zunächst mit dem Aufeinandertreffen mit Toby sehr lustig an Fahrt auf und brachte im Anschluss sehr schöne und zuvor ungesehene Szenen mit ihrer Tante Kate. Diese konnte hier gleich einmal ihre ersten Gehversuche als Mutter unternehmen und hat das in meinen Augen mit dem nötigen Gespür auch sensibel gelöst. Umso überraschender war jedoch die Karte, die im Anschluss ausgespielt wurde. Tess' Outing kam doch ziemlich unerwartet und man fragt sich, ob das in ihrem noch jungen Alter tatsächlich schon ernst ist. Ich finde es aber sehr angenehm, dieses Thema auch einmal in diesem frühen Altersstadium in einer Serie zu erleben. Das ist mir bis dato noch nicht begegnet. Und natürlich muss man sich auch in Erinnerung rufen, dass es sich um "This Is Us" handelt und damit eigentlich nichts nur zufällig geschieht. Denn sofort wird die Verbindung zur Handlung von William und Jessie hergestellt, die bis zu dieser Szene zusammenhanglos im Raum zu stehen schien.

Zunächst einmal war ich von dem Wiedersehen mit Jessie völlig überrascht. Seit Williams Tod haben wir diesen zwar immer wieder einmal erleben dürfen, Jessie dagegen hatte ich schon fast aus meiner Erinnerung gelöscht. So war ich dann auch ziemlich zwiegespalten im Hinblick auf diese Handlung. Hinsichtlich der Handlung um Tess machte sie an dieser Stelle natürlich Sinn, war sie es doch, für die Williams Homosexualität einst zuerst offensichtlich war und die beiden nun nach seinem Tod quasi verbindet, dennoch fand ich sie vom Timing her an dieser Stelle auch unnötig, weil man das Thema meines Erachtens gut und gerne auch zu einem späteren Zeitpunkt hätte behandeln können. Im Gesamtkontext mit Randall Juniors Aufsatz bildet die Handlung jedoch ein weiteres, wichtiges Puzzleteil. Dazu später mehr. Außerdem gefiel mir die Tatsache, dass die Serie wieder einmal kein Detail vergisst und vermeintliche Kleinigkeiten wieder aufgreift.

Ähnlich ambivalent empfand ich auch die beiden Handlungsstränge in Vietnam. Es war einfach so viel drin in der Folge, dass dieses Thema gut und gerne hätte pausieren können. Zumal der aktuell am meisten in diese Handlung integrierte Charakter der Gegenwart, nämlich Kevin, in dieser Folge so gut wie nicht existent war. So sehen wir also weiterhin das angespannte Verhältnis der beiden Brüder in Vietnam. Nick scheint von diesem Einsatz und Krieg sichtlich gebrochen und Jack gelingt es weiterhin nicht, einen Zugang zu ihm zu finden. Thanksgiving im Kreis der Kameraden war auch hier wieder ein verbindendes Element, wenn auch keines, das mich besonders davon überzeugen konnte, diese Geschichte auch unbedingt in dieser Episode erzählen zu müssen. Weiterhin ratlos lässt mich auch die Handlung um Jack und die Vietnamesin zurück. Wir wissen inzwischen, dass von ihr die Kette stammt, die Jack einst Kevin überließ. Aber worauf soll das nun hinauslaufen? Geht es nur darum, Jacks Helfersyndrom und Empathie zu zeigen, oder spielt sie doch noch eine größere Rolle? Grundsätzlich ließe sich aber auch hier eine Verbindung zu Randalls Aufsatz herstellen. Insgesamt wird mir dafür aber inzwischen fast schon wieder zu viel Zeit aufgewendet, ohne große Fortschritte dabei zu machen.

Und dann ist da natürlich noch der große umrahmende Familien-Moment in der Vergangenheit: Das letzte gemeinsame Thanksgiving der Pearsons vor Jacks Tod. Das waren schön anzusehende Szenen: alle verstanden sich gut miteinander, Miguel wurde klaglos in ihren Kreis aufgenommen und dann war da natürlich noch Randalls Aufsatz für seine College-Bewerbung. In diesen Familienmomenten funktioniert für mich die Serie am besten. Und gerade diese gemeinsamen Familienszenen sind es, die zuletzt einfach zu kurz gekommen sind, weil die Handlungen doch meist parallel und ohne große Überschneidungen ablaufen.

Das verbindende Element und das Ende

18.615 Leute hat Randall analog einer Aussage des britischen Anthropologen Robin Dunbar in seinen 17 Jahren getroffen. Drei Personen am Tag. Kann man da wirklich die eine Person benennen, die den größten Eindruck bei einem selbst bzw. in seinem Leben hinterlassen hat? Ich bin da ganz auf Randalls Seite. Rückblickend betrachtet, zeigt uns die Folge genau diese Vielfalt an Momenten. Es können ganz kurze sein. Es sind Momente mit (noch) Fremden, Freunden oder der Familie. Kleine, aber auch wichtige Ereignisse, die das Leben prägen. Und da ist er wieder, dieser besondere "This Is Us"-Moment am Ende (oder in diesem Fall für mich sogar erst nach dem Ende), der alles zusammenfügt und zu einem großen Ganzen werden lässt. Schon komisch, dass dieser erst so spät bei mir zündete. Vielleicht lag es aber auch an dem großartigen Song am Schluss. Mumford & Sons setzen dem ganzen nämlich erst noch das Krönchen auf - der Song heißt "42. Die Antwort auf das Leben, das Universum und überhaupt alles! Douglas Adams lässt grüßen. Ein großes Kompliment an dieser Stelle auch noch an Niles Fitch, der mich in dieser Schlussszene bis zur letzten Großaufnahme seines Gesichts mit seinem Schauspiel voll vereinnahmen konnte.

Fazit

Meine lange Review zeigt, es war viel los in diesen 42 Minuten. Thanksgiving-Szenen, die das Leben prägenden Momente und zugleich die Fortführung aktueller Haupthandlungsfäden in eine Episode zu packen, ist in meinen Augen zu überambitioniert. Ja, die Folge hat rückblickend betrachtet eine tolle Aussage und Wirkung. Aber diese muss für mich bereits auch während des Ansehens zum Tragen kommen. Stattdessen haderte ich einfach zu oft damit, dass es zu viele Geschichten waren und keine so richtig zur Geltung kommen konnte.

Jan H. - myFanbase

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