Bewertung: 6

Review: #6.02 Those Things Hidden In Plain Sight

"Chicago Med" war über die letzten Jahre hinweg immer das Sorgenkind aus dem OneChicago-Serienuniversum, da ist es doch eine große Überraschung gewesen, dass der Auftakt in Staffel 6 eigentlich der beste aller drei Serien darstellte. Von der Punktzahl her ist das zwar nicht so deutlich zu erkennen, aber "Chicago Med" hat sich definitiv schon Extrapunkte verdient, weil sie es geschafft haben, die Corona-Pandemie wirklich realitätsnah einzubauen und dabei viele Kernpunkte, die die Menschen bewegen, umzusetzen. Ohne dabei zu dramatisieren, ohne zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken, ohne es zu verharmlosen, echt einfach.

In dieser Woche hat die Pandemie nun eine weitere Auswirkung, denn der Chef der Notaufnahme, Dr. James Lanik, hat offenbar gekündigt. Das kam für mich jetzt etwas überraschend, selbst wenn in der letzten Episode angedeutet wurde, dass ihm der neue Krankenhausalltag psychisch zusetzt, aber ihm eine Träne nachweinen tue ich jetzt auch nicht. Dafür war Lanik auch zu lange eindeutig als Nebenfigur angelegt, die auch nie mehr sein würde. Zudem eröffnet es eine spannende neue Handlung, denn es braucht nun einen neuen Chef der Notaufnahme. Dr. Will Halstead macht sich Hoffnung, aber Dr. Ethan Choi bekommt den Job. Auf den ersten Blick würde man dieser Entscheidung wohl zustimmen, aber da auch Will immer mehr diese Wahl zu hinterfragen beginnt, bis er schließlich Sharon Goodwin deswegen konfrontiert, spätestens da wird dem Zuschauer dann klar, dass es im Grunde beide Männer nicht verdient haben. Selbst wenn die Argumente pro Ethan auf den ersten Blick sehr überzeugend klingen, auf den zweiten Blick gleichen sie sich im Hinblick auf Professionalität aber enorm.

Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass Will seit mindestens 1,5 Staffeln in seiner Entwicklung den Rückwärtsgang eingelegt hat. Er war immer schon derjenige, der seine Beziehungen hat Einfluss nehmen lassen auf seine Fähigkeiten als Arzt. Aber auch abseits davon hat er sich immer schon bis zu einem ungesunden Grad in seine Patientenfälle hineingesteigert, bis er von Rationalität Meilen weit weg war und auch noch jegliche Vorschriften mit dem Bulldozer niedergemäht hat. Auch wenn er mir im Staffelauftakt sehr gut gefallen hat, weil er endlich mal wieder sehr erwachsen und selbstreflexiv erschien, so kann nicht eine einzige Episode dafür sorgen, dass er sich plötzlich einen verantwortungsvollen Posten verdient hat. Aber ich hoffe, dass das für Will jetzt Ansporn ist, sich verbessern zu wollen und nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Sein Bemühen, wieder in die Medikamentenstudie von Dr. Sabeena Virani zu kommen, werte ich als positiven Schritt. Nur wäre es katastrophal, wenn hiermit eine neue Liebesgeschichte verbunden wäre, denn das würde Will ziemlich sicher wieder zurückwerfen. Denn einer Sache stimme ich zu, Will ist sicherlich der bessere Diagnostiker und es wird Zeit, dass er das mal wieder dauerhaft unter Beweis stellen darf.

Nun also zu Ethan. Dieser wirkt immer, als wäre er Herr der Lage, er strahlt Souveränität aus, er hat bei all dem dennoch Mitgefühl mit seinen Patienten und durch seine Zeit beim Militär wirkt er verantwortungsbewusst und wie jemand, der auch unter Druck abzuliefern weiß. Klingt super, oder? Aber wollen wir nicht verheimlich, dass Ethan wie Will gerne mal übers Ziel hinausschießt. Und auch seine Gefühle für April Sexton waren in den letzten zwei Jahren oft Ausgang für brenzlige Situationen. Zuletzt fiel das noch besonders auf, als er den Kuss zwischen April und Dr. Crockett Marcel dafür sorgen ließ, dass er nicht mehr klar denken konnte. Nur das fällt nie so dramatisch ins Auge, wie es das bei Will tut, weil Ethan sich viel schneller wieder in Griff hat und dadurch sofort erhabener wirkt. Selbst in dieser Episode beweist er selbst, warum er ebenfalls nicht geeignet ist. Während zunächst vorbildlich durchblitzt, dass er sich an Vorschriften hält, dass er den Überblick über alles haben will, sorgt ein Wort von April dafür, dass er alles wieder über den Haufen wirft. Zumal man auch bedenken muss, dass Aprils Ansage an ihn nicht objektiv war, sondern ganz im Gegenteil. Sie belastet die Situation der COVID-Patienten, sie wollte etwas für sich erreichen und ist deswegen davon ausgegangen, dass sie Ethan schon dazu bewegen kann. Als er nicht sofort eingeknickt ist, hat sie ihn emotional manipuliert und er hat es nicht gemerkt. Aber April ist seine Schwachstelle und das kann sich ein Chef, der für weit mehr als nur seine Ex-Freundin verantwortlich ist, einfach nicht leisten.

Andere sinnvolle Kandidaten hat es in meinen Augen auch gar nicht gegeben. Die Serie lebt natürlich davon, dass immer wieder Drama erzeugt wird und deswegen treten unsere Hauptfiguren mal gerne mal in Fettnäpfchen, die sie für so eine verantwortungsvolle Position disqualifizieren. Dr. Natalie Manning hat das in dieser Episode ebenfalls unterstrichen. Bei ihrem Fall sollte das Thema Black Lives Matter aufgegriffen werden, was leider etwas erzwungen wurde. Aber darum soll es gar nicht gehen. Natalie steigert sich nach und nach in die Angelegenheit ihrer Patientin hinein, bis sie sogar einen Wärter schubst. Wie gesagt, alles etwas konstruiert, aber Natalie haben wir auch schon oft für Patienten Grenzen überschreiten sehen, daher passt die Motivik hier sehr gut zu ihr. Die übrigen Hauptcharaktere wiederum waren alleine aufgrund ihrer Funktion nicht für diesen Job geeignet, daher wäre es wahrscheinlich sinnvoll gewesen, einen neuen externen Kandidaten ins Chicago Med zu holen. Natürlich bietet Ethan als Chef der Notaufnahme viel Konfliktpotenzial, was positiv gemeint ist, aber rein objektiv betrachtet, hat er den Job ebenso wenig verdient.

Erneut gut gefallen hat mir, dass Dr. Daniel Charles sich weiterhin auch um die psychischen Angelegenheiten seiner Kollegen bemüht. Will konnte er in der vergangenen Woche völlig unaufgeregt den Schubser in die notwendige Richtung geben; diesmal ist also Marcel da. Dass dieser kein großer Redner ist – zumindest nicht in Bezug auf seine Gefühle – ist keine Überraschung, aber auch hier kommt Daniel nicht mit der Brechstange um die Ecke. Er macht es sogar sehr geschickt, weil er sein eigenes Privatleben mit seiner Ex-Frau Susan und seiner Tochter Anna einfließen lässt. Das baut Vertrauen auf, denn er schenkt Marcel somit ja ebenfalls Vertrauen. Zudem gibt es kleinere Parallelen, auch wenn Daniel dich nicht bewusst sein dürften, da er Marcels Geschichte gar nicht kennt. Aber hier baut sich etwas auf und ich bin gespannt, ob diese Thematik fortgeführt wird, denn die beiden sind als Typen eine ungewöhnliche Kombination, aber definitiv eine mit Potenzial. Bei Daniel selbst wiederum bin ich mir nicht ganz sicher, was ich von seinen Problemen mit Susan halten soll. Ihm ist extrem bewusst, dass er ihr ein Dorn im Auge ist, aber so betont distanziert, wie er sich teilweise verhalten hat, das war definitiv auch nicht richtig. Vor allem nicht als Signal an Anna, die in Sorge um ihre Mutter und auch noch wieder wegziehen zu müssen, sehr neben sich stand. Es sollte vermutlich unterstreichen, dass Daniel als Vater immer noch recht unbeholfen ist. Er kann eben besser andere analysieren als sich selbst.

Kommen wir abschließend noch einmal zu April und der mit ihr verbundenen Darstellung der Corona-Pandemie. Diese Woche hat mich ihre Handlung leider nicht so mitreißen können, weil es inhaltlich kein großer Unterschied zur vergangenen Woche war. Wieder ging es um Patienten, die den Kampf gegen das Virus verlieren und deren Anverwandte nicht persönlich bei ihnen sein können. Wenn wir immer nur diese Seite zu sehen bekommen, dann ermüdet das irgendwann. Für die Zukunft wäre es daher spannend, auch die Entwicklung der Pandemie abzubilden. Es sterben ohne Frage immer noch viel zu viele Menschen, aber dennoch macht die Medizin auch Fortschritte im Umgang mit dem Krankheitsverlauf und das würde ich gerne sehen, bis hin zu dem Punkt, an dem ein todgeweihter Patient das Krankenhaus wieder lebend verlassen kann.

Fazit

In dieser Woche habe ich "Chicago Med" nicht so stark wie zum Auftakt wahrgenommen. Das liegt zum einen daran, dass die Pandemiedarstellung wieder die gleiche Facette erhalten hat, zum anderen wirkten die einzelnen Handlungen etwas konstruiert. Zentraler Knackpunkt war schließlich die Beförderung von Ethan zum Chef der Notaufnahme, die möglicherweise inhaltliches Potenzial hat, rein rational aber keinen Sinn ergeben hat. Insgesamt hat sich damit nicht so ein rundes Gesamtbild ergeben.

Lena Donth – myFanbase

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