Bewertung: 8

Review: #3.02 Wanheda (2)

Foto: Devon Bostick, The 100 - Copyright: Warner Bros. Entertainment Inc.
Devon Bostick, The 100
© Warner Bros. Entertainment Inc.

Der Auftakt zur zweiten Staffel ist als Zweiteiler konzipiert, weshalb die Ereignisse der letzten Folge direkt in dieser fortgesetzt werden. Bellamy, Monty, Indra und Kane treffen zu Beginn auf eine unbekannte Gruppierung, die sie in einen Hinterhalt gelockt hat. Doch schnell stellt sich heraus, dass es sich bei dieser um die eigenen Leute handelt. Das Serienuniversum erweitert sich also in rasanter Geschwindigkeit. Gleich in den ersten Minuten werden wir mit einem neuen Figurenarsenal konfrontiert, unter dem sich auch Montys Mutter befindet. Hier wird bereits ganz zu Beginn die ganze Komplexität der sich zunehmend unentwirrbar verstrickenden Gruppenkonstellationen dargestellt. Ein Feind stellt sich plötzlich als angeblicher Freund heraus, doch die unterschiedlichen Erfahrungen der Vergangenheit führen zu sich langsam offenbarenden Trennungen dieser sich eigentlich nahestehenden Gruppe. Es kommt ein Gefühl der Fremdheit auf, dass noch nicht wirklich abgelegt werden kann. Dies zeigt sich unter anderem auch an Montys Reaktion auf die Wiedervereinigung mit seiner Mutter, von der er sich sichtlich überfordert zeigt.

Die komplexen Verstrickungen der unterschiedlichen Gruppen und Untergruppen bilden auch das Zentrum dieser Folge, in der sich die Serienwelt weiter öffnet und aus klar unterscheidbaren Gruppen und einer übersichtlich scheinenden Welt nach und nach eine Weite eingeführt wird, die nur noch schwerlich zu überblicken ist. Hatte man es in der ersten Staffel "nur" mit dem grundlegenden Konflikt zwischen den Groundern und den Sky People zu tun, kam in der zweiten Staffel die dritte Gruppierung der Bewohner von Mount Weather hinzu. Nun in der dritten Staffel, nach der Zerschlagung von Mount Weather, wird ein differenzierterer Blick auf die Grounder, aber auch die Sky People geworfen. So einheitlich und eng verknüpft sind die übergeordneten Gruppen nicht, es tauchen immer mehr Spaltungen und darauf resultierende Intragruppenkonflikte auf, die zu den Intergruppenkonflikten dazu kommen.

So wird in dieser Folge mit der Ice Nation und der Ice Queen die große feindliche Bedrohung dieser Staffel weiter etabliert. Bei dieser handelt es sich um einen Clan der Grounder, eine scheinbar furchtlose und noch erbarmungsloser agierende Gruppierung brutaler Krieger, die sich von der eigenen übergeordneten Befehlsmacht losgelöst hat und im Begriff steht einen Krieg in Gang setzen. Weiterführende Details über die Ice Nation erfahren wir einerseits von der Gruppe um Montys Mutter, die erzählt, dass fast zwei Drittel ihrer Truppe im Gebiet der Ice Nation getötet wurden, darunter viele Kinder und auch Montys Vater, der versucht hat möglichst viele dieser Kinder zu retten. Die Narben der Vergangenheit wiegen daher noch schwer und lassen einen die grundlegende, aggressiv ablehnende Haltung gegenüber den Groundern als Kollektiv verstehen. Andererseits wird mit dem Entführer von Clarke eine neue und für den Fortlauf der Handlung sicherlich noch elementar wichtige Figur vorgestellt, dessen wahre Identität sich erst in den letzten Minuten der Folge offenbart.

Der Krieger, der Clarke am Ende der letzten Folge ein Messer an den Hals gehalten hat und sie in dieser Folge verschleppt, ist niemand geringeres als der Prinz der Ice Nation und Roan damit der verstoßene Sohn der Ice Queen. In Teilen mutiert "The 100" mit solchen Entwicklungen und der Etablierung von Königreichen mit Prinzen und Königinnen immer mehr zu einer Welt, die fast schon an "Game of Thrones" erinnert. Roan ist ein Ausgestoßener, der versucht durch das Abliefern von Clarke begnadigt zu werden und dazu ein erfahrener Kämpfer mit einer vergleichsweise humanen Philosophie. Er sieht den Akt des Mordens als letzten Ausweg, versucht zuerst in Verhandlungen zu treten und kann dadurch als Spiegelbild von Clarke begriffen werden, die sich in verschiedenen Situationen erneut als mutige, starke und immer unbarmherziger wirkende Kämpferin zeigt. Die Reise von Clarke und Roan endet schließlich vor dem Thron einer alten Bekannten.

Bei dieser Bekannten handelt es sich um niemand geringeren als Lexa, die Clarke unbedingt an ihrer Seite haben will, ihr Versprechen gegenüber Roan aber nicht hält und somit diesem nicht die Freiheit, sondern die Gefangenschaft schenkt. Warum Roan Clarke genau zu Lexa gebracht hat und was das Verhältnis zu seiner Mutter nachhaltig gestört hat, sind spannende Fragen für die Zukunft dieses schon jetzt faszinierenden Charakters. Die anschließende kurze Gegenüberstellung von Lexa und Clarke gehört zu dem intensivsten Moment dieser Folge. Der vergangene Verrat wirft große Schatten auf diese in Trümmern liegende Beziehung. Clarkes Enttäuschung, Wut und Ablehnung gegenüber Lexa könnten aber noch weitreichende Konsequenzen haben, denn zwangsläufig muss eine Koalition mit Lexa eingegangen werden, um gemeinsam gegen die Ice Nation bestehen zu können. Die anfangs angesprochene Zerrissenheit zwischen den einzelnen Figuren, aber auch den Gruppen, die sie repräsentieren, wird hier weiter vertieft.

Es stellt sich die Frage wer sich eigentlich noch wem zugehörig fühlt. Clarke hat sich von ihrer eigenen Gruppe losgelöst und versucht emotional abzukapseln, da sie den täglichen Anblick ihrer geliebten Freunde nach der unmenschlichen Entscheidung im Finale der zweiten Staffel nicht mehr ertragen konnte. Ein Leben als einzelnes Individuum außerhalb einer Sicherheit spendenden Gruppenstruktur scheint aber unmöglich, die Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln und plötzlich befindet sich Clarke wieder zwischen allen Stühlen. Bereits in der zweiten Folge offenbart die Serie wieder allerhand moralische Ambivalenzen und kaum zu lösende Konflikte. Die Sky People müssen mit den Groundern zusammenarbeiten, um zusammen den erhofften Frieden herbeizuführen. Dieser Zusammenarbeit wird die Gruppe um Montys Mutter aber schwerlich zustimmen, da für diese ein differenzierteres Denken zum jetzigen Zeitpunkt kaum möglich scheint. Darüber hinaus wird Clarke auf Lexa zugehen müssen, um einen kriegerischen Konflikt und eine hohe Gefahr für ihre eigenen Leute zu vermeiden, denen sie sich im Herzen immer noch zugehörig fühlt. Die Serie macht also da weiter, wo sie in der letzten Staffel aufgehört hat, verkompliziert die Konflikte aber durch eine Erweiterung der Welt und zeigt dadurch einen immer wieder aufs Neue in Gang gesetzten Krieg für den Frieden, bei denen es am Ende wohl wieder keine echten Gewinner geben wird.

Das übergreifende Thema dieser Serie ist also der Kampf um die Errichtung einer friedlichen Zivilisation, eines gesicherten Rückzugsraumes, eines fast utopisch anmutenden Ortes, an dem alles Leid und jedweder Schmerz überwunden werden kann, ein Ort also, der keine weiteren Opfer mehr fordert. Jaha meint diesen heilbringenden Ort in der Stadt des Lichts gefunden zu haben, einem transzendenten Ort, der in der reinen Imagination zum Leben erweckt wird. Oder ist es am Ende gar keine Imagination, sondern eine tatsächlich existierende Zwischenwelt, in der selbst der Tod aufgehoben ist? Auch Jasper sehnt sich nach so einem Ort, einer Zuflucht, in der ihm die große Liebe nicht entrissen wurde und er sich befreien kann von einem Schmerz, der ihn ganz zu verschlingen droht. Es ist erschreckend zu sehen wie stark sich Jasper im Verlauf der Serie verändert hat: Eingeführt wurde er als scheinbarer comic relief Charakter, der versuchte die drückende Stimmung der Serie durch einen lockeren Spruch aufzuhellen, doch davon ist nichts mehr geblieben. Der berührendste Moment, der mich persönlich ziemlich mitgenommen hat, ist Jaspers "I miss her.". Wie in diesem Kontext auch die Octavia und Jasper-Freundschaft wieder aufgelebt wurde, war ein ganz wunderbarer, weil eben stiller Moment freundschaftlichen Trosts.

Nebenher wird auch die Überlegung in den Raum gestellt, sich Mount Weather anzueignen und daraus eben jenen sicheren Zufluchtsort zu machen, nachdem sich alle Individuen dieser Serie sehnen. Murphy glaubt währenddessen nicht an Jahas Luftschloss und wählt erneut den Weg der Rebellion. Er sieht seinen Zufluchtsort in der bereits aus der letzten Staffel bekannten Technik-Diebin Emori, mit der er zusammen einen Mord begeht und sich nun auf der Flucht befindet. Wirklich irgendwo angekommen ist aber auch er noch lange nicht. Die Darstellung der Ereignisse um Jaha und die mysteriöse A.L.I.E. wirken weiterhin noch wie faszinierende Fremdkörper, welche noch schwer zu greifen und dadurch einzuordnen sind.

Fazit

Durch die Erweiterung und Öffnung des Serienuniversums und die neu eingeführten Charaktere wirkt "The 100" auf den ersten Blick wie eine neue Serie. Der Kern des Ganzen, die auftauchenden Konflikte und moralischen Ambivalenzen sind aber eine konsequente Fortführung der zwei vorherigen Staffeln. "The 100" entwickelt sich also weiter, ohne seine Wurzeln zu vergessen, was die Serie weiterhin zu einem ganz besonderen Seherlebnis macht.

Moritz Stock - myFanbase

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