Bewertung

Review: #1.09 Blindes Vertrauen

Nach der einwöchigen Pause setzt diese Folge genau an der Stelle an, wo die vorige Folge in einer fantastischen Szene gipfelte. Umso brutaler scheint es, den VM-Zuschauer durch die Übertragung des UEFA-Cup Finales der Frauen insgesamt 13 Tage auf diese Folge warten zu lassen. Auf der anderen Seite steigert es natürlich die Erwartungen an diese Folge; Erwartungen, die sie leider nicht erfüllen kann.

DNA

Wir steigen in diese Folge also mit einer verstörten Veronica ein, die der festen Überzeugung zu sein scheint, dass ein Insasse in einer Todeszelle mehr über ihre familiären Hintergründe weiß als sie. Und warum auch nicht? Es würde doch einige der scheinbar unerklärbaren Handlungen ihrer Mutter erklären und beinahe nebenbei Keiths Fixierung auf Jake als Mörder Lillys erklären. Aber wie Veronica nun einmal ist, auch in diesem Schockzustand (die Anfangsszene im Auto ist wirklich klasse!) glaubt sie nicht blind. Sie will sich vergewissern.

Und so spinnt sich im Hintergrund dieser Folge eine Frage, die Veronicas gesamtes Leben definieren könnte. Mit dem Beweis der Vaterschaft Jakes stünden ihr nicht nur finanzielle Mittel zur Verfügung, von denen sie bislang nicht einmal zu träumen wagte, sondern es würde auch bedeuten, dass ihr bisheriges Leben im Chaos untergehen würde. Duncan wäre ihr Bruder und das Verschwinden ihrer Mutter wäre geklärt. Und so, als der Umschlag mit dem Ergebnis des Vaterschaftstests eintrifft, steht Veronica vor der Entscheidung entweder die Wahrheit zu erfahren und ihren Vater (den Mann, der sie großgezogen hat und mit dem sie eine fast einmalige Beziehung teilt) zu verneinen oder auf ewig im Ungewissen zu leben. Dass sie sich für Zweiteres entscheidet, ist ein Tribut an das, was ihr ihr Vater bot. Neben der Liebe nämlich auch, dass er (unter Umständen) ein Kind eines Anderen auch dann noch als sein eigenes akzeptierte, nachdem die Mutter von der Bildfläche verschwand. Ein Liebesbeweis, wie es ihn eigentlich kein zweites Mal gibt. Beinahe Veronica untypisch, sich der (vermeintlichen) Lüge hinzugeben um so wahren Gefühlen den Vorrang zu geben.

Uneingeschränkte Emotion

Hauptsächlich kreide ich diese Entscheidung ihrem Aufenthalt in der "Moon Calf Collective" an. Hier wird ihr, wie in dieser Serie noch nie zuvor, vor Augen geführt, was wahre Emotionen, Freundschaft und Liebe in einem Menschen bewirken können. Sie, als jemand der sich in sich selbst verschanzt und versucht immer möglichst hart der Außenwelt gegenüberzutreten, wird hier mit einer emotionale Wärme konfrontiert, die sie nicht nur überlastet, sondern auch begeistert. Erstmals wird angedeutet, wie sehr Veronica unter ihrer eigenen Situation, der Isolation und der selbstgeschaffenen Mauer, leidet – wie sehr sie nach Freundschaft und Offenheit lechzt.

Inmitten dieser Gruppe, die ihr die Möglichkeit eröffnet auch als das wahre Sie Akzeptanz zu finden, trifft Veronica auf einen Menschen, der das intrigante Leben der 09er hinter sich ließ um genau dies zu finden. In Casey findet sich der Zwiespalt der Gesellschaft Neptunes: ein Junge, der in seinem egoistischen und arroganten Dasein nach Anerkennung und Wärme suchte, fand sie und wurde ein anderer (in vielen Augen besserer) Mensch. Dass er letztlich wieder zu seinen schlechteren Attributen zurückkehrt, ist das Eingeständnis, dass die Macht, welche das 09er typische Leben mit sich bringt, eben doch über wahre Emotionen siegen kann. Beinahe tragisch.

Schnipsel

- Veronica wurde von Clarence Wiedman, dem Chef der Sicherheit bei Kanesoftware, beschattet und ihre Mutter durch ihn erpresst und aus der Stadt getrieben. Beinahe beiläufig kommen diese Fakten daher und gehen im wöchentlichen Getümmel fast unter. Dabei lässt dies unendlichen Raum für Spekulation zu und stellt die Kanes in kein gutes Licht, auch im Mordfall Lilly Kane nicht.
- Keith ist ebenso wie Veronica im Verborgenen ein Moralist. Dass er Rains wirkliche Herkunft und die damit verbundenen Konsequenzen für die "Sekte" nicht an seine Klienten weitergibt, hebt ihn aus der Masse der Einwohner Neptunes heraus – denn er ist bereit Geld zu verschmähen um Rechtes zu tun. Kein Wunder, dass er unter den Reichen Neptunes nicht der Beliebteste ist.
- Die Eltern Caseys sind überzeichnete Bösewichte in dieser Folge. Man erwartet beinahe, dass sie schwarze Hüte und lange Mäntel tragen und stets boshaft lachen. Man kann sich beinahe bildlich vorstellen, wie sie zu Hause süße Häschen opfern um Satan zu huldigen. Wie auch der Gehirnwäscher entstammen diese Charaktere der untersten, klischeebelastetsten Schublade und lassen jeden Realismus vermissen. Ganz grober Schnitzer.

Fazit

Eine unterdurchschnittliche Folge, welche zwar Veronicas Seelenzustand gut ans Licht führt, sich aber durch eine übermäßig ausgedehnte CotW von den wichtigen Aspekten der Staffel abbringen lässt.

Ja, wie es im Fazit steht: Unterdurchschnittlich. Besonders die Eltern Caseys und der Gehirnwäscher hinterlassen einen fahlen Beigeschmack. Wenn auch vorerst davon ausgegangen wurde, dass die Sekte etwas Schlechtes sei, ist mir diese Folge zu Schwarz/Weiß – die glückliche, harmlose, mit Liebe zum Bersten gefüllte Sekte gegen kühle, berechnende und emotionslose 09er Eltern. Hallo ihr lieben Klischees, kommt und führt euren Tanz auf. Gar nicht gut. Nur für Veronicas wirklich gut dargestellten Seelenzustand und die Geschichte um die Vaterschaft gibt es noch 3 Punkte.

Martin Schultze - myFanbase

Diese Serie ansehen:


Vorherige ReviewÜbersichtNächste Review

Diskussion zu dieser Episode

Du kannst hier oder in unserem Forum mit anderen Fans von "Veronica Mars" über die Folge #1.09 Blindes Vertrauen diskutieren.