Bewertung: 5

Review: #3.04 Sonntagskind

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Mit #3.04 Vietnam wird uns eine Standalone-Episode mit einem Fokus auf Jack präsentiert, die damit natürlich ausschließlich in der Vergangenheit spielen kann und zugleich ausschließlich auf die Zeit konzentriert, bevor Jack Rebecca kennenlernte (ok, es gibt eine kleine Ausnahme, doch dazu später). Mir fällt es zugegebenermaßen oft schwer, solche Episoden zu bewerten. Bei myFanbase können maximal neun Punkte in einer Review vergeben werden. Ich versuche daher, mich in meiner Review auf für mich neun relevante Bereiche, unterteilt in drei Kategorien, zu konzentrieren, anhand derer sich meine vergebene Punktzahl hoffentlich gut nachvollziehen lässt. 

Die neun Bereiche können durchaus einen Bezug zueinander haben, aber dennoch in unterschiedlichen Kategorien auftauchen. Jeder Bereich bekommt dabei einen eigenen Absatz. Im Prinzip funktioniert das dann wie ein häufig eingesetztes erzählerisches Stilmittel von "This Is Us": am Ende ergibt sich ein großes Ganzes. 

Positiv

Was mir an "This Is Us" schon immer gut gefällt, ist die Art und Weise, wie einzelne Puzzleteile früherer Episoden wieder aufgegriffen und neu einsortiert werden. Das zeugt von großem erzählerischem Können bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung von serieller Kontinuität. Das kann eine logische Fortführung einer früheren Szene sein oder auch nur eine kleine Randnotiz, die immer mal wieder eine Rolle spielt. Diese Folge fügt gleich mehrere solcher Puzzleteile zusammen. Auf vier solcher Teile will ich dabei exemplarisch näher eingehen. 

  • In #3.03 Katie Girls haben wir Kevin beim Beginn der Aufarbeitung von Jacks Vergangenheit zu Zeiten des Vietnamkrieges erleben können. Dabei hielt er ein Foto in Händen, das Jack mit seinen damaligen Kameraden zeigte, die wir nun kennenlernten. Das trifft insbesondere auf Don Robinson zu, den wir ebenfalls in der letzten Folge als alten Mann im Rollstuhl sitzend und mit einer Fußprothese versehen, erstmals zu Gesicht bekommen haben. Wie er zu dieser Prothese kam, durften wir eindrucksvoll mit ansehen.
  • Erst vor kurzem haben wir eine Szene mit Jack und seinem Vater gesehen, in der er seinen Sohn spöttisch dafür lobte, wie toll sein Versuch gelungen sei, Nicky aus dem Krieg zurückzuholen. Nun erleben wir, wie es dazu kam.
  • Im Staffelauftakt log Jack gegenüber Rebecca beim ersten Kennenlernen und behauptete, er habe nur als Mechaniker im Vietnam-Krieg gedient. Das wurde hier nachhaltig widerlegt.
  • Jacks Herzprobleme kommen wieder zur Sprache, die schließlich auch in Zusammenhang mit seinem Tod standen. Diese wären möglicherweise sogar ein Grund gewesen, ihn vom Kriegsdienst freizustellen. Doch Jack wäre nicht Jack, wenn er sich zur Erfüllung seines Vorhabens nicht darüber hinwegsetzen würde.


Nach und nach offenbart sich eine Kernaussage der Episode. Es war Jacks Vater der ihm bei Nickys Geburt einst einbläute, er müsse auf seinen kleinen Bruder aufpassen. Dieser von Jack so verinnerlichte und bekannte Beschützer-Instinkt zog sich letztendlich nicht nur durch das gesamte gemeinsame Leben der Brüder (z.B. die Verteidigung gegen den Vater, Jack zieht freiwillig in den Krieg, um Nicky zurückzuholen), sondern auch durch das Leben mit seiner eigenen Familie.

Die Folge animierte mich dazu, mich doch mal etwas näher mit dem Vietnam-Krieg auseinanderzusetzen. Das ist ja ein Kapitel amerikanischer Geschichte, das in den USA tief verwurzelt ist, in unseren schulischen Geschichtsbüchern aber kaum eine bis gar keine Rolle spielt. Ausschlaggebend war für mich insbesondere die grotesk anmutende Lotterie der (Zwangs-)Rekrutierung. Das schien mir einfach so unwirklich und unglaublich. Davon hatte ich zuvor noch nie gehört. Und tatsächlich hat diese Lotterie auch genauso stattgefunden. Das dahinterliegende, ziemlich ausgeklügelte Konzept lässt sich online leicht nachrecherchieren. Dabei kann man einfach nur mit dem Kopf schütteln. Gleichzeitig wird auch innerhalb der Episode eine Verbindung zwischen der Lotterie und dem Geburtsdatum als Teil der Auslosung geschaffen. Den (männlichen) Säuglingen im Krankenhaus am Tag von Nickys Geburt wird einst das gleiche Schicksal zuteil und führt einem das perfide System der Lotterie noch einmal deutlich vor Augen. Zumindest in groben Zügen klar sind mir nach meiner Internet-Recherche außerdem die Hintergründe zur Entstehung des Vietnam-Krieges. Allein dafür war die Episode schon sehenswert. 

Neutral

Die Art und Weise, wie Jack in Vietnam stets fürsorglich und fair mit seinen Kameraden umgeht entspricht genau der Charakterzeichnung, die wir von ihm auch im Umgang mit seiner späteren Familie, aber auch im Verhalten gegenüber seinen Eltern bereits kennen. Darin liegt auch schon die eigentliche Krux, denn außer der Erkenntnis, dass er seine Kameraden wie seine Familie behandelt und sieht, hat dieser Einblick in die Vietnam-Zeit keinerlei neue Erkenntnisse gebracht. Daher hake ich das eher unter dem Aspekt "nice to have" ab. Im Grunde war das aber verzichtbar, weil der Fokus hier weiter auf Jack lag und uns dadurch die Personen um ihn herum auch nicht nähergebracht wurden.

Ich bin mir nicht ganz sicher, was uns der zukunftsgerichtete Blick auf die Szene von Jack und Randall, in der er das Gesicht seines Teenager-Sohnes mit beiden Händen hielt, an dieser Stelle eigentlich sagen sollte. Hatte er hier wirklich eine Zukunftsvision oder sollte das nur ein Sinnbild dafür sein, dass er Don wie seinen eigenen Sohn behandelt und liebt? Für mich war das unnötig und vielleicht etwas zu gewollt.

Wie schon in #3.03 Katie Girls ist der Folgentitel rückblickend eigentlich nicht ganz passend, da es eben zu großen Teilen gar nicht um die Zeit in Vietnam ging. Ähnlich unpassend wäre aber auch "Nicky“ gewesen, was mich gleich zum nächsten Punkt führt.

Negativ

Ich hatte mir nämlich deutlich mehr Hintergründe und Informationen über Nick erhofft. Denn wenn man ehrlich ist, haben wir genau genommen kaum etwas über ihn erfahren, weil wir fast ausschließlich Jacks ausgeprägten Beschützerinstinkt erleben und Nick sein zu schützendes Objekt bzw. Subjekt ist. Er hatte unter seinem Vater ebenso zu leiden und scheint am Vorbild seines großen Bruders zu scheitern. Wirklich in die Tiefe ging das jedoch nicht. Die Chance wurde in dieser Folge vertan, ihm im Rahmen des Aufeinandertreffens der Brüder in Vietnam mehr Charaktertiefe zu verleihen. Das hätte man gut bereits in dieser Folge abhandeln können, anstatt bekannte Eigenschaften Jacks noch einmal wiederholend zu betonen.

Und wo wir schon bei Wiederholungen sind: auch in den immer weiter zurückliegenden Flashbacks wird über weite Strecken stets das schon hinlänglich bekannte Bild von Jacks Vater gezeichnet. Natürlich ist es klar, dass er nicht schon immer Alkoholiker war. Irgendwann muss er nun einmal mit der Trinkerei angefangen haben, aber selbst diesen Auslöser enthält man uns einmal mehr vor und verschenkt weiteres Potential. Immerhin haben wir nun erleben können, dass es auch eine Zeit gab, in der er seinen Sohn Jack geliebt hat. Völlig klischeehaft finde ich jedoch, dass auch dessen Vater offenbar schon Alkoholiker war und noch mehr, dass Jack jetzt diese "Familientradition" so erfolgreich durchbrochen hat. Genauso wiederholend sind in diesem Zusammenhang die Rückblicke auf die Rolle der Mutter, die offenbar schon sehr lange unter ihrem alkoholkranken Mann leidet, ohne sich (wohl der damaligen Zeit geschuldet) dagegen zur Wehr zu setzen. Das wurde uns ja nun wirklich schon oft genug präsentiert.

Somit bleibt noch ein großer Kritikpunkt übrig, der sowohl den Aufbau als auch das Timing dieser Folge betrifft.

  • Die Erzählstruktur der Episode, ausgehend vom Aufeinandertreffen der Brüder in Vietnam, mit den immer weiter in die Vergangenheit führenden Flashbacks ist zwar grundsätzlich interessant, endet jedoch völlig unzufriedenstellend, wenn man das Gefühl hat, am Ende der Folge wieder am Anfang derselben zu stehen. Überspitzt gesagt, ist man als Zuschauer genauso schlau wie vorher und vertagt den zu Beginn gesetzten Spannungsbogen auf einen späteren Zeitpunkt. Ich hätte mir das alles lieber in Form von Rückblicken gewünscht, wenn Kevin in wahrscheinlich nicht allzu ferner Zukunft auf Don treffen und damit tiefer in Jacks Vergangenheit eintauchen wird. Dann hätte man sich ein paar Wiederholungen in Sachen Jack sparen und gleichzeitig tiefer in Kevins Gefühlswelt einsteigen können.
  • Nach der inhaltlich so vollgepackten Episode der letzten Woche, sind so viele Themen offengeblieben, dass es etwas enttäuschend ist, dass man handlungstechnisch nun wieder derart auf die Bremse tritt. Wenn dann inhaltlich in Summe auch nicht so viel Neues an Erkenntnissen geboten wird, offenbart sich, dass in dieser Standalone-Folge einiges an Potential liegen gelassen wurde.


Fazit

In Summe halten sich in dieser auf Jack fokussierten Episode die positiven und negativen Punkte die Waage. Zusammen mit den aus meiner Sicht neutralen Themen reicht das lediglich für eine durchschnittliche Bewertung. Halbe Punkte sieht unser Bewertungssystem jedoch nicht vor. Daher runde ich mathematisch auf und vergebe somit gut gemeinte fünf Punkte.

Jan H. – myFanbase

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