Bewertung: 7

Review: #5.22 In den Welten des Schicksals

Wer zu irgendeinem Zeitpunkt – und wenn auch nur für wenige Sekunden – befürchtet hat, dass es gar nicht mehr genug berühmte Märchen, Geschichten und Legenden gibt, die "Once Upon a Time" aufgreifen kann, der wird in dieser Episode eines Besseren belehrt. Es gibt noch locker genug für fünf weitere Staffeln. In einer New Yorker Bibliothek entdeckt Henry weitere Märchenbücher mit vielen berühmten Geschichten, die sich in irgendwelchen fernen Welten wirklich zugetragen haben. Wenn man genau hinsieht, kann man erkennen, dass Henry beim Durchblättern unter anderem auf die Geschichten von Gulliver ("Gullivers Reisen"), Captain Nemo ("2000 Meilen unter dem Meer"), Don Quixote und dem außerhalb der USA nicht so bekannten Holzfäller Paul Bunyan stößt. Eine andere Geschichte, die Henry überblättert, ohne zu ahnen, dass sie bereits Einzug in sein Leben gehalten hat, ist die von Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Der Raum der vergessenen Bücher

Henrys Erstaunen darüber, dass noch weitere Märchenbücher existieren, erstaunt wiederum mich. Schließlich wissen wir bereits, dass es vor Isaac viele andere Autoren gab, außerdem hat Henry selbst im Haus des Zauberers ein riesiges Regal voller leerer Märchenbücher entdeckt. Da liegt der Schluss nahe, dass es noch weitere fertiggestellte Ausgaben gibt. Dieser ganze "Lesesaal für seltene Exemplare" ist ein wenig skurril. Grundsätzlich mutet es befremdlich an, dass es in einer New Yorker Bibliothek einen riesigen Raum gibt, den seit Jahren niemand mehr betreten hat, offenbar inklusive der Putzkräfte. Gut, man kann darin auch einen kleinen kulturellen Seitenhieb erkennen, in Richtung des abnehmenden Interesses an echten Büchern auf echtem Papier mit echten Inhalten. Außerdem fühle ich mich glatt ein bisschen an "Buffy" erinnert, wo die Helden die Schulbibliothek auch immer für sich hatten, weil sich nur selten Schüler dorthin verirrt haben. Wie oft wäre die Welt wohl schon untergegangen, wenn der Durchschnitts-Teenager von heute öfter mal ein Buch lesen würde? Gar nicht auszudenken.

Sei's drum. Viel spannender ist eigentlich die Frage, wie die Märchenbücher und vor allem der zweite Heilige Gral in dem Lesesaal gelandet sind. Hat der Zauberlehrling sie dort versteckt? Er wäre mein erster Verdächtiger und genau genommen momentan auch mein einziger. Als Versteck ist so ein halb vergessener Lesesaal in einer amerikanischen Großstadt im Land ohne Magie ja auch nicht übel. Den Gral dürften Betrachter sowieso nur für eine leidlich geschmackvolle Deko gehalten haben. Neal eingeschlossen.

Der Heilige Gral 2.0 scheint in der Lage zu sein, die Magie zu vernichten, was genau Henrys Ziel ist. Nach einem weiteren tragischen Verlust (Robin Hood) und neuen Spannungen zwischen Emma und Regina sieht Henry die Magie als Wurzel allen Übels an und will sie für immer aus möglichst allen Welten schaffen. Nachvollziehbar ist dieser Denkansatz durchaus. Henry ist ein Junge, der in relativ kurzer Zeit seinen Vater und seinen Quasi-Stiefvater verloren hat, der immer wieder erleben muss, wie sein eigener Großvater Angst und Schrecken verbreitet und der so sehr möchte, dass seine beiden Mütter glücklich sind. Man kann ihm seine Gefühle nicht vorwerfen. Klug und ausgereift ist die Idee, einfach mal die Magie zu zerstören, dennoch nicht und das müsste auch Henry selbst bei genauerer Betrachtung erkennen. Es ist nicht absehbar, welche Folgen eine Vernichtung der Magie hat. Wenn Magie immer ihren Preis hat, welchen Preis hat dann wohl ihre Auslöschung? Funktioniert das mit dem geteilten Herzen seiner Großeltern noch, wenn es gar keine Magie mehr gibt? Das wurde hier noch nicht thematisiert, wäre aber eine Frage, die mich umtreiben würde. Bei all dem Einfluss, den Magie auf seine Familie hat, wenn auch oft im Schlechten, erscheint es mir außerordentlich riskant, sie mir nichts, dir nichts zu beseitigen.

Das Böse in dir

Zurück zu Dr. Jekyll und Mr. Hyde. In deren Welt landen Snow, David, Hook und Zelena unfreiwillig, nachdem sie die Besucher aus Camelot zurück in die Heimat geschickt haben. Die vier Reisenden wider Willen finden sich in einer Zelle in einer Art Anstalt wieder, als Gefangene von Mr. Hyde, dem bösen Ich des Arztes Dr. Jekyll. Im Kern kennt eigentlich jeder diese Geschichte, die von dem schottischen Autor Robert Louis Stevenson im Jahr 1886 unter dem Titel "Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde" (im Deutschen "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde") veröffentlicht wurde. Selbstverständlich nimmt sich "Once Upon a Time" bei der Umsetzung dieser berühmten Story eigene Freiheiten. In der Originalgeschichte ist Dr. Jekyll kein Gefangener von Mr. Hyde. Auch ist der Nebencharakter Poole in der Novelle dem Doktor treu ergeben und nicht der Erfüllungsgehilfe von Mr. Hyde. "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde" spielt zudem nicht in einer fremden Welt, sondern in London, doch interessanterweise wird der Trank, mit dem sich Dr. Jekyll zu Mr. Hyde transformiert, in der Novelle auf sehr geheimnisvolle Art geschildert und erinnert in der Tat eher an einen Zaubertrank als an eine wissenschaftliche Rezeptur. Ein Hauch von Magie liegt also auch über der Originalstory. So gesehen entfernt sich "Once Upon a Time" gar nicht so weit von der Vorlage.

Bei der Umsetzung dieses Stoffes ist natürlich immer die Darstellung der Figur Mr. Hyde interessant. In der Originalgeschichte wird er nicht sehr vorteilhaft als kleinwüchsig und einfach gekleidet beschrieben. In Verfilmungen erscheint er aber zumeist als groß, kräftig gebaut und elegant gekleidet. So auch hier, wenngleich seine rötlichen Augen und die Narbe in seinem Gesicht ihn sicher nicht ansprechend wirken lassen. Nach den ersten Eindrücken gefällt mir dieser Mr. Hyde ganz gut. Seine Stimme, Gestik und Mimik erwecken die richtigen Eindrücke, so dass ich sogar noch bevor es enthüllt wurde spekuliert habe, dass es sich um Mr. Hyde handeln könnte und wir in Stevensons Geschichte gelandet sind. Natürlich hat auch die Kulisse mit dazu beigetragen.

Mr. Hyde will das neueste Übel werden, das über Storybrooke kommt, und verschafft sich schon einmal ein gutes Druckmittel, indem er die Büchse der Pandora, in der Belle weiterhin friedlich und schwanger schlummert, boxnappt. Wie er allerdings wissen konnte, wohin er sein Portal öffnen muss, erschließt sich mir nicht. Auch dass es überhaupt etwas gibt, dass ihm mal eben in die Hände fallen kann, um Mr. Gold zu erpressen, dürfte Mr. Hyde eigentlich nicht gewusst haben. Er hatte von Snow nur die Information, dass Mr. Gold seine schwangere Frau retten will, mehr nicht. Immerhin wussten Snow und die anderen aus der Gruppe zu dem Zeitpunkt selbst nicht, dass Gold in New York ist und seine Belle-Box dabei hat. Ich schätze, hier dürfen wir uns wieder eine Erklärung ausdenken.

Zweifellos passt die Legende von Dr. Jekyll und Mr. Hyde richtig gut zu "Once Upon a Time", handelt die Serie doch schließlich auch von Menschen, die quasi zwei Personen in eins sind. Bei den meisten Charakteren, wie z.B. dem Ehepaar Charming, sind beide Identitäten inzwischen recht gut verschmolzen, bei Regina dagegen driften sie immer weiter auseinander. Ihr jetziges Ich ist keine bösartige, mordende, von Rache besessene Herrscherin mehr, doch diese Böse Königin steckt immer noch in ihr. Regina ist in gewisser Weise wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde, nur dass sie ihren Mr. Hyde aktuell in Schach halten kann. Die Szene, in der Regina Emma ihre Gefühle schildert und beschreibt, was es bedeutet, gut zu sein, aber immer noch dunkle Instinkte in sich zu spüren, ist für eine reine Gesprächssequenz ohne jede Unterbrechung oder Bewegung ungewöhnlich lang (zumindest für OUAT-Verhältnisse), aber das passt so. Es ist ein starker, eindringlicher Moment, der meiner Erwartung, dass Reginas Trauer überzeugend und passend zu ihrer bisherigen Entwicklung dargestellt wird, entspricht.

Back to Camelot

Die meisten der Gäste aus Camelot sind wieder in ihrer alten Heimat und werden uns wohl nie wieder über den Weg laufen, was kein allzu großer Verlust ist. Auch Robins Gefährten kehren, um ihren verlorenen Anführer trauend, in den Sherwood Forrest zurück. Damit entledigt man sich auf einen Schlag einiger Nebencharaktere. Wer weiß, vielleicht haben ja gleich noch ein paar mehr lange nicht gesehene Figuren Storybrooke auf diesem Wege verlassen. Will z.B. oder Tinker Bell. Kann sein, kann aber auch nicht sein.

Bemerkenswert an der mittelgroßen Abwanderung ist vor allem die Abschiedsszene zwischen Roland und Zelena. Zum ersten Mal sehen wir, dass Zelena gegenüber Roland, dessen Mutter sie ja eine Weile gespielt hat und welcher der große Bruder ihrer Tochter ist, durchaus warmherzige Gefühle empfindet. Schade, dass wir davon nicht mehr gesehen haben. Für mich stellt sich allerdings die Frage, wie Roland eigentlich Zelena sieht. Das unglückliche Kapitel mit seiner falschen Mama hat man ihn ja vergessen lassen. Versteht ein Junge in seinem Alter, dass sein Vater mit der einen Frau, Regina, zusammen war, aber ein Kind von ihrer Schwester hat? Roland geht hier mit Zelena ganz natürlich um, dabei müsste es kompliziert sein. Oder vielleicht ist es das gerade in dem Alter noch nicht.

Maret Hosemann - myFanbase

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