Bewertung: 4

Review: #4.10 Meines Bruders Hüter

Mittlerweile macht es fast mehr Spaß, schlechte "Heroes"-Folgen zu rezensieren als gute. Das liegt natürlich zum einen daran, dass erstere seit Beginn der dritten Staffel exponentiell zugenommen haben. Andererseits kann man Episoden wie #4.10 Meines Bruders Hüter eigentlich auch nur mit Humor sehen, denn ansonsten würden die Logikfehler, die lächerlichen Storytwists und die vielen Ungereimtheiten so eklatant, dass man eigentlich zum Telefon greifen und bei Tim Kring nachfragen müsste, ob er sich der rasanten Talfahrt seiner Serie eigentlich bewusst ist. Denn je weiter "Heroes" fortschreitet, desto mehr hat man als Zuschauer das Gefühl, dass die Autoren sich aus der einen Sackgasse retten und sich direkt ins nächste Problem reinmanövrieren, dieses wieder irgendwie zu umschiffen versuchen und ehe sie es sich versehen, mit vielen großen Fragezeichen vor einer riesigen Mauer stehen. Ja, und da stehen wir nun.

"It all makes sense, Pete... It all adds up. These new powers aren't mine... They're Sylar's. I don't exist."

Das Sylathan-Debakel, das im Season-3-Finale seinen tragischen Anfang nahm, zieht sich weiter in die Länge und kommt diesmal zu einem unspektakulären Höhepunkt. René schaut vorbei und gibt Peter mit ein paar kryptischen Worten den Schlüssel zu einem Lagerraum. Obwohl René ihm explizit sagt, dass er alleine gehen soll, nimmt Peter natürlich Sylathan mit und siehe da: Mama Petrelli hat Nathans Leiche in einem Store-It-Here in Arlington, Virginia, untergebracht. Na, wenn das mal nicht praktisch ist. Sylathan berührt die Leiche und sieht praktischerweise eine Erinnerung, in der ausgerechnet Matt Parkman vorkommt. Praktischerweise hat dieser erst kürzlich versucht, sich erschießen zu lassen, sodass es für die Petrellis kein Problem ist, ihn zu finden. Und praktischerweise hat Peter ja immernoch seine Heilungsfähigkeiten, sodass er Matt von seinen tödlichen Verletzungen heilen kann. Praktisch!

Von Matt erfahren die Petrelli-Brüder, dass Nathan in Wirklichkeit tot ist und Nathans Geist nicht in seinem eigenen, sondern in Sylars Körper steckt. Sylathan könnte aber nicht gleichgültiger reagieren und rührt kaum eine Miene – ähm, hallo? Totales Underacting seitens Adrian Pasdar oder eine vom Drehbuch vorgeschriebene Abgeklärtheit? Reagiert so jemand, der gerade erfahren hat, dass sein eigener Körper tot ist und er im Körper eines verhassten Serienkillers feststeckt?

Um dem ganzen noch eins draufzusetzen, tritt dann plötzlich ein Polizist ins Zimmer und stößt Sylathan, so dass dieser Matts Hand kurzzeitig berührt und Sylars Geist (in Form eines Lichtballs!!) in sich aufnimmt. Phantasieloser hätte es man wahrscheinlich nicht machen können. Jetzt hat Sylathan also dank einer Aneinanderkettung an äußerst praktischen Zufällen die Wahrheit erfahren und nebenbei auch noch Sylars Psyche dank eines unvorsichtigen Schubsers in seinem Kopf. Aus einer zentralen Wende, auf die man wochenlang hingearbeitet hatte, haben die Autoren erfolgreich eine totale Flopszene gemacht, die unsinniger nicht hätte sein können. Die Sylathan-Katastrophe nimmt damit ungehalten ihren Lauf und es ist klar, das man da nicht heil wieder rauskommen wird, ohne nicht endlich einen oder mehrere der betroffenen Protagonisten ins Jenseits zu schicken.

"Dr. Suresh here has a few questions for me. He's writing a book on the life of troubling carnies."

Doch Achtung, liebe Leser, es kommt noch besser. Mohinder ist zurück und mit ihm nicht nur die nächste nervtötende Freundin (Stichwort: Maya), sondern auch Momente voller Logiklöcher, bei denen man eigentlich nur laut auflachen kann. Wieso kriegt Mohinder eigentlich immer diese undankbaren Storylines? Armer Kerl.

Mohinder hat sich also innerhalb weniger Wochen (!) ein neues Leben mit Mira in Indien aufgebaut und arbeitet als Privatlehrer. Vergessen ist Spidey-Mohinder, denn die indische Idylle ist fast perfekt, wäre da nur nicht Chandra Sureshs Coyote-Sands-Material. Natürlich hört Mohinder nicht auf Mira und natürlich sieht er sich die Sachen seines Vaters an, was den Pseudokonflikt mit Mira einfach mal überflüssig macht, vor allem, weil uns Mira nicht interessiert. Viel interessanter ist da schon, was wir durch Chandras Video erfahren: Samuel wurde also in Coyote Sands geboren und hat Fähigkeiten mit weltzerstörerischem Potential. Und das Allerbeste: Dank des Videos baut Mohinder einfach mal aus ein paar Schrauben und einer Tesarolle einen von Samuels magischen Kompassen zusammen, der ihn über eine Distanz VON ÜBER 10000 KILOMETERN direkt in die Arme des Karnevals treibt! Leute, ist das euer Ernst??

Offensichtlich, denn Mohinder findet tatsächlich Joseph, phänomenal besetzt mit Andrew Connolly, der ihm Samuel vorstellt. Und wieder klappt einem die Kinnlade runter: DAS war also Samuel vor zwei Monaten? Ein betrunkener Nichtsnutz mit zu viel Kajal? Wir sollen also glauben, dass Samuel nach Josephs Tod innerhalb von acht Wochen zum verantwortungsvollen Carnie-Anführer geworden ist? "Heroes" kann von Glück reden, einen so talentieren Mimen wie Robert Knepper für diesen Part zu haben, sonst wäre das alles noch unglaubwürdiger, als es ohnehin schon ist.

Samuel hört das Gespräch zwischen Mohinder und Joseph natürlich mit, rennt wutentbrannt zu Mohinder und will wissen, was auf dem Film drauf ist. Als Mohinder es ihm nicht sagen will, tötet Samuel ihn, wie wir in #4.08 bereits gesehen hatten, was Hiro später jedoch zu verhindern weiß. Mohinder lebt also doch wieder – war ja klar. Da er und Hiro sich über die weitere Vorgehensweise aber nicht einigen können, landet Mohinder mit einer Zwangsjacke in einer Einzelzelle. Ach, Mohinder. Man kann nur wiederholen: Armer Kerl.

"I heal. It's, like, what I do."

Als ob die Episode nicht schon vollgestopft genug wäre, baut man dann noch eine Storyline rund um Tracy und Claire ein, die überflüssiger nicht hätte sein können. Tracys Identitätskrise geht weiter und endet schließlich schon wieder darin, dass sie ihre Kräfte nicht kontrollieren kann. Aber Moment mal... hatten wir das nicht alles schon? Das gesamte Szenario fühlt sich an wie ein wiedergekauter Kaugummi, schließlich hatten wir das Claire-hilft-einer-Blondine-Konzept schon einmal bei Elle. Mangelnder Einfallsreichtum? Scheint so, denn auch wenn es eine ganz nette Situationskomik bietet, als Tracy versehentlich Claires vereisten Fuß abbricht und ausflippt, so ist das alles einfach langweilig. All diese verbrauchte Zeit hätte man viel besser für die Storyline mit Sylathan hernehmen können, anstatt einen weiteren Pseudokonflikt zu kreieren.

Nach der äußerst gelungenen Petrelli-Schlussszene wird der Zuschauer schließlich mit einer insgesamt unterdurchschnittlichen Folge zurückgelassen und der Frage, wie lange man das Sylathan-Desaster noch laufen lassen will. Denn eines ist klar: Solange "Heroes" unter den fatalen Fehler aus #3.25 nicht endlich einen Schlussstrich zieht, kann diese Serie sich nicht vollends aufraffen. Schon gar nicht, wenn sie gleichzeitig eine so unausgegorene Episode wie diese liefert, die viel zu viel auf einmal will und letztlich nichts wirklich gut macht.

Maria Gruber - myFanbase

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