Bewertung: 7

Review: #17.07 Helplessly Hoping

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Trotz der Gefahr, dass ich von nun an nicht mehr als seriöser Review-Schreiber ernstgenommen werde, habe ich beschlossen, euch etwas anzuvertrauen: Ich lese Spoiler. Und das tue ich nicht selten, gerade, wenn ich befürchte, dass etwas Furchtbares, Dramatisches oder Herzzereißendes in einer Serie passiert. In Zeiten wie unseren, in denen sich die schlechten Nachrichten nur so häufen, fällt es oft schwer, sich abzulenken oder den Kopf frei zu bekommen und deshalb lese ich Spoiler, um mich gegen alles, was mich emotional überfördern könnte, zu wappnen. Und so klickte ich heute Morgen auf die News zu "Grey's Anatomy - Die jungen Ärzte", im festen Glauben daran, dass man nicht Giacomo Giannotti aus der Serie schreiben könnte, schließlich hat der Gute Regie für eine kommende Folge übernommen. Ich tippte auf Tom als potenzielles Opfer, ignorierte die Gerüchte, die letztes Jahr durch das Internet taumelten, die darauf deuteten, dass Giacomo Giannotti die Serie verlassen will oder die Tatsache, dass man bereits Ende der letzten Staffel eine Figur töten wollte, öffnete die News und war vor allem eines: Stinksauer.

Stinksauer, dass man Meredith erneut eine geliebte Person genommen hat, stinksauer, dass eine Figur wie Andrew, die voller Potenzial und voller Möglichkeiten steckt, aus der Serie schreibt, stinksauer, dass man erneut einen unlogischen Weg nutzt, um eine Figur tödlich zu verwunden (und ich bleibe bei dieser Meinung, Andrew hätte auf eine wesentlich weniger konstruierte Weise getötet werden können). Ich war wütend, so wütend, und hätte ich eine Review alleine auf Basis dieser oberflächlichen gespoilerten Eindrücke schreiben können, hätte ich ihr vermutlich eine Bewertung von 2/9 gegeben.

Und dann tat ich etwas, was ich zuvor noch nie getan habe und wogegen ich mich bis heute vehement gesträubt habe: Ich schaute eine Folge "Seattle Firefighters - Die jungen Helden", genauer gesagt den ersten Teil des Crossovers. Ich wollte die ganze Geschichte verstehen, nachvollziehen, warum und wie vor allem DeLuca sterben musste und das komplette letzte Kapitel seiner Geschichte mitverfolgen. Nicht nur, dass ich die Folge entgegen meiner Erwartungen echt gut fand, vor allem gefiel mir, wie sehr der Fokus auf Andrews und Carinas Beziehung gelegt wurde. Wir haben leider in der Mutterserie nie so ausführliche emotionale Szenen der beiden zu Gesicht bekommen, deswegen empfehle ich jeder*m, sich diese Szenen nochmal anzuschauen: sie zeigen, wie innig das Verhältnis dieser doch sehr unterschiedlichen Geschwister ist, wie geprägt sie von der Kindheit mit ihrem psychisch kranken Vater sind und wie sehr Carina versucht ihren impulsiven, sturen Bruder zu beschützen. Zusätzlich zu der Rollstuhl-Geschichte boten die Szenen der DeLuca-Geschwister den emotionalen Höhepunkt dieses Crossovers und haben mich tief bewegen können.

Ich werde Andrew wirklich vermissen. Von Anfang an mochte ich ihn sehr und war insbesondere begeistert von seiner Beziehung zu Maggie und kann es den Autor*innen daher immer noch nicht nachsehen, wie sang- und klanglos diese beendet wurde. Doch sei es falscher Stolz, sei es Unsicherheit: das Gefühl, sich beweisen zu wollen, gesehen werden zu wollen, für das, was er ist, begleitete Andrew auch durch seine späteren Beziehungen. Lange Zeit dümpelte er als Figur nur im Hintergrund, wurde von Alex verprügelt, verklagte ihn und ließ die Klage fallen, verliebte sich in Jo, was diese nicht erwiderte, begann eine Beziehung zu Sam, die aufgrund äußerer Umstände scheiterte. Erst in der Beziehung mit Meredith trat Andrew so richtig in den Mittelpunkt und konnte mich seitdem nur noch mehr begeistern. Im Gegensatz zu vielen Fans, die die Beziehung zu Meredith vor allem aufgrund des Altersunterschieds kritisch beäugten, konnte ich mich nie an den beiden sattsehen und bin der vollen Überzeugung, dass durch diese frischer Wind in die Serie gebracht und Meredith eine Beziehung verpasst wurde, die sie neu herausforderte, da sie erstmals den dominanteren Teil der Beziehung darstellte. Doch Andrews Unsicherheiten und Geltungsbedürfnisse blieben, führten erst dazu, dass er für Merediths in Gefängnis ging, schließlich zur Trennung. Mit Andrews biopolarer Störung, die behutsam eingeführt wurde, wurde Giacomo Giannotti eine schwierige Storyline anvertraut, in der er Folge zu Folge brillieren und bewegen wusste. Andrew wuchs mehr und mehr über sich hinaus und wurde zu einem mutigen, einsatzbereiten Arzt, der oft an seine eigenen Grenzen stieß, um für seine Patient*innen da zu sein. Zuletzt hegte ich die Hoffnung, dass es angesichts Andrews stabilisierten Gesundheitsstatus vielleicht wieder zur Wiedervereinigung von ihm und Meredith kommen würde, die ich nun leider buchstäblich begraben muss.

Die Strand-Szenen sind und bleiben das große Highlight dieser Staffel, eine der wenigen Lichtpunkte gegen die Grausamkeit der Pandemie, auch wenn ihnen dabei stets eine große Traurigkeit innewohnt. Es ist herzzerbrechend, Merediths und Andrews letzte gemeinsamen Szenen zu sehen, zu sehen, wie die beiden flirten, sich endlich aussprechen und Andrew Meredith seine Dankbarkeit ausdrücken kann: Durch sie ist er die Person geworden, die er immer werden wollte. Zwar hatte er noch Pläne, doch er beteuert, seine Heldentat nicht bereuen und kann schließlich im Tod seinen Frieden und zu sich selbst finden. Ich glaube, ich bin nicht der Einzige, der bei jeder einzelnen dieser Szenen Rotz und Wasser geheult hat und der sich wider besseres Wissen wünschte, dass Andrew doch noch überleben würde. Schlussendlich bleibt für mich die Frage, ob es wirklich nötig war, Giacomo Giannotti auf diesem Weg aus der Serie zu schreiben – klar, Andrew ist als Held gestorben, dennoch hätte ich es, gerade in Anbetracht der momentanen Lage, besser gefunden, hier auf einer hoffnungsvollen statt auf einer noch deprimierenderen Note als sonst schon zu enden. Ich bin mir sicher, dass ich den Autor*innen Andrews Tod lange Zeit nicht verzeihen werde, bin aber nicht länger wütend, sondern einfach nur traurig, wahnsinnig traurig.

Aufgrund des Fokus' auf Andrew vergisst man etwas, dass auch Merediths Leben in der Schwebe hängt, was durch die Szenen zwischen Maggie, Amelia und Zola uns wieder eindrücklich in Erinnerung gerufen wurde und mir erneut die Tränen in die Augen trieb. Amelia und Maggie müssen sich wohl oder übel damit auseinandersetzen, dass Meredith vielleicht nicht wieder aufwachen wird und sie somit auch ihre Kinder, in diesem Fall nur Zola, schonend darauf vorbereiten müssen. Für etwas Auflockerung dürfen die (Ex-)Männer der beiden Frauen sorgen: Während Link von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpert und nicht mehr weiß, wo ihm den Kopf steht und so Jackson und Winston Bier am Morgen anbietet, darf Winston Maggie auf mehr als eine Weise ablenken und macht auch sonst eine gute und entspannte Figur. Aber das ist auch das einzige bisschen, was die Folge uns an Auflockerung bietet. Neben einem ergriffenen Richard, dessen Sorge für Deluca und sein beherztes “Don’t take this boy“ mich berühren konnte, ist es auch der Patientenfall um Val, der trotz Jos und Cormacs beherzten Einsatzes leider auch tragisch endet und zur drückenden Stimmung der Folge beiträgt.

Für mich fasst die Szene zwischen Levi und Nico so ziemlich meine Gefühle zusammen: Levi, der Nico seine Desillusionierung offenbart und keinen Ausweg mehr aus Corona erkennen kann, glaubt, seine Zeit und sein Glück verschwendet zu haben. Zwar will die Serie in dem Moment Trost anbieten, doch führt sie damit eigentlich nur hervor, wie unfassbar die Corona-Pandemie auf die Psyche schlägt und wie rar wirkliches Glück zurzeit ist. Allerdings scheinen die Autor*innen um Krista Vernoff nicht daran interessiert zu sein, dieses Glück, ein bisschen Freude zu spenden: Mit Folgen wie dieser führen sie erneut die Grausamkeit der Pandemie vor, zeigen aber gleichzeitig auf, wie Katastrophen und Tragödien auch jenseits der Pandemie noch weiterhin zuschlagen können. Das ist grausamer Realismus und resultiert in einer der deprimierendsten Staffeln, die “Grey’s Anatomy“ je hervorgebracht hat. Und ich bin ehrlich: Das Zuschauen fällt immer schwerer, die Episoden belasten immer mehr. Ich würde mir daher wünschen, dass die Serie wie in der Vergangenheit wieder mehr Hoffnung spenden würde, statt sich weiterhin ausschließlich auf Unglück und Schmerz zu konzentrieren. Denn wenn es nicht mal Hoffnung in der fiktiven Welt von “Greys Anatomy“ gibt, was soll das für unsere reale Welt bedeuten? Nein, ähnlich wie Levi macht mich das alles nur noch desillusioniert und traurig.

Lux H. - myFanbase

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