Bewertung: 6

Review: #17.05 Fight the Power

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Bis jetzt war ich ja eigentlich echt begeistert von dieser Corona-Staffel, doch so langsam habe ich den Eindruck, dass sich kleine Schwächen in diese Staffel einschleichen. Bitte nicht falsch verstehen: Ich habe bei der Storyline um Bailey Rotz und Wasser geheult und musste mehrere Male die Folge unterbrechen, weil mich der Tod von Baileys Mutter Elena so bewegt hat. Es sind unglaublich schmerzhafte Momente, die von Chandra Wilson herausragend gespielt werden und die uns die Komplexität der Situation (Baileys Schuldgefühle, weil sie ihre Eltern nach Seattle gebracht hat; der Schmerz ihres Vaters, nicht ans Sterbebett seiner Frau zu kommen; Baileys generelle Erschöpfung von der Erkrankung ihrer Mutter) nahe bringen. Insbesondere die Szenen, in denen sie durch Singen versucht, ihre verwirrte und Demenz-geplagte Mutter zu beruhigen, haben mich zu Tränen gerührt und ich glaube, ich kann nie wieder "My Girl" hören, ohne daran erinnert zu werden.

Dazu kommt natürlich auch die Tatsache, dass Bailey nicht will, dass ihre Mutter nur eine weitere Person ist, die an Covid stirbt, dass ihr Tod nicht mehr als eine Statistik ist und so diesem seine emotionale Bedeutung für die trauernden Angehörigen nimmt. Wir befinden uns in Deutschland gerade in der schlimmsten Phase der Pandemie und tagtäglich sterben allein hier mehrere hunderte Menschen an dieser Krankheit, die allesamt dieses Schicksal von Elena teilen. So war Baileys Voice-Over sehr bedeutungsvoll, da sie diesen Toten eine Stimme verliehen hat. Dies wurde im Abspann durch eine nicht enden wollende Liste von realen Corona-Toten verstärkt. Für mich war dieser, nicht wirklich zur Episode gehörende Momente, tatsächlich einer der stärksten und wichtigsten dieser Staffel. Ich hoffe inständig, dass, wenn die Serie nach dem Winterfinale zurückkehrt, die Lage sich hierzulande, aber natürlich auch überall sonst in der Welt wieder deutlich verbessert hat.

Dennoch komme ich nicht umhin, den etwas holprigen dramatischen Aufbau dieser Storyline zu bemerken. Dass mit Baileys Mutter Elena nun die dritte Figur der Serie an Alzheimer erkrankt, finde ich dabei weniger schwierig als die Tatsache, dass uns dieser Fakt in dieser Folge plötzlich um die Ohren gehauen wird. Plötzlich wird uns enthüllt, dass Bailey sich nicht getraut hat, mit ihren Vertrauten Meredith oder Richard, die ja beide so ihre Erfahrungen mit der Krankheit haben, über das Thema zu reden und sich bereits länger mit dem langsamen Sterben ihrer Mutter auseinandersetzen muss. Irritierend war auch die Szene mit Meredith in deren Traumwelt – obwohl sie emotional eine der stärksten war, war für mich nicht nachvollziehbar, dass diese Folge eigentlich uns Baileys Perspektive nahebringen wollte und wir dann offenbar erneut die Welt wieder aus Merediths Augen gesehen haben. Des Weiteren ist es spannend zu bemerken, dass offenbar Meredith und Bailey nun einander zu ihren engsten Freund*innen zählen – etwas, was vor einer Staffel noch undenkbar gewesen wäre.

Irgendwie habe ich mich dabei an die Storyline um das Sterben von Maggies Mutter Diane erinnert gefühlt, deren Geschichte ähnlich merkwürdig aufgebaut wurde. Das wird darüber hinaus verstärkt, dass es auch Maggie ist, die Bailey in dieser schwierigen Lage beisteht und Bailey auch darin bestärkt, ihrer Mutter einen würdevollen Tod zu verschaffen – etwas, wozu sie in ihrer Sorge damals nicht fähig war. Die Szene der beiden Frauen lässt sich zu den Highlights dieser Folge zählen, da sie so einiges gemeinsam haben und so kommen die beiden auch auf den strukturellen Rassismus zu sprechen, unter welchem sie beide zu leiden haben und der ihnen und allen anderen schwarzen Menschen in sämtlichen Aspekten ihres Lebens begegnet. Auch Jackson und Richard kommen zum wiederholten Male darauf zu sprechen, dass die Pandemie insbesondere schwarze Menschen trifft, da diese sich durch rassistische Strukturen in schlechten Berufs- und Wohnsituationen befinden. Da sich die Serie zurzeit immer noch im April 2020 befinden muss, habe ich mich an dieser Stelle gefragt, wann und inwieweit auch die Demonstrationen von "Black Lives Matter" behandelt werden oder ob man sich weiterhin eher auf die medizinischen Aspekte des Rassismus gegenüber BPOC konzentrieren wird.

Des Weiteren bin ich immer wieder verwirrt von dem Umgang der Ärzt*innen mit Corona. Was sollte beispielsweise eigentlich diese kurze Nebengeschichte um Catherine (obwohl diese selbst gar nicht zu sehen war), die als Risikopatientin sich weigert, Masken im Alltag zu tragen? Den erzieherischen Ansatz hinter dieser Geschichte konnte ich nachvollziehen, aber wozu war sie gut? Sollte sie einfach die irrsinnigen Diskussionen aufgreifen, die wir im Alltag mit Maskengegner*innen haben? Oder sollen wir Catherine noch weniger mögen als ohnehin schon? Dazu bin ich erneut irritiert von der Art, wie Link und Amelia Lockdown-Maßnahmen umsetzen. Obwohl sie eigentlich mit der Betreuung ihrer und Merediths Kinder betreut sind, haben beide jeweils einen kurzen Abstecher ins Krankenhaus gemacht und dort einen Fall übernommen; in dieser Folge ist es Amelia, die sich um Tom kümmern will. Zwar ist ihr Wunsch zu helfen allerehrenwert, wirkt doch im Anbetracht der Situation einfach fahrlässig.

Ebenso irritiert bin ich von der Storyline um Jo, deren Timing nicht schlimmer kommen könnte. Dass die Pandemie den Ärzt*innen an ihre Grenzen bringt, haben wir schon öfters im Verlauf dieser Staffel gesehen. Dennoch scheint Jos Antriebslosigkeit nicht zu 100 Prozent Covid, sondern vielmehr einer generellen Frustration gegenüber ihrem Job zu entspringen, der ihr einfach keine Freude mehr macht: Die wenigen Operationen, die sie überhaupt noch machen darf, erfüllen sie nicht mehr, sie ist demotiviert und lässt ihre schlechte Laune vor allem an dem optimistischen Anfänger Reza Khan (zuckersüß!) aus. Das wirkt in Anbetracht der Situationen, in denen sich Meredith, Bailey und Tom befinden, unglaublich schwierig und lässt Jo unreif wirken. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass eine Pandemie existenzielle Fragen auslösen kann und vieles Bewährtes ins Wanken geraten lässt, aber kann überhaupt eine Ärztin zurzeit ihren Beruf mit sowas wie Freude ausüben? Zu jedem anderen Zeitpunkt innerhalb der Serie würde eine Storyline, in der Jo sich in der Gynäkologie ausprobiert, gut funktionieren, zum jetzigen wirkt sie jedoch nur merkwürdig und deplatziert.

Nach der ganzen komplizierten Vorgeschichte, die Teddy und Tom teilen, hätte ich gedacht, dass ihre Versöhnung ähnlich kompliziert sein würde, aber schlussendlich wurde das ganze relativ einfach gelöst. Es hat nur Toms Einweisung und eine Amelia benötigt, die Teddy als einzige, trotz ihrer eigenen Meinung zur Situation, nicht verurteilt und ihr gutzuredet. Teddy wirkte in der Szene mit Tom auch zum ersten Mal seit langem wieder richtig sympathisch, denn sie scheint ihr Selbstmitleid endlich aufgegeben zu haben: Sie entschuldigt sich aufrichtig sich für ihr Fehlverhalten und appelliert gleichzeitig an ihre und Toms Verbindung, da sie sich brauchen, um die Pandemie gemeinsam zu überstehen. Ich bin mir unsicher, in welche Richtung diese Entwicklung gehen wird – immerhin hat Teddy ein solches Verhalten bei Owen nicht hinbekommen und gleichzeitig steht da Toms Erkrankung im Raum, die er hoffentlich weiterhin so gut überstehen wird. Allerdings könnte ich mir auch gut vorstellen, dass mindestens eine weitere Figur an Covid sterben wird. Weil es Meredith nicht sein kann, befürchte ich, dass Tom zur Symbolfigur in der Coronastaffel gemacht werden könnte.

Ein wenig Frustration kommt sicherlich auch daher, dass ich das Gefühl habe, dass viele Figuren und Storylines gerade etwas zu kurz kommen. Mir fehlen beispielsweise Cormac und Andrew gerade sehr und ich fände es interessant, deren Gefühle bezüglich Merediths Erkrankung beobachten zu dürfen. Vieles wirkt auch etwas ziellos und Storylines, wie die um Jo heben diesen Umstand noch mehr hervor. Dazu bin ich immer wieder auch von dieser Folge überfordert gewesen, denn das Gesehene spiegelt allzu deutlich die tatsächliche Realität wider. Vielleicht ist es daher gut, dass diese Staffel persönliche Fortschritte für die Figuren kaum zulassen kann und stattdessen geballte Realitätsdramatik liefert. In diesem Sinne: Ich hoffe, ihr bleibt gesund und übersteht weiterhin gut die Pandemie.

Lux H. - myFanbase

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