Bewertung: 6
Rodrigo García

Albert Nobbs

"I think you are the strangest man I've ever met."

Foto: Copyright: Monopole Pathé Films AG
© Monopole Pathé Films AG

Inhalt

Irland im späten 19. Jahrhundert: Albert Nobbs (Glenn Close) ist seit nunmehr 30 Jahren Butler in einem Dubliner Nobelhotel. Er erledigt seine Aufgaben stets tadellos und spart nebenher eifrig für seinen großen Traum: einen eigenen Tabakladen, an dem auch Frauen an der Theke arbeiten können. Denn was niemand zu merken scheint, ist, dass Albert eigentlich eine Frau ist, die sich als Mann ausgibt, da Frauen zu dieser Zeit kaum unabhängig sein konnten. Durch die Ankunft des Malers Hubert Page (Janet McTeer) wird der bis dahin sehr zurückhaltende Albert ermutigt, offener mit seiner Umwelt umzugehen und die Lüge, die er jahrelang versuchte, aufrechtzuerhalten, hinter sich zu lassen, was er kurzerhand dazu nutzt, der jungen Helen (Mia Wasikowska) Avancen zu machen. Doch diese hat nur Augen für den neuen Mitarbeiter im Hotel, Joe Macken (Aaron Johnson).

Kritik

"Albert Nobbs" basiert auf einer Kurzgeschichte des irischen Romanciers George Moore, die später zu einem Theaterstück adaptiert wurde. Bereits 1982 hat Hauptdarstellerin Glenn Close, die auch Produzentin der Verfilmung ist und am Drehbuch beteiligt war, auf der Bühne die Rolle des Albert gespielt, und seitdem immer wieder den Wunsch gehegt, den Stoff auf die große Leinwand zu bringen. Vor einem knappen Jahrzehnt schien es bereits so, als könnte sich Closes Wunsch erfüllen, doch am Ende haperte es an der Finanzierung. Nach kleineren Schwierigkeiten, die unter anderem darin bestanden, dass die für den Film vorgesehenen Darsteller Orlando Bloom und Amanda Seyfried aus Zeitgründen abgesprungen sind und durch Mia Wasikowska und Aaron Johnson ersetzt wurden, konnte Ende 2010 dann schließlich die Produktion beginnen und Glenn Close ihren Traum verwirklichen.

Wenn man "Albert Nobbs" gesehen hat, weiß man dann auch, weswegen es Glenn Close so ein Anliegen war, dass der Film realisiert war. Denn durch die Hauptrolle in dem Drama, das im Irland des späten 19. Jahrhunderts spielt, kann sie sich mal so eben beste Chancen auf einen Oscar ausrechnen. Nicht nur, dass bekanntlich Schauspieler, die das andere Geschlecht spielen, durch die Academy auffällig oft gewürdigt werden (siehe Hilary Swank in "Boys Don't Cry", Dustin Hoffmann in "Tootsie", Jaye Davidson in "The Crying Game", Linda Hunt in "Ein Jahr in der Hölle" oder auch Cate Blanchett in "I'm Not There"), die Rolle des Albert selbst gibt auch unheimlich viel Oscar-fähiges Material her. Dabei fällt auf den ersten Blick natürlich insbesondere auf, wie sehr Glenn Close einem Mann ähnlich sehen kann, wenn sie nur entsprechend gekleidet ist und einen Kurzhaarschnitt trägt. Dadurch, dass ihr Gesicht ohnehin recht maskuline Züge aufweist, war es auch gar nicht nötig, sonderlich viel Make-up für die Transformation aufzutragen. Dass sie einen Mann spielt, ist vielleicht tatsächlich der Grund dafür, dass Filmawards auf sie aufmerksam wurden. Es ist aber die Art und Weise, wie sie den Charakter des Albert Nobbs spielt, die diese Wahl auch tatsächlich zu einer verdienten macht.

Albert Nobbs ist ein zurückhaltender und bescheidener Mann, der seinen Aufgaben mit höchster Sorgfalt nachgeht. Er lebt den Traum, in naher Zukunft aus dem selbstgeschaffenen Gefängnis auszubrechen und einen eigenen Laden zu besitzen. Vor allem aber strebt er danach, endlich mal er selbst sein zu können. Seit mittlerweile 30 Jahren hat er sich selbst verleugnet und ist zu jemandem geworden, der anderen jeden Wunsch von den Lippen ablesen kann, aber seine eigenen soweit es geht ignoriert. Man sieht Albert an, dass er im Grunde gar keine Person mit eigenem Willen mehr ist, sondern ein Abbild dessen, was andere von ihm erwarten. Das führt so weit, dass Albert auch seine Sexualität verleugnet und später geradezu zu einem asexuellen Wesen wird, unfähig zu echten Emotionen. Diese Charaktereigenschaften spielt Glenn Close schlicht hervorragend.

Dies allein wäre aber noch kein Grund, ihr Schauspiel in "Albert Nobbs" sonderlich herauszustellen. Denn erst durch ihre Wandlung über den Verlauf des Films und wie Albert langsam aber sicher beginnt, nach Jahrzehnten wieder seinen eigenen Emotionen zu folgen, und durch die neue Lebensfreude, entsteht die Mehrdimensionalität im Charakter, die man sehen möchte. Der Auslöser für diesen Wandel ist der Maler Hubert Page, dargestellt von Janet McTeer, der in Alberts Leben tritt und mehr mit ihm gemeinsam hat, als er anfangs denken mag. Auch Hubert ist eine Frau, die sich als Mann ausgibt. Er geht aber gänzlich anders mit der Situation um, denn er verleugnet sich nicht. Er hat eine hübsche Frau geheiratet und geht selbstbewusst mit sich und anderen um. Erst durch Hubert merkt Albert, was er bisher alles vermisst hat in seinem Leben und wird regelrecht neidisch. Auch er möchte eine Frau haben. Dass er sich dabei allen Ernstes fragt, ob er seiner künftigen Frau vor oder nach der Hochzeit erzählen soll, dass er gar kein Mann ist, sowie die ungestümen Avancen der jungen Helen gegenüber, die so dermaßen offensichtlich Augen für jemand anderen hat, führen zu einer Frage, die sich der Zuschauer stellt und die Helen in einer Szene formuliert: "Are you soft in the head?".

Alberts zumindest emotionale Intelligenz scheint mittlerweile völlig verkümmert zu sein. Auch, weil er sonst so manche seltsame Entscheidung trifft, funktioniert Albert als sympathische Identifikationsfigur nur bedingt. Da ist der draufgängerische Mr. Page, der sehr viel offener mit seiner Situation umgeht und dabei so herrlich überzeichnet männlich wirkt, viel eher wie jemand, mit dem man als Zuschauer etwas anfangen kann. Erleichternd kommt hinzu, dass Janet McTeer den Mr. Page auch noch überragend spielt. Man kann sich also ob der Wiedervereinigung, die Close und McTeer für die fünfte Staffel des US-Anwaltsdramas "Damages" haben werden, nur freuen.

Mia Wasikowska als Helen beweist einmal wieder, weswegen sie einer der momentan gefragtesten Jungschauspielerinnen ist. Obwohl der Nebenplot, der sie dem Publikum zuerst bekannt macht, so dermaßen altbacken und vorhersehbar ist, gelingt es ihr, in den Möglichkeiten, die ihr das Drehbuch gibt, zu glänzen. Die Handlung rund um ihre Liebe zum neuen Arbeitskollegen Joe Macken könnte aus einem Nicholas-Sparks-Roman entstammen, so schlecht geschrieben ist sie. Dazu kommt, dass Joe, dargestellt von Aaron Johnson, der insbesondere durch seine Hauptrolle in "Kick-Ass" bekannt wurde, schlichtweg schlecht gezeichnet ist und man zu keinem Augenblick verstehen kann, was jemand abseits seines Körperbaus an ihm finden könnte. Ohnehin sind neben Albert, Hubert und mit Abstrichen Helen keine wirklich interessanten Charaktere vorhanden. Maria Doyle Kennedy als Mary und Brenda Fricker als Polly (letztere ist immerhin Oscargewinnerin) gehen komplett unter, während Brendan Gleeson als kauziger und nicht immer ganz nüchterner Dr. Holloran ein paar gute Szenen hat, aber zu wenig zu sehen ist, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Inwieweit es überhaupt nötig und zielführend war, eine Rolle wie die des Viscount Yarrell zu schaffen, da dieser gerade einmal für zwei kurze Momente zu sehen ist und dem Film rein gar keinen Mehrwert bringt außer die Erkenntnis, dass auch Adelsgeschlechter so einiges an Bettgeschichten zu bieten haben, kann in Frage gestellt werden. Aber so hat man einen Jonathan Rhys Meyers dann eben auch noch in den Film gequetscht. Vielleicht hilft es ja, um ein größeres weibliches Publikum zu erreichen.

Fazit

"Albert Nobbs" konzentriert sich zu sehr auf seinen Hauptcharakter und schafft es nur höchst selten, Nebenplots und -charaktere interessant auszustaffieren. Da diese keinen allzu großen Platz einnehmen, ist dieser Umstand aber zu verschmerzen. Insbesondere die zwei Damen Glenn Close und Janet McTeer sorgen mit ihrem tollen Schauspiel dafür, dass das Drama rund um Freiheit und sexuelle Selbstbestimmung sehenswert ist.

Andreas K. - myFanbase
30.12.2011

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