Bewertung

Review: #1.11 Das Schweigen des Sheriff Lamb

Foto: Kristen Bell, Veronica Mars - Copyright: Warner Bros. Entertainment Inc.
Kristen Bell, Veronica Mars
© Warner Bros. Entertainment Inc.

Zu einer Folge, die im US-Fernsehen an einer anderen Stelle wiederzufinden war. Als ich sie erstmals sah, war sie (logischerweise) an der Stelle, an die sie das amerikanische Fernsehen stellte und in vielerlei Hinsicht losgelöst von ihrer "natürlichen Umgebung". Bei aller Liebe zu zeitnahem Ausstrahlen von Weihnachtsfolgen muss ich doch sagen, dass diese Folge ihrer Zeit an Wirkung verlor, weil die engen Verknüpfungen zur Vorgängerfolge (in dieser noch spürbarer als in den meisten anderen) gekappt wurden und so der Erzählerfluss gebrochen wurde. In der richtigen Reihenfolge (so wie es die Schreiberlinge vorsahen und so wie wir es hier in Deutschland zu sehen bekommen) macht sie mehr Sinn und hat wesentlich mehr Effekt.

Respekt

Erstmals wird in dieser Folge Keith von der "Allgemeinheit" (also dem Bürgermeister) bezüglich eines Falls um Hilfe gebeten. Neben einigen sehr amüsanten Begegnungen mit dem Hardcore-Ignoranten Sheriff Lamb kommen hierbei aber auch einige Dinge über die Stellung Keiths in Neptune ans Licht. So wird in der Szene zwischen ihm und dem Bürgermeister mehr als deutlich, dass dieser nicht sonderlich glücklich damit ist, ihn zu beschäftigen. So wird uns gezeigt, dass er den Respekt, die menschliche Achtung der Allgemeinheit verloren hat (das wussten wir schon), aber dass er nichtsdestotrotz für seine Expertise immer noch sehr geschätzt wird (das ist neu).

Dass ausgerechnet er hinzugezogen wird, um diese Ermittlungen zu leiten (oder mindestens mitzubestimmen), zeigt neben dem Respekt, der seiner Arbeit gezollt wird, auch, dass sogar der Bürgermeister denkt, dass er ein besserer Polizist ist als Sheriff Lamb – der sich in einigen Situationen mehr als inkompetent darstellte. Ohne Keith wäre auch das vierte Opfer dem psychopathischen Gitarristen zum Opfer gefallen und es wäre der ignoranten (bei ihm kann man dieses Wort gar nicht häufig genug unterstreichen!) und einfältigen Arbeitsweise Lambs zu verdanken gewesen. Auch wenn ihm durch Lamb kein Respekt entgegengebracht wird, so sieht man doch, dass auch das restliche Sheriffs Department große Stücke auf seine Arbeit hält. Dies lässt für uns die Schlussfolgerung zu, dass bei einer gesellschaftlichen Rehabilitation im Fall um Lilly Kane seiner Wiedereinsetzung als Sheriff nichts im Wege stünde – dass ihr sogar jetzt nichts im Wege steht als die Verachtung und Missgunst, die Jake Kane über ihn schüttete. Außerdem zeigt des doch offensichtlich, dass es weit wahrscheinlicher ist, dass Keith mit seiner Vermutung bezüglich des Mörders von Lilly näher an der Realität ist als Lamb, der sich gern dem einfachen (oft zu einfachen) Weg hingibt.

Ein Schritt nach dem Anderen

Auch im Fall um Lilly selbst kommen wir in dieser Folge einige Schritte voran. Veronica nutzt den sympathischen Leo aus, um sich die Aufnahmen des anonymen Anrufers zu beschaffen (dass sie ihm verfällt, konnte sie ja diesem Zeitpunkt ebenso wenig wissen, wie dass er später ihrem Vater das Leben retten würde) und schafft es beinahe im Spaziergang ihn als den Mann zu identifizieren, der ihre Mutter mit eindeutigen Fotos von der Bildfläche vertrieb. Der Krieg zwischen Veronica und Lawrence Wiedman beginnt. Zudem rückt dies zwei Dinge in ein düsteres Licht: Zum Einen verdichten sich die Hinweise darauf, dass der Täter innerhalb der Kane-Familie (oder zumindest in deren direktem Umfeld) zu suchen ist, zum Anderen lässt es erhebliche Zweifel an der Qualität der Polizeiarbeit in Neptune aufkommen.

Was ich hierbei noch interessant finde ist, dass Keith nicht bereit war sich Zugang zu diesen Bändern zu verschaffen – Einerseits fehlt ihm das kriminelle Element, dass in seiner Tochter beinahe beängstigend ausgeprägt ist, andererseits scheint er, der hier den ersten Schritt der beruflichen Rehabilitation geht, weniger von diesem Fall besessen zu sein. Verständlich, denn in dieser Situation hat er wesentlich mehr zu verlieren als Veronica. Die Möglichkeiten, welche diese Informationen mit sich bringen könnte, sind in seinen Augen begrenzt: er könnte den richtigen Mörder schnappen und (vorausgesetzt es ist Jake Kane) der Welt zeigen, dass er immer Recht hatte, müsste dann allerdings zugeben in die Aservatenkammer eingebrochen zu sein. Andererseits könnte er Jakes Schuld widerlegen und so nun wirklich nichts besser machen. Aus seiner Sicht verständlich, dass er nicht sonderlich erpicht darauf ist, sich Informationen auf diesem Weg zu erschleichen.

Die Wahrheit schmerzt

Wirklich gut gelungen ist es in dieser Folge, dass die Zweifel, die Veronica bezüglich ihrer Familie hat, einhergehen mit dem Aufwühlen einer solch komplexen und tragischen Familiensituation wie der von Mac. In gewisser Weise wird Veronicas innerliches Problem nach außen projiziert und unter anderen Voraussetzungen betrachtet, welche es ihr erneut vor Augen führen. Während Veronica in der letzten Woche den "bequemen" Weg des Unwissens wählte (ganz entgegen ihres eigentlich Naturells) wählt Mac hier die schwere Variante. Natürlich ist es für Mac einfacher, da sie mit ihrer jetzigen Familie weit weniger zufrieden ist als Veronica mit ihrer – es ist einfacher das Bild einer unglücklichen familiären Situation zu zerstören, als die Person zu "hintergehen" (denn so fühlt es sich für Veronica an), mit der man schwerste Zeiten überstanden hat und die einem alles bedeutet.

Dennoch ist Macs Entscheidung eine sehr mutige, die vielleicht auch dadurch begünstigt ist, dass sie sich weniger als Veronica darüber im Klaren ist, welche immensen Veränderungen sie mit sich bringen könnte. Letztlich aber tut Mac das einzig Richtige: sie erfährt die Wahrheit und gibt sich mit dem Wissen zufrieden, denn sie (trotz aller vorherigen Aussagen) liebt ihre Familie eben doch und kann so mit dem Wissen dennoch ein normales Leben in ihrer Familie weiterführen.

Einige Probleme hat diese CotW allerdings. Sie wirkt (bei aller Schönheit einiger Szenen) erneut ein wenig überzeichnet: die Familie, welche ihr entrissen wurde, scheint ein wenig zu perfekt. Für mich aber nicht zwingend etwas Negatives, denn es ist letztlich Macs Betrachtungsweise, aus der wir dieses erfahren. Sie erfährt, dass ihr das perfekte Leben vorenthalten wird und kann sich dennoch damit zufrieden geben, ihr Leben, dass keinesfalls nur aus Horror besteht, weiter zu leben und ihre Familie, die Menschen, die sie großgezogen haben, weiter zu lieben. Einige sehr positive Charakterzüge werden hier an Mac verdeutlicht, die sie (nun tatsächlich als "wiederkehrenden" Chara) mit einiger Tiefe auszeichnet und sie zu einer sympathischen Person macht. Man erhält Infos, welch notwendig sind um jemanden als Charakter, mit dem man des Öfteren konfrontiert wird, zu akzeptieren und zu verstehen. Schön gemacht an dieser Stelle.

Fazit

Eine gute Folge, welche vielerlei Handlungsstränge der vorherigen Folge aufgreift und in besserer Verarbeitung weiterführt und zuspitzt und mit zwei guten CotW-Stories aufwartet.

Insgesamt ist eigentlich nicht mehr viel zu sagen: Veronicas Zweifel an der Vaterschaft Keiths werden nach außen projiziert, Mac wird als sehr sympathischer Charakter nun auch ein Hintergrund zugestanden und Keith erarbeitet sich langsam wieder das Ansehen der Stadt. Mit zwei CotW birgt diese Folge viel Potential in positiver wie auch in negativer Hinsicht, denn es besteht sowohl die Möglichkeit einer fantastischen Folge, rasant und interessant, sowie die des kompletten Versagens durch Überfüllung und dadurch bedingte Oberflächlichkeit der einzelnen Geschichten. Meiner Ansicht nach schlägt sich die Folge ganz gut mit diesem Konzept der Mehrgleisigkeit und kommt so auf respektable 7 Punkte.

Martin Schultze - myFanbase

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