Bewertung: 4

Review: #6.16 Der letzte Tag auf Erden

Foto: Jeffrey Dean Morgan, The Walking Dead - Copyright: Gene Page/AMC
Jeffrey Dean Morgan, The Walking Dead
© Gene Page/AMC

Es war eines der meistgehypten Serienevents des letzten Jahres. Es sollte ein großes Spektakel werden, ein Ereignis, das die Zuschauer an ihre Stühle fesseln und in ihren Grundfesten erschüttern sollte. Geworden davon ist es letztendlich nichts. #6.16 ist nicht das erwartete große Kino geworden, das uns im Vorfeld versprochen wurde. Doch woran scheiterte es am Ende?

"Hi. I'm Negan."

Die Einführung des großen Antagonisten Negan ist eigentlich mehr als gelungen. Jeffrey Dean Morgan verkörpert den gnadenlosen Anführer der Saviors mit der richtigen Portion Überheblichkeit, Stärke und Ruhe, um beim Zuschauer einen Gänsehautmoment auszulösen, als er nach so vielen Erwähnungen endlich in Person die Szenerie betritt.

Sein mehrere Minuten langer Dialog lässt erahnen, welch überlegt agierender Charakter dieser Negan doch ist. Die Argumente, die er anführt, warum er das alles auf sich genommen hat, was er tat, um die Gruppe am Ende vor ihm niederknien zu sehen, sind auch schlüssig und vor allem nicht so falsch… tatsächlich haben Ricks Leute den Krieg mit den Saviors angefangen und wesentlich mehr seiner Leute auf dem Gewissen, als umgekehrt. Das kann er nicht auf sich beruhen lassen und da wir nicht mehr in einer Welt leben, in der diplomatische Verhandlungen irgendjemandem einen Mehrwert bringen, muss mit Drohungen und Gewalt das Revier einer jeden Gruppe abgesteckt werden. Und so macht Negan Rick und seinen Leuten klar, dass sie von nun an für ihn arbeiten werden, wie die Hilltop Kolonie zuvor auch. Egal was sie erwirtschaften, die Hälfte davon geht an die Saviors.

Der Deal klingt aus der Sicht von Rick erst einmal nicht schlecht, wenn man bedenkt in welch aussichtsloser Situation sie sich befinden. Negan hat im Moment die Überhand und von der Überheblichkeit, mit der Rick einst propagierte, wie schnell sie die Saviors ausschalten würden, ist am Ende der Episode nicht mehr viel übrig. Er kniet, wie die anderen auch, vollkommen überfordert und beinahe schon ehrfürchtig vor einem Mann, den sie böse unterschätzt haben und der sie nun bezahlen lassen wird für alles, was sie getan haben.

Wer die Comics kennt, weiß worauf Negans Monolog hinauslaufen wird. Kurz vor Schluss präsentiert er unserer Gruppe Lucille, einen mit Stacheldraht umwickelten Baseballschläger, der ein Exempel an einem der Gruppe statuieren soll. Es ist eine quälend lange Zeit, die Negan benötigt, um sich für ein Opfer zu entscheiden und nach einer Runde ene-mene-miste hebt er Lucille und prügelt brutal auf dieses Opfer ein. Und hier liegt der größte Schwachpunkt der Episode – die ganze Sache wird aus Sicht des Opfer gezeigt und der Zuschauer erfährt nicht, wer es ist. Die Autoren verpassen es hier, eine Szene zu generieren, die den Zuschauer wie ein Schlag in die Magengrube erwischt und ernsthaft erschüttert. Man wählt den altbekannten, den langweiligen, den sicheren Weg und hält die Zuschauer mit einem klassischen Cliffhanger an der langen Leine.

Anders als viele anderen in den Social Medias, die sich wütend und erbost darüber auslassen, dass sie sich veräppelt fühlen, ärgert mich vielmehr die Sache, dass man bei "The Walking Dead" schon wieder diesen Weg wählt. Hat das ganze Glenn-Debakel in der Mitte der Staffel denn keine Wirkung hinterlassen. Auf dem Papier mag es vielleicht spannend sein, nicht zu erfahren, wer schlussendlich Negans Opfer ist, doch in der Realität schaltet man genervt den Fernseher ab, da man weiß, dass es absolut nichts bringen wird, darüber weiter nachzudenken. In einem halben Jahr, wenn die Emotionen längst abgekühlt sind, dann erfahren wir, welchen Charakter es erwischt hat. Wäre es nicht klüger, interessanter, spannender und ja sogar emotionaler gewesen, man hätte gezeigt, gegen wen Negan Lucille erhoben hat? Wenn man sich bis Oktober fragen würde, wie die Charaktere mit dem Tod des "Erwählten" umgehen und wie es von diesem Punkt aus jemals weitergehen kann? Nein, der gewählte Weg von Scott Gimple und Co ist ein feiger Ausweg.

Es fällt sehr schwer, die Episode im Abschluss zu bewerten, denn das Ende – die letzte Minute quasi, lässt die angestaute Spannung im Nichts verpuffen. Dabei fing die Episode durchaus verheißungsvoll an und auch wenn eigentlich in den 60 Minuten Laufzeit nicht viel passiert, so ist das, was passiert doch eindrucksvoll in Szene gesetzt. Die ständige Auftritte von den Saviors, angefangen von einer kleinen Gruppe bis hin zu einem wahnsinnigen Aufbau einer Straßenblockade, das unheimliche Flüstern und Pfeifen, die Dunkelheit und die langsam aufkeimende Verzweiflung, als man beschließt, zu Fuß weiter zu gehen nur um dann direkt in die Arme der Feinde zu laufen, verfehlt nicht seine Wirkung und ist durchaus gelungen. Die tolle Einführung von Negan ebenso, doch das Ende macht diese durchaus sehenswerte Episode am Ende zu einer belanglosen Farce.

Randnotizen

  • Carols und Morgans Geschichte wirkt in der Episode wie ein Fremdkörper. Natürlich ist es interessant zu sehen, wie die beiden interagieren, doch man hätte besser daran getan, die ganze Sache eventuell in die 7. Staffel zu ziehen und sich auf den Kampf Rick vs. Negan konzentriert. Das einzige, was ich mitnehme aus der ganze Sache ist, dass es mich immer noch stört, dass Carol unbedingt alleine sein will, da sie es satt hat, zu töten und dass Morgan am Ende über seine eigene Einstellung hinwegsehen muss, als es darum geht, Carol vor dem sicheren Tod zu bewahren. Er zeigt ihr ja quasi damit, dass es manchmal eben doch nötig ist zu töten, wenn es darum geht, lieb gewonnene Menschen zu beschützen. Das dürfte Carol jedoch vorerst nur darin bestärken, dass es besser ist, wenn sie sich von jedem fern hält, also dreht man sich wieder im Kreis und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wo das enden soll. Die auftauchende neue Gruppe um die berittenen Kämpfer, die sich zunächst mal als Helfer in der Not erweisen, dürfte vielleicht das interessanteste an der ganzen Geschichte gewesen sein.

  • Eine sehr schöne Szene – Eugene will sich für die Gruppe opfern, als diese beschließen, den RV zurück zu lassen, um Maggie zu Fuß nach Hilltop zu bringen. Abraham zollt ihm Respekt für seine mutige Entscheidung und erkennt endlich an, dass Eugene sich langsam vom Hasenfuß zu einem Mann mit Rückgrat entwickelt. Die Umarmung der beiden Männer ist eine der schönsten Szenen der Episode.

  • For the record – Daryl geht’s einigermaßen gut. Er hat den Schuss von Dwigth überlebt und kauert wie ein Häufchen Elend vor Negan. War aber zu erwarten.

  • Wer am Ende das Opfer von Negan sein wird? Ganz ehrlich, nach dieser Episode, nach diesem Ende, es ist mir momentan wirklich egal.



Fazit

Die durchaus verheißungsvolle Episode wird durch den Cliffhanger am Ende derartig entwertet, dass es schwer fällt, ein abschließendes Fazit zu sehen. 60 Minuten wurde man recht gut unterhalten, das Ende jedoch enttäuscht und egal was mit #7.01 passieren wird, man kann diesen kreativen Griff ins Klo leider nicht mehr ungeschehen machen.

Melanie Wolff - myFanbase

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