Bewertung: 8

Review: #4.22 Das böse Gute (2)

Foto: Robert Carlyle, Once Upon a Time - Copyright: 2017 ABC Studios; ABC/Jack Rowand
Robert Carlyle, Once Upon a Time
© 2017 ABC Studios; ABC/Jack Rowand

Es ist eine natürliche Reaktion, nach einer überstandenen Krise zu feiern und sich des Überlebens zu freuen, aber vielleicht sollten sich die Bewohner Storybrookes angewöhnen, zunächst einige Stunden zu warten, bevor sie die Korken knallen lassen, oder zumindest mal an einem anderen Ort als Granny's Diner zu feiern, denn die dortigen After-Crisis-Partys bilden wirklich regelmäßig den Auftakt zur nächsten, meist noch größeren Katastrophe - selbstverständlich auch diesmal wieder.

Bevor wir uns aber dem gemeinen Cliffhanger widmen, der eine ganz neue Ausgangslage für die 5. Staffel schafft, werfen wir noch einmal einen Blick in den Roman "Helden & Schurken". Wir lernen noch weitere verdrehte Versionen der uns bekannten Haupt- und Nebencharaktere kennen und erleben mit, wie Isaacs Geschichte langsam von innen heraus zerstört wird, wie sich das wahre Ich vieler der Protagonisten durchsetzt und sich die Helden doch wieder über die Schurken erheben, vor allem jene Helden, die in der Realität einmal Schurken waren und es wirklich, nicht nur in der Fantasiewelt eines abtrünnigen Autors, geschafft haben, auf den richtigen Pfad zu gelangen.

Hook, der feige "Pirat" mit Rum-Allergie

Der falsche Hook ist durchaus ein Highlight dieser Folge. Er sorgt sowohl für amüsante als auch für berührende Momente und sagt so einiges über den echten Hook aus. Zunächst erinnert uns dieser falsche Hook mit seiner Feigheit und seiner Unfähigkeit, gegen Black Beard aufzubegehren, an den frühen Rumpelstilzchen, der damals zu ängstlich war, um gegen Hook um Milah zu kämpfen. Ein zynischer Rollentausch. Als Sahnehäubchen obendrauf ist dieser Hook auch noch allergisch gegen Rum und trinkt stattdessen Ziegenmilch. Die Begegnung mit Henry und vor allem mit Emma bewirkt jedoch eine Veränderung beim falschen Hook. Er entwickelt Mut, Beschützerinstinkt und (vielleicht ein bisschen zu viel) Selbstvertrauen, was schließlich dazu führt, dass er sich den gefährlichsten Schurken dieser anderen Märchenwelt - Snow White und Charming - entgegenstellt und sein Leben opfert. Rumpelstilzchen benötigte bekanntlich dunkle Magie, um vom Feigling zum Kämpfer zu werden und hat selbst danach noch oft feige gehandelt. Die ängstliche Version von Hook benötigt dagegen nur Zustimmung und Zuneigung. Das verdeutlicht, dass in Hook echtes Potential für Heldenhaftigkeit steckt, besonders mit Emma an seiner Seite. In dem Moment, da Hook und Emma in "Helden & Schurken" aufeinandertreffen, was von Isaac ja nie beabsichtigt war, kommt Hooks Potential zum Vorschein.

Übrigens erinnert die Szene, in der Hook glaubt, Charming besiegt zu haben und dann von diesem hinterrückt erstochen wird, ein wenig an das echte Schicksal von Charmings Zwillingsbruder James, der sich seines Sieges auch schon zu sicher war, seinem Gegner den Rücken zudrehte und als Schachlik endete.

Emma, die Retterin, die gerettet werden muss

Für Emma haben sich Isaac und Mr. Gold etwas besonderes ausgedacht. Ihr wurden die Erinnerungen an ihr wahres Leben nicht genommen, aber als Gefangene ohne magische Kräfte kann sie nichts tun, um den Normalzustand wiederherzustellen, und scheint zu einem Leben in einsamer Verzweiflung verdammt. Das ist auch eine ironische Umkehr dessen, was in der dritten Staffel mit ihr passiert ist, als ihr die Erinnerungen genommen wurden und sie dafür ein beinahe perfektes Leben erhalten hat. Emma wird schließlich von Hook und Henry aus ihrem Turmgefängnis befreit (nicht auf Rapunzel-Art, dafür mit einem Star-Wars-Trick), doch die klassische Retter-Rolle übernimmt sie auch danach nicht, vielmehr ist sie diejenige, die Hook und Regina dazu inspiriert, zu Helden zu werden. Das hebt noch einmal den besonderen Einfluss hervor, den Emma hat. Wenn sie auftaucht, eröffnen sich neue Möglichkeiten, starre Strukturen brechen auf und Neues entsteht.

Rumpelstilzchen, der Held, der sich korrumpieren lässt

Wie gewonnen, so zerronnen. Rumpelstilzchens künstlich geschaffenes Dasein als "Der Helle", einschließlich einer fest an ihn glaubenden Belle als Ehefrau und einem neugeborenen Sohn, bricht wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Isaacs Warnungen korrumpieren Rumpelstilzchen und lassen seine wahre Natur wieder zum Vorschein kommen. Wie dereinst die Seherin warnt Isaac Rumpelstilzchen vor einem Jungen - mit ganz anderen Worten und mit Betonung auf Regina, aber im Prinzip sind wir wieder bei "Der Junge wird dein Untergang sein". Gegenüber der Seherin äußerte Rumpelstilzchen damals, dass er diesen Jungen dann eben töten müsse, in dieser fiktiven Welt ist er kurz davor, genau das tatsächlich zu tun. Zugegeben, der "Held" Rumpelstilzchen weiß nicht, dass Henry sein Enkel ist, aber er weiß, dass er einen unschuldigen Jungen vor sich hat, von dem keine direkte Bedrohung ausgeht. Aus Angst, dass zu verlieren, was er hat, wird Rumpelstilzchen auch als großer Held wieder zum kaltblütigen Mörder.

Besonders prägnant ist selbstverständlich der Moment, als Rumpelstilzchen die Teetasse fallenlässt und sie einen Sprung bekommt. In der Realität ist die angeknackste Tasse ja das berühmte, oft erwähnte Symbol für Rumpelstilzchens und Belles "Die Schöne und das Biest"-Liebe und genau zu dieser Art von Paar werden sie in der fiktiven Welt nun auch wieder. Belle ist nicht länger mit einem Ritter in strahlender Rüstung verheiratet, der selbstlos Oger bezwingt, sondern mit einem Schurken, der Frauen und Teenager angreift. Was sie wiederum in der Realität nicht davon abhält doch wieder ... aber dazu kommen wir gleich noch.

Zelena, die Braut in Grün

Auch Zelenas wahres Ich bricht wieder hervor, in ihrem Fall sogar ziemlich sichtbar. Als ihre Traumhochzeit nicht so perfekt läuft, wie von ihr geplant, und ihr Bräutigam und die Hochzeitsgesellschaft ihre Aufmerksamkeit auf die sterbende Regina richten, statt auf die gerade noch strahlende Braut, überkommt Zelena wieder der Neid. Ihre Haut beginnt sich grün zu färben. Dass Frauen an ihrem Hochzeitstag etwas empfindlich sind, ist kein unbekanntes Phänomen, aber Zelenas rücksichtlose Fixierung auf sich selbst und völlige Mitleidlosigkeit gehen weit über das gängige Brautzilla-Syndrom hinaus. Ihr Hang zum Neid ist letztlich stärker als jede Fiktion.

Henry, der neue Autor

Henry erkennt, dass er der neue Autor ist und kann letztlich Isaacs Werk ungeschehen machen. Mir hat es schon in der vorangegangenen Folge gefallen, Henry mal als eigenständigen Helden zu sehen und dass er der neue Autor ist, passt einfach wie die Feder in das Tintenglas. Der Überraschungseffekt ist dementsprechend nicht gerade riesig, aber zumindest Isaac hat das so gar nicht kommen sehen und wird nach allen Regeln der Kunst ausgekontert.

Jetzt ist Henry in einer Stadt, in der jeder zwei Identitäten hat, auch nicht mehr "nur" Henry, sondern zusätzlich der Autor. Das sollte diesen Charakter voran bringen und ihn stärker in die Storylines involvieren, die er ja schließlich für die Ewigkeit dokumentieren muss.

Isaac, der gescheiterte Autor

Isaac verliert alles und bleibt als ziemlich erbärmliche Gestalt zurück. Was ihn hauptsächlich angetrieben hat waren seine eigenen Minderwertigkeitskomplexe. Zwar wurde ihm eine ganz besondere Aufgabe verliehen, er erhielt Magie, ein langes Leben und die Möglichkeit, durch die Welten zu reisen, aber das alles war nicht genug für ihn, um darüber hinwegzukommen, dass er als Schriftsteller nie ernst genommen wurde und für Chefs arbeiten musste, die nichts von ihm hielten. Ähnlich wie Mr. Gold war Isaac das Gute, das er hatte, nie genug, um sich gut zu fühlen. Die Begegnung mit Cruella hat ihn endgültig in die falsche Richtung gehen lassen.

Das Kapitel nach "Helden & Schurken"

Wiedersehensfreude, Feierei, Romantik ... und dann der Knall. Mr. Golds Herz versagt, der Versuch, die Dunkelheit aus ihm heraus in den Zauberhut zu verbannen scheitert und Emma stellt sich freiwillig als Gefäß zur Verfügung. Sie wird der neue Dunkle oder die neue Dunkle, wie es wohl korrekterweise heißen muss. Wie geht es nun weiter? Wie wird Emma als Dunkle sein? Welche Ziele verfolgt sie? Wohin ist sie verschwunden? Und haben Emmas schockierte Angehörige die Geistesgegenwart, sich schnell den Dolch zu schnappen? Mit diesem können sie Emma ja nun kontrollieren und dadurch die Lage etwas entschärfen, so unangenehm es auch ist.

Es tut mir Leid für Emma, dass sie diese große Bürde auf sich nehmen muss und dadurch alles verlieren könnte. Sie tut dies auch, damit Regina es nicht tun muss, was ein bemerkenswerter Akt ist, der, so hoffe ich wirklich, Regina Hinwendung zum Guten finalisiert. Was mich sehr viel weniger begeistert ist die Tatsache, dass nun auch Mr. Gold eine ganz neue Chance bekommt, die er so weder wollte, noch verdient hat. Seine Macht war am Ende immer das Wichtigste für ihn, nun hat er sie verloren, kann aber jetzt neu anfangen, mit Belle an seiner Seite. Sie kehrt zu ihm zurück, mit dem klaren Statement, dass Will ihr nichts bedeutet. Na ja, mit Bedeutungslosigkeit sollte Will sich so langsam auskennen, denn er ist einer der unterbeschäftigsten und unnötigsten Serien-Hauptcharaktere, die ich je gesehen habe. Nach 22 Folgen, die er nun schon dem Hauptcast von "Once Upon a Time" angehört, erschließt sich noch immer kein bisschen, was er überhaupt in der Serie soll. Sein Part in dieser finalen Doppelfolge beschränkt sich auf einen textlosen, leicht zu übersehenden Kurzeinsatz als Robins Trauzeuge.

Zurück zu Belle und ihren Gefühlen für Mr. Gold. Ist das noch Liebe oder schon ein pathologisches Stockholm Syndrom? Es war toll und richtig, wie Belle zur Halbzeit der Staffel gegen ihren Mann aufgestanden ist, aber was bleibt davon? Sie lässt sich ja doch immer wieder erweichen, egal bei welchen Lügen und Untaten sie Mr. Gold schon erwischt hat. Ja, dieses Paar hat Fans, die die Geschichte der beiden romantisch finden, aber ich gehöre wirklich gar nicht mehr dazu. Bei mir ist Mr. Gold absolut unten durch. Jemand, der das Andenken seines toten Sohnes, der für ihn gestorben ist, so mit Füßen tritt, indem er dessen große Liebe zu töten versucht oder ihr auf andere Weise das Leben zur Hölle macht (siehe ihr Schicksal in "Helden & Schurken") und dem nie genügt, was er hat, der immer wieder andere ausbeutet oder opfert, um noch mehr zu bekommen, der erhält von mir keine Sympathien. Mr. Gold hat immer die schlechtesten Entscheidungen getroffen, selbst wenn ihm die richtigen Entscheidungen quasi auf dem Silbertablett vor die Nase gehalten wurden. Entsprechend konnte die Dunkelheit in ihm wachsen und gedeihen - und nun ist sie in Emma.

Mary Margaret und David müssen also erneut die Dunkelheit aus ihrer Tochter herausholen, oder besser gesagt müssen sie es diesmal wirklich, statt nur zu glauben, es zu müssen. Jetzt sind sie als Helden gefragt, die ihr Kind retten, das ein großes Opfer auf sich genommen hat, und nicht als die überbesorgten, selbstsüchtigen Eltern, die sie damals waren. Mary Margaret und David bzw. Snow und Charming wollten, dass ihre Tochter auf jeden Fall eine Heldin wird. Das ist sie geworden - eine Heldin, die das Böse in sich aufnimmt, um andere zu retten.

Die einzige Rettung für Emma scheint Merlin zu sein. Dieser ist der ominöse Zauberer, von dem zuletzt immer wieder die Rede war, wie der Zauberlehrling kurz vor seinem Tod offenbart. Ansonsten bringt der Zauberlehrling etwas fertig, was laut Film, Fernsehen und Literatur sterbende Menschen wirklich in Perfektion beherrschen: sich mit den letzten Atemzügen möglichst kryptisch auszudrücken. So verrät der Zauberlehrling nur, dass Merlin "weit, weit weg" sei. Herzlichen Dank auch, kann man das so bei Google Maps eingeben?

Der Camelot-Mythos bzw. die Artus-Saga, zu der die Figur Merlin gehört, wurde in "Once Upon a Time" schon ein paar Mal kurz angerissen, unter anderem durch den Auftritt von Lancelot in Staffel 2, und wird nun also mit der "Fantasia"-Story (Zauberer, Zauberlehrling, Zauberhut, Zauberbesen) verknüpft. Wir werden sehen, wie sich die Umsetzung in der fünften Staffel gestaltet. Ich war persönlich nie der größte Fan der Artus-Sage und kann auch nicht behaupten, dass ich bisher zu wenige Varianten davon geseheh habe und unbedingt noch eine weitere brauche, aber warten wir es ab.

Das gesamte zweistündige Finale der vierten Staffel von "Once Upon a Time" fing etwas schwach an, konnte sich dann aber vor allem dadurch steigern, dass es einfach sehr unterhaltsam, interessant und teilweise bizarr war, die bekannten Figuren mehr oder weniger umgekehrt zu erleben. War es im Finale der dritten Staffel noch eine Zeitreise, die für Einsichten gesorgt hat, ist es diesmal eine Parallelwelt, die besondere Eindrücke mit sich bringt. Der Cliffhanger und die Konsequenzen werden uns sicherlich noch viel beschäftigen, was etwas Gutes sein, aber auch schiefgehen kann. Es ist immer ein Wagnis, den Dreh - und Angelcharakter einer Serie einer starke Veränderung zu unterziehen. Ich weiß selber noch überhaupt nicht, wie ich mit Dark Swan klarkomme.

Maret Hosemann - myFanbase

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