Bewertung: 9

Review: #5.06 Weit weg

Foto: Peyton List & John Slattery, Mad Men - Copyright: Jordin Althaus/AMC
Peyton List & John Slattery, Mad Men
© Jordin Althaus/AMC

Man merkt es #5.06 Far Away Places nicht sofort an, aber die Episode bedient sich eines kleinen Tricks, um ihre Geschichte zu erzählen. So werden die drei wichtigen Handlungsbögen rund um Peggy, Roger und Don nicht wie gewohnt nebeneinander und zeitlich parallel erzählt, sondern wir sehen diesen speziellen Tag (plus die dazugehörige Nacht) zunächst aus Peggys Perspektive und springen dann zurück in der Zeit, um wieder mit Roger zu beginnen. Als dann schließlich Don an der Reihe ist, wissen wir schon wie der Hase läuft, zumal es in Peggys Tagesablauf auch einen Moment gab, der klar darauf hinweist, dass wir zu Dons Geschichte noch einmal zurückkehren werden. Eine solche Erzählweise ist nicht die Neuerfindung des Rades, jedem Zuschauer fällt sicher das ein oder andere Beispiel dieser Art aus Film oder Fernsehen ein, aber wie immer bedient sich "Mad Men" mit großem Selbstbewusstsein dieser etablierten Technik und nutzt sie für die eigenen Bedürfnisse perfekt aus.

"A shitty day"

Peggy hat einen wirklich bescheidenen Tag, der mit Vorwürfen ihres Freundes Abe beginnt und danach nur immer weiter abwärts geht. Dabei zeigt sie während ihres langen Arbeitstages mehrere Merkmale, die wir bereits gut von Don aus dessen kreativer Hochphase kennen. Sie legt offenen Frust über einen Kunden an den Tag, nachdem dieser ihre Entwürfe zum wiederholten Male hat abblitzen lassen. Ihre Reaktion und ihr Habitus sind dabei ganz die von Don, die des verkannten, komplizierten Genies, das sich nicht damit abgibt, von allen gemocht zu werden. Zwar war Peggy noch nie eine Person, die allzu viel Wert auf die Meinung anderer gelegt hat, aber das zeigte sie bisher immer eher subtil, indem sie sich nicht über solche oberflächlichen Dinge definierte. Aber hier explodiert sie vor dem Kunden und muss erkennen, dass sie trotz gleicher Qualifikation und Leistung als Frau immer noch nicht das Recht hat, sich wie Don (oder allgemeiner wie ein Mann) zu verhalten. Sie muss sich von dem Heinz-Vertreter Raymond Geiger als junges Mädchen abtun lassen, denn der lässt ihr dieses Verhalten nur deswegen gönnerhaft durchgehen, weil er dabei an seine Tochter denkt. Natürlich hat Peggy sich daneben benommen und den Kunden vor den Kopf gestoßen, aber es muss für sie doch unendlich frustrierend sein, dass sie dabei gleich wieder auf diese Mädchenebene abgestuft wird.

Um ihren Frust zu bewältigen und mit sich selber ins Reine zu kommen, reagiert sie ebenfalls in bekannter Don-Manier und geht mitten am Tag ins Kino, um den Kopf frei zu bekommen. Ein paar Stunden und ein belangloses sexuelles Abenteuer mit einem Fremden später, kehrt sie wieder ins Büro zurück und versinkt in Gedanken auf Dons Couch. Die Ähnlichkeiten zu ihrem Mentor reißen nicht ab, bis sie von Michael Ginsberg wieder in ihre eigenen Gefilde zurückgeholt wird. Dessen tragische Herkunftsgeschichte als in einem Konzentrationslager geborener Junge, die so einiges über dessen doch leicht seltsames Verhalten erklärt, setzt für Peggy ihre eigenen Probleme doch wieder in die rechte Relation. Mit der Frage "Are there others like you?" versucht sie Ginsberg zu verstehen und stellt fest, dass nicht nur sie auf der Suche nach einer irgendwie verwandten Seele ist. Sie wendet sich wieder an Abe und die damit verbundene gewohnte Vertrautheit, auch wenn dies wahrscheinlich nicht die wirklich befriedigende Lösung ist.

"I Just Wasn't Made for These Times"

Ganz anders verläuft dagegen Rogers Abend, dem er zunächst mit wenig Vorfreude entgegen sah. Eigentlich wollte er dem Abend mit Janes Freunden ganz entgehen, indem er eigene Pläne mit Don vorschob, aber Don ließ ihn im Stich und verreiste lieber mit Megan. Also ist Roger mehr oder weniger gezwungen, mit seiner jungen Frau einen gemeinsamen LSD-Trip zu machen. Das Resultat davon ist sowohl für Roger als auch den Zuschauer durchaus überraschend. Nicht der Fakt, dass Roger sich für eine Trennung von Jane entscheidet, sondern die Art und Weise wie dies vonstatten geht. Dabei verläuft die Drogenerfahrung von Roger einerseits so erwartungsgemäß, aber irgendwie auch so entspannt, dass sie ein ganz besonderes Erlebnis ist. Wahrscheinlich war es zu erwarten, dass Roger als erster in die berühmte Drogenszene der 60er Jahre einsteigen würde, dass er damit so gut umgehen kann und dabei sogar eine ordentliche Portion Erkenntnisgewinn für ihn selbst herumspringt. Auch für uns Zuschauer ist dies sehr aufschlussreich, denn zum wahrscheinlich ersten Mal erhalten wir einen tiefen Einblick in Janes Teil dieser Ehe.

Das Kernstück dieser Folge, um das sich alles andere irgendwie organisch aufbaut, ist dabei das ehrliche und tief berührende Gespräch der beiden Eheleute, nachdem Roger zu dem Schluss kommt, dass die Beziehung beendet ist. Völlig ohne Streit und zumindest bis dato ohne gegenseitige Vorwürfe sprechen sie lange bekannte, aber dennoch verborgene Wahrheiten aus. All dies ist wieder einmal optisch wunderschön inszeniert, auch weil sich das Arrangement von Roger und Jane auf dem Boden später noch einmal an zentraler Stelle bei Don und Megan wiederfindet. Wieder einmal nutzt "Mad Men" alle zur Verfügung stehenden Kunstgriffe dieser visuellen Erzählform und beschränkt sich nicht nur auf gute Geschichten und gute Schauspieler. Nein, bis ins Detail wird Rogers eigene Reise zu fern entlegenen Plätzen (far away places), in seinem Fall in seinem Innersten, dem Zuschauer nahe gebracht.

Bis zur Kulmination in Rogers Geschichte spielt man aber auch mit einigen amüsanten und aufschlussreichen Details seiner halluzinogenen Erfahrung. Die Musik-verströmende Wodkaflasche (natürlich handelt es sich dabei um ein russisches Stück klassischer Musik), die Ziehharmonikazigarette, das Bild vom alten und jungen Mann, Dons kurzes Auftauchen im Spiegel und auch Rogers Illusion der Baseballmeisterschaften in seinem Badezimmer haben uns amüsant und aufschlussreich in die richtige Stimmung gebracht, um einen tiefen Blick unter die Oberfläche der Ehe der Sterlings zu werfen.

"You are in for a treat"

Richtig interessant wird es auch in Dons Geschichte. Dabei brechen einige der unterschwellig bereits seit längerem schlummernden Konflikte ans Tageslicht und führen zu einem schlimmen Streit mit Megan. Eigentlich war es ja klar, dass Megans doch recht emanzipierte Art im Umgang mit Don irgendwann einmal zu einem solchen Streit führen würde. Zwar scheint es Don einerseits oftmals zu genießen, dass Megan eben ihre eigene Meinung hat und ihm oftmals in den Dingen des Alltags Paroli bietet. Andererseits hat Don nun mal auch eine sehr dominante Seite an sich, die sich offen in seinem Sexualverhalten äußert, aber eben auch darin, dass er erwartet, dass die Menschen um ihn herum nach seinem Gutdünken handeln. Und wenn er hier Megans Ambitionen für ihre Arbeit erst nicht wahrnimmt und dann übergeht, wohl auch weil er mit seinem eigenen Engagement für die Arbeit bereits abgeschlossen hat, führt dies zu einer wirklich hässlichen Auseinandersetzung zwischen ihnen. Wenn man einmal genauer darüber nachdenkt, war ein solcher Streit bei irgendeiner Gelegenheit unabwendbar. Und die Ursache dafür ging viel tiefer als Megans unbedachte Äußerung über Dons Mutter. Das Komplizierte dabei ist, dass die Ursachen für den Streit in genau den Eigenschaften dieser beiden Menschen liegen, die sie gleichzeitig an sich gegenseitig so schätzen.


Der Streit mündet für Don in einer Phase, in der er nicht weiß, ob Megan nun lediglich wütend auf ihn ist, oder ob ihr etwas viel Schlimmeres zugestoßen ist. Die Angst und Beklemmung Dons springt dabei auf den Zuschauer über, auch mit der Erinnerung an die vielen Referenzen zu Serienmördern und der Gewalt gegen Frauen, die wir in dieser Staffel schon erlebt haben. Und ganz am Ende jagt Don in vollem Ernst seine junge Frau durch die Wohnung, und diese Szene ist alles andere als ein Spiel. Sie landen am Boden ihres Wohnzimmers, als optisches Echo von Roger und Jane und haben keine Lösung für ihren Streit, nur Megans Erkenntnis "Every time we fight, it diminishes us a little bit." und Dons Flehen, sie möge ihm doch verzeihen. Plötzlich erscheint all die Stabilität ihrer Beziehung in einem ganz anderen Licht und man wird das Gefühl nicht los, dass diese auf sehr wackligen Füßen steht.

"You have a little girl running everything"

Und abgeschlossen werden diese drei Handlungsstränge, die im Laufe der Folge bewusst völlig isoliert voneinander gehandhabt wurden und die sich durch die besondere Struktur der Episode noch weiter voneinander abtrennten, indem Bert Cooper den Zustand von Dons Leben mit klaren Worten anspricht. Ob er mit seinem Vorwurf, Don würde sich passiv von einem kleinen Mädchen anleiten lassen, nun dessen junge Frau oder Peggy in beruflicher Hinsicht meint, oder vielleicht sogar beides gleichwertig, sei erst einmal dahingestellt. Mit dem letzten optischen Stilmittel dieser Folge, dem Blick Dons auf Megan gemeinsam mit Stan und Michael und Peggy in der Gegenrichtung, lässt man uns nun noch einmal mit allerlei Fragen zurück und schließt den Bogen um alle drei Elemente der Folge, indem sie auch Roger noch einen Auftritt gibt. Diese Episode schafft dabei wieder einmal das Kunststück, auf einer Ebene die Geschichte der Charaktere voranzutreiben, dabei dank der ungewöhnlichen Inszenierung aber auch völlig einmalig im großen Gesamtkanon von "Mad Men" zu stehen, viele Interpretationsmöglichkeiten aufzuwerfen und einen damit unweigerlich mit Fragen zurückzulassen, so dass am Ende wirklich alle Sinne stimuliert werden. Das Besondere an "Mad Men" ist eben nicht, dass die Dinge, die passieren, so einzigartig sind oder nie dagewesen wären. Es ist die Tatsache, dass viele Kleinigkeiten der Inszenierung ein derart faszinierendes Ganzes abbilden, dass es den Zuschauer auf sowohl emotionaler als auch intellektueller Ebene tief berührt. Vor jeder Episode von "Mad Men" ahnt man nicht, was einen erwartet, aber man weiß, man hat so etwas in dieser Kombination noch nie erlebt. #5.06 Far Away Places demonstriert diese Fähigkeit der Serie wieder einmal in eindrucksvoller Art und Weise und bildet einen weiteren exzellenten Baustein in dieser bisher so überzeugenden 5. Staffel.

Cindy Scholz - myFanbase

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