Bewertung: 8

Review: #5.05 Hahnenkampf

Foto: Vincent Kartheiser, Mad Men - Copyright: Ron Jaffe/AMC
Vincent Kartheiser, Mad Men
© Ron Jaffe/AMC

Pete Campbell ist für mich mit Abstand der interessanteste männliche "Mad Men"-Hauptcharakter. Klar, Don Draper verfügt über das unwiderstehliche Aussehen Jon Hamms sowie das Charisma des geheimnisvollen Anti-Helden, und Roger Sterling ist für einen großartigen Einzeiler immer zu haben, aber Pete Campbell ist einfach so schwierig zu fassen, so widersprüchlich und verhält sich so gegen die eigenen Erwartungen, dass ich es immer wieder spannend finde, ein wenig in seine Seele zu blicken. Nachdem Pete Campbell als junger Berufsanfänger bei Sterling Cooper sich durch rüdes und unsympathisches Verhalten auszeichnete, aber eben auch durch ein ausgeprägtes Gespür für die Zeichen der Zeit, wurde er in letzter Zeit doch in ein positiveres Licht gerückt. Das lag vor allem daran, dass er in der Ehe mit seiner Frau Trudy so ausgeglichen schien und die beiden nach vielen Stolpersteinen auf einer gemeinsamen Ebene angekommen schienen, die von gegenseitigem Respekt geprägt war. Auch beruflich lief es für Pete immer besser, spätestens in der neuen Agentur konnte er sein Talent voll ausspielen und viel zum Erfolg der Firma beitragen. Aber es gehört wohl zu Petes Wesen, immer nur das zu sehen, was er nicht hat – und nicht, was er erreichen konnte.

"I have nothing!"

Denn eigentlich müsste er zutiefst zufrieden sein mit seinem Dasein. Zwar gibt es immer noch viel zu erträumen, die wirkliche Anerkennung seiner Bedeutung in der Agentur beispielsweise, aber diese Dinge sind eigentlich unausweichlich für ihn in der Zukunft angelegt. Warum fühlt Pete sich also weiterhin so unzufrieden in seiner Existenz? Wieso ringt er einem Bild von seinem großen Vorbild Don Draper nach, wo der doch in seiner alten Existenz so unglücklich war? Wie kann man sich nach außerehelichen Abenteuern sehnen, wenn man eine Frau wie Trudy geheiratet hat, die sogar einem Don Draper den Wind aus den Segeln nehmen kann? Was hätte ihm die junge Schülerin wirklich zu bieten, über den Reiz der Eroberung hinaus? Die Antwort darauf liegt wohl in seinem Rollenspiel mit der Prostituierten, die ihn mit den Worten "You're my king!" so richtig auf Touren bringt. Pete wäre wohl erst zufrieden mit sich und seiner Existenz, wenn er von sich selbst sagen könnte, er sei der König der Welt. Und selbst dann, würde ihm wohl immer noch irgendetwas fehlen.

Was Pete wirklich fehlt, ist der gesunde Ausgleich und der realistische Blick auf die Dinge, wie ihn beispielsweise Ken Cosgrove besitzt. Ken hat ein Leben neben der Arbeit und er schätzt dieses höher ein als seinen Erfolg im Büro. So ist Ken sicher von all den anwesenden Männern auf der kleinen Dinnerparty der Campbells der glücklichste, aber aus erzählerischer Sicht ist er genau deshalb auch der langweiligste. Ken eignet sich wunderbar als Gegengewicht zu den Männern, die sich aufgrund ihrer eigenen Erwartungen an ihre Männlichkeit davon abhalten, sich selbst im Reinen zu halten. Die Männlichkeit in "Mad Men" befindet sich ziemlich offensichtlich im Verfall, während die Frauen auf dem Weg dahin sind, ihre weibliche Stärke zu entdecken. Ein Mann wie Ken ist davon weniger betroffen, er dient eher dazu, den Zustand seiner Kollegen zu kommentieren, wie er dies mit seiner neuen Geschichte tut, die als Ausklang für diese Episode dient und natürlich in direktem Bezug zu Pete und dessen Leben steht:

"There were phrases of Beethoven's Ninth Symphony that still made Coe cry. He always thought it had to do with the circumstances of the composition itself. He imagined Beethoven, deaf and soulsick, his heart broken, scribbling furiously while Death stood in the doorway, clipping his nails. Still, Coe thought, it might've been living in the country that was making him cry. It was killing him with its silence, and loneliness. Making everything ordinary too beautiful to bear."

Wie Ken schön erkannt hat, fühlt sich Pete gefangen in der Vorstadt und in seiner Freiheit beschränkt. Er sehnt sich zudem immer noch nach der Bestätigung von Don, der in überraschend netter Art versucht ihm klarzumachen, nicht seine eigenen Fehler zu wiederholen. Aber auch das sieht Pete wieder einmal als Affront gegen sich selbst, während Don es wohl wirklich nur als gut gemeinten Rat ansieht. Inmitten all dieser Enttäuschungen für Pete gerät er dabei plötzlich mit Lane aneinander, wo sich diese beiden doch eigentlich viel ähnlicher sind als sie es ahnen.

"As far as I can tell, our need for you disappeared the day after you fired us."

Auch Lane fällt es schwer, aus sich selbst heraus mit Menschen natürlich umzugehen. Ihm fällt die soziale Interaktion nicht immer so leicht, zumindest hier in Amerika. In der für ihn immer noch ungewohnten Umgebung ist er keiner, der die kleinen Schlüsselreize der zwischenmenschlichen Beziehungen immer richtig deuten kann und er fühlt sich zumindest hier in New York entfremdet von der Umgebung. Er ist nicht in den rein amerikanischen Kreisen zu Hause, aber auch die Exilbriten mit ihrem Hochhalten des Nationalstolzes stoßen ihn ab. Er sieht sich als überflüssig in der Agentur an und versucht hier mit dem Gewinn eines großen Etats die anderen Partner zu beeindrucken. Eigentlich hat er dies aber nicht nötig, denn ich bin überzeugt davon, dass keiner der anderen seinen Job machen möchte, egal was Pete da im Eifer des Gefechts von sich gibt. Aber er sucht die Selbstbestätigung und in einer unerwarteten, aber einfach nur großartigen Eskalation der Dinge kommt es zu einem Faustkampf zwischen ihm und Pete. Dieser war dann wieder einer dieser genial komischen "Mad Men"-Momente, gegen die die wenigsten Comedy-Serien ankommen können. Und dabei war es mir persönlich völlig egal, wer gewinnt. Allein die Reaktionen von Roger ("I know cooler heads should prevail, but am I the only one who wants to see this?"), Bert Cooper und Don waren es wert.

Pete geht als der Geschlagene aus dieser Auseinandersetzung hervor und versteht danach die Welt nicht mehr. Er kann sogar die Tränen gegenüber Don nicht zurückhalten, eine weitere Demütigung seinem großen Idol gegenüber (der ihm zuvor schon als fähiger Handwerker im eigenen Haus die Show stahl). Aber auch Lane erlebt seine eigene Niederlage, als er nach dem Kampf, wohl angestachelt vom Adrenalin, Joan küsst. Deren Worte vor dem Kuss zu Lane, sowie ihre souveräne Reaktion danach, die Lane klarmacht, dass dieser Kuss niemals passiert ist, sollten ihm aber genügend Würde zurück geben, auch wenn sie natürlich an Lanes ursprünglicher Verlorenheit in seinem Leben wenig ändern können. Aber sowohl von Lane als auch von Pete kann man sagen, dass sie selbst an ihrem Unglück schuld sind, denn mit ein wenig Zufriedenheit und Stolz auf sich selbst, hätten sie dies beide nicht nötig.

"Even in this place you're doing better than us."

Zumindest nach außen erscheint Don dagegen momentan sehr glücklich. Er zeigt dies hier in jeder Sekunde und macht Pete damit geradezu wahnsinnig. Natürlich ist Petes Logik, seine Wut auf Don zu richten, weil der eben nicht mit einer der Huren im Bordell schläft, schon ein starkes Stück, in Anbetracht seines gerade unnötig begangenen Ehebruchs. Aber auch Pete hat wohl Recht damit, dass der unbeschwerte Zustand der Draper-Ehe nicht ewig anhalten kann. Zumal wir ja auch bereits einige Risse gesehen haben, aber Don wendet zurzeit seine ganze positive Energie auf die Beziehung zu Megan und strahlt deshalb nach außen ein unerschütterlich scheinendes Selbstbewusstsein aus – so wie früher als das kreative Werbewunderkind. Pete erkennt nicht, dass es dieses Selbstbewusstsein ist, das Dons Erfolg ausmacht. Die Frage ist nun natürlich, wie lange dieser Zustand für Don und Megan anhält. Ich ganz persönlich würde die beiden am liebsten glücklich bis ans Ende ihrer Tage erleben, einfach weil ich Megans Art, mit Dons Forderungen umzugehen, grandios finde. Es sind die Kleinigkeiten, die dies ausmachen, wie hier die Weigerung, für Don bei Trudy abzusagen, oder sich nicht sofort auf einen aus dem Nichts kommenden Babywunsch von Don einzulassen (wo kam der übrigens her?). Ich könnte bei jeder dieser klugen Verhaltensweisen von Megan den Bildschirm anfeuern, so selten sieht man solch clevere Ehefrauen im TV, unabhängig davon in welcher Zeitepoche die Serien spielen. Aber mein Realismus lässt mich dann doch eher damit rechnen, dass irgendwo die Probleme für Don und Megan auftauchen werden, schlicht und einfach weil Don seine Dämonen doch nicht einfach im Traum erdrosseln und unterm Bett begraben kann.

Randnotizen

  • Ken und Peggy haben also einen Pakt abgemacht, in dem sie sich schwören, nur gemeinsam die Agentur zu verlassen. Interessant finde ich dies vor allem unter dem Gesichtspunkt der Freundschaft zwischen Don und Peggy, von der wir aber seit Don mit Megan verheiratet ist auch noch nicht viel gesehen haben. Viel gab es auch in dieser Folge nicht von Peggy zu sehen, aber ihre Reaktion gemeinsam mit Joan auf den Kampf war göttlich. Das erinnert an die letzte Folge, in der John Slattery Regie führte und in der Peggy über die Bürowände hinweglunzte.
  • Roger scheint sich langsam damit abzufinden, der Emeritus der Kundenbetreuung zu sein, aber seine Tipps an Lane zeigen, dass er sein Handwerk durchaus versteht und ein Teil seiner lässigen Art auch immer nur Fassade war.
  • Ich liebe es, dass Ken in seiner Freizeit klassische Sci-Fi-Fabeln schreibt, die sich dann auch noch so wunderbar als Parabeln für unsere heutige Gesellschaft eignen, wie die vom Roboter, der Brücke und dem entfernten Bolzen.
  • Don legt wert darauf, dass der massenmordende Irre Charles Whitman beim richtigen Namen genannt wird, dafür nimmt er es mit seiner Vergangenheit bezüglich seiner Herkunft aus einem Hurenhaus (in dem er nach unserem bisherigem Wissen nicht aufgewachsen ist) nicht so genau. Mit der Referenz zu den Whitman-Morden aus dem Sommer 1966 bleiben wir weiterhin dem Thema der gewalttätigen Umbrüche treu, das sich bisher durch die Staffel zieht.
  • Der Spruch des Tages war aber ohne Konkurrenz: "Because he was caught with chewing gum on his pubis."
  • Wer hätte gedacht, dass es das Wembley-Tor als zeitgenössische Referenz in die Serie schaffen würde?



Cindy Scholz - myFanbase

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