Bewertung: 9

Review: #4.07 Ein Koffer voll Wahrheit

Foto: Elisabeth Moss, Mad Men - Copyright: Frank Ockenfels/AMC
Elisabeth Moss, Mad Men
© Frank Ockenfels/AMC

"Somebody very important to me died."
"Who?"
"The only person in the world who really knew me."
"...That's not true."

Dieser Wortwechsel zwischen Peggy und Don ist zentral für diese Episode, die den Fokus komplett auf unsere beiden Protagonisten legt und damit die so besondere Beziehung zwischen diesen beiden Menschen zum ersten Mal im vollen Ausmaß präsentiert, ausleuchtet und auslebt. Denn von Anfang an war "Mad Men" nicht die Serie, in der es um die komplizierte Ehe von Don und Betty Draper ging, oder um Dons Männerfreundschaft zu Roger, es ging um die beiden kreativen Genies bei Sterling Cooper (Draper Pryce), die den wirtschaftlichen Erfolg der Agentur ermöglichen. Wie aus dem naiven Bauernjungen Dick Whitman der charismatische Erfolgsmann Donald Draper wurde und wie die junge, wohlerzogene Sekretärin Peggy Olson unter den Fittichen jenes Mannes selbst zu einer selbstbewussten und vor allem über sich selbst bewussten, erfolgreichen Frau inmitten dieses von Männern dominierten Umfeldes werden konnte. Dabei hat die Serie wunderbar subtil etabliert, dass Peggy und Don auf eine seltsame, schwer in Worte fassbare Art und Weise Seelenverwandte sind. Sie kennen sich, ohne viel über den anderen zu wissen, sie wissen sich gegenseitig einzuschätzen und sie sind sich der wahren Talente aber auch Schwächen des Gegenübers bewusst. "Mad Men" hat damit eine Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau in ihrem Zentrum, wie sie ihresgleichen sucht. Sie beruht nicht auf der üblichen Frage, ob diese beiden irgendwann zueinander finden, aber sie ist auch keine reine Freundschaft. Nein, es ist viel komplizierter, sowohl für die Charaktere als auch für den Zuschauer.

Let's go someplace darker.

Im Laufe dieser exzellenten Episode schwankt man zwischen den unterschiedlichsten Gefühlslagen. Man ist entzückt, dass man so viele wunderbare Peggy-und-Don-Momente genießen darf, man ist entsetzt, als sie sich anschreien (und dabei muss man während der Argumentation insgeheim beiden irgendwie Recht geben) und spätestens als Don vor Peggys Augen in Tränen ausbricht, bleibt einem das Herz für eine kurze Sekunde stehen. Und da man Don kennt und weiß, wie viel es bedeutet, dass er jemandem so viel von seiner verletzlichen Seite zeigt, kann man es am Ende gar nicht glauben, wenn er dann sogar noch Peggys Hand hält. Es ist eine kleine Geste, aber sie bedeutet so enorm viel im Gesamtkontext dieser beiden Charaktere. Es ist eine Erinnerung an Peggys Anfangszeiten als seine Sekretärin, als sie unerfahren versuchte, ihm zu gefallen, indem sie seine Hand nahm und er sie rücksichtsvoll aber bestimmt abwies. Es ist ein Vertrauensbeweis und ein Zeichen des Respekts an Peggy, nun als seine Protegée und seine gleichberechtigte Kollegin, und auch wenn man sich für eine kurze Sekunde fragt, ob da im Moment oder irgendwann in der Zukunft mehr zwischen ihnen sein kann, und ob man das als Zuschauer überhaupt will, so rückt dieser Gedanke doch schnell wieder in den Hintergrund. Denn allein für sich genommen, ist dies ein magischer Moment zwischen Peggy und Don und er schließt eine Episode ab, die zu den besten der Serie gehört. Wenn man sich in ein paar Jahren daran erinnert, warum man "Mad Men" so geliebt hat, kommt einem diese sicherlich als eines der besten Beispiele in den Sinn.

There's a way out of this room we don't know about.

#4.07 The Suitcase bewegt sich schlängellinienförmig durch die Geschichte. Umrahmt vom legendären Boxkampf zwischen Cassius Clay (bzw. Muhammad Ali) und Sonny Liston, entwickelt sich die Folge schnell zu einem reinen Zwei-Personen-Kammerstück, dargeboten von Elizabeth Moss und Jon Hamm auf der absoluten Höhe ihres Könnens. Die lange aufgestauten Konflikte kreativer Art, Peggys Frust über die Glo-Coat-Kampagne und über Dons Verhalten im Allgemeinen brechen an die Oberfläche, während Don eigentlich nur versucht, sich davon abzulenken, dass am anderen Ende des Landes der für ihn bedeutendste Mensch im Sterben liegt. Peggy ahnt nur die Oberfläche von Dons Motiven, sie an ihrem Geburtstag mehr oder weniger dazu zu zwingen, unnütze Überstunden im Büro zu schieben. Sicher hat sie Recht damit, dass er einsam und ohne wahre Freunde ist, aber sie weiß (noch) nichts von Anna. Und so pendelt sie zwischen Wut auf Don, Pflichtbewusstsein und Verbundenheit zu ihm. Aufgeweckt durch die Tatsache, dass ihr Freund Mark ausgerechnet ihre Mutter, Schwester und die verhasste Mitbewohnerin zu einem romantischen Essen einlädt, beschließt sie endgültig, den weiteren Abend im Büro zu verbringen, nur um sich von Don zum Weinen bringen zu lassen. (Und wir wissen was Peggy vom Heulen am Arbeitsplatz hält, da ist sie ganz Joans Schülerin.)

Aber über Rogers Memoiren schmilzt das Eis zwischen ihr und Don, und während eines Essens und Barbesuches lässt der sonst so verschlossene Don auf nebensächliche Art und Weise einige seiner innersten Geheimnisse ins Gespräch einfließen: Seine Zeit im Krieg, den Tod seines Vater, seinen Onkel Mack und seine Mutter. Man hat das Gefühl, dies ist eines der wenigen Gespräche, die Don im Laufe der gesamten Serie geführt hat, in dem er mit sich und seiner Vergangenheit so weit im Reinen ist, dass er unbefangen über sich als eine Person (und nicht über Don und Dick getrennt voneinander) erzählen kann. Und Peggy lässt ein paar Details über ihre Gefühle bezüglich ihres zur Adoption aufgegebenen Kindes durchblicken, ebenso wie den tiefen Blick in ihr ambivalentes Verhältnis zu der Tatsache, dass allgemein angenommen wird, sie verdanke ihren Job einer Affäre mit Don. Die wie selbstverständlich wirkende Ehrlichkeit und ungewohnte Offenheit, gerade zwischen diesen beiden Menschen, die sich die Verschlossenheit zu einer zweiten Natur gemacht haben, ist entwaffnend und fühlt sich für den Zuschauer wie eine Art Belohnung an. Man wird belohnt für dreieinhalb Jahre aufmerksames Zusehen und Mitfühlen mit den Charakteren, der sorgfältige Aufbau dieser Welt und dieser beiden Menschen kommt zum Tragen. Auch das Allison-Debakel vom Anfang der Staffel erweist sich nun als dezente Grundlagenarbeit für diesen Durchbruch in der Don-Peggy-Beziehung. Und ich bin nun mehr als gespannt, wie es mit ihnen nun weitergeht. Denn wenn uns "Mad Men" eins gelehrt hat, dann ist jeder charakterliche Fortschritt umkehrbar, dann sind die Menschen oftmals dazu verdammt, die gleichen Fehler immer und immer wieder zu begehen und auch wenn Don am Ende der Episode seine Bürotür symbolträchtig offen lässt, weiß ich noch nicht, ob er den Tiefpunkt seiner Lebenskrise nun durchschritten hat. Aber mit Peggy an seiner Seite, die nicht nur sein wahres Ich kennt und akzeptiert, wie es Anna getan hat, sondern auch die dunkelsten Stellen seiner Seele gesehen hat, hat er zumindest eine Chance. Ich bin gespannt und voller Vorfreude, wohin uns die Serie in der zweiten Hälfte der Staffel führen wird.

Come on! Ida was a hellcat? Cooper lost his balls? Roger's writing a book?

Da Don und Peggy in dieser Episode komplett im Vordergrund standen und fast den kompletten Raum eingenommen haben, will ich nur noch ein paar erwähnenswerte Einzelheiten anbringen:

  • Rogers Memoiren sorgen zum zweiten Mal in Folge für Freude, ebenso wie seine lässigen Kommentare über Freddy Rumsen und dessen AA-Freunde. So sehr ich diese auch genieße, irgendwie beschleicht mich langsam die Befürchtung, es könnte sich dabei um seinen Schwanengesang handeln. Die mehrfachen Andeutungen, er erfülle neben dem Babysitten für Lucky Strike keine wirkliche Funktion in der Agentur mehr, gepaart mit der etwas morbiden Tatsache seiner Autobiographie, nähren dieses Gefühl. Aber "Mad Men" ohne Roger wäre einfach unvorstellbar.
  • Pete hatte in der Episode nicht viel zu tun, aber allein der göttliche Blick als er die beiden Frauen, die Mütter seiner Kinder sind, gemeinsam nebeneinander sah, war denkwürdig genug. Und Trudy ist für ihren ca. fünften oder sechsten Monat schon ganz schön schwanger.
  • Ein weiteres Zeichen, dass die Zeiten des Generationenwechsels anstehen: Joey lässt sich im Gegensatz zu seinen beiden älteren Kollegen nicht von Joans Aura einschüchtern.
  • Don beweist wieder einmal, wie wenig Gespür er für die Zeichen der Zeit besitzt, er hält Muhammad Ali für einen großspurigen Angeber und die Kampagnenidee von Peggy mit den Elefanten, die über Koffer steigen, wird in ein paar Jahren in Amerika einschlagen wie eine Bombe. Aber trotz seiner Abneigung gegen Ali, sieht er eine Idee, wenn sie sich ihm offenbart und er nutzt dessen Triumphbild als Inspiration für die Samsonite-Kampagne.
  • Das Rätsel um Dr. Lyle Evans ist gelöst. Ich kann mir vorstellen, wie die Autoren sich sicherlich ins Fäustchen gelacht haben, als sie diesen Namen in #4.05 The Chrysanthemum and the Sword einfließen ließen, wohl wissend, dass eine Horde von Kritikern und Fans danach verzweifelt, aber ergebnislos googeln würden, nur um jetzt mit dem Hintergrund dieses Namens belohnt zu werden. Well done!



Fazit

Was kann man zu dieser Folge abschließend sagen, um ihrer Brillanz gerecht zu werden? Mir fällt nur soviel ein, dass ich unmittelbar nachdem ich sie zum ersten Mal gesehen hatte, wieder von Vorne begonnen habe. #4.07 The Suitcase ist ein Meisterwerk und gehört zu den besten Episoden einer TV-Serie überhaupt. Hut ab, Mr. Weiner.

Cindy Scholz - myFanbase

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