Bewertung

Review: #10.12 I Can Let You Go

Ich habe ehrlich gesagt nicht unbedingt damit gerechnet, dass Sean O'Neal das Geschehen von "Chicago P.D." weiter prägen würde. Natürlich hat er überlebt, was diese Rückkehr möglich gemacht hat, aber dass er überlebt hat, wurde eben auch gebraucht, um den Konflikt auf die Spitze zu treiben, dass Hailey Upton ihn lange genug hätte sterben lassen. Dennoch beschwere ich mich natürlich nicht, denn Sean hat sich bislang als faszinierende Figur entpuppt, die ohne Frage der Staffel schon ihren Stempel aufgedrückt hat. Dementsprechend wundert es nur wenig, dass es auch diesmal wieder hervorragend klappt, zumal eben Tracy Spiridakos und Jefferson White schauspielerisch das Beste aus sich rausholen.

Ich hatte immer irgendwie vermutet, dass die Sean-Storyline eine Art Katharsis für Hailey und ihre Beziehung zu Jay Halstead sein würde. So kam es erstmal nicht, weil sie den ganzen Zeitraum über in der Verdrängungsphase gesteckt hat. Doch mit der Rückkehr von Sean ist diese Option wieder auf den Tisch gekommen und diesmal ist es eben genutzt worden, dass sich Hailey endlich ihrem Beziehungsstatus stellen muss. Die Episode war voll von Doppeldeutigkeiten. Gleich mehrfach gab es Szenen, in denen sie Jay zu erreichen versuchte und wenn das Handy dann klingelte, sie den ersehnten Rückruf erhoffte, nur um dann die Gefängnis-ID aufploppen zu sehen. Das war schon herzzerreißend mitzusehen, denn wer kennt zerstörte Hoffnungen nicht?! Den, den sie haben will, den bekommt sie nicht. Den, den sie keinesfalls will, der kann sie nicht loslassen. Das war natürlich ein emotionales Feuerwerk. Dazu hat sich Sean absolut wie ein Stalker verhalten und hat so den psychischen Druck von Tag zu Tag mehr erhöht. Indem er dann den Telefonterror auch noch auf Trudy Platt erweiterte, hat er dann bei Hailey ins Schwarze getroffen, weil sie eben diese Thematik nicht auch noch auf sie übertragen haben wollte. Natürlich haben dann auch die Gespräche selbst dafür gesorgt, dass Hailey sich zunehmend unwohl fühlte, denn es wurde schon überdeutlich, dass Sean eine ungesunde Beziehung zu ihr aufgebaut hat, die ins Krankhafte geht. Dementsprechend ist Hailey wirklich nur zu bedauern und es war nur folgerichtig, dass sie letztlich zusammengebrochen ist. In dem Moment hat sie zwar nicht wegen Sean geweint, aber er hat es sicherlich ermöglicht, dass bei ihr die Dämme auf einmal so offen waren. Da klingt es fast krank zu sagen, danke Sean, denn Hailey brauchte das, dass sie sich ihrem Beziehungsstatus stellt und dann endlich den ganzen aufgestauten Schmerz mal rauslässt.

Ich mochte definitiv auch die Doppeldeutigkeit des Episodentitels: I Can Let You Go. Normalerweise hört man diesen Satz eher in der verneinten Form in pathetischen Liebesliedern, wo man einfach nicht loslassen kann. Nun also hier ist diese positive Ausformulierung zu lesen, dass man endlich einen Menschen in seinem Leben loslassen muss, das fand ich ungewöhnlich, weswegen ich mich auch bei dem Gedanken erwischte, was ist eigentlich schwerer im Leben? Jemanden festzuhalten oder ihn gehen zu lassen? Ich tendiere zum Letzteren und glaube auch, dass das der Grundton dieser Episode war. Die entsprechende thematische Ansage hat Hailey am Ende der Episode an Sean gegeben. Zurecht natürlich, denn er ist keine gesunde Präsenz für ihr Leben, egal, wie viele tolle Hinweise er geben kann. Aber er hat wiederum auch recht, dass diese Ansprache genauso gut an Jay gerichtet werden muss. Auch wenn der Schritt, dass Jay seinen Aufenthalt bei der Mission noch einmal verlängern würde, zwangsweise erfolgen musste, weil eben Jesse Lee Soffer nicht mehr zur Verfügung steht und man anders logisch die Beziehung nicht inszenieren kann, so ist es für den Charakter ein weiterer Sargnagel. Es macht mich durchaus wieder sauer, weil Jay das so nicht verdient hat, aber gut, da muss ich wohl auch lernen, etwas loszulassen, weswegen ich es auch lieber aus Haileys Sicht betrachten will. Jay hat nun zum zweiten Mal eine Entscheidung getroffen, die sie beide betrifft, ohne vorher mit ihr darüber zu reden. So kann man keine Beziehung führen. Daher muss sie ihn gehen lassen und ich glaube, dass sie das unterbewusst auch schon weiß, aber bitterlich geweint hat sie erstmal über die Kenntnis, dass er sie wirklich verlassen hat und das nun zum zweiten Mal.

Die Episode ist aber sicherlich auch aus Seans Sicht sehr interessant. Es steht wirklich außer Frage, dass er und Hailey auf einer Ebene miteinander klick gemacht haben, die nicht groß logisch zu erklären ist. Wenn Sean nicht Sean wäre, vielleiht wären sie tatsächlich sogar irgendwie passend füreinander. Ich kann auf jeden Fall gut nachvollziehen, dass Sean so einen Narren an ihr gefressen hat, denn sie hat ihn eben auch herausgefordert. Letztlich rätsle ich aber vor allem über seine Behauptung, dass er als Informant tätig sein will, damit sein zweites Leben etwas wert ist und er sieht das als Wiedergutmachung für seinen Vater. Schöne Worte sind das auf jeden Fall, aber wie ehrenhaft ist das wirklich gemeint? Das ist eben das Spannende an Sean, dass man es nicht wirklich greifen kann. Die Szene wiederum, wo er dann Parker verkabelt aushorchte und dann genau in allen Details nacherzählte, wie er Abby behandelt hat, das war schon widerwärtig. Nun könnte man sagen, Mittel zum Zweck. Aber so selbstlos will ich die Tat eigentlich nicht auslegen. Denn Sean hat Hailey vorher nicht gesagt, was Parker vielleicht von ihm haben wollen würde. Das hat er sicherlich nicht aus Schutz gemacht, sondern weil es ihn gereizt hat, dass sie alles mithören würde. Insgesamt muss ich sagen, dass dieses Drehbuch tiefenpsychologisch auf jeden Fall einiges versucht hat und dass spätestens mit dem Gespräch von Parker und Sean auch eine Grenze erreicht war, wo es nicht viel weiter hätte gehen dürfen, aber eine Episode mit Sean ohne diese Extreme wäre vermutlich auch langweilig. In diesem Sinne lege ich ihm mal aus, dass er sicherlich für seinen Vater auf jeden Fall noch etwas tun will, aber ich glaube auch, dass er seine perfide Seite niemals ablegen wird. Auch wenn Hailey Sean nun eine Absage erteilt hat, er wird uns in dieser Staffel sicherlich noch begegnen und ich bin wirklich gespannt, wie.

In diesen ganzen Hailey-Sean-Konflikt war auch noch ein Fall der Woche eingebunden und der war diesmal eher nachlässig erzählt. Der Fokus dieser Episode war ganz klar etwas anderes, weswegen ich auch irritiert war, dass der Sequenz, als Hank Voight den kleinen Callum aus dem vermeintlichen Bombenrechteck lotste, so viel Zeit eingeräumt wurde. Das war langatmig und für den restlichen Verlauf der Episode auch völlig unnötig, denn die dadurch geknüpfte Verbindung zwischen den beiden hat keine Rolle mehr gespielt. Der Fall wiederum wirkte dann sehr willkürlich, auch weil ich eben die ganze Zeit dachte, wie logisch es ist, dass Sean so Informationen abgreift, ohne dass es irgendwann auf ihn zurückfällt. Damit will ich sagen, dass die Episode einige irritierende Faktoren hatten. Mit der Einführung von Richard Beck war die Folge wiederum zu offensichtlich. Ich war zwar überrascht, dass er letztlich wohl ein großer Drogenboss ist, aber dennoch wusste man direkt in der ersten Szene, der Typ hat Dreck am Stecken. Am Ende war es auch nicht wirklich verständlich, wie Samantha agiert hat und dass sie ihren Vater geschützt hat. Zumal der Fall auch offen rettet. Auch wenn Hailey und Hank sich einig waren, dass sie Beck im Auge behalten, wir werden das sicherlich nicht mehr zu sehen bekommen. Schon die letzte Episode ist recht offen ausgegangen. Ich finde so etwas immer irritierend, aber manchmal ergibt es auch Sinn. Aktuell ist es aber eine Tendenz, die ich als unnötig empfinde.

Fazit

"Chicago P.D." hat sich aktuell auf einem konstanten Niveau eingependelt. Die Episoden haben jeweils Luft nach oben, bieten aber immer starke Highlights, die Woche für Woche Lust bereiten. Diesmal ist es das spannende Duo aus Hailey Upton und Sean O'Neal, das funktioniert, aber es ist auch der Aspekt, dass sie sich dem Ende ihrer Beziehung stellt, was einen wichtigen Schritt für den weiteren Serienverlauf darstellt.

Lena Donth – myFanbase

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