Bewertung: 8

Review: #4.18 Cruellas Geschichte

Foto: Ginnifer Goodwin, Once Upon a Time - Copyright: 2017 ABC Studios; ABC/Jack Rowand
Ginnifer Goodwin, Once Upon a Time
© 2017 ABC Studios; ABC/Jack Rowand

Der berühmten Tierrechtsorganisation PETA dürfte die unterschwellige Botschaft dieser Folge sehr gut gefallen: wer Pelze trägt ist von Grund auf böse. Für alle anderen Zuschauer ist diese Episode nicht minder sehenswert, denn die Hintergrundgeschichte zu Cruella erweist sich als eine der düstersten, kontroversesten und besten Backstorys, die diese Serie bisher zu bieten hatte. Daraus resultiert eine der stärksten Folgen dieser Staffelhälfte.

Zu Beginn der Flashbacks erscheint Cruella als Opfer. Wir gewinnen zunächst den Eindruck, dass ihr heutiger Status als Bösewicht das Ergebnis einer schrecklichen Kindheit ist, die sie eingesperrt auf einem Dachboden verbracht hat, bewacht von den abgerichteten Dalmatinern ihrer grausamen, männermordenden Mutter. Auch der Autor, von dem wir jetzt wissen, dass er Isaac heißt, ist auf diese tragische Geschichte hereingefallen und hat Cruella als seine persönliche Rapunzel aus ihrem Turm befreit. Ein fataler Fehler! Cruella war nie ein Opfer und ihre bösen Taten sind keineswegs auf ein Kindheitstrauma zurückzuführen - sie ist, oder besser war, einfach ein von Natur aus verkommener Mensch. Sie hat ihren eigenen Vater und die folgenden Ehemänner ihrer Mutter aus reinem Vergnügen kaltblütig umgebracht. Sie war eine Soziopatin ohne jedes Schuldempfinden und Mitleid. Daran lässt die Szene, in der sie genüsslich dabei zusieht, wie ihre Mutter von den eigenen Hunden zerfleischt wird, welche Cruella dann anschließend zu einem Pelz verarbeitet, nicht den geringsten Zweifel. Als Isaac ihr die Fähigkeit nahm, andere Menschen töten zu können, hat er ihr das gestohlen, was ihr am liebsten war. Ihr persönliches Happy End bestand folglich darin, die Gabe des Mordens zurückzuerhalten oder zumindest Isaac dafür leiden zu lassen, dass er ihr das Liebste genommen hat. Harter Tobak.

Alle Bösewichte, die bisher in "Once Upon a Time" aufgetreten sind, hatten zumindest Motive für ihre Taten, die zwar nicht als Entschuldigung durchgehen, aber begreifbar waren. Die Böse Königin wurde von dem Wunsch nach Rache angetrieben, Peter Pan handelte aus dem selbstsüchtigen Verlangen heraus, ewig jung zu bleiben und ein Leben nach seinem Willen ohne Verantwortung zu führen, Ingrid fühlte sich als Ausgestoßene und wollte sich perfekte "Schwestern" erschaffen, Rumpelstilzchen/Mr. Gold braucht immer mehr Macht, da er voller Angst ist, und Zelena lässt sich von Neid beherrschen. Bei Cruella gibt es so etwas nicht. Sie äußert in einem Gespräch mit Isaac selbst, dass es für ihre Morde nie Gründe gab, sie ist einfach so wie sie ist. Das macht sie zu einer sehr erschreckenden Figur, denn sie erinnert uns daran, dass das Böse nicht immer erklärbar ist, dass hinter schlechten Taten nicht immer eine Geschichte steckt, die man analysieren und vielleicht sogar noch zu einem guten Ende führen kann wie etwa bei Ursula. Manche Menschen sind tatsächlich einfach böse und bleiben es bis an ihr Lebensende.

Das Duell zwischen Cruella und Emma besitzt unter diesen Voraussetzungen eine besondere Brisanz. Emmas Eltern haben sich darauf eingelassen, Maleficents Kind zu stehlen, damit Emma definitiv rein zur Welt kommt und nicht als jemand wie Cruella. Durch die Begegnung mit Cruella und dem Drumherum droht Emma aber nun doch der dunklen Seite zu verfallen. Ihr Blick am Ende auf Cruellas Leiche lässt nichts Gutes erahnen, wobei wir uns hier wieder einem ähnlichen Dilemma nähern wie damals bei Mary Margaret und Cora. Emma hat keinen unschuldigen Menschen getötet. Cruella war aufgrund ihrer Tötungs-Sperre zwar nicht so gefährlich, wie es Emma in dem Moment erschien, aber die Pelzliebhaberin als harm- und wehrlos zu bezeichnen erscheint mir doch weit untertrieben. Sie war eine Soziopatin, die es vermisst hat, töten zu können, die andere Menschen fortwährend bedroht und entführt hat. Ihr ganzes Auftreten ließ nie erahnen, dass sie nicht töten kann. Grundsätzlich hat Emma mit dieser Tat aber natürlich eine Grenze überschritten. In Kombination mit ihrer Wut auf ihre Eltern droht sie in eine gefährliche Abwärtsspirale zu geraten.

Es ist schon sehr interessant zu sehen, dass Emmas engste Vertraute nun Hook und Regina sind, die sie lieber um sich hat als ihre Eltern, wohl wissend, dass Hook und Regina sehr viele dunkle Flecken auf ihren Westen tragen. Wie Emma aber selbst betont, haben Regina und Hook nie den Anspruch erhoben, Helden und moralische Instanzen zu sein. Sie haben Emma nie so enttäuscht wie Mary Margaret und David. Für Emma ist mit der Erkenntnis, dass ihre Eltern fragwürdige Entscheidungen getroffen haben, unter denen andere leiden mussten, eine Welt zusammengebrochen, aber um nicht selbst vollends auf die falsche Bahn zu geraten muss sie natürlich lernen, ihnen zu verzeihen. Sie muss akzeptieren, dass auch Helden Fehler machen und Eltern nicht perfekt sind. Durch ihren Trip in die Vergangenheit hat Emma ja erfahren, wie es sich anfühlt, ihre Eltern zu verlieren, daran muss sie sich vielleicht wieder erinnern, bevor es zu spät ist.

Diese Folge beantwortet auch eine Frage, von der ich so ein bisschen Angst hatte, dass sie einfach ignoriert wird, nämlich, wieso Cruella und Ursula in unserer Welt nicht gealtert sind. Zu verdanken hatten sie das dem Drachenei, welches sie an sich genommen haben, während sie das Baby einfach im Wald zurückließen. Gleichzeitig tut sich eine neue Frage auf: wie kam Cruella aus ihrer 20er-Jahre-Dimension in die Märchenwelt? Oder kennen wir die Antwort bereits? Wie wir wissen hat Rumpelstilzchen damals die drei Königinnen der Finsternis zusammengebracht, möglicherweise hat er Cruella dazu überhaupt erst in die Märchenwelt geholt, in der sie vorher noch gar nicht war.

Die Begegnung mit Cruella hat auch Isaac, den Autor, beeinflusst. Es ist zwar nicht ganz klar, wann er begonnen hat, in die Geschichten einzugreifen, aber es macht schon den Eindruck, dass die Erfahrung mit Cruella sehr prägend für seinen weiteren Weg war. Er hat sich ihr geöffnet, sie schien seine Chance zu sein, endlich selbst ein erfülltes Leben zu führen, statt nur die Erlebnisse anderer festzuhalten, und musste dann feststellen, dass sie ihn getäuscht und benutzt hat. Letztlich hat er Cruella eine Fähigkeit gegeben und eine genommen und somit massiv in ihr Schicksal eingegriffen. War dies der Anfang seiner neuen Auslegung des Autorenberufs?

Maret Hosemann - myFanbase

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