Bewertung: 9

Review: #1.01 Serenity

Was mag nur in den Verantwortlichen beim amerikanischen TV-Sender Fox damals, im Jahre 2002 vorgegangen sein? Da hatte man den Kultautor Joss Whedon verpflichtet eine neue Serie zu schreiben, worauf er sich mit Feuereifer an die Arbeit machte. Zusammen mit seinem Kollegen Tim Minear entwickelte er das Konzept eines Weltraumwestern, ausgehend vom Charakter des desillusionierten Captain Malcolm Reynolds, der lebt, um zu leben und zu fliegen. Nicht mehr und nicht weniger. Whedon und Minear entwickelten eine komplett neue Welt, eine Art Zukunftsvision, in der zwar die Technik weit fortgeschritten ist, der Mensch ganze neue Galaxien besiedelt hat, aber in den Randgebieten dieser Welten, den so genannten äußeren Planeten, ist die Geschichte sozusagen rückwärts gelaufen. Die dortigen Siedler leben als Pioniere auf dem Niveau des glorreichen Zeitalters des amerikanischen Westerns.

Whedon drehte einen 90minütigen Piloten, in dem die Welt in der "Firefly" spielt, die Charaktere und die Geschichten vorgestellt werden, aber der Sender beschloss, dass ihnen dieser Pilot nicht gefiel. Es mangele an Action, die Hauptfigur des Captain Reynolds sei zu düster und pessimistisch, und überhaupt kämen die Helden der Serie viel zu wenig heldenhaft herüber. Innerhalb eines Wochenendes mussten Minear und Whedon einen neuen Start für die Serie schreiben, der sowohl als zweite Episode hinter #1.01 Serenity fungieren kann, als auch für Neueinsteiger die Serie als solche eröffnen sollte. Das Ergebnis davon ist #1.02 Schmutzige Geschäfte, womit ich mich aber natürlich in der entsprechenden Review auseinandersetzen werde, welche dann auch als Serienstart in den USA ausgestrahlt wurde.

Zurück zum ursprünglichen Piloten, der im amerikanischen Fernsehen schon nach der beschlossenen Absetzung als Episode zehn und elf gesendet wurde. Hier in Deutschland orientiert man sich zum Glück an der ursprünglich vorgesehenen Reihenfolge. Und man tut gut daran, denn die Geschichte und vor allem die engagierten Whedon-Fans haben bewiesen, dass #1.01 Serenity ein perfekter Pilot ist. Und wenn ich sage perfekt, dann meine ich perfekt. Normalerweise tue ich mich schwer, Piloten zu bewerten, und noch viel schwerer, ihnen die volle Punktzahl zu geben. Denn oftmals fällt es nicht leicht, sowohl eine schlüssige Ausgangslage zu schaffen, die Charaktere einzuführen, als auch ein Gefühl zu vermitteln, wie die Serie in eher alltäglichen Episoden aussehen wird. Selten bin ich schon nach der ersten Episode einer neuen Serie begeistert. Aber genau dies gelingt bei "Firefly" ohne Abstriche.

Wir lernen Captain Mal Reynolds und Zoë Washburne kennen, die schon im Großen Krieg zusammen gekämpft haben und sich jetzt durch Schmugglerjobs, die sie mit ihrem Transportraumschiff der Firefly-Klasse namens Serenity ausführen, über Wasser halten. Sie haben eine mehr oder weniger loyale Crew um sich geschart, zu der der Pilot der Serenity und Zoës Ehemann, Hoban 'Wash' Wasburne, Jayne Cobb, ein ehemaliger Söldner als Mann fürs Grobe und Kaylee, die Mechaniker gehören. Außerdem reist mit ihnen die hoch angesehene Companion Inara Serra. Eine Companion ist eine Konkubine, oder wie Mal es profan ausdrückt eine Hure. Da aber die offiziellen Companions ein hohes Ansehen genießen, wenn man von Mal absieht, öffnet Inaras Anwesenheit der Serenity viele Tore, die ihnen sonst verschlossen bleiben würden. Um etwas Geld dazu zu verdienen und auch den legalen Anschein zu wahren, nimmt die Serenity von Zeit zu Zeit zahlende Passagiere an Bord. So kommen Shepherd Book, ein Geistlicher, Simon Tam und Lawrence Dobson dazu.

Im Laufe der 90 Minuten dieser Episode wird erzählt, welche Schwierigkeiten die Serenity hat, sich mit ihren kleinen Gaunereien über Wasser zu halten, denn sie ist immer auf das Wohlwollen anderer krimineller Mittelsmänner angewiesen. Die neuen Passagiere erwecken erstes Misstrauen, besonders Simon Tam verhält sich auffällig und nervös, und zieht den Verdacht auf sich, Spion der Allianz, der alles beherrschenden Regierungsorganisation, die Mals größter Feind ist, zu sein. Aber infolge einer Kette von Ereignissen auf dem Raumschiff stellt sich heraus, dass Dobson der eigentliche Spion, auf der Spur von Simon ist. Simon ist ein Flüchtling, der seine Schwester River aus einem Labor der Allianz entführt hat, in der man ihr Gehirn manipulierte. River befindet sich als blinder Passagier unter der Fracht und wird daraufhin von Mal entdeckt. Durch einen unglücklichen Zufall wird Kaylee angeschossen, Simon zeigt sein Können als Arzt und nachdem Dobson beseitig wurde, bietet Captain Reynolds den Geschwistern Tam an, ihre Flucht vorerst auf der Serenity fortzusetzen. Somit ist die Ausgangssituation für die Serie gegeben.

Der Pilot besticht durch eine rasante, aber niemals überstürzte Handlung, die einen von Anfang an in den Bann zieht. Der Spannungsbogen wird immer gehalten. Dabei gelingt es aber trotzdem, den wichtigsten Charakteren von Beginn an Tiefe zu verleihen. An erster Stelle natürlich Malcolm Reynolds, der die tragende Person auf der Serenity und in "Firefly" ist. Man bekommt ein sehr gutes Bild von diesem Mann, der zynisch und schlecht gelaunt ist, aber doch auch in kleinen Momenten sehr herzlich und loyal wirkt. Er ist kein strahlender Held, damit hatte der Sender Fox Recht, aber er ist von der ersten Minute an ein tiefgründiger, faszinierender Charakter, der in keine Schublade passt und dessen weiteres Handeln nie vorhersehbar ist. Auch die anderen "Firefly"-Charaktere können ab der ersten Episode den Zuschauer für sich gewinnen, besonders erwähnt werden muss hier River, die von Beginn an ein großes Mysterium darstellt, welches der Serie gleich eine ganz besondere Dynamik verleit.

Des Weiteren gelingt es dieser Episode sehr gut, dem Zuschauer ein Gefühl vom Schiff Serenity zu vermitteln, von der Größe, der Anlage, den Räumen. Immer wieder unternimmt man lange Kamerafahrten zusammen mit den Protagonisten um den 10. Hauptcharakter, die Serenity, vorzustellen. Und im Gegensatz zu vielen Weltraumserien oder auch –filmen verzichtet man bewusst darauf, in Szenen die im freien All spielen, pathetische Musik einzusetzen. Bei "Firefly" herrscht im All Stille.

Im gegenteiligen Stil zum Science-Fiction-Teil, steht die Westernoptik, die man durch die Kleidung Mals, und besonders durch die weiten Prärielandschaften auf den äußeren Planeten erweckt. Auf dem Papier kann man sich diese Verknüpfung nicht wirklich vorstellen, auf dem Bildschirm funktioniert dies sehr gut.

Nicht vergessen darf man hier den wunderbaren Humor, für den Joss Whedon auch bei anderen Projekten bekannt ist. Die Sprüche sitzen, und sind niemals albern oder aufgesetzt, sondern voller trockener Selbstironie und schwarzem Humor. Und in bereits der ersten Folge dieser Serie gibt es Momente, die einem Whedon-Fan für immer im Seriengedächtnis bleiben. Wie Mal River in der Kiste entdeckt, und auf dieses Sinnbild der nackten Unschuld herabblickt, bis ihm ein aufrichtig überraschtes "Oh" entfährt, und wie Mal in Tarantinomanier im Vorbeigehen Dobson erschießt, werde ich nie vergessen.

Ich empfehle jedem Serienfan, lasst euch diesen wunderbaren Piloten nicht entgehen. Er bietet jede Sekunde Unterhaltung auf höchstem Niveau für die ganze Familie. Und er weckt Appetit auf mehr. Man möchte der Crew der Serenity öfter beim Abwickeln ihrer Schmugglerjobs zuschauen, und man möchte erfahren, was es mit River auf sich hat und was ihr widerfahren ist. Die besten Vorraussetzungen für eine Serie, jede Woche eine kleine abgeschlossene Geschichte zu erzählen, aber trotzdem eine größere Handlung immer im Auge zu haben. Unbedingt einschalten!

Cindy Scholz - myFanbase

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