Bewertung: 5

Review: #6.10 Radioaktiv

In der langen Zeit bis zum Start der siebten Staffel wird den "True Blood"-Zuschauern nicht langweilig werden, denn das Finale der sechsten Season bietet ausreichend Diskussionsstoff. Der geneigte Fan kann sich mühelos die Finger wund schreiben und den Mund fusselig reden über das, was in diesem Schlussakt passiert. Als Zuschauerin verschiedener Serien habe ich schon so manches kontroverses Staffelfinale erlebt, aber selten eines, das so völlig anders daherkommt, als ich vorher erwartet habe. Die sechste Staffel endet mit sehr vielen "WTF?"-Momenten.

Die Braut trägt schwarz

Was eigentlich Warlows Hochzeitstag werden sollte, wird seine Beerdigung - und er ist komplett selbst daran Schuld. Als seine Braut Sookie ihm vorschlägt, es langsamer angehen zu lassen und sich gemeinsam ein Leben in Bon Temps aufzubauen, dreht er vollkommen durch und wird schließlich mit vereinten Kräften von Sookie, Jason, dem ent-Lilith-ten Bill, Andy, Sookies neuer Quasi-Schwägerin Violet, Adilyn und dem fast vergessenen Niall vernichtet.

Für meine Begriffe ging das alles ein bisschen zu schnell. Ich fand es sehr gelungen, dass wir im Verlauf dieser Staffel festgestellt haben, dass Warlow nicht einfach nur eine unheimliche Kreatur ist, die Sookie nachstellt, sondern auch gute, menschliche Seiten besitzt und zumindest ursprünglich selbst ein Opfer war. Das Prinzip von Licht und Schatten in der Persönlichkeit von Warlow sowie Sookies gemischte Gefühle für ihn hätten noch über einen längeren Zeitraum erforscht werden können. Ich hatte mich gedanklich schon darauf eingestellt, dass Warlow auch in der siebten Staffel eine wesentliche Rolle spielen wird. Stattdessen tickt er aus und endet als blutiger Brei auf Sookies Badezimmerboden.

Letztlich ist Warlow an seiner Ungeduld und seiner fehlenden Beherrschung, - eine bekannte Schwäche der Vampire -, gescheitert. Nach über 5000 Jahren Einsamkeit wollte er nicht mehr warten und schon gar nicht teilen. Er wollte Sookie allein für sich und das sofort.

Burning Man

Mit Warlows Tod erlischt auch das Licht in den Vampiren, die sein Blut zu sich genommen haben, und sie verlieren die Fähigkeit, in der Sonne zu wandeln. Für die meisten der betroffenen Vampire ist das zwar schade, aber nicht gefährlich, da die Sonne in Bon Temps bereits untergegangen ist und sie in Sicherheit sind, Eric aber liegt gerade auf einer schwedischen Bergkuppe und beginnt zu brennen. Sein Schicksal wird offen gelassen.

Der nackte, brennende Eric ist eine der aufsehenerregendsten Szenen dieses Staffelfinales und bietet allein schon viel Material für hitzige Debatten und Spekulationen. Ja, und für nicht-jugendfreie Träume. Ist er wirklich tot, oder kann er sich noch irgendwie retten? Kommt ihm Pam vielleicht zu Hilfe, deren Verbleib (und Überleben) im Moment auch noch völlig ungewiss ist? Sollte dies tatsächlich Erics Ende sein, was ich persönlich nicht glaube, dann ist es kein sonderlich würdevolles. Alleine und hüllenlos in einem Gebirge zu verbrennen, hat nicht unbedingt Stil. Grundsätzlich fällt es mir schwer zu verstehen, dass Eric seine beiden Abkömmlinge Pam und Willa zurückgelassen hat, um ungestört sonnen und lesen zu können. Ich habe eher erwartet, dass er Orte aus seiner und Noras Vergangenheit aufsucht, um so seiner Schwester zu gedenken, oder etwas in dieser Art. Wenn man bedenkt, dass Willa als Vampir erst ein paar Tage alt ist, lässt Eric sie ganz schön im Stich. Auch über Pams Entscheidung, Eric zu suchen, statt bei Tara und Willa zu bleiben, kann man streiten. Taras Äußerung, dass Eric und Pam ziemlich miserable Macher sind, würde ich in dem Moment durchaus unterschreiben. Es bleibt an Tara, die selbst noch nicht lange ein Vampir ist, hängen, Willa "großzuziehen". Tara macht ihre Sache aber ganz gut, denn sechs Monate später ist Willa immer noch so gesund und munter, wie ein Vampir sein kann.

Dass es Pam schwer fällt, Eric loszulassen, ist verständlich, aber es wäre einfach würdevoller, wenn sie ihm nicht ständig hinterherlaufen und sich stattdessen dem Nachwuchs widmen würde. Was mich auch etwas wundert, ist, dass Pam fliegen kann. Wir wissen seit der Folge #6.06, dass sie in der Lage ist zu schweben, aber das sie auch (schon) fliegen kann, erstaunt mich. Möglicherweise ist die Gabe des Fliegens vor allem in Godric Blutlinie sehr ausgeprägt, was bedeutet, dass Tara und Willa diese Gabe auch bald erlangen könnten.

Alles anders

Wenn eine Serie endet, wirft die letzte Episode oftmals einen Blick in die Zukunft, um den Zuschauern zu zeigen, wie es den Charakteren in einigen Jahren geht. Diese Folge ist nicht das Serien, - sondern ein Staffelfinale, so dass der sechsmonatige Zeitsprung überrascht. Wir finden einige neue Umstände vor. So sind Sookie und Alcide nun ein Paar. Das hat sich zuletzt überhaupt nicht abgezeichnet. Seit der Mitte der fünften Staffel gab es so gut wie keine Interaktion mehr zwischen Sookie und Alcide. Letzterer hat zudem auf der Beliebtheitsskala einen deutlichen Abstieg erlebt, weil er als Leitwolf eine schlechte Figur abgegeben hat.

Wie gut Sookie und Alcide als Paar wirklich funktionieren, wird die siebte Staffel zeigen. Dass sie überhaupt zueinander gefunden haben, hängt sicherlich damit zusammen, dass Sookie nun wirklich die Nase voll von Romanzen mit Vampiren hat (und Sam nicht mehr zur Verfügung steht), während Alcide nach Debbie und Rikki auch keinen großen Bock mehr auf die weiblichen Vertreter seiner Spezies haben dürfte.

Leicht wird es für Sookie und Alcide nicht werden. Bill zeigt, seit er Liliths Blut nicht mehr in sich trägt, wieder stärkeres Interesse an Sookie und auch Sookie wirkt nicht so, als ob sie sich emotional komplett von Bill gelöst hat. Ungeachtet der Tatsache, dass zwischen Sookie und Alcide immer schon eine Anziehung bestand, war Alcide lange Zeit nicht Sookies erste Wahl, nicht einmal ihre zweite. Sookies Verhältnis zu Vampiren ist ein so elementarer Bestandteil der Serie, dass man sich schwer vorstellen kann, dass sie am Ende mit einem Werwolf ihr Glück findet.

Eine andere große Veränderung betrifft Sam und das Merlotte's. Sam ist nun der Bürgermeister von Bon Temps und hat seinen Laden an Arlene abgegeben, die offensichtlich einen Teil der Versicherungssumme dafür verwendet hat. Das Merlotte's heißt nun also Bellefleur's. Fairerweise muss man sagen, dass Arlene zuletzt eine der wenigen Angestellten war, die wirklich regelmäßig in der Bar gearbeitet haben. Allen voran Sookie aber auch Sam und Lafayette waren oft für mehrere Tage spurlos verschwunden. Von daher verdient Arlene es durchaus, nun die Chefin zu sein.

Die Vampir-Zombie-Apokalypse

Die Zeiten, in denen Vampire einfach nur Vampire waren, sind seit dieser Staffel vorbei. Wir wissen inzwischen, dass Vampir-Elf-Hybriden möglich sind, und nun gibt es auch Vampirzombies. Gut, der Ausdruck "Vampirzombie" (bzw. "Zombievampir") wird in dieser Folge nicht verwendet, aber er passt ziemlich gut auf die mit Hepatitis V infizierten Vampire, die eine ganz neue Bedrohung darstellen. Das Hep V erweist sich nun tatsächlich als die größte Katastrophe in der Vampirgeschichte, aber auf andere Art, als vermutet. Die erkrankten Vampire sind sterbende Untote, die unkontrolliert umherwandeln und das Hep V noch weiter verbreiten. Bei Nora verlief die Krankheit anders, viel schneller, aber ihr wurde auch reines, konzentriertes Hep V (ich gewöhne mir die Abkürzung jetzt mal an) gespritzt. Das Problem mit Viren, die ein Labor verlassen, ist, dass sie alle Möglichen Umwege nehmen und fröhlich mutieren.

Durch die Verbreitung des Hep V hat sich das Verhältnis zwischen den Menschen und den Vampiren verändert. Die Menschen und die gesunden Vampire rücken nun enger zusammen, weil sie einander brauchen. Das ist ein ganz neues, unerwartetes Kapitel in der Mensch-Vampir-Beziehung und hat viel Potential. Taras Mutter Lettie Mae etwa bietet sich ihrer Tochter als Spenderin an. Damit kehrt sich die Situation, die wir in der fünften Staffel hatten, wieder um. Tara wird nun von Pam im Stich gelassen und dafür von ihrer leiblichen Mutter wieder aufgenommen. Da Lettie Mae allerdings bisher, was Tara betrifft, alles falsch gemacht hat, bin ich noch skeptisch, was diese Familienzusammenführung betrifft. Lettie Mae kommt mir nach wie vor nicht wie ein gefestigter Charakter vor, der es schafft, verantwortungsvoll und uneigennützig zu handeln.

Nachbetrachtung und Vorausblick

Spätestens ab der fünften Folge wurde diese Staffel richtig gut. Sie war nie ganz frei von Schwächen und den einen oder anderen Logiknieten, aber der Unterhaltungsfaktor war hoch und es gab viele tolle Szenen zu sehen. Das Finale hinterlässt nun einen zwiespältigen Eindruck, da manche Geschichten zu hastig abgeschlossen oder neu angefangen werden.

Das Gefühl, den Sinn von Bills und Liliths Verbindung zu durchschauen, hat man am Ende nicht. Bill wollte Warlows Blut synthetisieren, um den Vampiren die Fähigkeit zu geben, sich im Sonnenlicht zu bewegen, was ihm aber nicht gelungen ist. Er konnte zwar eine kleine Gruppe davor bewahren, in der Sonne zu verbrutzeln, aber nicht verhindern, dass ein mörderisches Virus die Vampirwelt aus den Angeln hebt. Genau genommen hat Bill nicht einmal gezielt versucht, dass Hep V zu bekämpfen, sein Interesse galt der Verhinderung seiner Vision. Wollte Lilith am Ende gar, dass das Virus ausbricht, um eine Art Großputz in der Vampirpopulation zu veranstalten? Um eine Reinigung durchzuführen, aus der eine neue Vampirgeneration entsteht? Aber wozu brauchte sie dann Bill? Damit er Vampire rettet, die für den Neuanfang gebraucht werden? Darüber darf uns die siebte Staffel gerne aufklären, obwohl ich nicht ernsthaft damit rechne. Übrigens würde ich immer noch gerne wissen, wie Sarah eigentlich damals Jessica aus Jasons Haus ausladen konnte.

Mit den Vampirzombies ist "True Blood" angesichts des Erfolges der Serie "The Walking Dead" und anderer Zombieproduktionen sicherlich auf dem richtigen Dampfer und macht hoffentlich etwas daraus. Mit "etwas" meine ich skurrile, makabere Unterhaltung, die fesselt und nicht allzu unlogisch daherkommt.

Maret Hosemann - myFanbase

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