Bewertung: 8

Review: #1.01 Kapitel 1: Das Verschwinden des Will Byers

Foto: Caleb McLaughlin & Gaten Matarazzo, Stranger Things - Copyright: Curtis Baker/Netflix
Caleb McLaughlin & Gaten Matarazzo, Stranger Things
© Curtis Baker/Netflix

In "Stranger Things" ist die Bedrohung omnipräsent, aber auch subtil und unter der Oberfläche schlummernd. Die Kreatur, die zunächst in einem Labor des Energieministeriums einen Mitarbeiter angreift (und sehr wahrscheinlich tötet) und für das Verschwinden des jungen Will Byers verantwortlich ist, wird nur angedeutet. Es gibt keine große Exposition, die das Grauen zeigt. Es ist einfach da. Es wird nur angedeutet, woher es kommt. Wieso es aber überhaupt hier ist, mitten in der unbedeutenden Einöde Indianas, in der der spektakulärste Polizeifall der einer Eule war, die eine einheimische Frau angriff, ist nicht klar. Ebenso wenig wie der Zweck des Daseins dieser Kreatur und der Grund, weswegen es Menschen verschwinden lässt und evtl. sogar tötet. Letzteres wird man sicherlich in den kommenden Episoden erfahren.

Es besteht eine bedrohliche Dauerpräsenz, die durch das Nutzen zahlreicher optischer Horrorfilmklischees verstärkt wird - Nebel, Dunkelheit, flackernde Lichter. Man könnte es auch Hommage nennen. Generell ist der Pilot voll von Anspielungen auf die Popkultur der 80er Jahre - mal ausgesprochen, wie die Erwähnung von Tolkiens Büchern "Herr der Ringe" bzw. "Hobbit", "X-Men"-Comics oder dem Spielen von Totos "Africa", eines der ikonischsten Musikstücke der 80er Jahre, mal angedeutet, wie die teils optischen oder dramaturgischen Ähnlichkeiten zu "E.T. - Der Außerirdische" oder den "Goonies". Das kann manchmal arg bemüht wirken, weil man als Zuschauer das Gefühl bekommt, dass die Eigenständigkeit ein wenig auf der Strecke bleibt. Alle Kinder der 80er jedoch können sich darauf freuen, dass dieses für Viele prägende Jahrzehnt mittlerweile auch verstärkt in aktuellen Werken repräsentiert wird, abseits von den durchschaubaren Hinweisen auf schlechte Frisuren und Schulterpolster.

Dieses wohlige Gefühl verstärkt sich zusätzlich dadurch, dass in #1.01 Kapitel eins: Das Verschwinden des Will Byers auch vor allem diejenigen angesprochen werden, die sich eher auf der nerdigen Seite ihres charakterlichen Spektrums sehen. Die vier Jungs Mike, Will, Dustin und Lucas spielen zehn Stunden "Dungeons & Dragons" und werden an ihrer Schule im wahrsten Sinne des Wortes als "Freak Show" abgetan. Man hat es also zu tun mit den Außenseitern, die für Außenstehende eventuell eher schrullige Angewohnheiten haben, in der Pilotfolge aber vor allem liebenswert wirken. Insbesondere Dustin, der Cap-tragende Junge, der mit seinem zahnlosen Lächeln (er leidet ebenso wie sein Darsteller Gaten Matarazzo an einer seltenen Erbkrankheit namens Kleidokranialer Dysplasie, die seine Zahnentwicklung beeinträchtigt) und seiner gutmütigen und auch mal ängstlicheren Art versucht, das Herz von Mikes Schwester Nancy zu gewinnen, bleibt hier besonders im Gedächtnis. Die anderen drei Jungs hingegen haben sich bisher noch nicht nachhaltig in die Erinnerung des Zuschauers gespielt, was aber nach gerade einmal einer Episode und 45 Minuten Spielzeit auch alles andere als ein ernsthafter Kritikpunkt ist. Man kann aufgrund der bereits jetzt wohltuend facettenreichen Zeichnung der anderen Charaktere aber schon einmal hoffnungsvoll sein, dass auch insbesondere Mike und Lucas noch mehr Profil erhalten.

Vor allem Wills alleinerziehende Mutter Joyce, gespielt von Winona Ryder, spielt sich ins Gedächtnis als diejenige, die die Untersuchung von Wills Verschwinden ins Rollen bringt und alles in ihrer Macht stehende tut, um ihren Sohn wieder bei sich zu haben. Sehr interessant könnte hier die Dynamik mit ihrem anderen Sohn, Jonathan, werden, den sie in letzter Zeit wohl vernachlässigt hat, wie man in einer intensiven, aber leider auch schon fast rührseligen Szene erfährt, als die beiden sich unter anderem Fotos von Will ansehen. Ebenso gespannt sein darf man auf die Rolle von Jim Hopper. Der saufende, rauchende und zu spät kommende Polizeichef von Hawkins hat sein eigenes schweres Päckchen auf seinen Schultern zu tragen, denn wie man erfährt, hat der schlecht gelaunte bis lethargisch wirkende Hopper vor ein paar Jahren seine Tochter verloren. Auch hier kann man erwarten, dass in den kommenden Episoden der Zuschauer weitere Hintergründe zu dieser Tragödie und ihren Einfluss auf Hoppers aktuelles Stimmungsbild erfährt. Trotz all der privaten Sorgen, die ihn herumzutreiben scheinen, kann man Hopper aber nicht vorwerfen, untätig zu sein. Nach ein wenig Überzeugungskraft durch Joyce nimmt er sich dem Fall an und macht erste Entdeckungen, wie das Fahrrad Wills. Man darf gespannt sein, wie generell die Rolle der Polizei sein wird im Vergleich zu den sicherlich in Eigenregie angestellten Nachforschungen von Mike, Dustin und Lucas und ob sie eher hinderlich oder förderlich wirken werden. Generell bietet die aktuelle Charakterzeichnung aber sehr viel Potential für Tiefe und Vielfalt, mit genug Andeutungen, um mehrere Episoden, wenn nicht sogar Staffeln zu füllen.

Das Erzähltempo selbst wirkt aktuell gut ausbalanciert zwischen ruhigen Momenten zur Charakterarbeit und handlungsstarken Szenen, die den Plot vorantreiben. Was jedoch bisher so gar nicht reinpassen möchte, ist die Nebenhandlung um Mikes Schwester Nancy und ihr Stelldichein mit ihrem Freund Steve. Das Mädchen, das lernen möchte, von ihrem Freund an ihrem Fenster überrascht wird und dessen forschen Annäherungsversuchen erliegt ist weder innovativ noch sonderlich interessant, wenn auf der anderen Seite ein mysteriöses junges Mädchen aus einer Regierungseinrichtung flieht und man unbedingt mehr über sie erfahren möchte. Eleven ist bisher noch wenig greifbar als Figur. Sie scheint einen guten Appetit zu haben, redet praktisch gar nicht, vor allem aber scheint sie mit ihren Gedanken Gegenstände beeinflussen zu können, wie das Beispiel des lauten Ventilators zeigt, den sie zum Stillstand bringt, ohne ihn zu berühren. Hier vor allem interessant ist natürlich auch die Rolle des Personals des Hawkins National Laboratory. Wer ist dieser Dr. Brenner? Aus welcher fremden Masse kam die Kreatur und was hat Eleven damit zu tun? Ein wenig überraschend hingegen war die Skrupellosigkeit und Gewalt mit der Dr. Brenners Gefolgschaft vorging, auch wenn hier einige Klischees bekannter Verschwörungsthriller bemüht wurden.

Final hervorzuheben bei dieser Episode (und höchstwahrscheinlich auch jeder weiteren) ist der bombastische Synthies-Score, mit dem Kyle Dixon und Michael Stein einen waschechten 80ies-Klangteppich ausgelegt haben, der wunderbar die Handlung umspielt und gleichzeitig für ein wohliges Retro-Gefühl sorgt. Auch optisch ist "Stranger Things" bisher eine Wucht und zeigt, wie düster und doch irgendwie schön man die 80er eigentlich darstellen kann. Von öden Inneneinrichtungen in den Häusern über neblige oder regenverhangene Landschaften und verwaschene Farben – so wirklich Teil dieser mitunter fast depressiven Optik möchte man nicht sein, die Konsequenz, mit der diese und das um sie herum herrschende Mysterium dargestellt wird, ist aber stimmig und äußerst bemerkenswert.

Fazit

Ein richtig starker und vielversprechender Beginn, mit klitzekleinen Minuspunkten in der Ausführung (Stichwort: Nancy). Man darf gespannt sein auf die kommenden Episoden.

Andreas K. - myFanbase


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