Bewertung

Review: #1.02 Kapitel 2: Die Verrückte auf der Maple Street

Mit der Begegnung von Eleven (im Englischen kurz "El" im Deutschen allen Ernstes "Elfi") und den drei Jungs nimmt die Geschichte in #1.02 Kapitel zwei: Die Verrückte auf der Maple Street nun so langsam Fahrt auf und der Plot der restlichen Staffel scheint sich so langsam abzuzeichnen. Wahrscheinlich tut man "Stranger Things" aber Unrecht, sich bereits so weit aus dem Fenster zu lehnen. Tatsache ist aber, dass auch diese Episode gewissen Regeln bzw. Mechanismen folgt, die selten zu richtigen Überraschungsmomenten führen. Entweder es wird kurz vorher sowohl optisch als auch akustisch angekündigt, dass nun wohl etwas Unheilvolles geschehen wird, wie bei Barbs Verschwinden, oder man orientiert sich auch dramaturgisch recht stark an den (vor allem filmischen) Vorbildern, in dem Fall insbesondere "E.T. - Der Außerirdische". Gerade in Verbindung mit den offensichtlich schrecklichen und traumatischen Erlebnissen, die El durchmachen musste, und ihrer aktuellen Angst und damit verbundenen Zurückhaltung, was man auch so oder in ähnlicher Form in einigen Filmen sah, erfindet man hier das Rad nicht neu.

So oder so scheint dies aktuell aber gar nicht allzu wichtig zu sein beim Genuss einer Serie wie "Stranger Things". Sie ist nun mal eine recht offensichtliche Hommage – und das ist völlig okay. Wenn man die einzelnen Elemente so gut miteinander verknüpft und dann auch noch neben einer spannenden, wenn auch etwas absehbaren, Story sich vor allem die Charakterzeichnung auf die Fahnen schreibt und die einzelnen Figuren durch hervorragende Schauspielarbeit zum Leben erweckt werden, kann man da einfach keine Vorwürfe machen.

Nun, da El in den Vordergrund gerückt wird, kommt man auch in den Genuss einer Schauspielerin mit herausragendem Talent, die da Millie Bobby Brown heißt. Selbst für diejenigen, die wie der Autor "Stranger Things" erst mit einiger Zeit Verspätung zu verfolgen begonnen haben, ist die junge Britin ein Begriff, weil sie gefühlt "everybody's darling" und gleichermaßen Kritikerliebling ist. Da ist es manchmal einfach schön sich anzusehen, wie der anscheinend unaufhaltsame Aufstieg von Ms. Brown ihren Beginn fand. Nach gerade einmal gut einer Episode, in der sie im Mittelpunkt steht, kann man das weitläufige Lob in jedem Fall nachvollziehen. Von Angst über Verzweiflung und unvorhergesehen Wut ist das schauspielerische Repertoire, das hier gefüllt werden muss, alles andere als klein, und doch gelingt es Millie Bobby Brown mit Bravour.

Mit ihren großen braunen Augen und ihrer aktuell sehr zurückhaltenden Art, lädt El geradezu dazu ein, dass man sie einfach nur in den Arm nehmen möchte, zeigt gleichzeitig aber auch, dass sie anders kann und dann durchaus auch mal so richtig Angst einflößt. Mit der Rückblende zu ihrer schlimmen Zeit vor der Freiheit, fühlt man aufrichtiges Mitleid für dieses junge Mädchen, das augenscheinlich Dinge durchmachen musste, die man keinem Menschen wünscht, vor allem keinem Kind. Zumindest kann man davon ausgehen, dass El aus sozialer Sicht noch einiges an Nachholbedarf hat, wie man an ihrer herzzerreißenden Frage, was ein "Freund" sei, eindrucksvoll aufgezeigt bekommt.

Nancys Storyline ist unterdessen immer noch kaum eingebettet in den übergreifenden Plot und wirkt nicht nur deshalb als störend, sondern auch, weil ihre Beziehung mit Steve aktuell unheimlich öde ist. Klar handelt da niemand unglaubwürdig, weil man sich in einer Zeit, in der die Hormone verrückt spielen und man auch charakterlich noch nicht gefestigt genug ist, nun einmal oft so verhält, wie es Nancy tut. Aber trotzdem kommt man nicht umhin, mit den Augen zu rollen, wenn durch einen schmierigen Typ wie Steve Nancy zu einem nervigen Teenager verkommt. Zumindest beginnt man aber nun verstärkt, Nancy mit den anderen Handlungssträngen zu integrieren, wenn auch noch etwas zögerlich, wie man an Jonathans Schwärmerei und den Fotos, die er aus dem Wald von ihr macht, sieht. Der wahrscheinlich einschneidende Punkt könnte aber Barb als Nancys beste Freundin sein. Gerade, als man sie ins Herz geschlossen hat, weil sie die Stimme der Vernunft im Freundeskreis zu sein scheint und Nancy selbst vorwirft, ein einziges Klischee zu sein, erwischt sie das Monster, von dem man anscheinend in jeder Episode ein Stückchen mehr sieht. Äußerst schade, aber vielleicht ist das ja trotzdem nicht das letzte Mal, dass man Barb gesehen hat.

Denn, wie sich nun andeutet, könnte das eigene Verschwinden durch das Monster nicht zwangsläufig bedeuten, dass man tot ist. Joyce, [ur=Wills]https://www.myfanbase.de/stranger-things/charakterbeschreibungen/?pid=26690[/url] Mutter, dachte bereits in der vergangenen Episode, dass dieser versucht, mit ihr per Telefon Kontakt aufzunehmen. Dachte man da eventuell noch, dass der Anruf auch andere Auslöser haben könnte, scheint sich nun zu bestätigen, dass es wirklich Will ist, der da mit seiner Mutter kommunizieren möchte. Einmal hört man sogar seine unverzerrte Stimme. Interessant ist aber vor allem die Art und Weise der Kontaktaufnahme. Anscheinend gelingt es Will, neben dem Telefon auch einzelne Lampen und sogar den Plattenspieler kurzzeitig zu kontrollieren, wo "Should I stay or should I go" von The Clash gespielt wird – eine nicht nur musikalisch hervorragende Wahl, sondern eine schöne Form der Reminiszenz an die gemeinsame Zeit von Will und dessen Bruder Jonathan, als sie den Song für sich entdecken. Bisher wird das Instrument der Flashbacks sehr gezielt und behutsam eingesetzt, um Momenten der Gegenwart mehr Kontext und damit Bedeutung zu geben. Das funktioniert aktuell sehr gut. Klar, auch an dieser Stelle wäre wieder ein Lob für Winona Ryders Schauspiel erforderlich, weil sie als verzweifelte Mutter einfach fabelhaft ist. Aber es ist schön, dass man durch die Kommunikation mit Will nun eine andere Ebene eingebaut hat und Joyce nicht nur überall traurig dreinblickend durch die Kleinstadt wandert und ihr Umfeld an ihr trauriges Schicksal erinnert. Denn das könnte sich wahrlich schnell abnutzen. Als Zuschauer kann man nun zudem das erste Mal einen Blick auf Lonnie erhaschen, Wills und Jonathans Vater und Joyces Ex, der mit seiner recht einfältigen Freundin ein Leben außerhalb von Hawkins in Indianapolis führt. Man kann geradezu die Luft schneiden, wenn Jonathan oder Joyce mit Lonnie interagieren und darf daher gespannt sein, was zu derart verhärteten Fronten in der Vergangenheit führte.

Was in dieser Episode vielleicht zum ersten Mal so richtig auffällt: "Stranger Things" kann für kurze Momente richtiggehend witzig sein. Angefangen bei Dustins herrlich unerschrockener Art, Eleven danach zu fragen, ob sie Krebs habe, die Reaktion der drei Jungs, als sich Eleven ausziehen möchte, über Joyce, die bei ihrem Chef am Ende auch noch kostenlose Zigaretten erschnorrt, bis hin zu Polizist Callahan, der gar nicht zu merken scheint, wenn er gerade unangebrachte Statements von sich gibt. "Comic relief" ist bisher sehr gut portioniert und sorgt gleichermaßen für ein wenig Auflockerung in der ansonsten recht schweren und düsteren Stimmung und zudem dafür, dass man Figuren noch ein wenig schneller ins Herz schließt. Dustin braucht zwar wahrscheinlich nicht noch mehr Eigenschaften, um ihn einfach knuffig zu finden, aber doppelt hält ja bekanntlich besser.

Fazit

Eleven nimmt zum ersten Mal eine prominente Rolle in "Stranger Things" ein, was der Serie und dieser Episode in jedem Fall sehr gut tut. Die Suche nach Will rückt da trotz der Storyline um Joyce ein wenig in den Hintergrund, scheint sich durch die vermeintliche Kontaktaufnahme Wills zu seiner Mutter aber in eine Richtung zu entwickeln, die ausgetretene Pfade verlässt. Das kann der Serie nur gut tun. Wenn es künftig gelingt, Nancys Geschichte noch deutlich besser in den Gesamtkontext zu integrieren (vielleicht war Barbs Verschwinden der erste Schritt hierzu), könnte dann auch mal gut und gerne die Bestwertung drin sein.

Andreas K. - myFanbase

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