Bewertung: 7

Review: #6.02 Auf dem Absprung (2)

Foto: January Jones, Mad Men - Copyright: Frank Ockenfels/AMC
January Jones, Mad Men
© Frank Ockenfels/AMC

[Hinweis an alle Leser: Da die Staffelpremiere über zwei Episoden ausgestrahlt wurde, die auch inhaltlich eine Einheit bilden, bezieht sich diese Review auf beide Folgen. Den ersten Teil der Review findet ihr hier.]

"I'm tired of doors."

Vorbei scheint es aber mit dem großen kreativen Genie des Don Draper zu sein. Dass sich dieses bereits seit Längerem auf dem absteigenden Ast befindet, war klar. Aber gerade die Gegenüberstellung zu Peggy macht in dieser Episode klar, wer der beiden ehemaligen Kollegen momentan auf der Höhe seines Könnens ist. Und dabei geht es nicht nur um die richtigen kreativen Ideen, denn Dons Entwurf für das hawaiianische Hotel ist sicher nicht schlecht (sondern lediglich seiner Zeit voraus). Dass er aber die Selbstmordassoziation so gar nicht wahrnimmt und mit dieser, als sie vom Kunden aufgebracht wird, so gar nicht umgehen kann, steht im krassen Gegensatz zu Peggys souveränem Umgang sowohl mit ihrem Team, als auch mit den Kunden.

Überhaupt ist Peggy der Lichtblick dieser Folge, die mit sich selbst in ihrem beruflichen Umfeld im Reinen ist. Sie hat den nötigen kreativen Instinkt für ihre Arbeit weiter griffbereit abrufbar und sie manövriert sich mit beeindruckender Gelassenheit und einer guten Portion Selbstbewusstsein durch die Tücken des Alltages. Natürlich schwingt weiterhin an vielen Stellen ihres Berufsalltags der altbewährte Sexismus gegenüber ihr als Frau durch, aber sie scheint den rechten Umgang damit gefunden zu haben. Dabei legt sie auch einige Verhaltensweisen ihres alten Vorbilds Don an den Tag, wenig verwunderlich, ist er doch der Mann, von dem sie so vieles gelernt hat. Aber sie ist doch weit davon entfernt, ein reines Abziehbild ihres Mentors zu sein. Dafür ist sie sich dessen Schwächen zu sehr bewusst, wie uns auch ihr erfrischend lockeres Telefonat mit Stan Rizzio am Abend eines langen Arbeitstages zeigt. Erfreulich ist hier auch, dass Ted Chaough, jetzt wo er zu einer Hauptfigur in der Serie befördert wurde, nicht mehr die bloße Karikatur ist, die er bis dato war. Jetzt, wo wir offensichtlich mehr Zeit bei Cutler Gleason and Chaough verbringen werden, ist dies auch dringend notwendig. Amüsant bleibt aber auch, dass GGC dennoch weiterhin die Mitarbeiter von Sterling Cooper, oder später SCDP recycelt, wie man am Beispiel von Burt Peterson sieht, der damals in #3.01 Nichts wie raus hier von Lane Pryce als Kundenbetreuer gefeuert wurde.

"That's all there are: doors, and windows, and bridges and gates. And they all open the same way."

Am schwierigsten einzuschätzen blieb für mich in dieser Episode wieder einmal der Teil, der sich rund um Betty gedreht hat. Es war einerseits sehr angenehm, sie hier nicht mit einer Geschichte zu sehen, die auf ihre Äußerlichkeiten reduziert waren, oder auf ihre Distanz (höflich ausgedrückt) zu Sally. Ihre irgendwie ehrliche, aber doch unbedarfte Annäherung an Sallys Freundin Sandy, hat sie durchaus sympathisch gemacht. Aber diese hat ihr und uns natürlich auch wieder einmal ihre völlige Naivität gegenüber dem realen Leben, außerhalb ihres Gattinnendaseins, vorgeführt. Generell finde ich dies eine spannende und passende Geschichte für Betty, die immer wieder gerne dadurch definiert wird, dass sie ihren Traum vom Prinzessinnenleben auch im Erwachsenenalter noch nicht wirklich abgelegt hat. Da erscheinen einem die junge Sandy, aber auch die mittlerweile herrlich sarkastische Sally, doch viel näher an der Realität zu leben. Aber man darf dabei auch den durchaus bedeutenden Generationenkonflikt nicht vergessen, und wie uns Sandy hier klar macht, hat sich trotz vieler äußerlicher Veränderungen an den Lebensaussichten eines jungen Mädchens gar nicht so viel verändert. Zumindest wenn man den vorgegebenen Weg in der Mitte der ehrenwerten Gesellschaft gehen muss.

Wie Betty dann mit der Subkultur der Lower East Side von New York konfrontiert wird, wo sie die ausgebüchste Sandy zu finden hofft, ist für sie sicher ein Kulturschock. Auch für den Zuschauer passen diese Bilder der Armut nicht ins gewohnte Bild, allerdings wirkt die Darstellung der Lebensumstände der Außenseiterszene von New York leider auf mich ähnlich artifiziell wie die der hawaiianischen Sitten im Touristenressort im Anfangsteil der Episode. Das fällt eben bei "Mad Men" besonders ins Auge, da man sonst in Sachen Ausstattung und Treue zur Epoche enorm detailgetreu ist. Aber hier kommt man sich vor wie in einem schlechten Bildungsfilm. Schade, denn wie Betty diese Situation meistert, indem sie den jungen Männern beim Gulaschkochen hilft, ist durchaus spannend. Dass sie nach dieser offensichtlich Augen öffnenden Erfahrung als einzige Möglichkeit der Veränderung das Färben ihrer Haare sieht, ist dann schon wieder fast traurig. Denn Betty erinnert nach ihrer Veränderung weniger an Elizabeth Taylor, wie Henry meint, sondern an ihre Schwiegermutter.

"And they all close behind you."

Wie immer bietet also der Auftakt zu einer neuen Staffel von "Mad Men" enorm viel Stoff zum Nachdenken. Vieles wird uns sicher erst nach einigen weiteren Episoden auffallen und das Meiste wird auch weiterhin Spielraum für Interpretationen liefern. Aber genau dies ist es ja, was die Serie auch im sechsten Jahr noch so faszinierend macht. Damit ist man auch hier wieder seinen eigenen Ansprüchen gerecht geworden und hat eine gelungene Doppelfolge präsentiert, wenn auch die Meßlatte noch einigen Spielraum nach Oben offen lässt. Zum Abschluss noch einige bemerkenswerte Dinge, die bis dato unerwähnt blieben.

"You're just going in a straight line to You Know Where."

  • Viel gab es in diesen beiden Folgen für Joan und Pete nicht zu tun. Erstere hatte aber ihren großen Auftritt während des Foto-Shootings der Partner von SCDP, für das sie sich natürlich entsprechend in Szene setzte. Gut für Joan!
  • Eines der meisterwähnten Details der neuen Staffel sind zweifellos all die vielen neuen Frisuren und Bärte. Ob es Rogers moderner Haarschnitt ist, Stans beeindruckend distinguierter Vollbart, Ginsbergs lustiger Schnurbi, Abe Drexlers Annäherung an Karl Marx (oder Che Guevara?), den Vogel schießt aber in gewohnter Manier Harry Crane ab.
  • Ich bin in meinem Abschnitt über Betty nicht näher auf ihre Vorstellung von sexuell anregenden Gesprächen mit ihrem Ehemann eingegangen. Das liegt daran, dass ich nicht weiß, was ich davon halten soll. Einerseits war damals die Vorstellung einer Vergewaltigung, wie ich mittlerweile gelernt habe, eine ganz andere und in Bettys Augen entspricht das vielleicht wirklich in etwa Sex, bei dem es auch mal ein wenig härter zugeht. Dennoch ist ihre Aussage für mich derart abstoßend, dass es mir schwer fällt, sie wirklich rein im Kontext der Serie zu sehen.
  • Roger ist in meiner Review irgendwie etwas zu kurz gekommen, wenn man betrachtet, wie viel Raum seine Geschichte in der Folge einnimmt. Das liegt daran, dass diese in meinen Augen recht eindeutig auszulegen ist und nicht so arg viel Raum zum interpretieren lässt. Nichtsdestotrotz ist John Slattery natürlich wie immer hoch unterhaltsam und man kann Mona nur zustimmen, man muss ihn einfach mögen. Sehr gefreut hat es mich aber auch, dass eigentlich alle seine Frauen, von Mona, über Jane bis zu seiner Tochter Margaret, selbst seine Sekretärin Caroline, im Zusammenhang mit dem Tod seiner Mutter, eben seiner ersten weiblichen Bezugsperson, mit ihm interagierten. Da fällt es natürlich aber auch besonders auf, dass Joan überraschend außen vor blieb.
  • Zeitlich setzt die neue Staffel wie erwähnt zum Jahreswechsel 1967/68 ein. Das heißt es steht uns ein ereignisreiches Jahr bevor, mit dem Tod von Martin Luther King, zahlreichen Unruhen in den USA, Vietnamprotesten und auch dem Wahlkampf von Richard Nixon gegen Hubert Humphrey. Ich bin gespannt, ob und wie man letzteren thematisiert, nachdem Nixons Niederlage gegen Kennedy ja ein zentrales Thema der ersten Staffel war.



Cindy Scholz - myFanbase

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