Bewertung

Review: #12.19 Wahrheitsfindung

Foto: Casey Sander & Chandra Wilson, Grey's Anatomy - Copyright: 2017 ABC Studios; ABC/Mitch Haaseth
Casey Sander & Chandra Wilson, Grey's Anatomy
© 2017 ABC Studios; ABC/Mitch Haaseth

Gerade, als ich dachte, dass die zwölfte Staffel sich im Kreis dreht und mir die Charaktere unsympathischer werden, hat man mit der letzten Folge bereits das Blatt komplett gewendet. Diese Kehrtwende wird in dieser Folge konsequent weitergeführt und bringt eine Folge hervor, in der so einiges passiert und die Karten neu gemischt werden.

Staat und Kirche

Die Geschichte um Ben begeisterte bereits in der letzten Folge, nun folgen die Konsequenzen für sein Verhalten. Es gefällt mir zunächst, dass Bailey, da sie sich ihrer persönlichen Befangenheit bewusst ist, Meredith, Maggie und Owen zu einem Komitee bildet, das eine Empfehlung über Ben aussprechen soll. Die Zusammenarbeit der drei Ärzte gefällt mir alles in allem gut, da sie wie Bailey selbst versuchen, Bens Schritte nachzuvollziehen und ihm auch die Konsequenzen seines Verhaltens aufzuweisen. Es stellt sich dabei heraus, dass Ben die Fahrstuhltüren in seiner Konzentration auf seine Patientin übersehen hat, was ich für eine eigentlich gute Eigenschaft halte, die ihm aber den Blick für die wesentlicheren und einfacheren Optionen genommen hat. Für das Komitee hat sich dadurch der Fall erledigt, für Bailey allerdings nicht. Warum sie ihren eigenen Ehemann so sehr verurteilt und ihn für 6 Monate suspendiert, ist schwierig zu beantworten.

Zum einen wird in dieser Folge sehr deutlich, dass sie Ben nicht länger vertraut und ihren Ehemann als Person komplett in Frage stellt. Ben zeigt sich sehr störrisch und uneinsichtig, wenn er auf sein Verhalten angesprochen wird: Er verteidigt sich und sein Verhalten in der kompletten Folge hindurch und scheint nicht eine Sekunde lang wirklich zu bereuen, dass seine Entscheidung zum Tod zweier Menschen geführt hat. Bailey, die in das Schicksal der Familie involviert ist und sich viel mit der Tochter des Paares, Jasmine, auseinandersetzt, kann Bens Verhalten daher nur schwer ertragen. Das erklärt auch, warum sie mitten in der Nacht ihren Mann nicht wecken möchte, als sie zurück ins Krankenhaus muss. Dieser Disput zwischen den beiden stellt für Bailey also auch einen Grundsatzkonflikt dar – Ben macht Bailey über die Folge immer wieder Vorwürfe, dass sie sich nicht genügend für ihn einsetzt und setzt sie damit auch unter Druck. Obwohl mich die Entscheidung der beiden, Kirche und Staat, Arbeit und Zuhause, sehr berührt hat, zeigt sich später deutlich, dass Bens Verhalten die beiden einander entfremdet hat. Dass sie ihre Enttäuschung dann auf Bens Karriere überträgt und ein Todesurteil für ihn unterschreibt, ist zwar krass, aber durchaus nachvollziehbar.

Zum anderen glaube ich auch, dass Bailey immer noch Webbers Worte im Kopfe hatte, dass Ben gefährlich geworden ist und in Schach gehalten werden muss. Bailey ist immer noch eine junge Chefärztin, auf sie lastet gehöriger Druck und sie muss sich immer noch beweisen. Wenn ausgerechnet ihr eigener Ehemann dieses Verhalten an den Tag legt, muss sie viel mehr zeigen, wie sie das Krankenhaus zu führen gedenkt und muss leider auch eine gewisse Härte an den Tag legen. Bailey bleibt, trotz all ihrer Veränderungen der letzten Jahre, der Nazi.

Allerdings weist auch Baileys Charakter einen hohen Grad an Unüberlegtheit und Doppelmoral auf. Sie behauptet allen Ernstes, noch nie einen Fehler wie Ben begangen zu haben. Nachtigall, ich hör dir trapsen, oder sollte ich viel mehr Bubble Boy sagen? Bei der Rettung von Braeden Morris hatte Bailey genauso eigenmächtig gehandelt und die Regeln verstoßen und hatte ein ebenso gleich aufsässiges Verhalten an den Tag gelegt. Allein wegen der Tatsache, dass Braeden nicht gestorben ist, musste sie sich nicht mit den Konsequenzen auseinandersetzen. Und auch in dieser Folge handelt Bailey eigenmächtig und wiederbelebt Jasmines Vater, obwohl dies gegen den Wunsch der Familie war. Es ist zwar verständlich, dass Bailey sich für diese Familie starkmachen will, aber gerade jetzt sollte Bailey doch nicht Bens Fehler wiederholen. Doch auch hier hat Bailey wieder Glück und der Ehemann wacht wieder auf, was aber nicht darüber hinwegtröstet, dass Bailey ihr eigenes Verhalten nicht reflektiert und überdenkt.

Was bedeutet diese Storyline für die Zukunft und die Beziehung des bis dato stabilsten Paares der Serie? Werden die beiden sich versöhnen oder folgt hier eine Trennung? Was wird aus Ben? Wird er sich schneller als gedacht (erinnern wir uns nur an Izzie zurück) rehabilitieren können oder sich gar einen neuen Job suchen? Eins ist sicher, an Konfliktpotenzial und Drama mangelt es hier nicht.

Sorgerechtstreit(s)

Endlich! Endlich, endlich, endlich! Wie lange haben wir auf diesen Moment gewartet, wie lange wurde er durch fehlende Kommunikation hinausgezögert? Doch nun ist er gekommen und entschädigt so vieles, was in den letzten Folgen nicht funktioniert hat. Jackson und April beschließen, sich für ihr Baby zusammenzureißen und sich wieder so wie früher zu behandeln. Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, ach was, ein ganzer Felsen! Sah es zu Beginn der Folge noch so aus, als würde der Konflikt dank Aprils idiotischer einstweiliger Verfügung zu einem juristischen Konflikt ausufern, zeigt sich nun der langersehnte Wandel in dieser Geschichte, der beide Figuren wieder sympathisch und authentisch macht. Für letzteres sorgte auch Aprils Panikattacke, als sie Arizona wegen der Sorge um ihr Baby aufsuchte. Es war ein wirklich berührender Moment, als April realisierte, dass ihr Baby sie lediglich kickt: Ihr Baby ist gesund! Und Jackson hat mich komplett überrascht und damit auch überzeugt. Wie großartig war er denn?! Seine Worte, dass April für ihn der wichtigste Mensch und er sie dementsprechend behandeln sollte plus die Aussage, dass er seine Veränderung nicht mag, hätten zwar schon viel früher kommen sollen, doch das mindert ihre Wirkung um keinen Fall. Und dann teilt auch noch April diesen Moment, in dem ihr Baby kickt! Eine wirklich wunderbare, berührende Szene, die hoffnungsvoll für die beiden stimmt und eine wieder positivere Zukunft für die beiden aufweist.

Ironischerweise wird wohl aber doch noch ein Sorgerechtsstreit in dieser Staffel folgen, nämlich zwischen Arizona und Callie. Es war wirklich ein interessanter Twist, dass statt April nun Arizona im Büro der Anwältin sitzt und Callie verklagen möchte und etwas, das dieser Storyline einen gewissen Pfeffer verleiht. Ich hatte bereits in meiner letzten Review von den möglichen Konsequenzen von Pennys Stipendium gesprochen, welche nun deutlich ausgesprochen werden: Callie will also tatsächlich mit Sofia und Penny nach New York ziehen. Das war zu erahnen und war nicht wirklich überraschend. Überraschend waren dagegen die Umstände um diese Entscheidung herum. Die Beziehung von Callie und Penny gewinnt nämlich erstmals richtig an Chemie, wofür sicherlich die intimen Szenen der beiden Frauen gesorgt haben. Ich komme aber auch nicht umhin zu sehen, wie gut Penny Callie tut: Für Callie, die unter ihren letzten Ex- Partnern stets gelitten hat und immer wieder Opfer eingebracht hat, muss es Balsam für die Seele sein, in einer Beziehung ohne Druck oder Vorwürfe zu sein. Penny geht wirklich rücksichtsvoll mit Callie um und will sie nicht dazu zwingen, ihr Leben in Seattle für sie aufzugeben. Es wird aber auch deutlich, wie viel Callie aus ihren Fehlern gelernt hat und nicht, wie einst mit Arizona, dafür verantwortlich sein will, dass Penny eine Entscheidung gegen ihre Karriere trifft – und so folgt auch das Liebesgeständnis, das sie vor kurzem noch nicht hervorbringen konnte.

Der freundschaftliche Umgang von Callie und Arizona sagt mir weiterhin zu und ich fand es schön, wie Callie Arizona ihre Sorgen anvertrauen konnte. Was mir jedoch deutlich missfiel, war die Tatsache, dass Callie Arizona einfach vor vollendete Tatsachen stellt. Arizonas Handeln ist dagegen eine typische Überreaktion, die ja mittlerweile bezeichnend für die Charaktere dieser Staffel geworden ist: Anstatt auf offene Konfrontation und Ehrlichkeit zu setzen, gehen viele einfach einen Schritt zu weit, ohne ihr Handeln zu überdenken oder sich mit jemandem darüber abzusprechen. Das ist ein Punkt, der mir immer weniger gefällt, obwohl Arizonas Gefühle durchaus verständlich sind: Sie fühlt sich ausgeschlossen und als würde Penny sie ersetzen. Ich sehe hier einiges an Drama auf uns zukommen, denke allerdings nicht, dass wir uns von Sara Ramirez verabschieden müssen. Solche Geschichten sind eigentlich eher falsche Fährten und enden meist ganz anders, als man denkt.

Hexenjagd

Owens Verhalten wird mir immer suspekter. Seine Entscheidung, die er gegen Meredith und Maggie durchsetzt, Nathan ebenfalls zu verhören, beruht bloß auf seinen irrationalen, völlig beschränkten Rache- und Hassgedanken ihm gegenüber. Wie Maggie Owen daraufhin klarmacht, dass es nicht um Riggs geht und ihm aufzeigt, dass er ihre Zeit verschwendet hat, hat mir sehr gefallen – Hut ab, sie ist die erste, die ihm seine Grenzen aufweist. Maggie war sowieso wieder klasse in dieser Folge! Die Art, wie sie Nathan mit seiner Lüge konfrontiert, erfolgt nicht wie bei Meredith oder Amelia, indem sie Owens Sicht der Dinge übernimmt, sondern weil sie Nathan ehrlich mag und sein Verhalten nachvollziehen möchte. Ich mag mittlerweile Nathan auch um einiges mehr als Owen, denn er hat sich als sympathischer und solider Charakter erwiesen. Seine Lüge war zwar nicht richtig, doch es wird deutlich, wie er noch immer unter Megans Tod leidet und sich schwere Vorwürfe wegen ihres Todes macht. Owen hingegen möchte ich einmal mehr ein paar saftige Ohrfeigen verpassen, da er sich erneut als Moralapostel aufspielt. Einst hatte er auch er seine große Liebe (Cristina) betrogen, die kurze Zeit später in einem Flugzeug abgestürzt ist. Natürlich haben andere Umstände diesen Flugzeugabsturz verursacht, doch die Parallelität der Ereignisse ist schon enorm. Außerdem kann ich die Doppelmoral, die Owen da an den Tag legt, einfach nicht länger gutheißen und bin wirklich enttäuscht, in welche Richtung sich sein Charakter entwickelt hat.

An dieser Stelle muss ich aber auch die gemeinsame Szene der Schwestern erwähnen. Auch wenn die drei in den letzten Folgen etwas untergegangen sind, so liefern sie gemeinsam einfach immer wieder Highlights ab und unterstreichen einmal mehr, wie bedeutend diese Beziehung für die Serie geworden ist. Die Szene im Raum des Ehemanns war großartig! Einerseits hatte sie leichte Momente, doch als die drei am Bett stehen und Meredith und Amelia einen Blick wechseln, wird deutlich, wie sehr sie das Ganze an Derek erinnert. Das haut emotional mal wieder so richtig rein.

Kurze Eindrücke

  • Jos Patient war einer dieser herrlich gruseligen Freak- Fälle, bei denen ich sofort hypochondrisch werde! Richtig unheimlich, wie sein Bauch plötzlich aus seinem Körper sprang!
  • Der Konflikt zwischen Stephanie und Penny ist wohl Geschichte – was mich sehr freut, da ich die Freundschaft der Assistenzärzte sehr mag. Interessanterweise steht Steph dazu im Kontakt mit Rockstar Kyle, den wir in #12.17 I Wear The Face kennengelernt haben und er schickt ihr heiße SMS, die auch mich zum Grinsen gebracht haben. Hier entpuppt sich Jo als Sexting- Genie und wird wohl zur Lehrerin in diesem Gebiet für ihre Freundinnen. Eine richtig witzige und geniale Szene!
  • Auch die Freundschaft von April und Arizona kann wieder vollends überzeugen. Arizona unterstützt April komplett in dieser schwierigen Zeit und April kann ihr wieder vollends vertrauen und kommt bei ihrer Panikattacke zu allererst zu ihr! Jetzt kann man nur hoffen, dass April diese Freundschaftsdienste erwidern wird.
  • Andrew ging überraschenderweise völlig unter in dieser Folge, schien es doch nach der letzten Folge, als würde er auch er im Fokus stehen. Doch er wird nicht einmal verhört, was schon sehr seltsam ist. Außerdem wird so ein Treffen mit Maggie vermieden, was vermutlich sehr witzig geraten wäre.
  • Für mich die emotionalste Szene der Folge stellte diejenige dar, in welcher Bailey und Amelia die Großmutter über den Hirntod ihres Sohnes aufgeklärt haben. Insbesondere Asia Monet Ray, die Darstellerin der Jasmine, konnte mich durch ihr herausragendes, starkes Spielen komplett berühren und ich hatte hier richtig Tränen in den Augen. Man spürt, wie sehr Jasmine leidet, gleichzeitig aber auch an dem Verlust wächst und Verantwortung übernimmt. Hut ab für die Castingchefs, die diese junge Schauspielerin gefunden haben!


Fazit

Charaktere, die zwar Fehlentscheidungen treffen, deren Verhalten man aber nachvollziehen kann, Humor, der zwar rar gesät ist, aber immer überzeugt und Drama, das durch großartiges Schauspiel berührt und mitnimmt – das sind die Faktoren, die diese wunderbare Folge hervorgebracht haben. Der einzige Charakter, der mir komplett negativ aufgefallen ist, war Owen, dessen Handeln ich kaum noch gutheißen kann und obwohl auch Ben, Bailey und Arizona fragwürdiges Verhalten an den Tag legen, verstehe ich, aus welchen Gründen sie so gehandelt haben. Diese zwölfte Staffel nimmt wieder richtig an Fahrt auf und ich bin gespannt, wo uns diese Reise führen wird.

Lux H. - myFanbase

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