Bewertung: 7

Lincoln

"Do you think we choose the times into which we are born? Or do we fit the times we are born into?"

Foto: Copyright: 2013 Twentieth Century Fox
© 2013 Twentieth Century Fox

Inhalt

Januar 1865: Der kurz zuvor für eine zweite Amtszeit wiedergewählte US-Präsident Abraham Lincoln (Daniel Day-Lewis) versucht mit aller Macht, den 13. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten, der die Abschaffung der Sklaverei vorsieht, durch das Repräsentantenhaus zu bringen. Dazu möchte er die gute Verhandlungsposition der Nordstaaten in den Friedensverhandlungen mit den Konföderierten im Zuge des bevorstehenden Endes des seit vier Jahren tobenden Bürgerkriegs nutzen. Es bleiben ihm jedoch nur noch wenige Wochen Zeit, sein Anliegen gegen die Demokraten, die die Sklaverei befürworten, sowie gegen einige Vertreter seiner eigenen Partei, der Republikaner, durchzusetzen. Mithilfe seines Außenministers William H. Seward (David Strathairn) gelingen Lincoln erste Erfolge, während der Gesetzesentwurf den radikalen Republikaner unter der Führung von Thaddeus Stevens (Tommy Lee Jones) noch nicht weit genug geht. Unterdessen muss Lincoln entscheiden, ob er seinem Sohn Robert (Joseph Gordon-Levitt) erlauben soll, am Krieg teilzunehmen oder ob er, wie von seiner Frau Mary (Sally Field) gewünscht, sein Recht als Oberbefehlshaber der Streitkräfte geltend machen soll, um ihn davon abzuhalten.

Kritik

Als die angesehene Historikerin, Biographin und Gewinnerin eines Pulitzer-Preises, Doris Kearns Goodwin, Steven Spielberg 1999 von ihrer Absicht erzählte, ein Buch über den ehemaligen US-Präsidenten Abraham Lincoln zu verfassen, war Spielberg sofort Feuer und Flamme und wünschte hierfür die Filmrechte. 2001 wurden schließlich Nägel mit Köpfen gemacht und so konnten, als Goodwin 2005 "Team of Rivals: The Political Genius of Abraham Lincoln" veröffentlichte, die Vorbereitungen für das ambitionierte Projekt beginnen. War zu Beginn noch Liam Neeson jahrelang für die Rolle von Lincoln vorgesehen, sprang er 2010 ab, da er sich mit 58 zu alt fühlte, um der Vorlage gerecht zu werden. Daraufhin bekam Daniel Day-Lewis den Zuschlag, was für alle ein Glücksfall sondergleichen war. Nicht umsonst sagte Goodwin später, als ein Großteil des Films abgedreht war, dass Day-Lewis Lincoln nicht nur zum Verwechseln ähnlich sah, sondern auch die gesamte Gestik, Mimik und Stimmfarbe selbst für eingefleischte Lincoln-Biographen kaum zu unterscheiden war.

Hat man "Lincoln" gesehen, so weiß man, was Goodwin meint. Daniel Day-Lewis ist Abraham Lincoln, mit jeder einzelnen Faser und in jedem noch so kleinen Moment. Wie er sich derart stimmig in eine zweifelsohne nicht ganz einfache Figur einarbeiten konnte, die auch heute noch eine unglaublich große Strahlkraft weltweit aufweist, ist wahrlich bemerkenswert. Es verdient ohnehin schon Hochachtung, dass Spielberg Lincoln als versierten Geschichtenerzähler, der sich auch für so manchen schmutzigen Trick nicht zu schade ist, und mit seinem Charisma ein ganzes Land hinter sich bringen kann, zeichnet und nicht als den ultimativen Superhelden der Demokratie, zu dem er oft gemacht wird. Neben der damit verbundenen Komplexität der Figur, die dem Film wirklich gut tut, bleibt jedoch ein Umstand im Gedächtnis: Selbst bei den besten biographischen Filmen kann man den Schauspieler von der historischen Figur, die er verkörpern soll, trennen; bei Daniel Day-Lewis als Abraham Lincoln ist dies nicht der Fall. Ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie man "method acting" perfektionieren kann.

Neben Day-Lewis überzeugt insbesondere Sally Field, die völlig verdient ebenfalls für einen Golden Globe nominiert ist. Es ist alles andere als einfach, neben einem derart omnipräsenten und vielschichtigen Charakter wie Abraham Lincoln zu überzeugen, Sally Field setzt jedoch ein Ausrufezeichen. Als starke Frau an der Seite einer der einflussreichsten Männer der bisherigen Geschichte, offenbart sie eine geradezu animalische Kraft und wirkt manchmal dennoch fragil und unsicher. Einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen gelingt zudem Tommy Lee Jones als redegewandter und idealistischer Anführer der radikalen Fraktion der Republikaner, eine in seinem Schauspiel deutlich ersichtlichere Abkehr von seinen bisherigen Rollen als knurriger alter Außenseiter, als dies nun klingen mag.

David Strathairn, der ironischerweise ebenso wie Hal Holbrook in der Vergangenheit bereits Abraham Lincoln gemimt hat, spielt routiniert, leidet aber darunter, dass seine Rolle als Außenminister in der Konstellation, wie sie Spielberg auf die große Leinwand projiziert hat, nicht viel hergibt. Ohnehin beweist die schiere Anzahl an historischen Figuren, die in "Lincoln" Beachtung finden, dass es für die Nebenrollen wahnsinnig schwer ist, in der kurzen Zeit, die sie tatsächlich zu sehen sind, auch auf sich aufmerksam zu machen. Und so tauchen im Minutentakt neben gestandenen Filmstars wie Joseph Gordon-Levitt, Hal Holbrook oder mittlerweile auch John Hawkes, zahlreiche (ehemalige) Serienstars wie Lee Pace, Walton Goggins, James Spader, David Costabile (u.a. "Breaking Bad"), Gregory Itzin, Jared Harris und viele weitere auf.

"Lincoln" tut gut daran, sich auf ein vergleichsweise kleines Zeitfenster von vier Monaten im Leben Abraham Lincolns zu konzentrieren und nicht zu versuchen, die gesamte Lebensgeschichte zu erzählen, wäre man dann doch Gefahr gelaufen, sich in Oberflächlichkeiten zu verlieren. Ein Glück, dass aus eben jenem Grund der Entwurf des ersten dafür vorgesehenen Drehbuchautors Paul Webb, der immerhin die gesamte Periode der Präsidentschaft Lincolns abbilden wollte, verworfen wurde. So konnte man die zweifellos faszinierenden Debatten zwischen Lincoln, seinen Anhängern und dessen politischen Gegnern ausgiebig thematisieren und dadurch eine Intellektualität erreichen, die für Spielberg-Filme eher selten ist. Ohnehin ist "Lincoln" extrem dialoglastig, was bei einer Laufzeit von insgesamt zweieinhalb Stunden jedoch zu so manchen Längen führt, weil Auseinandersetzungen, die sich inhaltlich im Verlauf des Films größtenteils wiederholen, zu viel Platz eingeräumt wird. Auch ist der Score von Mastermind John Williams manchmal doch etwas zu staatstragend und aufdringlich. Hier wäre etwas mehr Zurückhaltung wünschenswert gewesen.

Fazit

"Lincoln" ist eines der ambitioniertesten und intellektuellsten Filmprojekte Steven Spielbergs, das von einem Daniel Day-Lewis, der in seiner Rolle voll und ganz aufgeht, sowie einer Sally Field, die ihrer Rolle als eine der stärksten Frauen in der Historie der USA gerecht wird, profitiert. Aufgrund so mancher Längen ist einer der meisterwarteten Filme 2013 zwar nicht das gewünschte Meisterwerk, aber doch ein hochinteressanter Einblick in eine nicht nur für die USA prägende Zeit.

Andreas K. - myFanbase
06.01.2013

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