Bewertung: 9

Review: #3.10 In Memoriam Lionel

So kurz vor dem Ende der Staffel - und leider auch der Serie - kommt es im Hause der Gregsons noch einmal ganz dicke. Diese drittletzte Episode ging den Protagonisten und auch dem Zuschauer unheimlich an die Nieren, und im Moment sieht es so aus, als könne all dies nur tragisch enden. Denn die Dinge, die Tara durch ihre Krankheit ihrer Familie zumutet und die gerade die letzte Spaltpersönlichkeit, der hochgefährliche Bryce, allen antut wirken auf die fragile Situation, die Tara sich aufgebaut hat, so selbstzerstörerisch, dass es nahezu unmöglich scheint, dass alle bald wieder zu einem trauten Familienleben zurückkehren.

All dies passiert, während Marshall einen der schlimmsten Schicksalsschläge seines jungen Lebens erlebt. Gerade auf dem ausklingenden Hoch seiner New York-Reise erfährt er, dass Lionel bei einem Unfall gestorben ist. Und nicht einmal in einer Zeit solcher Trauer ist es ihm vergönnt, mit seinem Problem allein und angemessen fertig zu werden, denn wieder einmal schiebt sich seine Mutter, ob unbewusst oder nicht, in den Vordergrund und droht alles zu zerstören. Und das, wo Marshalls Unzufriedenheit mit seiner Situation zu Hause schon lange unter der Oberfläche brodelt, wo er derjenige ist, der diese als gefährlich und destruktiv einstuft, während alle anderen versuchen, sich dahingehend immer noch etwas vorzumachen. Daher rührte auch der Streit mit Max aus der Folge zuvor, in dem er seinem Vater die durchaus selbstverleugnerische Rolle in dem ganzen Drama vor Augen führte.

Nun scheint es, als würde die Familie auseinander brechen und Bryce hätte damit sein ultimatives Ziel erreicht. Marshall wendet sich ab und verlässt anscheinend das traute Heim, auch Kate realisiert unter den Umständen, dass sie in der direkter Umgebung ihrer Mutter niemals den Luxus haben wird, ihre eigenen Probleme als oberste Priorität zu betrachten. Und besonders Charmaine scheint nahe daran zu sein, Tara wirklich den Rücken zuzuwenden. So sehr es schmerzt, wie alle Tara im Moment allein lassen, so sehr kann ich es doch nachvollziehen. Wir haben gesehen, was es für die Familie bedeutet, mit Tara zu leben, und auch wenn man uns anfangs versucht hat vorzumachen, es wäre alles nur eine Frage des Managements und der Einstellung, so hat diese Einstellung der Show am Anfang doch genauso als Selbsttäuschung funktioniert, wie für die Gregsons selbst. Taras Krankheit wird immer ein Problem sein und die Menschen, die sie liebt, immer in Extreme zwingen. Wie lange diese bereit sind, es damit aufzunehmen, sollte deren freie Entscheidung sein. Ich rechne es aber der Show hoch an, dass sie dies selbst erkannt hat und man nicht versucht, den Status Quo gegen alle Logik aufrecht zu erhalten, sondern den schmerzhaften Weg der Selbsterkenntnis geht.

Es ist hart, von Neil zu hören, dass es Tara niemals gut gehen wird. Aber ebenso wenig wie Charamaine widersprechen kann, kann man es als Zuschauer. Es tut weh und ist unheimlich bitter, aber Neils Einstellung, zu aller erst an sich und seine eigene Familie, also an Charmaine und Wheels zu denken, ist das gesündeste, was er machen kann. Ob dies nun wirklich heißt, dass Charmaine ihre Schwester hinter sich lassen wird, werden wir wohl in den nächsten beiden Episoden sehen, nachvollziehen könnte ich es allemal.

Im Moment sieht es jedenfalls so aus, als könne man nur an dem Punkt enden, dass Tara in professionelle Behandlung geht, und zwar für längere Zeit. Dies würde es ihren Kindern und ihrer Schwester ermöglichen, sich auf ihr eigenes Leben zu konzentrieren, ohne immer an Taras Wohl denken zu müssen. Es wäre sicherlich kein schönes Ende, doch aber ein realistisches. Am bittersten wäre dies allerdings für Max, der allein zurückbleibt mit einem Leben, das er voll und ganz seiner kranken Frau gewidmet hat, der er jedoch nicht wirklich helfen konnte. Ich weiß nicht, ob man wirklich diesen düsteren Weg als Serie gehen wird, schließlich ist man auch bei den Dreharbeiten noch von einer Fortsetzung ausgegangen. Aber ich bin unheimlich beeindruckt von der konsequenten Demontage der fragilen Idylle, oder sagen wir Illusion, in der sich die Familie aufgehalten hat.

Selbst Marshalls scheinbar zielloses Dahingleiten im ersten Teil der Staffel macht die Tragik seiner Situation jetzt nur noch umso bedrückender. Lionels Tod wird immer über ihrer Beziehung schweben. Marshall weiß im Moment wahrscheinlich selbst nicht, ob das zwischen ihnen wirklich Liebe war oder nicht, aber nach solch einem plötzlichen und sinnlosen Tod wird die Beziehung in der Retrospektive ihm nur um so bedeutender erscheinen. Da nützt es auch nichts, die Situation mit Galgenhumor und Wortspielen zu überspielen. Es ist ein beeindruckender Moment, wie man in dieser späten Phase der Staffel und speziell in dem Moment der Train-Trane-Sprüche der Faimlie den Humor benutzt, um die Tragik ganz kurz aufzulockern, dabei aber nie wirklich den Blick aufs Wesentliche verliert.

Ein weiterer Aspekt der Folge, der mich unheimlich angesprochen hat, ist Max' Erkenntnis, dass man seine Kinder nicht wirklich vor den Herausforderungen des Lebens beschützen kann. Wenn man selbst einmal Kinder hat und mit der ständigen Sorge um diese kämpfen muss, weiß man genau, wovon er redet, und die Parallelität zwischen Marshalls Sorgen und der kleinen, unschuldigen Wheels sind wirklich gelungen in Szene gesetzt. Kinder müssen erwachsen werden, davor kann man sie nicht beschützen. Und dieses Erwachsenwerden bedeutet auch, dass sie sich von den Problemen emanzipieren müssen, deren man sie als Eltern selbst aussetzt. Das realisieren Max und Marshall am Ende, deren Verhältnis schon seit einiger Zeit immer wieder Thema war, so dass diese tolle Szene noch einmal mehr Bedeutung erhält.

#3.10 Train Wreck ist eine beeindruckende Episode. Sie bringt die bisherige Staffelhandlung perfekt auf einen Höhepunkt, ohne für irgendeine der verfahrenen Situationen eine leichte Lösung anzubieten. Man bleibt betroffen zurück und möchte am liebsten gleich wissen, wie es weitergeht. Hat Bryce wirklich die Überhand in Taras Gemüt gewonnen? Was ist mit Alice, Buck und T? Wird Taras Familie sie wirklich zurück lassen, und was bedeutet dies für die Ehe von Max und Tara? Ich bin gespannt und kann die letzten beiden Folgen kaum erwarten, auch wenn diese leider die letzten bleiben werden.

Cindy Scholz - myFanbase


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