"Versailles"-Interview mit Alexander Vlahos

Alexander Vlahos über seine bisherigen Erlebnisse rund um "Versailles", die Darstellung einer nach Ruhm strebenden Figur und das Erforschen Philippe d'Orléans' heiterer Seite in Staffel 2. Auch reflektiert er über "The Confessions of Dorian Gray" und den Hauptgedanken seines Schauspielberufes.


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Alexander Vlahos
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9. September 2016 von Nicole Oebel @philomina_

Read the interview with Alexander Vlahos in English.

"Versailles" ist eine bemerkenswert moderne Historienserie mit Themen, die in der heutigen Welt aktueller sind denn je. Wie war die bisherige Reise für dich, die Serie als einer der zentralen Hauptdarsteller zu tragen?

Die Reise war bislang eine Achterbahn. Dieser Job und diese Rolle haben mir einige unglaubliche Höhen und auch einige sehr tiefe Tiefen beschert. Das ist fester Bestandteil eines jeden Jobs, den du als Schauspieler übernimmst, aber speziell dieser ist hart gewesen. Ich bin selig, einen solch prächtigen Charakter zu spielen und kann von Glück sagen, dass Philippe, "Versailles", die Besetzung und die Crew in mein Leben getreten sind. Rückblickend wünschte ich nur, ich wäre auf dieses Unterfangen besser vorbereitet gewesen, als mir das Angebot gemacht wurde. Mir fehlte einfach noch etwas Reife, was die Reise etwas gedämpft hat. Einsicht ist jedoch eine wunderbare Sache.

Deine schillernde Darstellung des Philippe d'Orléans erinnerte mich an einen meiner Lieblingsfilme, den Glamrock-Film "Velvet Goldmine". Darin sagt ein fiktionaler junger Oscar Wilde "Ich will ein Popidol werden." Dein Philippe will das auch, denkst du nicht? Was bewunderst du an ihm?

Klar will er ein Idol sein. Aber hat nicht jeder, tief in sich drin, den Instinkt, der Star sein zu wollen? Ich denke, speziell Philippe hat dieses Verlangen. Er möchte seinen eigenen Schatten werfen, sein eigenes Erbe hinterlassen - unabhängig von seinem älteren Bruder, der nunmal zufällig der König ist. Seine Persönlichkeit, oder zumindest die Art, wie ich mich ihm genähert habe, (man könnte sagen, meine Persönlichkeit ist in Philippe widergespiegelt) hat all den dramatischen Flair und die Qualitäten eines ichbezogenen, sexuellen, stolzen Pfaus, um das absolut beste Idol zu sein. Ich bewundere all diese Eigenschaften. Es war uns vom Schicksal bestimmt, miteinander verflochten zu werden.

Während zeitgenössische Geschichtsschreiber Monsieur als "weibisch und schwach" bezeichneten, ist Philippe in "Versailles" ein überaus komplexer Charakter, das Herzstück der Serie. Du trägst damit nicht unwesentlich dazu bei, den Ruf des echten Monsieurs geradezurücken. Fürchtest du dich ein wenig oder freust du dich auf die Herausforderungen, die dich erwarten?

Ich weiß nicht, ob ich es aktiv darauf anlege, Philippe's Ruf geradezurücken, es war eher eine Verbindung von Ideen und der Übereinkunft, wagemutige und manchmal bewusst falsche Entscheidungen zu treffen, den metaphorischen Mist auszuprobieren und sehen, was passt. Schauspielen ist halb Instinkt, halb Anleitung, insofern kann ich nicht den ganzen Ruhm einheimsen. Der Philippe, den ihr auf dem Bildschirm seht, geht in jeglicher Hinsicht auch auf Simon Mirren & David Wolstencroft zurück. Sie sind die Kapitäne, ich bin bloß das Schiff. Was die Herausforderungen angeht, die vor mir lagen, ich denke, die Sorge der meisten nach Staffel 1 war, dass man Philippe nie lächeln sieht. Oder zumindest mal ein bisschen Spaß haben. Staffel 2 geht darauf ein. Ich habe viele lustige Szenen. Es kommt viel Humor auf euch zu. Ich bin niemand für fröhliche Charaktere, ich werde dafür eher nicht gecastet und das liegt wahrscheinlich auch daran, dass sie mich nicht anziehen... Aber es war ein schöner Wechsel der Gangart dieses Jahr in "Versailles", Philippes heitere Seite zu erforschen.

Du warst in den meisten der großzügigen und aufwendigen Szenen dabei. Pferde, Feuerwerk, Maskenball, Schlachtfeld, Soirée-Prügelei... Welche empfindest du als deine größte Szene?

Jede, die du genannt hast, bot eine Reihe von Herausforderungen und ich bin dankbar, dass Philippe eine entscheidende Rolle in diesen Szenen hatte. Die "Größte"... also, man legt es ja niemals darauf an, eine "große" Szene zu drehen. Jede Szene hat ihre eigenen Vorzüge. Ich denke, es liegt dann am Schnitt und am Regisseur der speziellen Episode, dass bestimmte Szenen größere Bedeutung erlangen... Glücklicherweise haben viele meiner Szenen diese Hochstufung bekommen. Meine Lieblingsszene wiederum?
Ich wusste, auf dem Pferderücken sitzend, inmitten von Kanonfeuer auf eine Armee zugaloppierend, dass dies ein großer Moment war... Ich habe sogar gegenüber Christophe Schrewe gewitzelt, dass dies ganz sicher eine Szene ist, die Canal+ in ihren Trailer packen wird. Was sie auch taten. Wieder und wieder.

Evan hat uns verraten, dass die Zeile "if you don't love me, no one loves me" von ihm improvisiert war. Gibt es ein wenig Spielraum in der MonChevy-Geschichte, so dass die Autoren die Art des Zusammenspiels zwischen dir und Evan in ihre Arbeit einfließen lassen können?

Auf jeden Fall. Ein bisschen war das schon zum Ende von Staffel 1 hin so, aber speziell in Staffel 2 konnte man spüren, dass die Autoren für uns schrieben. Für unsere Stimmen. Unsere Art, den Text zu sprechen. Unsere Eigenheiten. Das Ganze entwickelt sich ständig voran - daher sollte es immer Spielraum für Improvisation / Inspiration geben. Es gibt da diesen interessanten, undefinierbaren Moment, wenn es eher zur Show der Schauspieler als der Autoren wird. Wenn Charakter und Schauspieler zu einer Einheit verschmelzen. Was ich aber sagen kann, ist, dass Evan ein von Natur aus talentierter, brillanter Schauspieler ist. Er kennt den Chevalier von innen und außen, und so kamen die Worte in dem speziellen Moment, den du erwähntest, aus ihm heraus, weil... wie könnten sie es nicht? Wenn man ein Gefühl erlebt, wie der Chevalier es in diesem Moment empfunden hat, empfindet Evan es genauso... Es hat perfekten Sinn ergeben.

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Evan Williams, Alexander Vlahos
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Die MonChevy-Beziehung hatte einen starken Handlungsbogen und überlebte eine schweren Schlag im Laufe der ersten Staffel. Was, denkst du, lässt Philippe den Vertrauensbruch des Chevaliers verzeihen?

Wahre Liebe, denke ich. Ich glaube das aufrichtig. Es war der einzige Weg für mich zu begründen, warum Philippe so nachsichtig ist. Wir machen alle Fehler in Beziehungen. Manche sind nachsichtiger als andere. Aber wahre Liebe setzt am Ende alles außer Kraft.

Zwei der herzzerreißenden Bruderszenen, die "I command you"-Szene (Ep.5) inmitten des Feuerwerks mit Louis' geheimem Grinsen am Ende und die Szene mit dem gelben Topaz im Finale, hinterließen bei mir die Frage, was Louis mehr schätzt, sein Manipulationstalent oder Bruderliebe. Wie hast du all die unterschwelligen emotionalen Faktoren und Motive in diesen Szene gesehen?

Um ehrlich zu sein, diese Fragen könnte George [Blagden] eher beantworten als ich. Es ist schwer in Worte zu fassen, warum wir als Schauspieler in Szenen bestimmte Entscheidungen treffen, denn in der Regel kommen sie aus dem hintersten Winkel deiner Seele und sind reiner Impuls. Ich denke, das Grinsen am Ende der fünften Episode gründete darauf, dass Louis einfach den Sieg über seinen jüngeren Bruder davongetragen hat. Die Topaz-Szene ist meiner Ansicht nach die Szene, die die Beziehung der beiden Brüder komplett umfasst. Philippe, der sich ungeliebt, verloren, zerrissen und zerbrechlich fühlt, und Louis, der der Eingebung folgt, großer Bruder anstatt König zu sein. Und das ist alles, was Philippe von ihm will.

Die Chemie zwischen Travis Fimmel und George Blagden in "Vikings" war so fesselnd, man glaubte als Fan kaum, dass jemals etwas da heranreichen könne. Man betrachte jedoch die Wucht, die Philippes Kampf um das Vertrauen des sich emotional abschottenden Louis hat, et voilà, Chemie auf dem Bildschirm, die TV-Geschichte schreibt! Kannst du Gefühle dieser Art eines leidenschaftlichen Fans nachvollziehen?

Haha! Ich kann Gefühle dieser Art bei Serien nachvollziehen, wo ich nicht mitspiele. Es ist schwer, "Versailles" von außen als Fan anzuschauen, weil ich so tief damit verbunden bin. Ich kann die Reaktionen, die die Serie auslöst, verstehen, aber nicht voll und ganz genießen, wenn ich die Serie selbst anschaue. Ich habe da leider diese schreckliche Schauspieler-Angewohnheit, meine Darstellung auseinanderzunehmen. "Das hätte besser sein können", "Warum habe ich diesen Text so gesprochen?", "Warum ziehe ich da so ein Gesicht?" etc...

Es gibt absolut atemberaubende Fanart zu "Versailles". Solch beeindruckende Fanrt habe ich bislang nur zu Bryan Fullers "Hannibal" gesehen. Denkst du nicht auch, dass es unheimlich viel über die Ästhetik und den künstlerischen Wert einer TV-Serie aussagt, wenn sie Kreative vor dem Bildschirm derart inspiriert?

100%. Es ist wirklich herzerwärmend und inspirierend zu sehen, wie "Versailles" so auf die Fans wirkt, dass sie den Wunsch verspüren, solch schöne Kreationen zu erschaffen. Ich bewundere die "Versailles"-Familie. So ein Talent. Aus egoistischer Sicht tut es gut zu wissen, dass wir unseren Job richtig machen, so dass die Fans dir zeigen wollen, wie sehr sie deine Arbeit lieben.

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Alexander Vlahos
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Hamlet ist ja eine deiner Traumrollen, nicht? Folgt man Kenneth Branaghs Beispiel, der einige Shakespeare-Produktionen mit dem selben Kreis an Schauspielern gemacht hat: Wer deiner "Versailles"-Kollegen würde welche Rolle neben deinem Hamlet spielen?

Oh Gott, wenn ich könnte, würde ich sie alle casten. Evan als Horatio natürlich. Noémie wäre die beste Ophelia. George wäre als Laertes interessant, schon allein damit wir diese intensive Rivalität fortsetzen können. Das ist es, was an "Hamlet" als Stück so großartig ist - es ist zeitlos und hat so fantastische Figuren, dass ich einfach weiß, alle aus dem "Versailles"-Cast wären hervorragend in egal welcher Rolle.

Um die Entzugserscheinungen nach "Versailles" zu stillen, fand ich "The Confessions of Dorian Gray", deine Horror-Audioserie. Besonders beeindruckt hat mich dabei, wie du die verschiedenen Arten des Horrors (übernatürlich, emotional...) durch die Farben in deiner Stimme rüberbringst. Wie bist du zum Synchronsprechen und zu diesem Projekt gekommen?

Ich finde es interessant, dass du den Ausdruck "Synchronsprechen" (engl. "voice acting") benutzt, da ich es bloß als "Schauspielen" sehe. Nichts anderes. Es ist alles das gleiche Handwerk, nur verschiedene Medien. Dorian kam durch den genialen Scott Handcock zu mir. Es war seine Kreation, sein Baby, wenn man so möchte - er hatte mich dafür im Kopf, da wir vorher schon zusammen an anderen Big Finish Projekten gearbeitet hatten. Staffel 1 war ein Risiko, eine Art Glücksspiel für Big Finish... Aber wir haben es geschafft, kontinuierlich exzellentes Material vorzulegen. Dieser Job ist eine solche Freude. Ich darf meine Schauspielmuskeln hinter einem Mikrophon spielen lassen mit Skripten, die wirklich herausragend sind. Das Team hinter "Dorian" ist eine der talentiertesten Gruppen, mit denen ich jemals das Privileg hatte zu arbeiten. Sie lassen mich besser wirken, als ich bin.

Im Titellied von "M*A*S*H" gibt es diese Liedzeile "Suicide is painless, It brings on many changes, I can take or leave it if I please". Die Episode, die du für "Dorian" geschrieben hast, erinnerte mich daran. Was war deine Inspiration zum Schreiben dieser Episode und möchtest du in Zukunft noch mehr schreiben?

Ich liebe das Schreiben. Ich habe "Dorian" unheimlich gerne geschrieben. Es gab jedoch nicht unbedingt eine spezielle Inspiration hinter "Mayfair Monster"... Zuerst war da die Idee, ob es nicht cool wäre, dem Portrait eine eigene Stimme zu geben. Ein Leben jenseits der Leinwand. Das war der Anfang. Die Geschichte rund um den Jahrtausendwechsel - den Silvesterabend - anzusiedeln, gab ihr den Bogen der Erneuerung, der einen Sache, die Dorian nicht kann. Sich selbst zu erneuern. Nochmal von vorne anzufangen. Ich gaube, zu der Zeit hatte ich gerade den "Doctor Who" TV-Film mit Paul McGann in der Hauptrolle gesehen, der am Silvesterabend 1999 spielt... Mein Kopf explodierte vor lauter Ideen, und so schickte ich Scott Handcock eine sehr lange Nachricht mit meinem Story-Vorschlag. Sehr mutig sagte er ja. Dann musste ich mich zurückziehen und das Ding schreiben. Ich würde liebend gerne mehr schreiben... Es ist mehr eine Frage der Zeit. Freizeit sozusagen. Welche ich weniger und weniger zur Verfügung habe.

Du hast schon so manche Ikone aus Geschichte, Mythologie und Literatur gespielt. Magst du das beim Schauspielern am liebsten, Mythen zu erforschen und ihnen ein neues Gesicht zu geben?

Ich habe mir nicht bewusst vorgenommen, diese Ikonen aus der Vergangenheit zu spielen - als Schauspieler möchtest du nur Arbeit haben. Dauerhaft Arbeit haben. Ich habe bloß großes Glück, meine bisherige Karriere zu haben. Was mir am besten daran gefällt zu sein, wer ich bin, ist, dass kein Tag wie der andere ist. Ich gehe immer aufs Ganze, bin nie zufrieden mit dem "Gewöhnlichen" - Schauspieler zu sein erlaubt es mir, beim Verkörpern anderer Leute weitere Facetten meiner eigenen Persönlichkeit auszuleben. Es erfüllt das Kriterium, das ich erstrebe. Unsicherheit. Das "Was kommt als nächstes?"

Vielen Dank, dass du dir Zeit für uns genommen hast, Alex, du bist ein wahrer Prinz :)


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