Review: #1.06 Geburtsrecht

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Nach der sehr starken letzten Episode tritt "Outlander: Blood of My Blood" mit #1.06 Birthright ein wenig auf die Bremse, oder vielleicht ist das auch die falsche Formulierung, denn ruhig ist diese Episode nun wirklich nicht. Ganz im Gegenteil, denn es wird geschrien, gelitten, beschuldigt, halluziniert und ein Kind geboren. Das Problem ist, dass das alles stellenweise eine Spur zu viel war.
Birth
Dass Julia ihr Kind unter alles andere als optimalen Umständen zur Welt bringen würde, war abzusehen, schließlich ist sie im 18. Jahrhundert gestrandet, muss weiterhin behaupten, dass Lord Lovat der Vater ihres Kindes ist und kann sich nicht einmal sicher sein, ob Henry überhaupt im Jahr 1714 gelandet ist. Als ihre Fruchtblase platzt, gibt es aber zumindest einen kleinen Lichtblick, denn Julia erzählt Brian die Wahrheit. Immer besser gefällt mir die Freundschaft, die sich zwischen den beiden entwickelt. Inzwischen verbindet sie längst mehr als ihre ursprüngliche Zweckgemeinschaft und gerade die kleine Szene nach der Geburt gehört für mich zu den schönsten Momenten der Episode. Als Brian erzählt, dass er seinen eigenen Geburtstag nicht einmal kennt, weil seine Geburt stets mit zu viel Scham verbunden war, erklärt Julia kurzerhand den Kuchen zu seinem Geburtstagskuchen und lässt ihn eine Kerze auspusten. Nach all dem Geschrei und Leid zuvor ist dieser ruhige Moment eine echte Wohltat. Vor allem gefällt mir aber, wie selbstverständlich Julia Brian vermittelt, dass nicht er für die Umstände seiner Geburt verantwortlich ist und er für Davina vor allem eines war, ihr größtes Glück. Gleichzeitig zeigt die Szene, wie eng die beiden inzwischen miteinander verbunden sind. Dass Brian Julias Sohn verspricht, immer einen Freund in ihm zu haben, macht ihre ungewöhnliche Freundschaft nur noch schöner.
Die eigentliche Geburt hat dagegen wesentlich weniger gut funktioniert. Ja, wir befinden uns im Jahr 1714 und natürlich spielen Religion, Aberglaube und gesellschaftliche Vorstellungen darüber, wie eine unverheiratete Frau ihr Kind zur Welt zu bringen hat, eine vollkommen andere Rolle als in Julias eigener Zeit. Dass die Frauen zunächst überraschend freundlich mit ihr umgehen und sich die Stimmung anschließend immer weiter gegen sie dreht, hätte eigentlich vollkommen ausgereicht, um ihre Situation bedrohlich wirken zu lassen. Stattdessen wird die Szene immer lauter und unangenehmer. Julia wird beschimpft, muss Buße tun, die Frauen schreien auf sie ein und irgendwann hatte das Ganze beinahe etwas von einem schlechten Horrorfilm. Ich verstehe durchaus, was die Episode damit erreichen möchte. Julia ist vollkommen ausgeliefert und selbst die Frauen, von denen sie eigentlich Unterstützung erwarten müsste, machen ihr das Leben zusätzlich schwer. Aber muss man wirklich derart dick auftragen? Die Szene verliert dadurch an Wirkung, denn Julias Situation ist bereits schlimm genug. Man hätte ihr Leiden nicht permanent noch weiter steigern müssen, damit man es versteht. Weniger wäre hier definitiv mehr gewesen.
Immerhin bekommt Davina durch Julias Geburt endlich deutlich mehr Hintergrund. Bislang war ich ihr gegenüber eher neutral eingestellt und man konnte beobachten, dass ihre Haltung Julia gegenüber ziemlich sprunghaft wirkte. Mal hilft sie ihr, dann begegnet sie ihr wieder mit unverhohlener Feindseligkeit. Nun verstehen wir zumindest besser, woher dieses Verhalten kommt. Dass Lord Lovat auch Davina missbraucht hat und Brian aus dieser Verbindung hervorgegangen ist, überrascht vermutlich niemanden, trotzdem verändert dieses Wissen den Blick auf sie. Besonders deutlich wird, wie sehr Davina all die Scham und Schuld, die ihr selbst eingeredet wurden, verinnerlicht hat. Statt Lord Lovat für das verantwortlich zu machen, was er ihr angetan hat, richtet sich ein Teil dieser Wut nun gegen Julia. Das erklärt ihr Verhalten, entschuldigt es aber keineswegs. Gerade deshalb funktioniert der Moment, in dem Davina schließlich die anderen Frauen aus dem Raum wirft, ziemlich gut. Julias Situation zwingt sie dazu, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen und zu erkennen, dass sie gerade dabei ist, dieselben Mechanismen zu wiederholen, unter denen sie selbst gelitten hat.
Deutlich besser als die überzogene Geburtsrunde funktioniert der Kontrast zu Claires Geburt. Während Julia im Jahr 1714 unter vollkommen absurden Bedingungen ihr Kind zur Welt bringen muss, bekommen wir gleichzeitig zu sehen, wie Claire in Julias und Henrys eigentlicher Zeit geboren wird und plötzlich ist da dieses kleine Baby, von dem wir ganz genau wissen, welche unglaubliche Geschichte noch vor ihm liegt. Solche Verbindungen zur Mutterserie mag ich wesentlich lieber als die Momente, in denen "Blood of My Blood" mit aller Gewalt bekannte Situationen nachstellen möchte. Wir brauchen hier keine große Erklärung und keinen überdeutlichen Hinweis darauf, wer dieses Kind einmal sein wird. Allein zu wissen, dass wir gerade Claires Geburt erleben, reicht vollkommen aus. Gleichzeitig macht die Szene noch einmal besonders schmerzhaft deutlich, was Julia und Henry inzwischen verloren haben. Wir haben die beiden als glückliche Eltern erlebt und wissen, wie viel ihnen ihre Familie bedeutet. Nun befinden sie sich getrennt voneinander mehr als 200 Jahre in der Vergangenheit, während Claire in ihrer ursprünglichen Zeit längst ohne ihre Eltern aufwächst.
Death
In der Zwischenzeit versucht Henry weiterhin verzweifelt herauszufinden, wo Julia sein könnte und ausgerechnet Arch Bug scheint ihm dabei zunächst helfen zu wollen. Dass er von seinem eigenen Verlust erzählt, funktioniert erstaunlich gut. Für einen kurzen Moment bekommt Arch dadurch etwas Menschliches und Henry glaubt, jemanden vor sich zu haben, der seinen Schmerz nachvollziehen kann. Genau deshalb ist es anschließend umso perfider, dass Arch dieses Vertrauen ausnutzt. Die Hebamme, die Henry erzählt, Julia und ihr Kind seien bei der Geburt gestorben, wurde schließlich bezahlt und schlimmer hätte man Henry vermutlich kaum treffen können. Ich mag diese Entwicklung grundsätzlich sehr, denn Arch muss Henry weder bedrohen noch körperlich angreifen, stattdessen erkennt er schlicht dessen größte Schwachstelle und nutzt sie aus. Damit wird er wesentlich interessanter als ein Gegenspieler, der einfach nur offensichtlich böse agiert. Dass er Henry zuvor sogar noch von seinem eigenen Verlust erzählt, macht die Sache nur noch grausamer.
Bei Henry selbst habe ich dagegen deutlich größere Probleme mit der Umsetzung. Wir wissen inzwischen, dass er den Ersten Weltkrieg keineswegs verarbeitet hat. Schon in #1.04 A Soldier's Heart wurde deutlich, wie schnell bestimmte Situationen ihn zurück in die Schützengräben versetzen können. Dass die Nachricht von Julias vermeintlichem Tod sämtliche mühsam errichteten Schutzmechanismen zum Einsturz bringt, ist daher absolut nachvollziehbar, aber auch hier trägt die Episode für meinen Geschmack zu dick auf. Henrys Realität beginnt nach der Nachricht immer stärker auseinanderzufallen, Erinnerungen an den Krieg vermischen sich mit seiner Gegenwart und irgendwann scheint er selbst nicht mehr genau zu wissen, wo oder wann er sich eigentlich befindet. Die Idee dahinter ist grundsätzlich stark. Anstatt Henry einfach weinen und anschließend erklären zu lassen, wie zerstört er ist, versucht die Episode, uns seinen Zustand unmittelbar erleben zu lassen. Das passt zu dem, was wir über ihn und sein Trauma bereits wissen. Die Inszenierung war mir allerdings zu überspitzt. Irgendwann hatte ich weniger das Gefühl, Henrys psychischen Zusammenbruch mitzuerleben, sondern vielmehr dabei zuzusehen, wie die Episode unbedingt sicherstellen möchte, dass auch wirklich niemand übersieht, wie schlecht es ihm gerade geht. Die Halluzinationen, die Kriegserinnerungen und die immer stärker verschwimmenden Realitätsebenen nehmen dem Ganzen dadurch etwas von seiner emotionalen Wirkung.
Besonders schwierig wird es natürlich bei Seema. Dass Henry in seinem Zustand Trost sucht, kann ich nachvollziehen. Dass er Julia in diesem Moment für tot hält, ebenfalls. Trotzdem bleibt ein ziemlich unangenehmer Beigeschmack. Sein psychischer Zustand erklärt sein Verhalten, nimmt ihm aber nicht vollkommen die Verantwortung dafür. Vor allem frage ich mich, was die Serie damit langfristig erreichen möchte. Julia und Henry wurden bislang als große Liebesgeschichte aufgebaut, deren Verbindung selbst Krieg und Zeitreise übersteht. Nun führt die erste vermeintliche Gewissheit über Julias Tod unmittelbar dazu, dass Henry mit einer anderen Frau im Bett landet. Das ist natürlich komplizierter, als es auf dem Papier klingt, und sein Zustand spielt dabei eine entscheidende Rolle. Trotzdem hoffe ich, dass diese Entwicklung nicht lediglich eingebaut wurde, um später künstlich einen Konflikt zwischen Julia und Henry zu erzeugen.
Wo ist Ellen?
So vollgepackt diese Episode auch ist, Ellens Abwesenheit hat mich tatsächlich irritiert. Nach #1.05 Needfire hätte ich erwartet, dass gerade ihre Geschichte unmittelbar weitergeht. Sie und Brian haben sich schließlich füreinander entschieden und dabei sämtliche politischen Verpflichtungen ignoriert. Das sollte eigentlich Konsequenzen haben. Stattdessen erfahren wir überhaupt nicht, wie Ellen nach Beltane mit ihrer Situation umgeht. Natürlich kann nicht jede Figur in jeder Episode gleich viel Raum bekommen, doch dass Ellen nun ausgerechnet nach einem der wichtigsten Momente ihrer bisherigen Geschichte vollkommen verschwindet, wirkt seltsam. Noch problematischer finde ich aber, dass "Blood of My Blood" damit wieder ein wenig in das alte Muster zurückfällt. Gerade hatte ich gelobt, dass die beiden großen Geschichten endlich parallel erzählt werden und nicht ständig eine davon pausieren muss. Nun dominiert Julia und Henrys Geschichte die komplette Episode. Das fällt besonders auf, weil ein wenig mehr Abwechslung der Episode vermutlich sogar gutgetan hätte. Zwischen Julias zunehmend hysterischer Geburtsrunde und Henrys psychischem Zusammenbruch gibt es über lange Strecken kaum Gelegenheit zum Durchatmen. Ein kurzer Wechsel zu Ellen hätte nicht nur ihre Geschichte weitergeführt, sondern der Episode vielleicht auch etwas von ihrer erdrückenden Schwere genommen.
Fazit
Die grundlegenden Ideen funktionieren eigentlich, denn Julias Geburt zwingt Davina dazu, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, Brian beginnt sich stärker gegen seinen Vater zu stellen und Arch Bug beweist mit seiner grausamen Lüge, dass er wesentlich gefährlicher ist, wenn er die Schwächen anderer gezielt ausnutzt. Gleichzeitig wird sowohl bei Julias Geburt als auch bei Henrys Zusammenbruch viel zu dick aufgetragen. Statt den ohnehin starken Situationen zu vertrauen, scheint die Episode permanent noch eine weitere Eskalationsstufe zu benötigen. Dass Ellen nach ihrem Handfasting mit Brian erstmals überhaupt nicht auftaucht, ist eine merkwürdige Entscheidung, die zusätzlich dafür sorgt, dass sich die Serie wieder stärker in zwei voneinander getrennte Geschichten aufteilt. Nach der sehr gelungenen letzten Episode hatte ich mir daher etwas mehr von dieser Episode versprochen.
Marie Müller - myFanbase
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Diskussion zu dieser Episode
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Informationen zur Episode
Englischer Titel: BirthrightErstausstrahlung (US): 07.09.2025
Erstausstrahlung (DE): kein Termin
Erstausstrahlung (Pay-TV): 08.09.2025
Regie: Matthew Moore
Drehbuch: Danielle Berrow
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