Bewertung: 9

Review: #7.06 Wahlverwandtschaften

Foto: Elisabeth Moss, Mad Men - Copyright: Courtesy of AMC
Elisabeth Moss, Mad Men
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Man mag es als Fan nicht wahrhaben, aber "Mad Men" nähert sich unweigerlich dem Ende. In dieser Ausstrahlungsperiode verbleibt nur noch eine Folge, danach sind es irgendwann im Frühjahr 2015 nur noch sieben Episoden, bis die Serie sich endgültig von den Bildschirmen verabschiedet. Und auch wenn manche den Stern von "Mad Men" am Qualitätsfernsehhimmel schon eine Weile sinken sehen, einzelne Momente von #7.06 The Strategy haben wieder einmal bewiesen, dass "Mad Men" schlicht unschlagbar ist. Und egal was in den verbleibenden acht Folgen noch passieren mag, die prägenden Szenen dieser Episode, werden uns Fans immer als unschätzbare Erinnerung bleiben, an die man auch in Jahren noch mit einem glücklich-verklärten Lächeln zurückdenken kann. Sie reihen sich ein in das Pantheon der genialen Szenen, die die Serie uns bisher bereits beschert hat, ganz oben bei den Erinnerungen an "The Suitcase", "The Gipsy and the Hobo" und "Meditations in Emergency", um nur ein paar einzelne zu nennen.

"I'm always working, Peggy, and so are you."

Ich spreche natürlich von den grandiosen Szenen zwischen Don und Peggy, die in einem wunderbar emotionalen Tanz zu Frank Sinatras "My Way" enden. Aber auch das eigentliche Ende der Folge, mit Pete, Don und Peggy als Ersatzfamilie bei Burger Chef war eigentümlich berührend und irgendwie überraschend, absolut optimistisch. Diese drei Charaktere sind alles andere als perfekt, wie uns gerade diese Folge wieder einmal bewiesen hat, aber sie haben über die letzten zehn Jahre eine ganz besondere Verbindung aufgebaut. Diese Verbindung ist tief verwurzelt in ihrem Verständnis von Arbeitsethos und Kreativität, und es hat sich auch hier wieder einmal gezeigt, wenn "Mad Men" seine Figuren dazu benutzt, die Arbeitsweise von kreativen Menschen, sagen wir Werbetexter oder auch Drehbuchautoren, näher zu beleuchten und in Verbindung zum alltäglichen Klein-Klein, aber auch der gesellschaftlichen Gesamtlage bringt, operiert man noch einmal auf einer ganz anderen Ebene.

Die Energie die davon produziert wird, die sich in einer tiefen Faszination auf Seiten der Zuschauer entlädt, wenn zwei begnadete Darsteller wie Jon Hamm und Elisabeth Moss derart persönliche Dialoge über die Eigenarten von kreativen Genies austauschen, ist geradezu greifbar. Sie ist von der komplizierten Dynamik zwischen Don und Peggy geprägt, aber auch von deren komplexer Lage im Gesamtgefüge der Figuren. Don ist nicht nur das Produkt seiner eigenen Eigenschaften, er ist auch davon abhängig, wie ihn seine Mitmenschen sehen. Und mag er noch so sehr in Ungnade gefallen sein und dazu gezwungen sein, unter seiner persönlichen Hierarchievorstellung zu agieren, er bleibt doch immer noch ein Mann in den besten Jahren. Er wird diesen Vorteil immer gegenüber Peggy besitzen, ob er das nun will oder nicht. Und Peggy wird nie als ebenbürtige kreative Kraft angesehen werden, zumindest nicht von allen andern außer Don. Aber auch Don braucht ziemlich lange dazu, um Peggys Autorität zu akzeptieren, aber als sie sich hier dann auf gleicher Ebene begegnen und zum Kern des Geschehens in Bezug auf ihre Arbeit vordringen, wird klar, wie viel die beiden voneinander profitieren können.

"Don will give authority, you will give emotion." - "Don has emotion. I have authority."

Bemerkenswert ist dabei, dass die Machtverhältnisse zwischen ihnen lange nicht mehr so deutlich sind wie bei ihrer letzten Übernachtsession in #4.07 The Suitcase, schließlich wurde die von den mittlerweile berühmt-berüchtigten Worten "That's what the money is for." eingeläutet. Nein, Don kann nicht mehr komplett von oben auf Peggy herabsehen, aber Peggy ist dennoch nicht auf der gleichen Stufe, wie sie Don damals inne hatte, angekommen. Diese Stufe wird ihr wohl immer verschlossen bleiben, und ich vermute, dass Don dies hier zum ersten Mal wirklich klar geworden ist. Zwar glaube ich nicht, dass nun alles zwischen den beiden Charakteren eitel Sonnenschein verbleibt, und sie nun gemeinsam das verknöcherte System mittels ihrer kreativen Leistungsfähigkeit aufrollen werden (auch wenn ich das zu gerne sehen würde), aber ich habe doch das Gefühl, dass Don absolut erkannt hat, dass Peggy auch als seine Chefin nicht seine Feindin ist. Ganz im Gegenteil, besonders sein ehrliches Engagement gegenüber Pete in Bezug auf Peggys Arbeit hat mich dies zumindest hoffen lassen.

Auch wenn dies natürlich bei aller Liebe zwischen ihnen noch lange nicht das Ende des wohlwollenden und chauvinistischen Sexismus von allen Seiten bedeutet. Wenn man mal ganz von der furchtbaren Angewohnheit von Charakteren wie Lou Avery und Pete Campbell absieht, Peggy wie einen Menschen zweiter Klasse zu behandeln (Bestes Beispiel: Petes "You know she's as good as any woman in this business." – aus der Kategorie, Komplimente die keine sind), ist auch Don nicht einmal in der Lage sich vorzustellen, dass arbeitende Frauen etwas normales sind. Ich finde seine Reaktion auf Peggys Bemerkungen dazu wirklich erhellend, denn er lehnt es ja nicht einmal ab, es befindet sich einfach völlig außerhalb seiner Vorstellungsgabe, auch wenn er täglich damit konfrontiert ist. Und Peggys Herangehensweise an die Grundidee einer familienbezogenen Werbung, die völlige Deplatziertheit des idealen Familienbildes, wo die Welt noch in Ordnung ist, was aber nichts mit der Realität zu tun hat, ist bahnbrechend. Sie ist damit wieder einmal ihrer eigenen Zeit voraus, und aus unserer heutigen Perspektive, die so enorm geprägt ist von konservativen Tendenzen, nur um dieses Ideal irgendwie wieder heraufzubeschwören, obwohl es auch früher in der "guten alten Zeit" niemals wirklich existiert hat, ist es schon ein wenig beklemmend, dass wir diese Tendenzen immer noch nicht überwunden haben.

"That I never did anything and that I don't have anyone."

Aber überhaupt funktioniert "Mad Men" oftmals dann am Besten, wenn es uns mittels der Geschichten aus der Vergangenheit einen Spiegel für unsere eigenen Probleme vorhält. Seien es all die verschiedenen Formen des Sexismus, mit denen Peggy konfrontiert ist, sei es der Wunsch der konservativen Elite nach dem heilbringenden Früher, oder auch die Diskriminierung von Homosexuellen. Denn in dieser Episode tritt Bob Benson wieder ins Rampenlicht, ungefähr zu der Zeit, als im Juni 1969 in New York die Stonewall-Unruhen stattfanden, in der sich die örtlichen Homosexuellen gegen Polizeiwillkür und Diskriminierung auflehnten. Diese Ereignisse werden von der Lesben- und Schwulenbewegung als entscheidender Wendepunkt im Kampf um Gleichbehandlung und Anerkennung gesehen und das Verhalten des Polizisten, der Bob Bensons Kollegen und Leidensgenossen aus Detroit festnimmt, ist sicher eine kleine Andeutung auf diesen wichtigen Meilenstein der US-Geschichte.

Aber Bob Bensons Plan, mit Joan eine Familie für den schönen Schein zu gründen, ist auch heute nicht so abwegig, zumal die beiden eben auch eine wirklich enge Freundschaft verbindet und Bob in ihr so etwas wie eine Familie besitzt (man achte nur auf die unterschiedliche Reaktionen von Kevin und Tammy auf ihre abwesenden Vaterfiguren). Aber Joan lässt sich nicht darauf ein, denn trotz aller Freundschaft, die Bob für Joan empfindet, erkennt er nicht einmal, wie viel ihr die Nachricht in Bezug auf den Verlust des Chevrolet-Etats bedeutet. Wieder einmal wird eine Frau nur als privates Wesen, aber nicht als kompetente Berufsperson gesehen, und das selbst von denen, die vorgeben, genau diese Frau zu respektieren.

"That's the job. Living in the not knowing."

Es gäbe noch so viel mehr zu sagen über diese wunderbare Episode, angefangen von Petes Scheinheiligkeit gegenüber Bonnie und Trudy, über Rogers Pläne in Bezug auf Buick und Chevy, aber ich schließe mit ein paar Randnotizen ab, die auf einige dieser Punkte eingehen:

  • Harry wird nun also Partner, sehr zum Unwillen von Joan. Ich kann sie verstehen, auch wenn dieser Schachzug schon lange überfällig ist.
  • Megan und Dons Ehe ist nach außen vorhanden, aber innerlich schon lange vorbei. Sie packt ihre Dinge, um immer mehr von ihrem alten Leben zurückzulassen und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis auch Don dazu gehört. Passenderweise ist es gerade jetzt, wo Megan immer weiter aus Dons Leben zurückgedrängt wird, dass Peggy und Don wieder aufeinander zugehen, nachdem dessen Entscheidung, seine Sekretärin zu heiraten, einiges zu ihrer Distanz in den letzten Jahren beigetragen hat. Nicht umsonst erinnert man uns daran, indem Megan und Peggy aufeinander treffen.
  • Petes Verhalten hier, mal abgesehen von dem großartigen Ende bei Burger Chef (von dem amerikanische Zuschauer sagen, dass es an ikonenhafte Werbespots der Burgerkette angelehnt ist), ist so furchtbar, dass ich am liebsten gar nicht darauf eingehen mag. Gut für Bonnie, ihn in den Wind zu schießen und ich habe die gleiche genervte Handbewegung gemacht wie Trudy, als die beleidigte Leberwurst Pete aus ihrer Küche gestürmt ist.
  • In einer Episode mit weniger denkwürdigen Szenen wäre auch der Moment im Flugzeug, in der die Stewardess symbolträchtig den Vorhang zu Bonnie und Megan schließt, ein würdiges Ende gewesen.
  • Ich weiß, es klingt pathetisch, aber wenn ich in einem abstrusen Science-Fiction-Szenario einmal vor die Wahl gestellt werde, eine Ewigkeit in einem ganz speziellen Moment eines Kunstwerkes zu verbringen, dann nehme ich das Ende der Folge am Tisch mit Don, Peggy und Pete. Der Moment ist einfach pure Perfektion! Und das in einer Episode mit dem genauso genialen Tanz zwischen Don und Peggy, bei dem Jon Hamm wieder einmal Schauspielkunst ohne Worte par excellence betreibt. Da muss ich wirklich nicht überlegen, wie viele Punkte man hier vergeben sollte.



Cindy Scholz - myFanbase

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