Bewertung: 8

Review: #6.08 Außer Kontrolle

Foto: Harry Hamlin & Jay R. Ferguson, Mad Men - Copyright: Jordin Althaus/AMC
Harry Hamlin & Jay R. Ferguson, Mad Men
© Jordin Althaus/AMC

Oh, das wird eine Herausforderung, aus dieser Episode von "Mad Men", die auf mich den Eindruck macht als hätte Matthew Weiner beschlossen, all den Analysten seiner Serie einmal den Stinkefinger zu zeigen und so ein richtiges Potpurri an unzusammenhängenden Gedanken vor die Füße zu werfen, eine sinnvolle Review zu machen. Eins kann ich sagen, gefallen hat es mir, es war hochamüsant, voller denkwürdiger Szenen (Kennys Stepptanz!!) und auch einiger richtig schöner Momente. Ich weiß nur noch nicht recht, ob die Substanz, die unter all den drogendurchwobenen Geschichten ruht, wirklich so viel hergibt, beziehungsweise ob die Erkenntnisse daraus irgendetwas Neues für uns als aufmerksame Zuschauer darstellen.

Don hat bekannterweise Probleme mit Frauen, ob es seine Ehefrauen, seine Geliebten, seine Mutterfiguren sind oder auch seine Tochter ist, begründet darin, dass er in seiner Kindheit keine einzige gesunde und normale Beziehung zu einer Frau hatte. Es resultiert ganz folgerichtig aus seiner frühkindlichen Erfahrung mit Mutterfiguren und Prostituierten, dass er Frauen, die ihm nun begegnen, in ungesunder Weise in diese Kategorien einordnet, zwar unbewusst, aber dennoch kann so keine tiefgehende und vor allem aus gegenseitigem Respekt bestehende Beziehung entstehen. So weit so gut, das ist aber nichts, was man sich nach der Phrase "aufgewachsen an der Seite seiner Stiefmutter in einem Hurenhaus" nicht auch hätte an einer Hand zusammenzählen können. Dieses Motiv der Rückbesinnung auf Dons Zeit in besagtem Bordell durchzieht diese Staffel durchaus dominant, über optische Referenzen besonders zwischen Sylvia und der bedeutenden Figur Aimee, aber auch Megan wurde in diesen Zusammenhang gesetzt. Nun wissen wir also noch, dass Aimee ihn damals entjungferte und das nicht nur zu seiner Freude, denn der kleine Dick war offensichtlich noch nicht bereit für diese Art der Zuwendung, hat er doch klar eher eine Mutter als eine Geliebte gebraucht. Aber auch hier finden wir die optische Verbindungslinie zwischen Aimee, Sylvia und der Frau aus dem Haferflockenplakat ganz deutlich wieder über die altmodischen Kopftücher und viele andere Details. Wäre dies in dieser Folge das erste Mal der Fall gewesen, wäre dies sicher ein aufregender Gedanke, so wiederholt sich das Spiel einfach nur.

Die Struktur der Episode, oder eher der Mangel einer solchen Struktur, war für den Zuschauer dagegen eine absolute Wohltat, denn man hatte nie das Gefühl auch nur ahnen zu können, was als nächstes auf einen zukommt. Über Dons unzuverlässigem Zeitgefühl und seinem Hang zu Halluzinationen saß man die ganze Zeit wie auf die Folter gespannt vor dem Bildschirm, es ging sogar soweit, dass ich mir bei Sallys Szenen am Ende nicht sicher war, ob diese wirklich gerade passieren oder auch nur irgendwie ein Traum sind. Dazu aber später im Text mehr, konzentrieren wir uns zunächst erst noch einmal auf Don, damit wir uns danach den wirklich gelungenen und erfrischenden Aspekten dieses Drogentrips widmen können. Dons Handlungsebenen leiden für mich momentan stark darunter, dass der Moment, an denen sich nicht mehr nur noch alles im Kreis dreht und in einer ewigen Spirale der Wiederholungen gefangen ist, weiter auf sich warten lässt. Bis dahin erfahren wir nichts Neues über ihn, im Gegenteil, wir müssen einfach immer weiter mit ansehen, wie er seine Mitmenschen ausnutzt oder einfach ignoriert. Vielleicht hat diese Episode, mit all dem Husten und der Ohnmacht am Ende gesundheitliche Probleme vorangekündigt, vielleicht auch nicht. Sollten diese kommen, lässt mich das die hier gesehenen Dinge sicher auch noch einmal in einem anderen Lichte sehen. Bis dahin konzentriere ich mich aber weiterhin auf die beruflichen Aspekte dieser Handlungsstränge rund um Don, denn die geben doch wieder einmal die meiste Substanz her. Wie hier der schöpferische Arbeitsprozess unter zeitlichem Zwang und eben auch Drogen dazu führt, dass die resultierende Kreativität fast schon lächerlich wirkt, war großartig mit anzusehen. Matt Weiner benutzt bekannterweise die Arbeitsweise der Werbebranche als Metapher zum kreativen Drehbuchschreiben seiner Zunft und mit Peggy als einzigem vernünftigen Menschen in all dem Drogenwahnsinn macht er hier deutlich, was er davon hält. Das hatte einige subtile Highlights zu bieten, die für mich das besondere Extra dieser Folge ausgemacht haben.

Überhaupt war Peggy Olson mal wieder der absolute MVP, was natürlich niemanden mehr überraschen kann. Die Art und Weise, wie sie mit Stans Annäherungsversuchen umgeht, souverän, diese absolut richtig einordnend und freundschaftlich ermunternd, war beeindruckend und geradezu vorbildhaft. Davon möchte man sich als Frau wirklich ohne den ironischen Unterton zu bemühen eine Scheibe abschneiden. Und sie hat klar formuliert, was Stan mit all seinen Drogen und dem bedeutungslosen Sex da eigentlich tut, zwar wurde ihr Rat nicht gehört, aber wir als Zuschauer sehen Stans ständiges Pot rauchen am Arbeitsplatz dann doch mit etwas anderen Augen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass es letztendlich die blutjunge Tochter des verstorbenen Frank Gleason ist, die er am Ende flachlegt. Zwar kann man nur froh sein, dass es nicht Don Draper war, der diesen Fehler begeht, aber viel besser macht es das auch nicht. Die Männer versagen hier auf ganzer Linie, die ihnen zum Schutz ausgelieferten Mädchen wirklich zu beschützen. Und dabei handelt es sich nicht um irgendwelche altmodischen Kavaliersverpflichtungen erwachsenen Frauen gegenüber, nein, es sind im wahrsten Sinne des Wortes die Töchter, die hier von ihren Vätern oder väterlichen Beschützern allein gelassen werden.

Am deutlichsten wird dies natürlich bei Sally, die mit der erschreckenden Situation im Apartment zwar souverän umgeht, die aber eben schlicht allein gelassen wurde. Sie hat keinen Erwachsenen in der Nähe, der sie beschützen kann, sie hat aber auch keinerlei bedeutungsvolle Information über ihren Vater zur Verfügung, die ihr geholfen hätte, Ida gleich sofort zu enttarnen. Ich hätte mir hier nur gewünscht, die Diebin wäre keine Afroamerikanerin gewesen. Natürlich ist dies eine sehr wahrscheinliche Version, gerade im innerstädtischen New York, aber da "Mad Men" ein eindeutiges Problem hat, die afroamerikanische Sicht auf die späten 60er Jahre vielfältig zu porträtieren, hätte man die Bedienung des Klischees des kriminellen Schwarzen hier gerne weglassen können. Matthew Weiner ist zu klug, um diese Problematik nicht zu erkennen, er hat sie dennoch so angewandt, weil es ihm offensichtlich egal ist, dass damit wieder einmal nur Vorurteile bestätigt werden. Abgesehen von diesem bitteren Wehrmutstropfen war die Geschichte aber unheimlich gelungen, hat sie doch mit unserem Wissen als Zuschauer über Don und Dicks Vergangenheit gespielt. So war es egal, dass man von Beginn an ahnte, dass Idas Geschichte nicht aufgeht, man hat doch geistig all die Möglichkeiten wie beispielsweise, dass Ida die Nanny des wahren Don Drapers sei, durchgespielt.

Aber auch wenn ich es nicht will, ich komme beim Nachdenken über diese Episode doch immer wieder zurück auf Don und sein Verhältnis zur Welt. Meine Review bis hierher ist im schlechtesten Falle eine unzusammenhängende Aneinanderreihung von wirren Gedanken, so wie #6.08 The Crash im schlimmsten Falle eine wilde Aneinanderreihung von exzentrischen und selbstreferenziellen Szenen ist. Am Ende bleibt bei mir das Gefühl zurück, dass Don immer noch verzweifelt danach sucht, wirklich etwas zu fühlen. Er vermischt seine Arbeit am Chevy-Etat mit seinen stalkerhaften Bemühungen, Sylvia zurückzugewinnen. Wobei ihm eigentlich klar wird, dass eine der wenigen wirklich bedeutenden Beziehungen in seinem Leben, die zu Peggy, entrinnt. Die Episode hat einen starren Fixpunkt, als Don Peggy beobachtet, die Ted tröstet. Ted ist ganz im Gegensatz zu Don ein Mann, der eine Substanz unter dem äußeren Schein zu bieten hat, der wahre Gefühle zulassen kann und der seine Trauer zulässt. Etwas, das er und auch Stan beispielsweise nicht können, so sehr sie auch wollen. Und Don hatte einmal eine bedeutende Freundschaft zu Peggy, da er aber nicht in der Lage ist, sein Inneres wirklich für sich stehen zu lassen, sondern immer seine oberflächliche Fassade bemüht und Peggy dieses Spiel durchschaut, scheint diese Freundschaft momentan in ganz weite Ferne gerückt zu sein. Wenn aber die nicht da ist, was hat Don denn wirklich noch von Bedeutung im Leben? Die Ehe zu Megan ist tot, wie wir hier auch wieder einmal in einer der vielen ehelichen Szenen sehen (nach Dons Zusammenbruch im gemeinsamen Bett), die trotz lokaler Nähe nur die wahre Distanz zwischen ihnen verdeutlicht. Seine Kinder wissen nichts über ihn und er hat ihnen auch nicht wirklich etwas zu sagen. Und Sylvia war von Anfang an nicht mehr als eine Besessenheit, die ihn von der Leere seines Lebens ablenken sollte.

Mit diesem Fazit über unser aller Lieblingsprotagonisten, im Guten wie im Schlechten, versuche ich nun ein abschließendes Urteil über diese Episode zu fällen. Und umso mehr ich darüber nachdenke, umso mehr liebe ich sie. Mit all den offensichtlichen Schwächen ist es doch eine Wahnsinnsfolge, die hochunterhaltsam ist und obwohl sie sich dem üblichen Schema einer "Mad Men"-Episode mit einem klaren Leitmotiv entzieht, doch unheimlich viel zum Nachdenken bietet. Den Großteil davon diesmal auch weniger auf intellektueller, sondern eher auf der weniger greifbaren emotionalen Ebene. Ich würde wirklich gerne die volle Punktzahl vergeben, um die herausragende Stellung dieser Episode gebührend zu würdigen, die Ignoranz in Bezug auf die Probleme der Serie wieder einmal in Sachen afroamerikanischer Figuren lassen dies aber leider nicht zu.

Cindy Scholz - myFanbase

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