Bewertung: 9

Review: #2.05 VIP-Behandlung

Foto: Christine Baranski, Good Wife - Copyright: Paramount Pictures
Christine Baranski, Good Wife
© Paramount Pictures

Jemanden wegen sexueller Belästigung anzuzeigen ist wohl eine der schwersten Entscheidungen, die ein Mensch fällen muss. Nicht nur muss man bei einer Anzeige das Ganze noch einmal durchleben, indem man die genauen Tatbestände wiedergeben muss – und das immer und immer wieder bei den verschiedensten Personen. Man muss sich außerdem immer wieder mit der Frage auseinander setzen, ob man nicht selbst Schuld an dem Vorfall hatte, indem man irgendwelche Andeutungen machte, etwas falsch interpretierte oder nicht deutlich genug Ablehnung zeigte. Dadurch sieht man sich unter einem enormen Druck, dem viele nicht standhalten und deswegen Stillschweigen bewahren, anstatt den Mut aufzubringen und sich ihrem Täter entgegen zu stellen.

Jemanden, der in der Öffentlichkeit steht wegen sexueller Belästigung anzuzeigen, bringt noch mehr emotionalen Druck mit sich, denn sofort ist man selbst auch eine Person öffentlichen Interesses. Die Presse stürzt sich auf einen, durchsucht das Privatleben und man kann sich dem nicht entziehen, selbst wenn man sich weigert außerhalb des Gerichtssaals über den Fall zu sprechen. Zeigt man dann auch noch eine Person an, die in der Öffentlichkeit einen guten Ruf hat, dreht sich der Spieß schnell einmal um und aus dem Opfer wird ein Täter, der aus welch auch immer gearteten Gründen nur einen Weg sucht, um im Rampenlicht zu sein und das Beste für sich heraus zu holen. Die Wahrheit ist dabei für die Medien zweitrangig, denn sie nutzen die Schlagzeilen, um ihre Verkaufszahlen zu steigern – ohne Rücksicht auf Verluste.

Genau so einen Fall haben wir auch in dieser Episode, wobei nicht ansatzweise das Ausmaß einer Anzeige bzw. eines Prozesses gezeigt wurde, sondern lediglich die Abwägungen, ob man es überhaupt zu einem Fall machen sollte. Zwar wird uns hier ein Täter präsentiert, der quasi-heilige Züge an sich hat, indem er sich für die Frauen in Afrika einsetzt und zusätzlich Nobelpreisträger ist, aber dies ändert letztlich nichts an der Tatsache, dass der Verlauf, die Abwägungen, Vorsichtsmaßnahmen und die Unsicherheiten auf nahezu jeden Fall übertragbar sind, bei dem es um eine Person öffentlichen Interesses geht. Und genau diese realitätsnahe Umsetzung ist es, welche die Episode für mich zu einer der intensivsten und den Fall zu einem der interessantesten der bisherigen Serie für mich macht.

Angefangen bei der Unsicherheit der Anwälte, ob man sich an dieses heiße Eisen wagen soll – denn schließlich ist die Kanzlei nicht auf Fälle der sexuellen Belästigung spezialisiert, hat einen Ruf zu wahren und könnte sich durch eine Fehlentscheidung in den Ruin treiben. Weiter zu dem Unglauben, den vor allem Diane in sich trägt, da sie sich nicht vorstellen kann, dass die Person, die sie nun schon seit mehreren Jahren kennt und schätzt, zu solch einer Tat fähig ist.Alicias vorsichtiges Vorgehen bei der Befragung des Opfers, bei welchen sie immer wieder versucht die Wahrheit herauszubekommen sowie Wills offensive Befragung und die Abklärung von Ungereimtheiten, bis hin zu den Selbstzweifeln, die das Opfer im Verlauf der ganzen Befragungen, Anschuldigungen und Unterstützungsbekundungen hat. In der Kürze der Zeit, die diese Episode besitzt, wurden alle Seiten hinreichend und realitätsnah beleuchtet, ohne dabei auch nur einmal den eigentlichen Täter einzuschließen.

Der Ausgang des Ganzen ist ernüchternd und leider nur zu realistisch: Das Opfer versucht, die Tat lieber zu verdrängen anstatt den Mut aufzubringen und zu kämpfen. Doch wer kann es ihr auch verübeln, wenn sie bereits von der Staatsanwaltschaft abgewiesen wurde und sie dann auch bei Lockhard/Gardner & Bond vier Stunden lang Fragen beantworten musste, ohne dass jemand auch nur ein Anzeichen machte, dass er ihr glaubt. In nur vier Stunden wurden bereits viele Details über sie herausgefunden, sie wurde als Person dargestellt, die sich für Geld prostituieren würde, man stellte ihr Fragen, die alle darauf abzielten sie als Lügnerin zu entlarven und sie musste sich dafür rechtfertigen, dass sie nicht wie das 'typische Opfer' wirkt, welches weint und Nervenzusammenbrüche bekommt. Dabei muss beachtet werden, dass ihr dieses Verhalten von 'ihren Anwälten' entgegen gebracht wurde. Es ist fast verwunderlich, dass sie wirklich so lange in der Kanzlei geblieben ist und dies alles hat über sich ergehen lassen. Doch irgendwann wurde es dann auch ihr zu viel, wahrscheinlich bei dem Gedanken, dass dies nur der Anfang ist und sie sich bei einer Anzeige der Öffentlichkeit und der gegnerischen Seite stellen muss, was zur Folge hätte dass sich diese vier Stunden auf mehrere Wochen oder Monate ausweiten würden, ohne dabei an Intensität zu verlieren.

Randnotizen

Für mich stand ganz klar der Fall in dieser Episode im Mittelpunkt und ist das gewesen, was mich durchweg überzeugt und interessiert hat. Ein wenig zu konstruiert erschienen mir dahingehend die kurzen Einschübe zu Wills neuer Freundin, die scheinbar nicht so schnell wieder verschwinden wird, wie sie aufgetaucht ist, sowie die Tatsache, dass Peter die gespeicherte Nachricht von Will auf Alicias Handy findet und damit das erste Mal einen wirklichen Hinweis darauf erhält, dass seine Frau und Will eine Affäre haben könnten bzw. dass sich zwischen den beiden was anbahnen könnte.

Die ganzen Andeutungen der letzten Episoden, dass Cary der Kanzlei schaden will, habe ich ehrlich gesagt nie wirklich ernst genommen, da die Charakterzeichnung von Cary dies für mich (derzeit) nicht zulassen würde. Und auch Alicias Aussage wurde ja zum Glück diesmal nicht bestätigt, da der Fall eben wirklich einer gewesen wäre. So sehr ich Cary als Staatsanwalt mag, da er seinen Job sehr gut macht und vor allem auch den Anwälten von Lockhart/Gardner & Bond das Wasser reichen kann, hoffe ich, dass er bald wieder in die Kanzlei kommt, oder zumindest eine Storyline bekommt, die ihm mehr Screentime verschafft, denn davon hat er definitiv zu wenig.

Fazit

In dieser Episode wurde uns ein Fall präsentiert, der mich vollkommen in seinen Bann ziehen konnte, obwohl wir nicht eine Szene vor Gericht gesehen haben, sondern lediglich die Handlungen rund um die Abwägung, ob man den Fall überhaupt übernehmen sollte. Die Storyline war brillant umgesetzt, unglaublich emotional erzählt und hatte eine erschreckende Realitätsnähe. Auf das Randgeschehen hätte ich gut und gerne verzichten können, wobei es definitiv dazu dienlich war, dass man sich als Zuschauer kurz von der Intensität der Hauptstoryline erholen konnte.

Annika Leichner - myFanbase

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