Bewertung: 9

Review: #2.23 Die andere Seite (2)

Foto: Lance Reddick, Fringe - Copyright: Warner Bros. Entertainment Inc.
Lance Reddick, Fringe
© Warner Bros. Entertainment Inc.

Habt ihr ihn auch gehört? Den Knall, mit dem sich "Fringe" wohlverdient aus dieser Season verabschiedet hat? Na gut, ganz so groß war der Knall dann auch nicht. Und das meine ich absolut positiv, denn wer meine Review zum Finalauftakt gelesen hatte, wusste, dass ich die Angst hatte, "Fringe" würde es im Staffelfinale mit Veränderungen und manchen Storyelementen (Zerstörung unserer Welt) übertreiben. Doch Gott sei Dank blieb die Serie auf dem Boden und spart sich den wirklich großen Knall vermutlich für einen späteren Zeitpunkt auf. Und obwohl dieser Knall ausblieb, so waren es viele kleine Knaller, die das Finale letztlich doch zu einem großen Knall machten – ich hoffe, ihr könnt mir folgen?

Weiterhin "Over there"

Dass "Fringe" mit phänomenalen Bildern zu bestechen weiß, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Bereits Olivia in einem der Zwillingstürme war grandios und die Bilder der anderen Welt, wie sie uns bereits im ersten Teil des Staffelfinals gezeigt wurden, haben auch nicht ihre Wirkung verfehlt. Diese Folge setzte dann noch eins drauf: Sei es Peters Helikopterflug über das alternative New York, die düstere und verwüstete Landschaft als Folge Walters "Crossover" 1985 oder die fast schon bizarre Inszenierung der Quarantänebereiche, in denen die Menschen in harzähnlichen Substanzen eingefroren sind. Man merkt der Folge deutlich an, dass die Macher ihrer Kreativität freien Lauf gelassen haben und es macht einfach Spaß zu sehen, was man sich für uns Zuschauer hat einfallen lassen.

Doch das Finale ruht sich nicht nur auf tollen Bildern aus, sondern überzeugt auch mit unglaublich interessanten Szenen. Und dabei sind es die Aufeinandertreffen der verschiedensten Charaktere, die das Finale so stark machen. Und davon gab es einige: Peter und Walternate, Peter und Olivia, Olivia und Bolivia und (und darauf warten wir alle schon lange) William Bell trifft auf Walter!

William Bell und Walter

Man kann sehen, wie man es will, aber William Bell war schon immer eine zentrale Figur in "Fringe". Und das, obwohl man den Charakter bisher gerade einmal gefühlte zehn Minuten in der gesamten Serie gesehen hat. Umso interessanter war es natürlich, den berühmten William Bell, den Leiter der ominösen Firma "Massive Dynamic", den berüchtigten Laborpartner Walters, den William Bell endlich einmal voll und ganz erleben zu können. Ein Moment, auf den sich wohl viele "Fringe"-Fans gefreut haben.

Erinnert ihr euch noch, wie ihr euch in der ersten Staffel vorgestellt hattet, wie William Bell sein wird? Ich erinnere mich noch genau, wie ich mir ausgemalt hatte, was für ein unheimlicher und einschüchternder Mann uns begegnen wird, der offenbar mit dem Leben anderer spielt, nur um seine Forschungen betreiben zu können. Man hatte sich William Bell letztlich als regelrecht entglittenen Wissenschaftler vorgestellt, dessen Größenwahn ihm zu Kopf gestiegen ist. Doch weit gefehlt, denn wie uns William Bell letztendlich präsentiert wird, ist einfach herrlich. Am besten sagt man wohl einfach, dass William Bell zweifelsohne der perfekte Laborpartner für Walter war. Offenbar genauso genial, offenbar genauso versessen auf Erkenntnisse aber gleichzeitig genauso abgedreht. Wer bitte hätte vor einem Jahr noch gedacht, dass der vermeidliche Hauptbösewicht dieser Serie irgendwann einmal fast schon kindisch in einem Restaurant mit seinem ehemaligen Freund streiten wird und Olivia eingreifen muss. Oder, dass er irgendwann einmal in einem Auto sitzt und dabei Gummischlangen isst? Mit der Charakterzeichnung des William Bell ist es den Machern gut gelungen, eine passende Figur zu Walter zu finden.

Absolut gelungen waren dementsprechend auch die Szenen zwischen Walter und William, deren Chemie einfach passte. Als Zuschauer konnte man sich richtig vorstellen, wie die zwei ehemaligen besten Freunde Willy und Belly gemeinsam im Sandkasten, ach nein, im Labor saßen und die verrücktesten Theorien untersuchten. Natürlich ist dazwischen unendlich viel Zeit vergangen und der Zahn der Zeit nagt nur all zu gern an Freundschaften, sodass Walter und William letztlich nichts Besseres zu tun hatten, als sich gegenseitig für alles mögliche die Schuld zu geben. Besonders der Höhepunkt ihrer Auseinandersetzungen, nämlich der Streit in ihrem ehemaligen Labor, brachte erstklassige Szenen mit sich. Was hätte man auch anderes erwarten sollen, wenn man John Noble und Leonard Nimoy in einen Raum sperrt? Leider scheint das auch bereits der letzte Auftritt von William Bell gewesen zu sein, der sich, vermutlich, für seinen ehemaligen Freund geopfert hat. Da war ich nur froh, dass sein eventueller Tod nicht unnötig dramatisch gezeigt wurde. Nicht nur, dass ich persönlich Szenen nicht ausstehen kann, in denen Heldentode übertrieben dramatisiert werden, ich finde es auch noch gut, dass man die Option für eine Rückkehr Bells offen gehalten hat.

"You gotta trust me. I’m you!"

Das andere große Aufeinandertreffen bzw. der andere große Konflikt hatte Olivia – mit sich selbst! Und nein, Olivia steckt nicht in ihrer Mid-Life-Crisis, sondern versucht verzweifelt, ihre alternatives Ego Bolivia zu überzeugen, ihr zu helfen, Peter zu finden. Und wer hätte gedacht, dass sich "Fringe" nicht dem typischen amerikanischen Klischee hingibt und Bolivia mir nichts dir nichts auf die andere Seite bekehrt wird, sondern eiskalt das naive Vertrauen Olivias missbraucht, woraufhin der wohl spektakulärste Kampf der "Fringe"-Geschichte folgt. Ich hatte schon des öfteren erwähnt, dass mir Kampfszenen mit Anna Torv gefallen. Eine Kampfszene, in der Anna Torv letztlich gegen sich selbst kämpft, ist dann wohl das, was man Geschenk des Himmels nennt. Und auch wenn ich mich nicht wirklich damit auskenne, aber schnitttechnisch war die Kampfszene für meine Augen unglaublich aufwendig und perfekt in Szene gesetzt.

Auch diejenigen, die schon ganz verrückt auf Fortschritte der Peter/Olivia-Beziehung warten, kommen voll auf ihre Kosten. Denn alle, die in #2.15 Jacksonville noch enttäuscht gejammert hatten, dass der Beinah-Kuss zwischen den beiden jäh unterbrochen wurde, werden in dieser Folge endlich belohnt. Olivia und Peter küssen sich! Und das nach einem Monolog Olivias, wie er nicht hätte kitschiger sein können. Aber ja, es war einer der schönsten Momente des Staffelfinals. Und ich hatte beinahe die Befürchtung, Peter wird Olivia zurückweisen, nachdem sie ihm so lange die Wahrheit über seine Herkunft verschwiegen hatte. Aber mal ehrlich, wer kann nach einem Monolog wie diesem:

"I’ve searched for 100 reasons why you should come back. To fight the shapheshifters, to take care of Walter, to save the world. But in the end, you have to come back because you belong with me."

… noch sauer sein? Es war schon etwas verwunderlich, dass so etwas von der sonst so verschlossenen Olivia kommt. Aber genau deshalb war der Moment auch so besonders und gelungen. Ich hatte wirklich Zweifel, dass es wirklich Olivia war. Aber Bolivia saß währenddessen gefesselt auf ihrer Couch. Und "Colivia" wird irgendwo in einem anderen Paralleluniversum ihr Unwesen treiben. Also ja, es war tatsächlich unsere Olivia.

"I’ve seen strange. This is something else."

Weniger spektakulär fiel das Aufeinandertreffen zwischen Peter und seinem wirklichen Vater Walternate aus. Ich hätte mir ein paar interessantere Dialoge gewünscht, denn letztlich war mir ihr Gespräch ein wenig zu oberflächlich. Ich bin generell davon ausgegangen, dass man Peter und Walternate mehr Szenen miteinander gönnt. Auch hätte ich es interessant gefunden, wenn Walter auf Walternate getroffen wäre. Aber dafür hätte es wohl noch ein "Over There: Part 3" benötigt und die William/Walter-Szenen waren eine ebenfalls gute Alternative. Außerdem hat man noch die nächste Staffel, um diese Szenen nachzuholen.

Walternate ging es letztlich also nicht wirklich darum, seinen Sohn wieder zu haben, sondern die andere Welt zu zerstören. Sein großer Plan, nämlich die Zerstörung mit Hilfe einer apokalyptischen Waffe, war dann relativ unspektakulär, da Peter, der als einziger die Waffe antreiben kann, ganz einfach keine Lust auf Kriegsspiele hat. Die Story um diese Waffe wirkte für mich ein wenig unausgereift, ich kann mir allerdings gut vorstellen, dass dies noch eine zentrale Rolle in der kommenden Staffel spielen wird. Dabei steht die Frage noch im Raum, was genau diese Waffe bewirkt und vor allem, weshalb nur Peter sie antreiben kann.

Währenddessen hat sich die Lage zwischen Walter und Peter beruhigt. Den beiden hat man zwar in der ganzen Folge nur eine kurze gemeinsame Szene gewidmet, die allerdings vollkommen ausgereicht hat. Es ist einfach nur schön, dass man die zwei nicht unnötig lange auseinandergerissen hat und wir sie in der kommenden Staffel wieder gemeinsam sehen können. Zwar wird das Verhalten der beiden ein wenig anders sein, aber dank Peters Einsicht wird der Konflikt wohl keine große Rolle mehr spielen. "You did cross universes twice to save my life. And that’s gonna count for something, right?!" – Ich würde da spontan "ja" sagen.

Happily never after

Selbstverständlich hätte man uns Fans auch beruhigt in die Sommerpause gehen lassen können. Peter und Olivia haben ihre Gefühle mehr oder weniger offenbart, zwischen Walter und seinem Sohn ist wieder alles im Lot und jeder ist in dem Universum, in der er letztlich hingehört – egal, ob er aus diesem Universum stammt oder nicht.

Doch statt dem Zuschauer den Zustand der vollkommenen Zufriedenheit beibehalten zu lassen, verabschiedet sich "Fringe" mit einem Cliffhanger der besonders bösen Art: Während die echte Olivia von Walternate gefangen gehalten wird, nimmt Bolivia unbemerkt ihre Rolle in unserer Welt ein. Besonders die Schlussszene, in der Walternate die verzweifelte Olivia begutachtet, die ihn anfleht, sie rauszulassen und er daraufhin mit konstant kalter Mine Olivia in ihrer Zelle zurücklässt, war eine unglaublich starke Szene. Walternate wird hier in der Rolle des verbitterten und bösen Wissenschaftlers bestätigt und diese Szene war der perfekte Abschluss dieses eigentlich perfekten Staffelfinals. Ich weiß noch nicht wirklich, inwieweit die Storyline um die vertauschte Olivia in der dritten Staffel funktionieren wird, da Peter schließlich schnell bemerken sollte, dass da etwas nicht stimmt. Andererseits steht das Team dann vor dem Problem, dass sie wieder in das alternative Universum reisen müssen, was nun schwieriger wird als zuvor. Abgesehen davon gefällt mir auch noch die Idee, dass man nun sowohl Szenen von der einen, als auch von der anderen Seite bekommen kann und wir dadurch sowohl unsere Welt als auch die Parallelwelt als feste Handlungsorte haben.

Ich lasse mich einfach überraschen, wie die dritte Staffel das alles handhabt. Nach dem, was "Fringe" nach seiner Winterpause geliefert hat, freue ich mich einfach nur darauf, im Herbst die dritte Staffel sehen zu können, die sich sehr wahrscheinlich stark von ihren Vorgängerstaffeln unterscheiden wird. Doch Veränderungen und Fortschritte sind genau das, was eine gute Serie ausmachen.

Manuel H. - myFanbase

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