Bewertung: 3
Florian Henckel von Donnersmarck

Tourist, The

"You are the least down-to-earth person I've ever met."

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Inhalt

Frank Tupelo (Johnny Depp), ein US-amerikanischer Mathelehrer, besucht Venedig, um über seine verlorene Liebe hinweg zu kommen. Im Zug dorthin trifft er auf die betörende und geheimnisvolle Elise Clifton-Ward (Angelina Jolie). Schnell muss Frank feststellen, dass er nicht mehr ist als die Figur in einem perfiden Spiel, und sieht sich mit Scotland Yard, Interpol und einem britischen Gangster konfrontiert, die ihn alle für den Betrüger Alexander Pearce halten, mit dem Elise eine leidenschaftliche Beziehung pflegen soll.

Kritik

"Du gehst nicht nach Hollywood, um einen Film zu drehen, den du auch in Deutschland machen könntest." Diese Aussage stammt von Florian Henckel von Donnersmarck, Regisseur von "The Tourist", und sagt mehr über den Film aus, ein Remake des französischen Thrillers "Anthony Zimmer" aus dem Jahre 2005, als alles andere. Der neue deutsche "Wunderregisseur", 2007 mit dem Oscar für sein grandioses Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" ausgezeichnet, konnte sich wahrlich aussuchen, welche Filme er als nächstes dreht. Eine Grundvoraussetzung musste jedoch gegeben sein eine entsprechende Inszenierung, die keinen Zweifel daran offen lässt, ob man sich gerade ein Werk aus Hollywood oder aus Deutschland ansieht.

Wirklich verwunderlich ist es also nicht, dass "The Tourist" so unverschämt gut aussieht, womit zunächst gar nicht mal gemeint ist, dass mit Johnny Depp und Angelina Jolie zwei der begehrtesten und optisch ansprechendsten Schauspieler für die zwei Hauptrollen verpflichtet wurden, sondern die Auswahl der Schauplätze sowie das gesamte Ambiente. Die Aufnahmen von Paris und dann vor allem Venedig sind schlichtweg atemberaubend. Oft wird Venedig in Filmen lediglich nachgebildet, für "The Tourist" ließ es sich von Donnersmarck nicht nehmen, die gesamte Crew zum echten Venedig zu bringen und dort das einmalige Flair aufzunehmen. Und so fühlt man sich als Zuschauer die ganze Zeit über wie ein Teil dieser einmaligen Stimmung aus phänomenaler Umgebung, den vornehmsten Hotels und Restaurants, einer aufreizend gekleideten Angelina Jolie und einem Johnny Depp, der sich mit seinem Charakter nahezu mühelos ins Bild fügt.

Genau dort beginnt jedoch das erste große Problem, denn Frank Tupelo, so wird dem Zuschauer weisgemacht, ist ein Mathelehrer aus Wisconsin. Diese Rolle nimmt man ihm jedoch keinen einzigen Augenblick ab, dazu macht er viel zu schnell den Eindruck, als würde er genau dort hingehören, wo er schließlich ist in der High Society mit perfekt passendem und ungeheuer teuer aussehendem Tuxedo. Wenn aber schon dieser eine Charakter nicht funktioniert, hat das entsprechende Auswirkungen auf die Interaktionen mit dem zweiten, in dem Fall der von Angelina Jolie verkörperten Elise Clifton-Ward. Denn auch wenn sie zumindest von vornherein keinen Hehl daraus macht, dass sie genau in so ein Ambiente gehört, ist überhaupt keine Chemie mit Johnny Depp bzw. Frank vorhanden. Man nimmt weder Frank ab, dass er sich innerhalb kürzester Zeit in eine Frau verliebt, die mehr Schall als Rauch ist und aus einer Aneinanderreihung von Oberflächlichkeiten besteht (Jessica Rabbit, anyone?), und für sie sein Leben aufs Spiel setzt, noch glaubt man Elise, dass sie sich ohne Weiteres in einen vermeintlichen Mathelehrer verguckt und dafür alles riskiert.

Dass Depp das letzte Mal 2004 in "Das geheime Fenster" einen bodenständigen Charakter gespielt hat und seitdem eine ausgefallene Rolle nach der anderen annimmt, scheint von Donnersmarck ebenso wenig aufgefallen zu sein wie der Umstand, dass Angelina Jolie mit ihrer larger-than-life-Performance kaum andere Filmfiguren neben sich duldet und entweder als One-Woman-Show ("Salt") oder markante Nebenrolle ("Wanted") taugt. Allein die Idee, Depp und Jolie gemeinsam für einen Film zu engagieren und sie dann auch noch derart seelen- und gefühllos darzustellen, kann nur als Leichtsinn bzw. die Hoffnung darauf bezeichnet werden, dass allein die zwei durch schmachtende Blicke auf den diversen Filmpostern die Produktionskosten wieder einspielen. Depp ist eine typische Fehlbesetzung, da er chronisch unterfordert ist, wohingegen Jolie als Femme fatale durchaus reizvoll gewesen wäre, wenn man auch das Gefühl gehabt hätte, dass sie ein menschliches Wesen ist. Steven Berkoff und Paul Bettany tun ihr Möglichstes, um gegen die Lethargie, die sich im Film und letzten Endes auch beim Zuschauer breit macht, anzutreten, doch auch sie verkommen am Ende lediglich zu Stereotypen. Auf der einen Seite der besessene Scotland-Yard-Inspektor, der die ganze Geschichte um Alexander Pearce (natürlich) persönlich nimmt, auf der anderen Seite der Gangster, der seine Skrupellosigkeit erst jedem zur Schau stellen muss, um anschließend nur noch wie ein unfähiger Idiot dazustehen, weil das die Story von ihm so verlangt.

Über die Tatsache, dass die Charaktere geradezu unwirklich in sich selbst und miteinander sind, könnte man bis zu einem gewissen Punkt vielleicht sogar hinwegsehen und sich von style over substance blenden lassen, aber dann hätte zumindest die Handlung weniger hanebüchen sein müssen. Hochspezialisierte Geheimdienste und die schlauesten Gangster sind unfähig bis ins Mark, wenn es genau das ist, was benötigt wird, damit Elise und Frank frei kommen. Irgendwann gehen einem die Hände aus, um abzuzählen, wie oft die beiden hätten eingefangen werden können, wenn man sich nicht derart dämlich angestellt hätte. "The Tourist" will ein Actionthriller sein, versagt aber, wenn es darum geht, Actionszenen glaubwürdig darzustellen und kann auch entsprechend keinerlei Spannung erzeugen, obwohl man verzweifelt versucht, Hitchcock zu imitieren. Apropos Spannung: Der finale Twist kann bereits nach wenigen Minuten erahnt werden und ist spätestens zur Hälfte des Films offensichtlich. Also funktioniert selbst das nicht. Vielleicht hätte sogar die Handlung von "The Tourist" derart an den Haaren herbeigezogen bleiben können, aber wieso fehlt dann jeglicher Charme, wieso ist der Humor derart vorhersehbar und teilweise schlichtweg fehl am Platz und vor allem wieso spielt man nicht ein wenig mit den Hauptcharakteren, lässt sie sich einander necken und bildet ein amüsantes Katz-und-Maus-Spiel? Weswegen klingen die Dialoge derart hölzern? Eigentlich unglaublich, dass sage und schreibe drei (!) Oscargewinner (von Donnersmarck für "Das Leben der Anderen", Christopher McQuarrie für "Die üblichen Verdächtigen" und Julian Fellowes für "Gosford Park") an dem Umschreiben des Originaldrehbuchs von "Anthony Zimmer" beteiligt waren, aber offenbar verderben in diesem Fall zu viele Köche tatsächlich den Brei.

Fazit

Am Ende kommt es einzig und allein darauf an, wie man selbst die einzelnen Elemente des Filmes gewichtet. Als Versteckspiel an atemberaubenden Schauplätzen, die allesamt wunderbar eingefangen werden, funktioniert "The Tourist" zumindest für ein paar Minuten, als Thriller ist er aufgrund unfähiger Antagonisten und vorhersehbarer Twists ein Komplettausfall. Für eine Komödie fehlen spritzige Dialoge und Humor, der der jeweiligen Situation angepasst ist und nicht aufgezwungen wirkt, und für eine Romanze fehlt jegliche Chemie zwischen den Hauptdarstellern. Wie es ein derartiger Film schafft, nicht nur für drei Golden Globes nominiert zu werden, sondern auch noch in der durch und durch unpassenden Comedy-Kategorie zu landen, bleibt das große Geheimnis.

Andreas K. - myFanbase
08.01.2011

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