Bewertung: 5

Review: #4.06 Volltreffer

Foto: Emma Roberts, American Horror Story: Freak Show - Copyright: Frank Ockenfels/FX
Emma Roberts, American Horror Story: Freak Show
© Frank Ockenfels/FX

So richtig überspringen will der Funke bei dieser vierten Staffel von "American Horror Story" irgendwie noch nicht. Woran das liegt? Vielleicht daran, dass eine nach Aufmerksamkeit süchtige Möchtegerndiva, ein größenwahnsinniger Psychojunge, eine Frau mit Bart und ein Typ mit Hummerhänden noch lange keine gute Story ausmachen. Vielleicht auch daran, dass immernoch nicht so wirklich klar ist, wohin diese Staffel eigentlich will. Oder vielleicht daran, dass trotz des ganzen Dramas so ein richtiges Gefühl von Dramatik und Spannung nicht aufkommen mag. #4.06 Bullseye ist eine dieser Episoden, bei der man am Ende nicht so genau weiß, ob man sich nun gut unterhalten gefühlt hat oder nicht, und ob man eigentlich wirklich weiterschauen will oder es einfach nur tut, weil man es halt tut – und nicht, weil einen der Ausgang der Story tatsächlich interessiert.

"I control my fate. I have survived because I know one must be willing to destroy anyone, anything, even the ones you love, to keep the gods in check."

Die Episode etabliert einen gewissen Alltag im Zirkus (bzw. in der Mott-Residenz, mehr dazu später) und erdet den Zuschauer so ein bisschen in der Geschichte, zieht ihn rein in das tägliche Leben seiner Protagonisten. Das ist positiv, auch wenn dadurch das bislang immernoch vergeblich gesuchte Spannungsmoment leider wieder flöten geht. Elsas bevorstehender Geburtstag ist der Katalysator für einige dramatisch-seifenopermäßige Spannungen, wobei besonders Paul zu einem zentralen Spieler wird. Mat Fraser glänzt weiterhin in der Rolle dieses interessanten Charakters, der mit seiner Mischung aus Charme und Eisernheit, kombiniert mit einer aufrichtigen Sorge für seine Zirkusfamilie und einer gesunden Skepsis gegenüber Elsa, komplexer wirkt als die meisten anderen Charaktere zusammengenommen. Und das als Nebencharakter!

Elsa und Paul haben also eine Affäre, doch gerade das rückt Paul in die einzigartige Position, besser hinter Elsas Fassade blicken zu können als die meisten anderen, die vor lauter Loyalität und Dankbarkeit gegenüber Elsa ihren gesunden Menschenverstand ausgeschaltet zu haben scheinen. Doch als Paul schließlich Dandy in einem Drogeriegeschäft über den Weg läuft und sieht, wie er Kämme, Make-Up und Haarreife im Doppelpack kauft, wird ihm klar, was los ist. Die Szene am Tresen ist definitiv eine der besten in dieser Episode, denn sie bringt mit Paul und Dandy zwei völlig konträre Personen zusammen: einen sozial verstoßenen Freak, der das Herz jedoch am rechten Fleck hat, und einen gesellschaftlich akzeptierten Schönling, der in Wirklichkeit ein Psychokiller ist. Dass der Verkäufer Paul rausschmeißt und nicht Dandy, unterstreicht erneut die soziale Außenseiterrolle der Zirkusfreaks und das typische Phänomen des trügerischen Scheins.

Paul ist auch der Auslöser für den großen Eklat in dieser Folge, Elsas großen Tobsuchtsanfall, in dem sie ihrer Wut, ihrer Enttäuschung und ihrem verzweifelten Wunsch nach Aufmerksamkeit, Dankbarkeit und Zuneigung Ausdruck verleiht. Jessica Lange darf hier wieder mit hochemotionalem Material arbeiten und glänzt in dieser Szene mit ihrem aufgebauschten und dramatischen Schauspiel, das perfekt zu Elsas theatralischer Persönlichkeit passt. Doch auch wenn wir diesmal erfahren, dass es Elsas einziger innigster Wunsch ist, geliebt zu werden, so hält sich die Sympathie des Zuschauers ihr gegenüber doch in Grenzen. Zu größenwahnsinnig, zu ruhmsüchtig und zu hinterhältig ist Elsa, als dass man Verständnis für sie aufbringen könnte. Wenn Paul zudem durch ihre Hand sterben sollte, dann ist eh Schluss mit jeglichem Anflug von Mitleid.

"If I ever found out you were lying and did wrong by those two girls, I'll kill you with my own hands."

Auch Ethels Mitleid für Elsa beginnt diesmal langsam zu bröckeln. Während Ethel bislang immer als treue rechte Hand von Elsa agierte, die sich selbst völlig zurücknahm, um Elsa den Platz und die Aufmerksamkeit zu geben, die sie benötigt, beginnt Ethel angesichts des "Verschwindens" der Zwillinge und des "Unfalls" mit Paul, Skepsis zu zeigen – und das ist ganz richtig so. Können wir vielleicht einen großen Showdown zwischen Elsa und Ethel erwarten? Oder wird Jimmy womöglich doch noch seinem All-American-Hero-Image gerecht und lehnt sich gegen Elsa auf? Denn immerhin hört Jimmy auf Pauls eindringliche Worte und steht am Ende der Episode vor der Haustür der Motts, um nach den Zwillingen zu suchen.

Derweil ist Jimmy völlig im Unklaren darüber, dass noch eine ganz andere Gefahr auf ihn lauert. Wie nicht anders zu erwarten war, sucht sich Stanley nach dem Verschwinden der Zwillinge nun sein nächstes Opfer und wählt Jimmy aus, dessen Hände er ans American Morbidity Museum verkaufen will, wofür er allerdings Maggie braucht. Leider wirken Stanley und Maggie weiterhin wie Fremdkörper im gesamten Storykonstrukt, denn zum einem ist Stanley an Eindimensionalität kaum noch zu überbieten (Stichwort: plot decive), zum anderen ist auch Maggie noch kein wirkliches Mitglied der Zirkusfamilie geworden und wird immer nur in Kombination mit Jimmy gezeigt, abseits vom Rest. Einzig der geplante Mord an Ma Petite war ein fieses, gruseliges Unterfangen, und dass Maggie dieses letztlich nicht ausführen konnte, zeugt davon, dass sie doch noch moralische Grundsätze hat und hier zumindest ansatzweise eine Art Gewissenskonflikt angedeutet wird. Doch eine wirkliche Gefahr strömt Stanley nicht aus, denn dafür ist seine List zu durchschaubar und Maggie könnte ja eigentlich auch einfach allen die Wahrheit sagen und Stanleys Plan somit jeglichen Boden unter den Füßen wegziehen.

"There's nothing left but the dust and the scorpions inside of me. I was never destined to feel love."

Dandys Subplot diese Woche ist derweil nicht ganz so stark wie in der letzten Episode, doch die perversen Ereignisse im Hause Mott sind weiterhin durchaus reizvoll. Zum einen sehen wir wieder, wie gestört die Beziehung zwischen Gloria und Dandy einfach ist, und welch totale Inkompetenz Gloria als Erziehungsperson und Mutter an den Tag legt. Zum anderen tauchen wir tiefer ein in das neue Beziehungskonstrukt zwischen Dandy, Bette und Dot, das in seiner Absurdität schon wieder faszinierend ist. Wie Dandy sich einredet, die Zwillinge zu lieben, obwohl sie für ihn eigentlich nur wieder ein neuer Zeitvertreib sind, ist ein weiterer Beweis für seine Unfähigkeit, irgendeine Art von menschlicher Nähe aufzubauen. Sobald Dot ihm das verweigert, was er will, flippt er wieder völlig aus und Finn Wittrock hat weiterhin sichtlich Spaß daran, in totaler Raserei zu wüten. Dandys Erkenntnis, dass er niemanden lieben kann, bestärkt seinen inneren Drang, andere Leute zu ermorden und besiegelt so endgültig seine Mission, ein Serienkiller zu werden.

Eine große Schwäche der Staffel bleiben dabei weiterhin Bette und Dot, deren Potential völlig verschenkt wird und die einem eigentlich immer mehr auf die Nerven gehen. Nachdem fast die Hälfte der Season rum ist, wissen wir genau eine Sache über die beiden: Bette ist unfassbar naiv und Dot ist unfassbar verbittert. Die zwei haben so wenig Profil, dass sie nicht einmal einen Charakter ausmachen, geschweige denn zwei. Sie sind zu einem Spielball verkommen, der einen Interessenskonflikt zwischen verschiedenen Parteien auslöst (Stanley will sie töten, Jimmy will sie retten, Elsa will sie loswerden, und wer weiß, was Dandy mit ihnen will), doch noch kein einziges Mal haben sie selbst agiert oder haben eine eigene Entscheidung getroffen – und das macht sie zu völlig banalen Protagonisten.

Genau diese Banalität ist es, die "Freak Show" bisher einfach noch nicht zu überwinden weiß. #4.06 Bullseye liefert einerseits recht plattes Storytelling, andererseits trumpft die Folge aber auch mit ein paar starken Szenen und durchaus interessanten Entwicklungen auf. Eine schwierig zu bewertende Episode, deren Punktzahl schlussendlich irgendwo im Mittelfeld anzusiedeln ist. Und dort wird die Staffel erstmal wohl oder übel verhaften, bis (hoffentlich) endlich mal der Funke überspringt.

Maria Gruber - myFanbase

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