Bewertung: 7

Review: #4.01 Monster in unserer Mitte

Foto: Sarah Paulson, American Horror Story: Freak Show - Copyright: Frank Ockenfels/FX
Sarah Paulson, American Horror Story: Freak Show
© Frank Ockenfels/FX

Nach drei Staffeln – eine davon großartig, eine davon unterirdisch, eine davon noch unterirdischer – kann man von "American Horror Story" definitiv als etablierte Serie sprechen. Etabliert in dem Sinne, dass man jedes Jahr aufs neue eine gewisse Erwartungshaltung aufbaut und sich auf ungezügelte Absurdität und viele Gruseligkeiten gefasst machen darf, dass man sich auf eine Reihe talentierter Akteure in ungewöhnlichsten Rollen freuen kann, und vor allem, dass man sich darauf einstellen darf, immer wieder mit dem Unerwarteten konfrontiert zu werden. Und genau dieses Element des Unerwarteten, der Unvorhersehbarkeit, ist letztlich das, was einen doch wieder zurück zu "American Horror Story" führt, obwohl man sich im Januar noch felsenfest geschworen hatte, diese Serie ein für alle Mal für sich abzusetzen.

Doch es hilft alles nichts. Willkommen zu "American Horror Story", Runde 4.

Und tatsächlich enttäuscht Ryan Murphy – zumindest, was das erwartete Unerwartete angeht – auch in diesem Staffelauftakt nicht: Ich meine, Sarah Paulson als siamesisches Zwillingspaar? Evan Peters als Callboy mit riesigen Klauenhänden? Kathy Bates mit Vollbart? Jessica Lange, die David Bowies "Life On Mars" performt? Ausgelassene Drogenorgien, fiese Clowns, Hühnerköpfe verschlingende Kinder? Murphy und Co. übertreffen ihre eigene Extreme mal wieder selbst.

It's a god-awful small affair / To the girl with the mousy hair / But her mommy is yelling "No"/ And her daddy has told her to go

Wie bereits in den ersten drei Staffeln von "American Horror Story" kann man schon jetzt getrost sagen, dass auch "Freak Show" vor allem eines sein wird: die Jessica-Lange-Show. Lange ist und bleibt einfach fantastisch in ihrer Darstellung und übt eine Anziehungskraft aus, der man sich nicht entziehen kann. Ihre Elsa Mars ist eine Mischung aus eleganter Grande Dame, verführerischer Femme Fatale und fieser Zicke, und besitzt dennoch eine einfühlsame, fürsorgliche Seite, die ihr trotz allem Egoismus eine gewisse Sympathie verleiht. Mit diesen Eigenschaften erinnert sie stark an Constance aus Staffel 1, doch diese Frauenfiguren hat Lange einfach drauf und so kann man über die offensichtlichen Parallelen ruhig hinwegsehen. Dafür macht es zu viel Spaß, Lange zuzusehen, wie sie von intrigant zu mitfühlend wechselt, von lebensfroh zu selbstzerstörerisch, von himmelhochjauchzend zu zum Tode betrübt.

"Das Leben will gelebt werden," zitiert Elsa eine andere starke Frau, Eleanor Roosevelt. Doch dass dieses Lebensmotto eigentlich nur Fassade ist, wird vor allem in der enthüllenden letzten Szene deutlich: Elsa mag glamourös und selbstbewusst wirken, ist jedoch selbst deformiert, denn sie hat beide Beine verloren. Dies erklärt auch ihre aufrichtige Fürsorge gegenüber ihren Zirkusmitgliedern, denen sie nicht nur ein Zuhause gibt, sondern die tatsächlich wie eine Familie für sie sind – sie alle sind auf ihre Art "Freaks", Außenseiter der Gesellschaft, ungewollte Abnormalitäten.

But her friend is nowhere to be seen / Now she walks through her sunken dream / To the seat with the clearest view / And she's hooked to the silver screen

Die Dialektik Normal vs. Abnormal und deren Relativierung scheint für Staffel 4 zentral zu werden und nach diesem Auftakt bleibt zu hoffen, dass Murphy dieses Problem besser thematisieren wird als in der hanebüchenen zweiten Staffel. In "Freak Show" geht es um Akzeptanz und Ablehnung, um Norm und Anomalie, vor allem im gesellschaftlichen Rahmen. So werden immer wieder konträre Figuren gegenübergestellt, Jimmy Darling und die brave Hausfrau, Bette/Dot und ihre Mutter, Elsa und Krankenschwester Penny, die Zirkusfreaks und Dandy mit seiner Mutter – es ist ein Wir vs. Sie, das "Freak Show" hier aufbaut und das in Jimmy Darlings Kampfansage gegen die Polizei und sämtliche Peiniger, die den Freaks das Leben schwer machen, seinen Höhepunkt findet.

Jimmy Darling und seine Mutter Ethel werden uns als engste Vertraute von Elsa präsentiert und damit ist, das kann schon mal vermutet werden, Konfliktpotential vorprogrammiert. Jimmy als Charmebolzen mit missgebildeten Riesenhänden ist ein widersprüchlicher Charakter, dessen Herz einerseits für die Gleichberechtigung der Freaks brennt, der aber andererseits raus aus dem Karneval will, wie im Gespräch mit Ethel deutlich wird. Sein Affektmord an dem Cop wird ihm wahrscheinlich erstmal gehörige Probleme einhandeln, gleichzeitig scheint er aber schon jetzt zum Anführer vieler Zirkusmitglieder avanciert zu sein.

But the film is a saddening bore / 'Cause she's lived it ten times or more / She could spit in the eyes of fools / As they ask her to focus on

Das Charakterpaar, das schließlich sämtliche Handlungsstränge dieser Folge zusammenbringt und das letztlich wohl am erstaunlichsten von allen ist, sind die Zwillinge Bette und Dot Tattler. Sowohl die Regiearbeit als auch die Effekte und vor allem Sarah Paulsons Schauspiel sind hier wirklich bemerkenswert. Die Vorstellung, mit einem anderen Menschen einen derart missgebildeten Körper teilen zu müssen, ist nochmal eine ganz neue Stufe des Horrors und wird mit Bette und Dot auf geradezu unheimlich gute Weise dargestellt. Da haben wir auf der einen Seite die strenge, konservative und misstrauische Dot, der nur ein Jimmy Darling kurz ein Lächeln entlocken kann. Auf der anderen Seite haben wir die viel sanftere, naive Bette, die allerdings auch ein stark aufbrausendes Gemüt hat und im Affekt die gemeinsame Mutter tötet. Die siamesischen Zwillingsschwestern sind bei der Freak Show definitiv bestens aufgehoben, doch ob sie die erhoffte Rettung für den Karneval sind, wird sich erst zeigen.

Doch was "Freak Show" in diesem Auftakt vor allem gelingt – und was der Serie in ihren letzten zwei Staffeln nie gelang –, ist der Aufbau von verschiedenen Beziehungen der Figuren untereinander. Es deuten sich Freundschaften an, tatsächliche Bande zwischen diversen Charakteren, die sich umeinander kümmern. So scheinen etwa Elsa und Ethel eine tiefere Verbindung zueinander zu haben, und auch Ethel und ihr Sohn halten, trotz mancher Differenz, zusammen. Auch der geradezu mütterliche Umgang Elsas mit ihren Zirkusfreaks oder der Zusammenhalt von Jimmy, Eve und Paul vermitteln ein Gefühl von Gemeinschaft und Loyalität. Zwar kratzt noch alles an der Oberfläche und womöglich werden sich einige dieser Beziehungen noch als gelogen entpuppen, doch sollten die Serienmacher es schaffen, dass sie den Zuschauer dazu bringen können, emotional etwas in diese Charaktere und ihre Beziehungen zu investieren, dann hätte diese Staffel ihren zwei Vorgängern schon mal etwas voraus: nämlich den Bonus, dass der Zuschauer tatsächliches Interesse und Mitgefühl für die Protagonisten aufbringt.

Sailors fighting in the dance hall / Oh man! look at those cavemen go / It's the freakiest show

Wie schon vergangenes Jahr schafft es auch der Auftakt zur vierten Staffel, das Interesse des Zuschauers zu wecken, die Prämisse für eine potentiell spannende neue Season abzustecken, dem Publikum die zentralen Figuren näher zu bringen und die Hoffnung zu schüren, dass es vielleicht doch wieder was wird mit "American Horror Story". Die Erfahrung hat gezeigt, dass solch positive Auftaktepisoden durchaus mit Vorsicht zu genießen sind und noch viel verbockt werden kann. Aber das ist tragischerweise eben auch das Reizvolle an dieser Serie, der Reiz des Unerwarteten und Unvorhersehbaren. #4.01 Monsters Among Us ist zumindest ein guter Start und legt die Weichen für eine womöglich unerwartet gute Season. In diesem Sinne: Willkommen in der Freak Show.

Maria Gruber - myFanbase

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