Bewertung: 7

Review: #4.12 Zeit der Entscheidung

Wer sich an einer Review zu diesem Finale der vierten Staffel versucht, der wird schnell feststellen, dass er eigentlich vielmehr eine Preview zur fünften Season schreibt. Diese Folge ist nämlich ein wahres Mosaik aus kleinen Cliffhangern und liefert viele Anfänge zu neuen Geschichten, auf die wir noch fast ein Jahr warten müssen. Es wird ein neuer Charakter eingeführt, zwei alte, mehr oder weniger totgeglaubte Bekannte kehren zurück und Charaktere, von denen man dachte, sie würden dieses Finale überleben, tun es nicht.

Marnies (und Antonias) letzter Akt

Marnie hat sich in Lafayettes Körper eingenistet, um sich Jesus' Magie zu schnappen und Rache an denen zu üben, die sie getötet haben. Dabei ersticht sie Jesus, der damit das erste überraschende Todesopfer dieser Episode ist. Ich mochte Jesus wirklich gerne, er hat immer eine hoffnungsvolle, positive Ausstrahlung mitgebracht, die vielen anderen Charakteren der Serie völlig abgeht. Umso tragischer ist es, dass er getötet wird, nachdem er alles getan hat, um seine Freunde aus Marnies Gewalt zu retten. Doch selbst nach seinem Tod präsentiert sich Jesus bei seiner kurzen Stippvisite als Geist gewohnt optimistisch und macht Lafayette Mut. Schließlich ist Lafayette ein Medium, so dass seine Chancen, seinen verstorbenen Freund noch das eine oder andere Mal zu sehen, nicht schlecht stehen.

Marnie will sich nach dem Mord an Jesus auch noch Bill und Eric vorknöpfen und die beiden Vampire in Anlehnung an Antonia auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Sookie, Tara sowie Holly, die in dieser Folge ihre besten Szenen der ganzen Staffel hat (unter anderem als kiffende Fee), eilen zur Rettung und praktizieren Geisterbeschwörung, um sich jenseitige Unterstützung zu holen. Neben Sookies Großmutter Adele, die ja schon einen Stimmenauftritt in dieser Season hatte, taucht auch Antonia noch einmal auf. An der vorherigen Episode hatte mich unter anderen gestört, dass Antonia so einfach verschwunden ist, ohne dass wir so Recht wussten, ob wir das nun unter der Rubrik Erlösung einordnen sollten. Dieser nun wohl endgültig letzte Auftritt der spanischen Hexe zeigt, dass sie tatsächlich Frieden gefunden hat, auch wenn nicht so ganz klar wird, warum sie dafür 400 Jahre gebraucht hat. Im Prinzip ist sie zu der Erkenntnis gelangt, dass es doch viel schöner ist, ins Jenseits überzutreten und die Vampire auf der Erde zurückzulassen, wo diese eine Ewigkeit festsitzen, statt als Geist herumzuspuken und die Ewigkeit der Vampire zu verkürzen. Mit diesem Argument überzeugt sie auch Marnie. Im Prinzip bedeutet dieses Ende, dass die Vampire, aber auch Sookie, Lafayette und Holly, traurige Gewinner sind. Sie haben Marnie und Antonia geschlagen, aber sie bleiben mit all den üblen Folgen der Auseinandersetzung – Jesus' Tod, Bills und Erics Bruch mit der Vampirautorität – zurück, während die beiden Hexen allen irdischen Kummer hinter sich lassen.

Nichts ist entschieden

Mit ihrem offenen Angriff auf Marnie, die nun einmal per Definition ein Mensch war (genau wie ihr ebenfalls getöteter Anhänger Roy), haben es sich Bill und Eric endgültig mit der Vampirautorität verscherzt, die, um Bürgerrechte für Vampire zu erreichen, keinerlei menschliche Leichen im Keller duldet. Auch Nan wurde wegen ihres Versagens in der Marnie-Krise von der Autorität gefeuert und will sich daher, opportunistisch wie sie ist, dem Widerstand anschließen. Nans Versuch, Bill und Eric ebenfalls als Rebellen anzuheuern, scheitert nicht zuletzt daran, dass sie zuviel über Sookie weiß. Bill macht daher Blutmatsch aus ihr und wischt damit den nächsten Hauptcharakter aus dem Cast.

Bills und Erics Konflikt mit der Vampirführung wird sicherlich ein wichtiges Thema in der fünften Staffel sein. Dass sich, wie Nan andeutet, in den Vampirkreisen bereits Widerstand gegen die Autorität regt, überrascht nicht. Die politische Marschrichtung der Autorität, sich den Menschen anzubiedern und alle Vampire mit Gewalt zum Mitmachen zu zwingen, gefällt bestimmt so einigen Blutsaugern nicht. Eric scheint bereits etwas mehr über die oppositionellen Kräfte zu wissen, während dies für Bill eher neue Informationen sind. Ob die beiden Vampire jetzt erst einmal zusammenhalten, oder ob sie bald schon wieder gegeneinander arbeiten, kann man momentan nur spekulieren, aber es wird interessant zu beobachten sein. Sookie ist dabei natürlich auch ein Faktor. Da sie sowohl Eric als auch Bill liebt, sich aber beide nicht immer unbedingt als die perfekten Freunde erwiesen haben, ist sie (noch) nicht in der Lage ist, sich zwischen ihnen zu entscheiden, und gibt konsequenterweise beiden den Laufpass. Das ist derzeit tatsächlich die beste Lösung, besonders angesichts der Tatsache, dass wir noch mindestens eine ganze Staffel vor uns haben, in der sich einer oder keiner der beiden als The Right One für Sookie erweisen kann.

Über Sookies Nicht-Entscheidung dürfte sich einer ganz besonders freuen: Alcide. Er spielt in dieser Folge mit relativ offenen Karten und macht Sookie klar, dass er gerne mit ihr zusammen wäre und dass er es sehr erfreulich fände, wenn sie gegen ihre Zuneigung zu den Vampiren ankämpfen würde. Sie trennt sich aber nicht wegen ihm von Bill und Eric, sondern tut dies für sich und für die beiden Vampire, da sie keinen von beiden verletzen will, dennoch könnte der Werwolf letztlich davon profitieren, zumindest zeitweise.

Was Sookies Liebesleben betrifft, sind die letzten Worte definitiv noch nicht gesprochen, die letzten Tränen noch nicht vergossen und die letzten Sexszenen noch nicht gedreht.

Teufels Küche

Auf Sookies Küche scheint ein ziemlich unangenehmer Fluch zu liegen. Erst wurde dort Adele niedergemetzelt, dann hat Maryann an gleicher Stelle frische Speisen aus menschlichen Organen zubereitet und nun versucht Debbie in dieser (Teufels-)Küche Sookie zu erschießen, trifft aber stattdessen Tara, die sich schützend vor ihre Freundin wirft. Wir wissen nicht, ob Tara tatsächlich tot ist, aber es sieht stark danach aus. Das wäre für Sookie natürlich ein Tiefschlag, von dem sie sich nicht so schnell erholen würde, und Lafayettes Leid würde sich schlichtweg verdoppeln. So ganz bin ich aber noch nicht bereit, Tara abzuschreiben, denn vom Bauchgefühl her rechne ich damit, dass sie auch in der fünften Staffel noch eine Rolle spielt, in welcher Form auch immer. Im Prinzip kann es sowieso nur besser werden, denn sie gehörte in dieser vierten Staffel zu den weniger überzeugenden Charakteren und hat nicht viel zur Handlung beigetragen, bzw. hatte kaum interessante oder spannende Szenen. Ihre Romanze mit Naomi bestand nur aus wenigen, leidlich interessanten Momenten und ist daher schon fast wieder in Vergessenheit geraten.

Dass Sookie die um ihr Leben flehende Debbie erschießt, ist zwar hart, aber nachvollziehbar. Immerhin ist Debbie nun schon zum zweiten Mal ins Haus eingedrungen, um Sookie zu töten, und hat gerade Sookies bester Freundin in den Kopf geschossen. In dem Moment, als Sookie der am Boden liegenden Debbie eine Kugel verpasst, ist es zwar mehr eine Hinrichtung als Notwehr, aber letztlich hat Debbie ihr kaum eine andere Wahl gelassen, denn die mental instabile Werwölfin wäre immer eine Gefahr für Sookie geblieben. Debbie hat für alles, was in ihrem Leben schief gelaufen ist, Sookie als Schuldige ausgemacht und ihre ganze Wut, ihren Hass und ihre Frustration auf die Telepathin projiziert. Wenn man Debbies Charakter abschließend zusammenfassen will, dann kann man dieselben Erkenntnisse benennen, die auch schon die dritte Staffel geliefert hat. Debbie kam mit sich selbst nicht klar, sie wollte ein Leben, von dem sie nicht wusste, wie sie es bekommen soll (Kinder mit Alcide, zum Beispiel), war dadurch anfällig für schlechte Einflüsse und hat sich immer wieder von Eifersucht und Jähzorn überwältigen lassen.

Zur Ehrenrettung der Küche sollte übrigens nicht unerwähnt bleiben, dass auch in anderen Räumen des Stackhousischen Anwesens schon einige makabere und schlimme Dinge geschehen sind.

Der Neue und zwei Rückkehrer

Mit Patrick, einem früheren Militärkameraden von Terry, wird ein neuer Charakter eingeführt, von dem wir noch überhaupt nicht wissen, was von ihm zu halten ist. Warum hat Terry nie über ihn gesprochen und wieso dachte er, Patrick wäre tot? Warum reagiert Patrick wenig glücklich auf die Nachricht, dass Terry verheiratet ist? Tja, und dann ist da noch die Warnung von Rene, der Arlene erscheint, um sie vor den Geistern aus Terrys Vergangenheit zu warnen. Natürlich war Rene, der nicht einmal wirklich Rene hieß, zu Lebzeiten ein Serienkiller, der seine Verlobte Arlene nur als Tarnung benutzt hat, was ihn nicht unbedingt zu einer zuverlässigen Quelle macht, aber auch nicht zwangsläufig bedeutet, dass er lügt. Ein weiterer Punkt, über den man sich bis zum Sommer 2012 den Kopf zerbrechen kann.

Die aus meiner Sicht dickste Überraschung dieses Finales ist die Rückkehr von Reverend Steve Newlin als Vampir. Wow! Es gab im Laufe dieser Staffel mehrfach Andeutungen, dass Steve seit Monaten vermisst wird, und ehrlich gesagt dachte ich, dass man ihn auf diesem Wege aus der Serie geschrieben hätte. Seine Rückkehr, und dann auch noch als Vampir, trifft mich daher sehr unvorbereitet. Wie ironisch es ist, dass er als Anti-Vampir-Prediger nun selbst zu der von ihm verabscheuten Rasse gehört, muss man nicht extra herausstellen, aber es passt auch auf zynische Weise zu dieser gesamten Staffel, in der wir bekanntlich erfahren haben, dass die Katholische Kirche früher von Vampiren infiltriert war. Als uns dies in Flashbacks enthüllt wurde, musste ich sogar kurz an Steve Newlin denken und hätte ihn diese geschichtlichen Fakten gerne unter die Nase gerieben. Insgesamt also ein wirklich gelungener Coup, aus dem sich viele Fragen ergeben: wer hat Steve verwandelt und warum? Was will er von Jason? Welche Einstellung hat er nun zur Vampirwelt? Vielleicht gründet er ja jetzt eine Vampirsekte, die er dann Fellowship of the Moon nennt, wer weiß.

Der zweite Rückkehrer, den wir zwar nicht sehen, dessen Schatten aber ohnehin immer über dieser Staffel lag, ist Russell Edgington. Irgendwie ist er aus seinem Betongefängnis geflohen, oder aber er wurde befreit. Möglicherweise war es sogar Nan, die ihn kurz vor ihrem Ableben hat ausgraben lassen, um der Autorität ins Gesicht zu spuken, denn Russell ist natürlich der personifizierte Gegensatz zu den Zielen der Autorität. Als Archetypus des menschenverachtenden, egozentrischen, unberechenbaren Vampirs steht er für alles, was die Autorität unbedingt unterdrücken will. Russells Live-Bluttat vor gut einem Jahr hat die Autorität bekanntlich zu ihrem zuletzt sehr strengen Kurs veranlasst und ist definitiv noch nicht aus den Köpfen der Menschen verschwunden. Andererseits könnte auch die sichtlich wütende und leidende Pam für Russells Befreiung verantwortlich sein, um zum Schlag gegen Sookie und gegen Eric, der Sookie ihr vorgezogen hat, auszuholen.

Viele weitere Fragen

Während Sookie die vielleicht tote, mindestens aber schwer verletzte Tara im Arm hält und Jason den Anblick von Vampir-Steve verdauen muss, sieht sich Sam einem sichtlich mies gelaunten Werwolf gegenüber, der, so vermute ich mal, aus der Entourage des verstorbenen Marcus stammt. Ein weiterer Mini-Cliffhanger, der zwar neben Steve, Russell und Tara etwas verblasst, aber nicht unerwähnt bleiben soll. Schließlich ist dies ein weiterer Beleg für das Naturell dieser Folge, die den Zuschauer schon fast nötigt, der fünften Staffel entgegenzufiebern. Abschließen will ich daher nicht mit einem Fazit, sondern mit einer weiteren Frage: Ist Arlenes scherzhafte Feststellung, dass Zombies die neuen Vampire sind, wohl ein Wink mit dem Zaunpfahl?

Maret Hosemann - myFanbase

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