Bewertung

Review: #1.01 Providenz

Foto: Jeremy Irvine & Hermione Corfield, Outlander: Blood Of My Blood - Copyright: 2025 Sony Pictures Entertainment. All Rights Reserved.; 2024 Starz Entertainment, LLC; Sanne Gault/Starz/Sony Pictures Television
Jeremy Irvine & Hermione Corfield, Outlander: Blood Of My Blood
© 2025 Sony Pictures Entertainment. All Rights Reserved.; 2024 Starz Entertainment, LLC; Sanne Gault/Starz/Sony Pictures Television

Ein Spin-Off zu "Outlander", das uns die Liebesgeschichten von Jamie und Claires Eltern erzählen soll. Braucht man das wirklich? Diese Frage darf man sich durchaus stellen, schließlich wissen wir bereits, wo die Geschichten von Ellen MacKenzie und Brian Fraser sowie Julia Moriston und Henry Beauchamp enden werden. Doch "Outlander: Blood of My Blood" macht schon mit seinem Auftakt deutlich, dass man sich keineswegs damit zufriedengeben möchte, lediglich ein paar Lücken in den Stammbäumen von Jamie und Claire zu schließen.

Zurück in Schottland

Vielleicht liegt es daran, dass "Outlander" in den vergangenen Staffeln immer weiter von seinen schottischen Wurzeln weggerückt ist, aber wie schön ist es bitte, wieder in den Highlands zu sein? Castle Leoch, die Musik, die Landschaften, die Kilts und natürlich die MacKenzies – bereits nach wenigen Minuten stellt sich ein Gefühl ein, das verdächtig an die erste Staffel von "Outlander" erinnert. Dabei macht man es sich keineswegs einfach und setzt nur auf den Nostalgiefaktor. Der Tod von Red Jacob MacKenzie überschattet die gesamte Episode und bietet einen cleveren Einstieg in die Geschichte. Während seine Familie trauert, beginnen im Hintergrund bereits die Machtkämpfe und besonders Ellen muss schnell erkennen, dass sie mit dem Tod ihres Vaters nicht nur einen geliebten Menschen, sondern auch ihren größten Beschützer verloren hat. Denn plötzlich geht es nicht mehr darum, was Ellen möchte, sondern darum, welchen Nutzen sie für den Clan haben kann.

Gleichzeitig bekommen wir mit Colum und Dougal MacKenzie zwei Charaktere präsentiert, die uns bestens bekannt sind und bei denen es erstaunlich gut gelingt, an ihre späteren Versionen anzuknüpfen. Schon jetzt erkennt man ziemlich genau jene Charakterzüge, die wir aus "Outlander" kennen: Colum ist der überlegte Stratege, während Dougal deutlich impulsiver und unberechenbarer auftritt. Das funktioniert und macht durchaus Spaß, ist mir stellenweise aber fast ein wenig zu offensichtlich. Viel spannender fände ich es, wenn "Blood of My Blood" uns auch Seiten der beiden zeigt, die wir bislang noch nicht kennen und vielleicht sogar unsere spätere Wahrnehmung der Brüder ein wenig verändern.

Überhaupt hatte ich im Vorfeld die Befürchtung, dass "Blood of My Blood" viel zu sehr darauf setzen könnte, uns ständig mit dem Zaunpfahl zuzuwinken Schaut mal, den kennt ihr! Natürlich gibt es diese Momente und natürlich funktioniert ein Teil der Episode gerade deshalb so gut, weil wir wissen, wer diese Menschen einmal sein werden. Doch bislang hält man die Balance erstaunlich gut.

Ellen und Brian

Die Liebesgeschichte zwischen Ellen und Brian steht vor einer nicht gerade kleinen Herausforderung. Wir kennen ihr Ende bereits. Wir wissen, dass aus dieser Beziehung Jamie hervorgehen wird und wir wissen aus "Outlander", wie sehr er seine Eltern geliebt hat. Entsprechend groß ist der Druck, uns innerhalb kürzester Zeit davon zu überzeugen, dass zwischen diesen beiden Menschen tatsächlich etwas Besonderes existiert. Und was soll ich sagen? Es funktioniert. Die erste Begegnung von Ellen und Brian hätte ganz schnell kitschig werden können. Zwei Menschen treffen sich zufällig, fühlen sich sofort zueinander hingezogen und natürlich wissen wir als Zuschauer längst, dass wir gerade einem schicksalhaften Moment beiwohnen. Doch glücklicherweise hält man sich mit großen Liebeserklärungen zurück und lässt stattdessen Blicke, kleine Gesten und die Inszenierung für sich sprechen. Besonders schön finde ich dabei, dass Brian zwar durchaus Eigenschaften besitzt, die uns an Jamie erinnern, aber eben keine jüngere Kopie seines Sohnes ist. Gleiches gilt für Ellen. Man erkennt hier und da etwas Vertrautes und kann sich wunderbar vorstellen, wie aus diesen beiden Menschen irgendwann Jamie Fraser hervorgehen wird, ohne dass man permanent darauf gestoßen wird. Dass Ellen ausgerechnet in Brian einen Mann findet, während ihre Familie bereits beginnt, ihre Zukunft für sie zu planen, dürfte in den kommenden Episoden noch für reichlich Konflikt sorgen.

So sehr mir die Chemie zwischen Ellen und Brian bereits jetzt gefällt, so geht mir das Ganze aber auch ein wenig zu schnell. Kaum haben sich die beiden kennengelernt, scheint bereits festzustehen, dass hier die ganz große Liebe wartet. Natürlich wissen wir längst, dass genau das der Fall sein wird, aber ein bisschen mehr Zeit hätte ich den beiden trotzdem gegönnt. Gerade weil ihre Geschichte von Anfang an ein feststehendes Ende besitzt, sollte der Weg dorthin schließlich umso überzeugender sein.

Die andere Seite des Stammbaums

"Blood of My Blood" wäre vermutlich deutlich weniger interessant, würde man uns ausschließlich die Geschichte von Jamie Frasers Eltern erzählen. Denn während Ellen und Brian für den vertrauten Teil der Episode sorgen, wartet die Serie mit Julia und Henry Beauchamp mit einer Überraschung auf, die das gesamte Konzept noch einmal in eine vollkommen andere Richtung lenkt. Dass wir Julia und Henry kennenlernen, ist bereits spannend, dass ihre Geschichte dann aber auch noch mit Craigh na Dun und einer Reise durch die Steine verbunden wird, ist eine vollkommen andere Hausnummer. Plötzlich erzählt "Blood of My Blood" nicht mehr nur die Vorgeschichte zweier Liebespaare, sondern beginnt an der Mythologie der Mutterserie herumzuschrauben. Ich weiß noch nicht, ob ich das großartig oder gefährlich finden soll. Einerseits ist genau das der Schritt, der dieser Serie eine wirkliche Daseinsberechtigung gibt. Zehn Episoden lang lediglich dabei zuzusehen, wie sich Ellen & Brian und Julia & Henry kennenlernen, während wir ohnehin wissen, wie beide Beziehungen ausgehen, wäre vermutlich irgendwann etwas dünn geworden. Wenn die Serie dagegen tatsächlich neue Erkenntnisse über Claires Familie und vielleicht sogar über ihre Fähigkeit zur Zeitreise liefern möchte, dann eröffnet das vollkommen neue Möglichkeiten. Andererseits sollte man hier verdammt vorsichtig sein. Die Regeln der Zeitreise waren in "Outlander" ohnehin nie so eindeutig, dass man darüber nicht stundenlang diskutieren könnte.

Bei aller Begeisterung für die Überraschung rund um Julia und Henry, dass die beiden nicht wie bislang angenommen bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind, sondern stattdessen durch die Steine gereist sein sollen, ist schließlich keine unbedeutende Ergänzung. Stattdessen ist es ein ziemlich großer Eingriff in die bisherige Geschichte. Dass sie dann auch noch ausgerechnet im unmittelbaren Umfeld der Frasers, MacKenzies und Grants landen, wirkt schon fast ein wenig zu passend. Noch finde ich die Idee viel zu spannend, um mich daran ernsthaft zu stören, aber die Serie muss mir definitiv noch beweisen, dass dahinter mehr steckt als der Wunsch, beide Familiengeschichten möglichst eng miteinander zu verknüpfen. Ich hoffe daher sehr, dass man sich vorher genau überlegt hat, wohin man mit dieser Geschichte möchte und uns am Ende nicht erklären will, dass eigentlich jeder zweite Mensch in Claires Stammbaum schon einmal einen kleinen Ausflug ins 18. Jahrhundert gemacht hat. Noch überwiegt aber eindeutig die Neugier.

Dass Julia zudem schwanger ist, dürfte ihre Situation noch einmal deutlich komplizierter machen. Vor allem scheint sich hier aber bereits abzuzeichnen, was die übergeordnete Handlung der beiden in dieser ersten Staffel sein könnte: in einer vollkommen fremden Zeit zu überleben und irgendwie wieder zueinanderzufinden.

Zu viel auf einmal?

So gelungen der Auftakt über weite Strecken ist, ganz ohne Probleme kommt er nicht aus. Die Episode muss unglaublich viel Vorarbeit leisten, denn wir müssen die MacKenzies kennenlernen, die politischen Verhältnisse verstehen, Ellen und Brian zusammenbringen und gleichzeitig noch Julia und Henry etablieren. Da bleibt es kaum aus, dass manche Dialoge etwas zu offensichtlich dafür existieren, uns mit Informationen zu versorgen. Gerade bei den familiären Verhältnissen merkt man gelegentlich sehr deutlich, dass hier nicht zwei Menschen miteinander sprechen, sondern dass die Serie sicherstellen möchte, dass auch wirklich jeder verstanden hat, wer mit wem verwandt ist und weshalb das gerade wichtig ist. Das ist bei einem Staffelauftakt sicherlich bis zu einem gewissen Grad unvermeidbar, nimmt einigen Szenen aber etwas von der Natürlichkeit. Auch bei Ellen und Brians Begegnung muss man nicht jede zeitliche oder logistische Frage zu genau stellen. Die beiden scheinen für einen Moment vollkommen ihre Umgebung zu vergessen, was romantisch wunderbar funktioniert, bei genauerem Nachdenken aber ein paar Fragezeichen hinterlässt. Vielleicht sollte man bei "Outlander" gelegentlich einfach akzeptieren, dass die große Liebe ihre ganz eigene Zeitrechnung besitzt.

Kurze Eindrücke

  • Castle Leoch! Ich hätte nicht gedacht, dass allein der Anblick dieser Mauern so viele Erinnerungen an die erste Staffel von "Outlander" hervorrufen würde.
  • Bear McCrearys Musik trägt einen enormen Teil dazu bei, dass man sich sofort wieder heimisch fühlt.
  • Brian erinnert an manchen Stellen herrlich subtil an Jamie. Mehr davon, aber bitte nicht übertreiben.

Fazit

"Outlander: Blood of My Blood" gelingt ein überraschend starker Auftakt. Die Serie verlässt sich nicht ausschließlich darauf, dass wir diese Welt und einige ihrer Charaktere bereits kennen, sondern schafft es erstaunlich schnell, Ellen und Brian sowie Julia und Henry als eigenständige Figuren interessant zu machen. Spannend ist vor allem die Entscheidung, Claires Eltern und die Zeitreise mit ins Spiel zu bringen. Damit wagt die Serie deutlich mehr, als lediglich bekannte Familiengeschichte nachzuerzählen. Ob sich dieser Mut am Ende auszahlen wird, bleibt abzuwarten. Nach diesem Staffelauftakt möchte ich aber unbedingt herausfinden, wohin die Reise geht und viel mehr kann man von einem Serienauftakt eigentlich nicht verlangen.

Marie Müller - myFanbase

Die Serie "Outlander: Blood of My Blood" ansehen:

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