Bewertung: 8

Review: #6.17 Das Ende (1)

[Vorweg an alle Leser: Ein derartiges Ereignis wie das Finale von "Lost" bedarf natürlich Ausführlichkeit. Zwei Folgen = 105 Minuten = überlange Review. Und das, obwohl ich mich stark zurückgehalten habe. Ich hoffe, ihr habt trotzdem viel Spaß mit der Review. Zu Teil 2 geht es unten bei "Nächste Review"]

Es ist vollbracht.

Nach sechs Jahren und 119 Episoden besiegelt #6.17 & #6.18 Das Ende eine der herausragendsten Serien aller Zeiten. "Lost" verabschiedet sich mit einem großen Finale von seiner hingebungsvollen Fangemeinde, die sechs Jahre lang treu Woche für Woche einschaltete, nächtelang über die Existenz von Rauchmonstern grübelte und bei dem Anblick von Knut dem Eisbären sofort an die Dharma-Initiative dachte. Es ist das Ende einer Serie, die sich mit zentralen Themen wie Religion und Philosophie auseinanderzusetzen vermochte und gleichzeitig Frachter in die Luft jagte und Zahlenrätsel aufgab. Doch vor allem ist es das Ende einer Serie, die dank ihrer starken Protagonisten eine ungeheure emotionale Wucht erzeugte und eine Vielzahl an Charakteren erschuf, die der Zuschauer gern auf ihrer Reise begleitete.

Und nun sind wir am Ziel der Reise. Das Finale. Die Episode, die seit langem gleichzeitig herbeigesehnt und gefürchtet wurde. Doch konnte "The End" den monumentalen Erwartungen der Fans standhalten und einen zufriedenstellenden Abschluss liefern?

Ich muss zugeben, es hat mich Wochen und mehrfaches Ansehen gekostet, um eine halbwegs ordentliche Antwort auf diese Frage zu finden. Denn so herausragend die ersten 95 Minuten auch waren, so sehr kämpfte ich mit dem Ende von "The End". Ist es Geniestreich oder Reinfall? Überraschung oder Enttäuschung? Fakt ist, dass wohl nie jemand hundertprozentig mit diesem Ende zufrieden sein wird, doch letztlich müssen wir es alle akzeptieren. Und sobald das passiert ist, wird langsam klar, was dieses Finale letztlich alles geleistet hat.

"We've been waiting for you."

Um rückblickend das gesamte Geschehen zu erfassen, müssen wir die Sache von hinten aufrollen. Die wohl zentrale Szene von "The End", die für uns nicht nur die sechste Staffel endlich in einen Kontext setzt, sondern schließlich auch die gesamte Serie, stellt das Gespräch zwischen Jack und Christian dar. Die Symbolträchtigkeit der Szene ist dabei nahezu erdrückend: Überall im Raum stehen Symbole der großen Weltreligionen – Kreuze, Dharmacakras, Madonnenstatuen, Halbmonde, Davidsterne – und der leere Sarg in der Mitte des Raumes scheint die essentielle Frage, um die es in diesem Moment geht, fast von selbst zu stellen: Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Damon Lindelof und Carlton Cuse beantworten diese Frage mit einem großen Ja. Die Flashsideways haben uns das Leben nach dem Tod gezeigt, eine Art Fegefeuer, eine Übergangsphase, die es ermöglichen soll, mit dem Leben abzuschließen und loszulassen. In der Welt von "Lost" ist der Tod nicht das absolute Ende, sondern nur das Ende des weltlichen Lebens. Dabei lässt man offen, was nach dieser Zwischenwelt passiert: Gehen die Losties "ins Licht"? Leben sie im "Himmel" weiter? Werden sie wiedergeboren? Team Darlton überlässt dies einzig und allein der Interpretation des Publikums, je nach seinen eigenen Ansichten und Überzeugungen, und so wird das Finale für jeden Einzelnen zu einem ganz persönlichen Erlebnis. Manche mögen den Machern nun die Inszenierung eines kitschigen Happy-Ends vorwerfen und auch Risikoscheu durch das Zurückgreifen auf eine möglichst jeden zufriedenstellende Lösung – doch ist die Idee eines gemeinsamen Weiterlebens nach dem Tod nicht schön? "Nobody dies alone, Jack", sagt Christian zu seinem Sohn und revidiert damit dessen Überzeugung, dass jeder alleine sterbe. Letztlich ist das Konzept von Leben und Tod, das Team Darlton hier entworfen hat, ein sehr interessantes und innovatives und lässt einen auch nach dem Ende der Folge lange nicht mehr los.

"No one can tell you why you're here."

Die Flashsideways erfüllten aber nicht nur den Zweck, die Frage über das Leben nach dem Tod zu beantworten. Sie gaben den Machern auch die Möglichkeit, uns zu zeigen, was passiert wäre, wäre Oceanic 815 nicht abgestürzt. Auch wenn das, was wir lange Zeit für eine Art Alternativuniversum hielten, sich letztlich als ein "Fegefeuer" entpuppt hat, so waren die Flashsideways der Charaktere doch fast ausnahmslos unwahrscheinlich spannend. Jack als Vater eines Sohnes, Ben als harmloser Lehrer, Sawyer und Miles als Cops, Locke als Verlobter von Helen – alles Szenarien, die immer wieder zum Spekulieren angeregt und eine ganz neue Art der Charakterstudie ermöglicht haben. Wir sahen die Charaktere in abgeänderten Versionen ihres alten Lebens, teilweise völlig anders (Ben, Sawyer), teilweise recht ähnlich (Jack, Kate). Ein hochinteressantes "Was wäre wenn"-Szenario.

Doch natürlich gibt es auch eine Kehrseite der Medaille, denn schlussendlich muss man selbst als treuer "Lost"-Fan die Feststellung machen, dass Team Darlton dem Publikum mit den Flashsideways wohl zu viel abverlangt hat. Das Geheimnis über die gesamte Staffel auszudehnen, ohne wirklich aussagekräftige Hinweise darauf zu geben, was die Flashsideways nun sind, führte letztlich dazu, dass der Zuschauer sich mit seinen Spekulationen zu lange im Kreis drehte und andere Geheimnisse nicht aufgeklärt werden konnten. Natürlich zielte alles darauf ab, den großen Knüller erst im Finale zu bringen, doch ob es das wert war, uns 17 Folgen lang im Dunkeln tappen zu lassen? So muss man sich jetzt natürlich auch fragen, ob man es gutheißen kann, dass das Finale und die Krux von "Lost" auf einem Element aufbauen, das überhaupt erst in der letzten Staffel eingeführt wurde, auch wenn das Konzept schon früh darauf abzielte (Zitat Desmond: "I see you in another life, brother."). Wiederum muss dies jeder für sich selbst entscheiden, für mich persönlich zählen am Ende mehr all die fantastischen Momente, die uns die Flashsideways und das Finale bescherten.

"Everything that's ever happened to you is real."

Denn eines darf nicht vergessen werden: Alles, was auf der Insel passiert ist, ist real. Durch Christians Aussage "Everything that's ever happened to you is real" macht uns Team Darlton explizit klar, dass die letzten sechs Staffeln nicht umsonst waren, wie etwa viele Fans befürchtet hatten. Im Gegenteil, denn Christian sagt Jack, dass eben all diese Leute, die er auf der Insel kennen gelernt hat, entscheidend für sein Leben waren und sie deshalb auch nach seinem Tod bei ihm sind. So bauen die Flashwideways auf dem auf, was die Charaktere in den ersten fünf Staffeln gemeinsam erlebt haben, auf ihren Freundschaften, auf ihrer Liebe, auf ihren Erfahrungen.

Ohne diese Vorgeschichte wäre die unwahrscheinliche Emotionalität, die die Flashsideways in diesem Finale erreichen, nie möglich gewesen. Vor allem die "Momente der Erkenntnis" sind überwältigend, eben weil uns all die Charaktere so ans Herz gewachsen sind: Jin, Sun und der Ultraschall von Ji-Yeon; Aarons Geburt unter Beisein von Kate und Charlie; Lockes Erwachen nach der OP, als er seinen Fuß bewegen kann; und natürlich Sawyer und Juliet am Süßigkeitenautomaten. Jeder einzelne dieser Momente ist absolut herausragend und ergreifend und lässt all die schönen Erinnerungen an vergangene Staffeln wieder hochkommen. Einzig Sayids und Shannons Wiedersehen vor der Bar stößt etwas bitter auf, da man im Hinterkopf irgendwo doch immer Nadia mit Sayid verband. Doch diese Szene zeigt, dass Sayids Liebe zu Nadia wohl einfach nicht hatte sollen sein, dass ihn die Liebe zu ihr zu viel gekostet hat und Shannon die Richtige für ihn geworden wäre, hätte Ana-Lucia sie nicht umgebracht.

Maria Gruber - myFanbase

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