Bewertung

Review: #1.12 Väter und Söhne

Foto: Walton Goggins, Justified - Copyright: Sony Pictures Television
Walton Goggins, Justified
© Sony Pictures Television

Jedes Mal, wenn man denkt, "Justified" habe seine Charaktere fürs Erste etabliert, wird das Rad weitergedreht. Und dann geschieht das Unfassbare – ich bin sprachlos.

Kritik

Auch wenn man es nicht immer sieht, ich wiederhole mich nicht gerne. Zwanzig Mal zu sagen, dass Raylan Givens ein vielschichtiger Charakter ist und dreißig Mal, dass Walton Goggins brillant spielt, das macht auf Dauer nicht viel Sinn. Zugegeben, "Justified" macht es einem leicht, immer wieder neue Details zu liefern, die man besprechen und zerlegen kann, aber trotzdem… Kritiker wollen auch manchmal was Negatives sagen könne, um dann wieder voll Inbrunst Bestnoten geben zu können. Jedes Hoch wirkt erst durch sein Tief…

Am Anfang der Serie konnte man sich noch ganz gut über Nebencharaktere und überzogene und unlogische Handlungsabläufe aufregen. Ein bisschen zu viel Kitsch hier, ein bisschen zu wenig Sorgfalt da, das mäkelnde Herz hat sich gefreut. Mittlerweile ist das schwer geworden. Die Drehbücher, die Schauspieler, sogar die Produktion – die Serie liefert Bestleistungen am laufenden Band, was mitunter daran liegt, dass man sich auf die beiden Familien bezieht, Givens und Crowder miteinander, gegeneinander, unentschlossen. Es ist schwer, da einen Heben anzusetzen, weil man sich schwer positionieren kann. Die Charaktere werden zwar immer griffiger und verständlicher, fügen sich aber nie so richtig zu einem großen Ganzen zusammen und das wäre schlimm, wenn das nicht der gewünschte Effekt wäre. So ist es einfach nur ein weiteres Qualitätsmerkmal, dass man unangefochten in den Raum stellen kann.

Raylans Querelen mit Arlo, dessen doppeltes Spiel mit Bo Crowder, die stark inszenierte Büroszene, in denen Raylan und Art Mullen beinahe, aber eben gerade nicht aneinander geraten, der Streit mit Ava und die rundum perfekte Beinahe-Sex-Szene von Raylan und Winona – man wird durch eine Szene nach der anderen geschleust und kann nicht wirklich einen Fehler ausmachen. Wären da nicht diese beiden Szenen, die Hoffnung darauf machen, endlich eine Schwachstelle zu finden und hier wird es interessant, denn "Justified" schafft es sogar hier, die Welt auf den Kopf zu stellen.

Verkehrte Welt

Was habe ich mich bei der Kirchenszene gefreut. Walton Goggins ist anscheinend doch kein Übermensch und die Autoren sind noch in der Lage, Fehler zu machen. Meine Kritiken werden nicht hinfällig, es gibt Schwachstellen. Boyd benimmt sich in der Kirche wie ein wild gewordener Grundschüler. Er wirkt überzeichnet, geradezu lächerlich. Die Szene ist so schlecht, dass man die Serie dafür verfluchen möchte. In meinem Kopf schreibt sich die Kritik schon von selbst: "Die Szene ruiniert die Atmosphäre der gesamten Folge."

Von wegen. Mit ein wenig Mimik, einigen eindeutigen Blicken und einem sehr durchdacht gesetzten Monolog beweist Boyd in letzter Minute, dass das genau das das Ziel war. Ich bin der brillanten Ansprache genauso ins Netz gegangen wie Bo Crowder, für den der ganze Mummenschanz überhaupt erst inszeniert wurde. Was hier gezeigt wurde, war keine schlechte Szene, sondern eine schlechte Szene in einer guten Szene. Die Serie hebt hier ihr Verwirrspiel auf eine Meta-Ebene, die bislang bereits in Griffweite war, aber nie wirklich ausgenutzt wurde. Wo man den Zuschauer bisher sich selbst und seinen eigenen Gedanken überlassen hat, beginnt man jetzt, mit ihm zu spielen. Die Figuren bleiben nicht nur undurchsichtig, sie gehen einen Schritt weiter und werden vermeintlich durchsichtig, um uns im nächsten Moment eines Besseren zu belehren.

Gut, die Möglichkeit besteht, dass ich einfach zu naiv war, um das geschickt eingefädelte, doppelte Schauspiel nicht zu bemerken, was aber trotzdem keinen Zweifel daran lässt, dass das Gesellschaftsschach der Serie immer riskanter wird. Es geht längs nicht mehr um Bauernzüge, jetzt werden neue Geschütze aufgefahren.

Bo Crowder selbst liefert sich das Gleiche in Grün, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Szene am Golfplatz wirkt zunächst vollkommen deplatziert, widerlegt sich aber quasi durch die eingeschriebene Bestätigung selbst. Was immer die Serie macht, sie stellt es auf den Kopf.

Fazit

Es lassen sich keine Prognosen für das Staffelfinale abgeben, außer vielleicht, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit ein perfekter Showdown wird. "Justified" zieht alle Register, fängt großartige Schauspieler, die großartige Szenen spielen, in großartigen Bildern ein. Das Rad hört nicht auf, sich zu drehen und man wird auch als Zuschauer immer mehr gefordert. Das Verwirrspiel hat einen Höhepunkt erreicht und neigt sich langsam seine Ende zu. Und ich bin immer noch sprachlos.

Eva Kügerl – myFanbase

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