Bewertung: 6

Review: #10.22 Verlockung

In der Medizin kommt es durchaus zu Wundern. Menschen erwachen nach Jahren plötzlich aus dem Koma, Tumore schrumpfen von alleine ... und Isaiah Washington kehrt zu "Grey's Anatomy" zurück! Zwar nur für eine Episode, aber wer hätte das noch vor ein paar Monaten für möglich gehalten? Nach dem Skandal um seine Person, schien ein Comeback von Isaiah Washington in der Krankenhausserie völlig ausgeschlossen, doch Zeit kann viele Wunden heilen. In den sieben Jahren seit Washingtons Entlassung hat sich der Cast von "Grey's Anatomy" verändert, der Skandal ist schon seit gefühlten Äonen aus den Medien verschwunden und Washington selbst hat für seine Fehler mit einem Karriereknick gebüßt. Die Zeit war reif für ein Wiedersehen.

Willkommen in der Schweiz

Persönlich habe ich den Charakter Preston Burke nie sonderlich gemocht, er war mir immer zu arrogant und selbstherrlich, so dass ich ihn folglich kaum bis gar nicht vermisst habe, aber angesichts der Tatsache, dass bei "Grey's Anatomy" bisher alle ehemaligen Hauptcharaktere, sofern sie nicht die Stars eines eigenen Spin-Offs wurden, konsequent verschwunden blieben, finde ich es gut, dass wir endlich mal ein richtiges Comeback erleben, das auch Gefühle von Nostalgie aufkommen lässt.

Mit Burke scheint sich für Cristina ein Kreis zu schließen. Der Mann, der ihr viel beigebracht und der sie vor dem Altar verlassen hat, bietet ihr sein medizinisches Imperium an, damit er den Wünschen der Familie folgen kann, die er inzwischen gegründet hat. Burkes Entscheidung für die Familie, eröffnet Cristina, die sich gegen eine eigene Familie entschieden hat, die beruflichen Möglichkeiten, die sie immer wollte. Freilich wirkt Burkes Krankenhaus in Zürich etwas übertrieben perfekt, dagegen erscheint das Grey + Sloan Memorial Hospital geradezu rückschrittlich und chaotisch. Wie Toblerone gegen hartes Brot. Man wünscht Cristina wirklich alles Gute und gönnt ihr, dass sie ihre Ziele realisieren kann, aber sehr subtil ist dieses Schweizer Traumangebot nicht.

Das Harper Avery Problem

Im Grey + Sloan Memorial Hospital herrscht trübe Stimmung, seit die Ärzte wissen, dass sie nie einen Harper Avery Award gewinnen können, weil dies Catherines Ansicht nach als Bevorzugung ausgelegt werden könnte, schließlich ist die Harper Avery Foundation Teilhaber des Krankenhauses. Die Problematik, dass um den Verdacht der Bevorzugung zu entgehen, eine Benachteiligung stattfindet, lässt sich immer wieder beobachten, weshalb es auch unangenehm sein kann, in der Schule ein Elternteil als Lehrer zu haben. Webber ist besonders enttäuscht von Catherine und lässt dies, zu Unrecht, an Jackson aus. Für Webber hat der Harper Avery Award eine besondere Bedeutung, auch in Bezug auf Ellis Grey, der diese Auszeichnung sehr wichtig war, so dass er Catherines politisches Kalkül als Herabwürdigung des Preises empfindet. Das kann man durchaus nachvollziehen. Catherine hätte von Anfang an mit offenen Karten spielen sollen, statt ein unwürdiges Theaterstück aufzuführen, in dem Cristina zwar die meisten Stimmen erhält, der Preis aber einem anderen Mediziner zugeschanzt wird, der zufällig nicht für ein Krankenhaus arbeitet, in das die Harper Avery Foundation investiert hat.

Es sieht nicht danach aus, als könnte es für Webber und Catherine noch ein Happy End geben, denn sie hat gleich mehrere seiner wunden Punkte verletzt: seine Loyalität zum Krankenhaus, seine Liebe zu Ellis Grey und seine Erinnerung an vergangene Zeiten. Das kann sie nur schwer wieder ausbügeln.

Zwilling A & Zwilling B

Nicht zum ersten Mal steht für Meredith und Co. eine Trennung von Siamesischen Zwillingen an. Und wie man es seit 10 Staffeln kennt, lässt sich dieser Fall in vielerlei Hinsicht auf das Leben der Ärzte übertragen. Die beiden am Kopf zusammengewachsenen Frauen, Liz und Annie, werden in Zwilling A und Zwilling B kategorisiert. Zwilling A ist die stärkere mit der größeren Überlebenschance, die aber am Ende diejenige ist, die es nicht schafft. Amelia sieht sich als Dereks Zwilling B, als die schwächere Hälfte, die entsprechend von allen behandelt wird. Wie der Fall von Liz und Annie aber zeigt, kann Zwilling B durchaus der sein, der am Ende weiterkommt.

Derek bietet Amelia an, in Seattle zu bleiben, was den Verdacht nährt, dass Caterina Scorsone den durch Sandra Ohs Ausstieg freiwerdenden Platz im Hauptcast einnehmen wird. Grundsätzlich hätte ich nichts dagegen, da ich Amelia mag und es ganz nett fände, wenn Meredith in ihrer Schwägerin eine nahe stehende Person um sich hätte, allerdings wartet in L.A. Amelias Verlobter auf ihre Rückkehr.

Die Trennung von Siamesischen Zwillingen kann man auch gut mit Merediths und Cristinas bevorstehender Trennung vergleichen. Diese Episode verdeutlicht wieder einmal, dass die Verbindung von Meredith und Cristina der von Zwillingen ähnelt, da die beiden oftmals sogar wissen, was der andere als nächstes sagen wird. Nun müssen Meredith und Cristina aber bald getrennte Wege gehen, sie werden sich nicht mehr jeden Tag sehen und unabhängige Erfahrungen machen. Doch wer von beiden ist Zwilling A und wer ist Zwilling B? Sind beide nicht vielmehr Zwilling C? Sie haben beide ihre Stärken, aber eben auch Schwächen, die sie zusammen gut kompensieren konnten und die sie fortan ohne den jeweils anderen meistern müssen.

Ein bisschen kann man auch Alex und Jo mit Zwilling A und Zwilling B vergleichen. Für Jo läuft es im Krankenhaus nicht mehr ganz rund, seit sie Alex nicht mehr in der Nähe hat. Sie ist Zwilling B, der jetzt beruflich ohne Zwilling A auskommen muss, jedenfalls vorerst. Ich bezweifle stark, dass Alex noch lange in der Praxis bleibt, denn es sieht nicht danach aus, als würde diese ein neuer Schauplatz der Serie werden. Bisher haben wir noch gar nichts von Alex' neuer Arbeit gesehen.

Jo's Befürchtung, dass sie diejenige sein könnte, die gefeuert werden soll, teile ich nicht. Nach ihren Patzern in dieser Folge sieht sie wie die sichere Kandidatin für einen Rausschmiss aus, was aber wohl eher unter die Kategorie "irreführend" fällt. Ich vermute, dass Owen und Webber in dem Gespräch, von dem Jo ein paar Fetzen auffängt (was nebenbei sehr häufig in diesem Krankenhaus vorkommt, wozu haben die überhaupt Türen?), über Leah reden. Leah absolviert die Aufgabe, die ihr bei der Trennung der Siamesischen Zwillinge zufällt, zwar erfolgreich, aber sie ist selber so erstaunt darüber, dass sie laut jubelt. Das lässt sie in der Tat nicht wie die beste und sicherste Chirurgin wirken.

Bailey gegen die Regeln

Baileys Schachzug, Braden doch gegen den Willen der Eltern mit dem HIV-Virus zu infizieren, scheint aufzugehen. Braden geht es besser. Dass Bailey damit aber ohne Schwierigkeiten durchkommt, bezweifle ich. Ausgerechnet Bailey, die äußerst unnachgiebig reagiert, wenn andere die Regeln brechen, wie damals bei Meredith und der Alzheimerstudie, hat sich sehr weit aus dem Fenster gelehnt - und könnte noch einen schmerzhaften Sturz erleben.

Maret Hosemann - myFanbase

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