Bewertung: 9

Review: #1.07 Die Liste

"Friday Night Lights" tritt einen Schritt zurück und lässt viele der alten Handlungsstränge fürs Erste lose. Stattdessen treten andere Charaktere und neue Aspekte in den Vordergrund und sorgen für eine denkwürdige Episode.

Some Magic Left

Homecoming in Dillon und es herrscht der Ausnahmezustand. Dass die Panthers ein gewisses Maß an Heldenverehrung gewohnt sind, weiß man ja schon lange. Dass sich aber auch Alumni über Jahre hinweg ihren Status erhalten, setzt dem Ganzen schon ein wenig die Krone auf. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich lachen oder heulen sollte, weil es anscheinend ganz Dillon fertig bringt, den Kommentator eines State-Championship-Finales fehlerfrei zu rezitieren. Rund um das Spiel wird eine Art Kollektivillusion aufgebaut, die Ihresgleichen sucht. Bestes Beispiel ist wohl der ehemalige Star-Quaterback Lucas Mize, der nach einem geplatzten College-Stipendium auf eine letzte Chance in seiner Heimatstadt hofft, die ihn immer noch als eine Art Messias betrachtet. Ihm geht es längst nicht mehr um eine Profikarriere, nicht einmal mehr um einen Job, der seiner "würdig" wäre, sondern um einen Assistenzposten in Erics Trainerstab. Als dieser ihm keine Stelle anbieten kann, woraufhin jeder andere Mensch mit Resignation reagieren würde, hat der ehemalige Panther dennoch genug Selbstbewusstsein, wütend zu werden. Immerhin ist er doch State-Champion…

Tami hat es im Grunde auf den Punkt gebracht. Die Stadt züchtet Idole mit vollkommen verzogenem Selbstbild heran, die ihren eigenen Erwartungen nicht gerecht werden können. Statt das aber einzusehen, leben sie weiterhin in einer Scheinwelt, in der sich alles nur um Football dreht. Lucas spielt mit den Jungs am Feld, als wäre sein Leben perfekt und kein Trümmerhaufen als geplatzten Träumen und vertanen Gelegenheiten und obwohl er nur einen Gastauftritt hat, hinterlässt der Alumnus der Dillon High nach seinem Abgang einen schalen Beigeschmack. Es braucht offenbar kein gebrochenes Rückgrat, um eine Existenz zum Scheitern zu bringen. Manchmal schafft man das auch ganz aus eigener Kraft.

"Smashed" Williams

Im Kontext gescheiterter Laufbahnen klingt das Kompliment, das Brians Schwester ihrem Bruder macht, als Lucas die Bühne der Homecoming-Feier betritt, beinahe wie eine böse Prophezeiung. "That's gonna be you." Hoffnungs- und gleichzeitig verhängnisvoller kann ein Wunsch für Smash derzeit gar nicht sein, denn die Rangliste des Talentscouts Grady Hunt, die vorgibt, den Beginn einer Karriere zu versprechen, treibt den Strahlemann des Teams auf einen riskanten Weg. Brian zeigt sich von einer vollkommen neuen Seite, die ihn menschlicher zeigt, als man ihn bisher gesehen hat. Es ist das erste Mal, dass mich der Runningback durch seine Reaktionen anrührt. Hinter der zu Recht selbstbewussten Fassade steckt nämlich ein einfacher Junge mit großen Träumen für sich und seine Familie. Für ihn ist Hunts Liste von großer Bedeutung und sein Scheitern kommt einem Weltuntergang offensichtlich sehr nahe, weil nicht nur sein Selbstbild bröckelt, sondern er auch davon ausgeht, sein Umfeld enttäuscht zu haben. Da ist natürlich in erster Linie seine Familie, aber auch das Team und nicht zuletzt der Coach, denen er es recht machen will. Erics Kopfwäsche in der Pause des Spiels gehört übrigens nebenbei zu den bisher besten Szenen, die Kyle Chandler abgeliefert hat, weil man hinter all dem Zorn, der zweifelsfrei auch eine große Rolle spielt, merkt, dass Eric etwas an Brian liegt.

Letzten Endes ist das auch der Punkt, der für die Zukunft relevant sein dürfte. Smash zieht seine eigenen Konsequenzen aus dem verpatzten Spiel und besorgt sich leistungsfördernde Medikamente. Kaum einmal habe ich bei einer Serie so vehement "Nein" gerufen, wie in der Schlussszene dieser Episode. Denn sein Talent wegen eines einzigen Ausrutschers auf so gefährliche Art und Weise aufs Spiel zu setzen, ist wohl eine der dümmsten Entscheidungen, die man treffen kann und so kalt mich Brian bisher auch gelassen hat, so sehr hoffe ich nach dieser Folge für ihn, dass er aus der Lage, in die er jetzt geraten ist, möglichst unbeschadet wieder herauskommt.

#6 und #33

Jemand, der sein Talent nicht nur erst seit Kurzem, sondern ständig mit Füßen tritt und jetzt plötzlich damit aufhören will, hört auf den Namen Tim Riggins. Woher dieser Sinneswandel kommt, dürfte klar sein. Man wird ja schon generell nicht gerne mit Attributen wie "erbärmlich" und "ekelerregend" betitelt, aber wenn man sie von jemandem ins Gesicht gepfeffert bekommt, der einem wichtig ist, dann sind sie wohl wie ein Schlag in die Magengrube. Ich musste bei Lylas Kommentar erst einmal schlucken und verstehe noch immer nicht so ganz, wie sie ihn über die Lippen gebracht hat, auch wenn natürlich viel Wahrheit in ihrer Ansicht liegt. Aber, ganz ehrlich – wen kann das wundern? Sein eigener Bruder, der eigentlich seine Aufsichtsperson sein sollte, lacht ihn aus, weil er nüchtern bleiben will, sein Elternhaus ist die Bezeichnung kaum wert und er selbst schlittert von einer Katastrophe in die nächste.

Durch die Konfrontation mit Lyla sieht es so aus, als hätten sich bei Tim letzten Endes einige Schalter umgelegt, denn er arbeitet sich über die ganze Folge weiter nach oben, bis er am Schluss tatsächlich das Spiel für sein Team entscheiden kann und seinem besten Freund den Spielball in die Hand drücken kann, nachdem dieser sich durchgerungen hat, wieder ein Spiel zu besuchen. Wieder einmal spielt die Ironie des Schicksals die Hauptrolle in der Serie, denn während Tim sich anscheinend wirklich bessern will und er Jason in einer eindringlichen Rede versichert, dass dieser wie ein Bruder für ihn ist, erhärtet sich bei dem ehemaligen Quarterback letzten Endes der Verdacht, dass Tim und Lyla eine Affäre haben und dieser Verdacht trübt sehr wahrscheinlich die Freude über den Respekt, der ihm wider seine Befürchtungen vom Team und auch vom Publikum entgegen gebracht wurde, als er sich wieder auf dem Feld blicken ließ, und auch als Zuschauer kann man die eigentlich schönen Szenen nicht genießen, weil man immer noch die Skepsis von vorangegangenen Momenten spürt.

Die ersten mehrdeutigen Fragen wurden gestellt, Jason geht immer mehr auf Distanz zu seiner Freundin. Lyla ist währenddessen weiterhin um Nähe bemüht und noch gelingt sie ihr auch teilweise, was man in beinahe schon eindrucksvoller Weise am Telefongespräch des Paares sehen kann. Mit solcher Ruhe eine so starke Verbindung zu zeigen, grenzt an ein Kunstwerk. Wieder einmal stellt "Friday Night Lights" künstlich her, was es sonst nur im echten Leben gibt – den Zauber, der sich ab und an in ganz kleine Momente einschleicht und sie zu etwas ganz Besonderem macht.

Partytime

Für die dringend notwendige Auflockerung sorgte in dieser Folge die Party, die von Billy und Tyra ausgerichtet wurde. Man lernt nämlich nicht nur Tims Bruder ein wenig besser und seine Ex-Freundin von einer etwas anderen Seite kennen, sondern hat außerdem sogar ein wenig Spaß daran. Angefangen damit, dass die großen Pläne im Strip-Club geschmiedet werden, bis hin zu dem Punkt, an dem Matt sich endlich überwinden kann, Julie um ein Date zu bitten, sorgt die Homecoming-Alternative-Party für die netten kleinen Momente zwischendrin und lenkt so auch ein wenig vom gewichtigen Ernst der anderen Handlungsstränge ab.

Der Rahmen der Bilder

Die Einzigartigkeit der Technik ist ja von Anfang an ein Thema rund um diese Serie gewesen, aber gerade jetzt muss ich darauf zu sprechen kommen, weil sie, meiner Meinung nach, noch nie so dermaßen perfekt war, wie in dieser Folge. Mir ist in manchen Momenten beinahe der Atem weggeblieben, denn es geht hier um viel mehr, als um ein paar verwackelte Bilder. Die Gesetze der Bildkomposition werden in dieser Serie vollkommen entwertet. Gesichter werden abgeschnitten, der Horizont wird missachtet, Kleidungsstücke werden im Vordergrund größer eingeblendet, als die Gesichter dahinter. Nischen und Perspektiven sind nicht von Haus aus da, sondern werden anscheinend gesucht, bis sie endlich gefunden sind und man so den Blickwinkel der Zuschauer auf Details zwingt, die einem nie aufgefallen wären: Lucas Mize, der trotz allem noch immer seinen Meisterschaftsring trägt. Die Bibel, die neben Smash liegt, während er in seinem Playbook liest. Lylas Mundwinkel, wenn sie lächelt. Jasons Hände, wenn er den Ball von Tim annimmt. Manche Bilder brauchen den nötigen Rahmen, um zu wirken. "Friday Night Lights" hat für jedes einzelne seinen eigenen und jeder ist so perfekt, wie das Bild, das er trägt.

Fazit

Noch nie zuvor hat sich der Football-Fanatismus in Dillon von einer so subtil tragischen Seite gezeigt. Die Verblendung in der Kleinstadt ist allumfassend und während die einen sich an den Erwartungen hochziehen, die in sie gesetzt werden, gehen die anderen in ihnen unter. So oder so, als Zuschauer fiebert man unweigerlich mit, weil man von den Charakteren, den Geschichten und den Bildern so sehr mitgerissen wird, dass man am Ende gar nicht mehr weiß, was man sagen soll. Die Serie hält ihr Niveau nicht nur, sie erhöht es. Und das – wie sollte es auch anders sein – spielend.

Eva Kügerl – myFanbase

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