Bewertung: 8

Review: #1.06 Alte Seilschaften

Wohin man derzeit auch schaut, bei "Friday Night Lights" sind die Handlungsstränge so verworren, dass die Charaktere von einer Zwickmühle in die nächste schlittern. Und obwohl sich manche Probleme von allein lösen, ist bei einigen die Sprengkraft so groß, dass man eigentlich nur noch auf die Explosion wartet.

What's Best

Matt Saracen war nie ein Quaterback, wie man ihn sich vorstellt, und das ist er immer noch nicht. Dazu ist er zu weich, zu schüchtern, zu künstlerisch, wenn man es so nennen möchte. Und doch scheint ihm seine Rolle als Spielmacher der Dillon Panthers immer mehr zu gefallen, wodurch er zwar vom Team um einiges besser angenommen wird, dabei aber ein wenig in die Schusslinie seiner Freunde gerät. Vor allem Landry scheint es beinahe zu verletzen, dass Matt nichts gegen Reyes sagt, nachdem dieser Kastor zusammengeschlagen hat und sich mit Ausreden aus der Affäre ziehen will. Durch die ganze Geschichte um den verletzten Jungen von nebenan und den Star der Panther-Defense kommen, zeigen sowohl Matt, als auch Landry vollkommen überraschende Aspekte ihres Charakters.

Landry, der bisher mehr Saracens Sidekick war, als ein Protagonist der Serie, zeigt nicht nur, dass er als Figur Potential hat, sondern auch, dass irgendwo in dem vermeintlichen Streber eine echte Kämpfernatur steckt. Ich war in gewisser Weise positiv schockiert (wenn man das so nennen kann), als er es mit Reyes aufnehmen wollte. Und obwohl ich im realen Leben nichts von Schlägereien halte, muss ich doch zugeben, dass ich durch die "Beinahe-Eskalation" ein klein wenig beeindruckt von Matts bestem Freund bin.

Matt hingegen hat mich enttäuscht. Natürlich, leicht ist die Situation für ihn nicht, denn er steht mitten zwischen den Fronten seines Teams und seines besten Freundes, aber ich hätte bisher nicht gedacht, dass die Panthers den sympathischen Jungen so schnell vereinnahmen, dass er nicht mehr zwischen Recht und Unrecht unterscheiden kann. Über einen großen Zeitraum hinweg, könnte man als Zuschauer beinahe davon ausgehen, dass ihm die Situation egal ist, schlimmer noch, dass ihm Landrys Einwände auf die Nerven fallen. Dieser Anschein macht zwar Matt nicht unbedingt unsympathisch, weil man sich ja trotzdem noch in ihn hineinversetzen kann, aber er wandert, zumindest bei mir persönlich, auf dem Podest, auf das ich ihn gestellt habe, eine Stufe weiter runter. Daran kann auch das Geständnis nichts ändern, das viel zu spät kommt. Zwar rührt die Szene mit dem Coach sehr an, aber nur, solange man nicht darüber nachdenkt. Wenn man Matt in dieser Folge nämlich ein wenig unter die Lupe nimmt, hat er weder getan, was für das Team, noch, was allgemein richtig wäre. Er hat den für sich leichtesten Weg aus der Situation gesucht und gefunden, indem er inoffiziell bei Eric zur Beichte geht. Somit hat er sein Gewissen befreit und steht vor dem Team nicht als Petze da. Ein wenig schade, denn während Landry in gewisser Weise über sich hinaus wächst, degradiert sich sein bester Freund eigenhändig zum Duckmäuser und verliert so ein wenig von seinem speziellen Charme.

I Love Football

Mit fehlendem Charme hat Eric Taylor nicht zu kämpfen, davon hat dieser nämlich genug, dafür hat der Coach ganz andere Probleme durchzustehen. Auf der einen Seite ist da natürlich noch immer und immer wieder Ray Tatum. Sowohl der fremde Quarterback selbst, als auch das Gerangel um dessen Zulassung sorgen nämlich im Team für Spannungen und geben erst den Ausschlag für die zahlreichen Miseren dieser Folge.

In erster Linie wären da die rassistischen Kommentare gegen Reyes. "Friday Night Lights" zeigt einmal mehr außerordentliche Qualität, denn Rassismus zwischen Minderheiten ist ein heikles Thema, an das sich nicht jede Serie wagen kann, das hier aber durchaus direkt angesprochen wird, ohne zu sehr in Schubladen abzurutschen. Die Geschichte selbst ist bitter, denn Tatum ist ganz klar der Antagonist schlechthin und kommt unbeschadet davon. Und obwohl auch Reyes kein Sympathieträger ist, kommt doch ein wenig Mitleid für ihn auf, dass er die Sache ausbaden muss, auch wenn er den größten Teil der Verantwortung trägt. Dieser Junge ist in Aggression groß geworden, der einzige Weg, der ihn aus seiner Situation herausbringt, führt über das Football-Team, für das er nun nicht mehr spielen darf. Kein Wunder also, dass die Verzweiflung, die man ihm klar ansieht, wenn er sich vor Eric mit Notlügen schützt, echt ist. Und obwohl er ohne Zweifel falsch gehandelt hat und das nicht zu entschuldigen ist, die Geschichte um Reyes bricht einem schon irgendwie das Herz.

Football spielt also nach wie vor nicht irgendeine Rolle in der Serie, sondern eine sehr entscheidende. Nicht das Spiel selbst, sondern das System, das rund um das Spiel herum gebaut ist, fungiert als Marionettenspieler, dem sich scheinbar alles und jeder in Dillon beugt. Sogar die Bürokratie macht vor den Panthers halt, "Vitamin B" verwandelt sich in dieser besessenen Kleinstadt in "Vitamin P" und obwohl Eric Teil dieser Heldenverehrung ist, scheint er doch gehörig unter ihr zu leiden. Man sieht dem Coach an, dass ihm die Jungen am Herzen liegen, und dass ihm das Spiel selbst am Herzen liegt, er aber weder mit den Lügen, noch mit den Intrigen etwas zu tun haben will. Die angespannte Situation belastet ihn. Sie bringt Unstimmigkeiten in seine Ehe, weil sich Tami als Beratungslehrerin gegen ihn stellen muss. Und sie könnte ihm jetzt sogar die Saison kosten, weil sich Tatum für die kleinen Machtspielchen bedankt, indem er kurzfristig die Kontrolle über die Maschinerie übernimmt, die Buddy Garrity so wunderbar aufgebaut hat. Man wird sehen, wie Eric aus der Geschichte wieder herauskommt und ob er in Zukunft weiter auf seinen Prinzipien verharrt, oder ob er anfängt, sich für sein geliebtes Spiel anders zu orientieren und die gesellschaftlichen Spielchen mitmacht, um sein Team aus der Schusslinie zu holen.

When Everything I Do Says "I Miss You"

Die Refrain-Zeile der Nummer von Whiskeytown, die in der Schluss-Szene eingespielt wird, beschreibt die Dreiecksbeziehung zwischen Jason, Lyla und Tim eigentlich perfekt.

Jason bricht es das Herz, dass er aus gesundheitlichen Gründen nicht mit Lyla schlafen darf, er ist am Ende mit seiner Motivation und braucht seinen besten Freund. Riggins ist allerdings ebenfalls ziemlich am Boden und er kann Jason kaum in die Augen schauen. Noch immer weiß man nicht genau, ob es nur die Affäre mit Lyla ist, die Tim von Jason fern gehalten hat, oder auch der Anblick seines Freundes, der ans Krankenbett gefesselt ist und nie wieder gehen können wird. Was man an seinem Gesicht ablesen kann, als er endlich den Mut findet, zu Street zu gehen, ist aber pures schlechtes Gewissen, das wahrscheinlich von beiden Aspekten genährt wird. Der "Ausflug" der beiden Freunde ist also eine große Geste und sie steht für mich über allen Gegenargumenten, wie "Das ist ja das Mindeste, was Riggins tun kann." oder "Dass sich der Heuchler überhaupt noch traut, bei Jason aufzutauchen!". Tims Reue ist echt, seine Freundschaft ist echt und, was schlimm ist für alle Beteiligten, sind scheinbar seine Gefühle für Lyla auch echt. Ich möchte nicht mit ihm tauschen und ich hätte sehr wahrscheinlich in der gleichen Situation nicht den Mut, meinem besten Freund einen perfekten Tag zu schenken.

Aber nicht nur Tim kämpft mit sich, auch Lyla scheint die Dreiecksbeziehung schwerer zu fallen, als man es auf den ersten Blick vermutet, weil ihr offenbar an beiden Jungs wirklich etwas liegt. Sie muss damit klar kommen, dass sie Jason betrügt, dass sie Tim verletzt und dass sie einen Teil der Schuld tragen muss, sollte die Freundschaft der beiden zu Bruch gehen, auch, wenn zu einer Affäre immer zwei Leute gehören. Und die Situation spitzt sich immer weiter zu und wird immer verfahrener, vor allem, nachdem bei Jason nach der heimlichen Verabschiedung der beiden jetzt wahrscheinlich die Alarmglocken schrillen, da er beide sehr gut kennt und wahrscheinlich auch genau weiß, dass etwas im Busch steckt. Denn die Umarmung, bei der man eigentlich nur noch auf den Kuss gewartet hat, und Jasons Reaktion auf seine Beobachtung sprechen eigentlich sehr deutlich alles aus, was die drei füreinander empfinden. Jason braucht Tim und Lyla, Tim braucht Jason und Lyla, und Lyla liebt Jason und hat offenbar auch Gefühle für Tim. Wie auch immer die Geschichte ausgeht, sie kann nur Verlierer haben. Denn der Zauber, der in den Beziehungen der drei liegt, den man bei dem Ausflug an den See überdeutlich gespürt hat, wird die Wahrheit nicht überleben.

Fazit

Gefühlsachterbahn. Man fiebert mit, man ist wütend, lächelt, seufzt und bangt von einer Szene in die andere. Und das Ganze jede Woche. Langsam aber sicher wäre es an der Zeit, bei "Friday Night Lights" ein wenig aufatmen zu dürfen, bevor mich die Serie direkt in einen Herzinfarkt treibt…

Eva Kügerl – myFanbase

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