Bewertung: 9

Review: #1.05 Voodoomania

"Friday Night Lights" bleibt sich selbst treu und zeigt dabei vollkommen neue Seiten der Charaktere. Als Zuschauer wird man mit zwischenmenschlichen Zwickmühlen und Rangeleien konfrontiert, die einen gar nicht kalt lassen können und so langsam auch neue Seiten in einem selbst zutage fördern.

Spielchen…

Lyla überrascht. Umfassend und vollkommen. Da war einmal dieses treue und naive Mädchen, das allen Umständen trotzt, hoffnungsvoll zu ihrem Freund hält und sich um die Realität eine Märchenwelt baut, um nicht vor Verzweiflung zusammenzubrechen. Es ist nicht so, dass es dieses Mädchen gar nicht mehr gäbe, denn im Gespräch mit Tami versucht Lyla noch immer krampfhaft ihre träumerische Fassade aufrecht zu erhalten, allerdings hat sie Riggins gegenüber scheinbar jeden Skrupel abgelegt und nutzt ihn schamlos als eine Art "Entspannungskur" aus.

Wenn dieser ebenfalls nur auf Spielchen aus wäre, könnte ich auch vielleicht noch Verständnis aufbringen, aber Tim scheint in seinem aufrichtigen Bemühen um die Cheerleaderin regelrecht aufzublühen. Er wirkt ruhiger und wacher und lächelt öfter, bezaubert vor allem in der Szene, als er sein Frühstück mit ihr teilt und für einen kurzen Moment tatsächlich glücklich wirkt. Das hat natürlich zur Folge, dass Lyla noch schlechter dasteht. Denn sie betrügt nicht nur Jason, dem sie immer noch die treue Freundin vorspielt, sondern verletzt ganz nebenbei auch Riggins, dem sie ein schlechtes Gewissen für eine Situation macht, für die sie ebenso verantwortlich ist und die Tim anscheinend ohnehin mehr belastet, als man es ihm ansieht. Anders ist es nämlich kaum zu erklären, warum der sonst so harsche Fullback am Krankenbett seines besten Freundes mit den Tränen kämpft. So oder so spitzt sich die Dreiecksbeziehung für alle Beteiligten immer weiter zu und alles läuft darauf hinaus, dass sich in naher Zukunft die Fronten auf schmerzhafte Art und Weise klären werden.

Von enttäuschten Hoffnungen kann wohl auch Tyra dieses Mal ein Lied singen und auch sie zeigt eine neue Seite. Das "leichte Mädchen von Nebenan" scheint nämlich erstaunlicherweise große Träume zu haben und den ehrlichen Wunsch auf eine Zukunft außerhalb der eintönigen Kleinstadt. Verdenken kann man es ihr nicht, dass sie sich auf den Fremden einlässt, der einen seriösen Job hat, ein seriöses Auto fährt und seriös mit Frauen umzugehen scheint, denn sowohl mit Nettigkeiten, als auch mit der Aussicht auf etwas Besseres im Leben wird Tyra sonst offenbar nicht gerade überschüttet. Und dass sie nicht zögert, ihren romantischen Gefühlen nachzugeben, beweist, dass sie sich dennoch nicht mit ihrer eigenen Frustration abfinden kann. Umso trauriger ist am Ende, dass es für das hübsche Mädchen keinen Ausweg aus Dillon zu geben scheint, zumindest nicht im Moment.

…und Spiele

Mit einer ganz anderen Art von Affäre hat es zurzeit der Coach der Dillon Panthers zu tun. Eric wird von der Öffentlichkeit in der Luft zerrissen und zerreißt sich nebenbei auch noch selbst, weil er sich nicht sicher ist und sich auch nicht sicher sein kann, was das Beste für sein Team ist, oder besser gesagt – wer: Matt Saracen, der nicht nur für Eric und das Team der Sympathieträger ist, sondern auch für die Zuschauer, oder aber Ray "Voodoo" Tatum, der es einem vollkommen unmöglich macht, ihn auch nur ansatzweise zu mögen, der aber der erfahrenere Spieler ist. Als wäre diese Zwickmühle nicht genug, hat Eric aber auch noch mit Intrigen innerhalb des eigenen Trainerstabs zu tun und steht somit von allen Seiten unter Beschuss. Aus diesem Grund hat es mich auch beinahe überrascht, dass er nicht auf sein Bauchgefühl gehört, sondern den einfachen Weg gewählt und Voodoo die Führungsposition im Team gegeben hat. Andererseits ist die Konsequenz dieser Entscheidung für uns Zuseher grandios. Die Szenen, in denen sich Tatum mit Eric anlegt, wühlen einen regelrecht auf und nach Matts gelungenem "Comeback" will man diesem am liebsten voller Genugtuung auf die Schulter klopfen, weil er es den Zweiflern gezeigt hat.

Matt selbst wirkt alles in allem selbstsicherer und offensichtlich hat auch die vorläufige Abweisung seines Trainers seinem Selbstvertrauen keine ernsthaften Schäden zugefügt. Gerade darin liegt wohl auch der Reiz des noch ungeschliffenen Quarterbacks: Während er sich abseits des Feldes durch die Welt murmelt und stottert, kann man sich im Spiel auf starke Leistung verlassen. Bleibt zu hoffen, dass Eric das nicht zu schnell wieder vergisst und sich so auch die Vertrauensbasis zu Saracen bewahrt.

Dass die Welt nicht nur aus Football besteht, beweist dieses Mal ein Charakter, von dem ich es am allerwenigsten erwartet hätte: Jason Street zeigt Interesse an Rollstuhlrugby und hat mich damit vollkommen verblüfft. Auch im realen Leben habe ich größten Respekt vor Sportlern, die durch einen Unfall körperlich beeinträchtigt werden und dennoch nicht mit dem Sport abschließen. Ich persönlich würde mich dieser Option nämlich sehr wahrscheinlich in meiner Frustration verschließen, aber Jason zeigt sich sehr schnell begeistert und anscheinend ist es ihm auch wichtig, wieder ein Ziel vor Augen zu haben. Generell gewinnt er Stück für Stück positive Ausstrahlung, und obwohl er mir persönlich in den ersten Folgen recht egal war, wird sein Handlungsbogen immer reizvoller, weil er selbst an Stärke gewinnt. So hat der Besuch der Panthers an Streets Krankenbett, samt dessen Reaktion auf sein ehemaliges Team, großen Eindruck bei mir hinterlassen und mich auf eine ganz eigene Art und Weise bewegt, die ich ohne Pathos gar nicht richtig in Worte fassen kann. In dieser Szene geht es um Vertrautheit, um Stärke, die einen nicht zu Tränen rührt, sondern durch ihre schlichte Klarheit beinahe so etwas wie Erhabenheit vermittelt. So etwas erlebt man für gewöhnlich nicht im Fernsehen, sondern nur im echten Leben und wenn eine Serie solche Saiten in jemandem anschlagen kann, hat sie jede Lobeshymne redlich verdient.

Die Dillon Panthers

Die Spannung kommt - wie immer - zum Schluss. Tatum ist möglicherweise nicht rechtmäßig im Team, womit die schlimmsten Alpträume Erics wahr werden könnten. Matts grandioses Finish wäre wertlos, der Spott und der Zorn der Öffentlichkeit wären so sicher, wie das Amen im Gebet. Diese Möglichkeit bringt in den letzten Minuten der Folge noch viel Zündstoff für die nähere Zukunft ins Spiel und stößt bei mir auf eine bemerkenswerte Reaktion: Verärgerung.

Denn die Panthers haben klasse gespielt und rechtmäßig gewonnen. Es wäre grundsätzlich falsch, ihnen diesen Sieg wegen einer bürokratischen Stolperfalle abzuerkennen. Warum diese Reaktion bemerkenswert ist? Es könnte mir eigentlich egal sein, denn die Hauptsache ist, dass die Serie ihre Spannung nicht verliert. Aber so ist es nicht. Ich bin stinksauer, weil ich für das Team vollkommen Partei ergriffen habe. Bei jedem Spiel fiebere ich so angespannt mit, dass ich manchmal sogar die Inszenierung dahinter vergesse.

"Friday Night Lights" hat bei mir für einen Sport Interesse geweckt, den ich bislang immer für stumpfsinniges Massengerangel gehalten habe. Es ist zwar nicht so, dass ich jetzt die amerikanischen Ligen verfolge, aber ich kann den fiktiven Spielen in der Serie eine gewisse Anziehungskraft nicht absprechen. Die Aufregung am Feld bildet damit den perfekten Kontrast zu den ernsten Tönen der Serie und ebendieses Spannungsverhältnis fasziniert und fesselt mich von Mal zu Mal mehr.

Fazit

Die Serie geht in ihren Charakterstudien immer weiter in die Tiefe, wird dabei immer facettenreicher und weicht trotzdem nie so weit vom ersten Eindruck ab, dass es unglaubwürdig wird. Und neben all den großartigen Handlungssträngen abseits des Sports, sodass man es fast nicht bemerkt, macht einen "Friday Night Lights" zum Football-Fan. Und dass dieses Geständnis von jemandem kommt, der zum einen eine Frau ist, und zum anderen aus Europa stammt, sagt eigentlich alles und macht jeden weiteren Kommentar überflüssig.

Eva K. – myFanbase

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