Bewertung: 9

Review: #5.07 Alte Götter

Foto: Lady Gaga & Kathy Bates, American Horror Story: Hotel - Copyright: Prashant Gupta/FX
Lady Gaga & Kathy Bates, American Horror Story: Hotel
© Prashant Gupta/FX

In der Vergangenheit scheiterte "American Horror Story" schon oft daran, den Plot einer Episode stringent und sinnvoll aufzubauen. Man denke nur an das kürzlichste Beispiel #5.05 Room Service zurück, wo die Story über einen Vampiramoklauf an einer Schule völlig unzusammenhängend an den Anfang der Folge gesetzt und dann komplett fallen gelassen wurde. Doch sobald die Serie sich mal mehr um die Stringenz und Sinnhaftigkeit ihres Episodenaufbaus Gedanken macht, ist sie dazu fähig, richtig tolle Episoden zu produzieren – Episoden wie #5.07 Flicker. Der Plot wird auf zwei zentrale Handlungsstränge heruntergebrochen, nämlich das Flashback ins Jahr 1925 und John Lowes Ausflug in eine Psychiatrie, und er besitzt eine klare Struktur: Als Ausgangspunkt wird die Entdeckung eines zugemauerten Hotelgangs im Cortez genommen, aus dem zwei grauenhafte Kreaturen entfliehen, über deren Geschichte und Identität wir im Laufe der Episode so einiges erfahren...

"I thought I could make you love me. I thought if I gave you everything your little heart desired – riches, comfort, this hotel – but none of it moved you. I could never compete with the shadow of a god on a screen, 20 feet tall!"

Vorhang auf für Rudolph Valentino und Natacha Rambova, zwei Hollywoodstars der Extraklasse, die den Glanz und Glamour des Hollywoods der 20er Jahre in vollen Zügen genossen und eines Tages auf eine gewisse Statistin namens Elizabeth aufmerksam wurden. Elizabeth war damals noch weit davon entfernt, eine erhabene Countess zu sein, sondern war einfach nur die junge Tochter eines Klempners aus Bensonhurst, die vom ganz großen Ruhm träumte. Endlich bekommt Lady Gaga hier die Gelegenheit, nicht immer nur die kühle, transzendente Countess zu spielen, sondern eine ganze Palette an Emotionen zu zeigen und sie macht dies erstaunlich gut. Sie überzeugt als naives Mäuschen, das sich von dem Sexappeal und dem Prunk Valentinos und Natachas vereinnahmen lässt, sie überzeugt als glühende Verehrerin der beiden Hollywoodstars, die angesichts Valentinos vermeintlichem Tod die pure Verzweiflung überkommt, sie überzeugt als berechnende Ehefrau von James Patrick March, die von dessen dunklen Trieben fasziniert ist. Elizabeth wird durch das Flashback nicht nur zu einem mehrdimensionalen Charakter ausgeformt, es werden auch so manche Beweggründe klarer: So verstehen wir nun besser, wieso die Countess bei der Modenschau augenblicklich von Valentinos Doppelgänger Tristan Duffy fasziniert war und Donovan für ihn fallen ließ oder auch, wieso sie Will Drake unbedingt heiraten und so wieder in den Besitz des Cortez kommen will – und wir erfahren, wie sie überhaupt zum Vampir wurde.

Doch nicht nur die Countess bekommt mehr Profil, auch von James Patrick March – mal wieder phänomenal gespielt von Evan Peters – sieht der Zuschauer eine ganz neue Seite. Zum ersten Mal sehen wir, wie March so etwas wie Zuneigung oder gar Liebe, oder zumindest Bewunderung und Anerkennung für eine Person zu empfinden scheint. So wie Elizabeth sich unmittelbar von Valentino und Natacha angezogen fühlte, so war auch March sogleich von Elizabeth verzaubert. Und tatsächlich scheint Elizabeth (neben Miss Evers) die einzige Person zu sein, die nicht nur Marchs dunklen Trieben Paroli bieten und sie ertragen kann, sondern diese sogar unterstützt und befürwortet. Die Countess und JPM bilden ein abscheulich-absurdes und doch irgendwie reizvolles Duo, das gerade davon lebt, dass die Zuneigung der beiden füreinander so extrem unterschiedlich ist: Während JPM sich beim gemeinsamen Dinner mit der Countess geradezu ergeben zeigt, scheint die Countess in ihrem toten Ehemann vor allem erstmal ein Mittel zum Zweck zu sehen und weiß ganz genau, dass sie ihn vollkommen in der Hand hat.

Mit der Entdeckung des geheimen Hotelgangs, in den JPM vor 90 Jahren Valentino und Natacha für die Ewigkeit einmauerte – was für eine Horrorvorstellung! – und der unerwarteten Flucht der beiden Vampire gibt es nun jedenfalls zwei neue, interessante Spieler, die sowohl das Leben der Countess als auch das Dasein von JPM wahrscheinlich gehörig aufmischen werden.

"I feel like everything's closing in on me. Some setbacks at work. Separation from my wife. Because of a misunderstanding, my daughter is afraid of me. I need professional help."

Bereits völlig aus dem Ruder gelaufen ist John Lowes Berufs- als auch Familienleben. Inmitten seines tatsächlichen psychischen Zusammenbruchs täuscht er einen weiteren psychischen Zusammenbruch vor, um in eine bestimmte Psychiatrie eingewiesen zu werden, in der ein potentieller Verdächtiger im Zehn-Gebote-Killer-Fall sitzt. Allein die Anamnese Lowes zeigt, wie völlig zerstört diese Figur mittlerweile ist und Wes Bentley holt bisweilen das Höchstmögliche aus diesem schwierigen Charakter heraus, der seit Beginn der Staffel kontinuierlich an Sympathiepunkten einbüßen musste. Der Zuschauer kann fast nur noch Mitleid haben mit diesem armen Mann, der von seiner Frau hintergangen und geradezu systematisch in den Irrsinn getrieben wurde.

Enorm effektiv wird Lowes Zusammentreffen mit der kleinen Vampirin Wren inszeniert, das die bekannte Trope "megagruseliges kleines Mädchen" sehr gut umsetzt. Der Gedanke, dass ein kleines Schulmädchen solch gruseligen Morden beistand und quasi zur Mittäterschaft gezwungen wurde, ist verstörend und horrend. Doch wer ist der Zehn-Gebote-Killer nun? Es ist nicht Wren, es ist nicht deren Vater. Und so wird man das Gefühl nicht los, dass es womöglich John Lowe selbst ist, dessen Alter Ego für die Mordreihe verantwortlich ist – denn sowohl Johns verwirrende Worte ("It is my fault." bzw. "But it's me, not her. And it's him, not you.") als auch die Inszenierung mit den ineinander übergehenden Gesichtern Wrens und Lowes, und natürlich nicht zu vergessen Lowes Einladung bei Marchs Devil's Night deuten darauf hin, dass Lowe hier gerade vielleicht auf der Jagd nach sich selbst ist.

"This place inspires me."

"This place inspires me" sagt Will Drake zu Beginn dieser Episode und tatsächlich wirkt #5.07 wie eine Episode, der Inspiration und Kreativität voraus gegangen sind: Erzählerisch stringent, inhaltlich sinnvoll und inszenatorisch überaus gelungen – besondere Erwähnung muss hier die wirklich großartige Tangoszene finden – unterhält diese Folge von Anfang bis Ende. "American Horror Story: Hotel" strickt mit dem Flashback ins Jahr 1925 eine interessante Hintergrundgeschichte, das sämtliche Einzelschicksale miteinander verbindet und den Charakteren nicht nur einiges an Tiefe verleiht, sondern auch nochmal ihre Beweggründe und Intentionen um einiges klarer macht – gleichzeitig treibt sie die Suche nach dem mysteriösen Zehn-Gebote-Killer weiter voran und liefert gruseltechnisch so manch wirksame Momente. Die Serie zeigt sich hier seit langer Zeit mal wieder von ihrer besten Seite.

Maria Gruber - myFanbase

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