Bewertung: 4

Review: #7.09 Lieben und Sterben

Von den Details abgesehen, könnte dies auch die vorletzte Episode einer ganz gewöhnlichen Dramaserie sein. Ein Paar kommt nach Jahren der Trennung wieder zusammen (Jessica & Hoyt), zwei einsame Herzen nähern sich an (Jason & Brigette), eine Säule der Gemeinde zieht weg, um an einem anderen Ort ein neues Leben zu beginnen (Sam), und ein Charakter liegt im Sterben (Bill).

Wie wohl die meisten "True Blood"-Fans, hätte ich, wenn man mich in den vergangenen Jahren gefragt hätte, wie ich mir die letzte Folge vor dem Serienfinale vorstelle, geantwortet, dass ich eine spannende, brutale Folge erwarte, die einen großen Showdown einleitet. Das wäre, wie wir nun wissen, eine falsche Prognose gewesen. Wir erleben stattdessen eine emotionale, langsame Episode, die erst in den letzten Minuten eine finale Auseinandersetzung einleitet, welche aber wohl bei weitem nicht die größte Schlacht wird, die wir in "True Blood" jemals gesehen haben. Es steht jetzt schon fest, dass sich die Serie eher leise verabschiedet und nicht mit einem großen Knall. Es fällt schwer, darüber nicht einigermaßen enttäuscht zu sein, zumal die emotionale Schiene nur bedingt funktioniert und es eine Reihe von Kritikpunkten gibt.

Er gibt sie frei

Bill macht tatsächlich ernst. Sein Entschluss, den wahren Tod zu sterben, wird von seinen Freunden schweren Herzens hingenommen. Sein Motiv ist wie erwartet Sookies Glück und Wohlergehen. Anders als seinen Abkömmling Jessica, kann Bill seine On/Off-Liebe Sookie nicht einfach mit Worten freigeben, daher will er sich opfern. Seine Überlegung ist sicherlich nicht falsch. Dafür, dass Sookie nicht aufhören kann, Bill zu lieben und sich mit ihm verbunden zu fühlen, egal wie oft er sie enttäuscht, belogen und bedroht hat und wie viele andere Männer in ihr Leben getreten sind, gibt es ausreichend Beweise. Diesbezügliche Nachfragen könnten an Alcide gerichtet werden, wenn er noch leben würde.

Andererseits äußert Bill im Gespräch mit Eric selbst den Grund, warum sein Tod keine Garantie dafür ist, dass Sookie das Leben führen wird, dass er sich für sie wünscht: ihre Anziehungskraft auf Vampire. Die Blutsauger werden sich immer zu Sookie hingezogen fühlen und sie sich immer zu ihnen. Es besteht nun einmal eine seltsame, emotional-bedrohliche Symbiose zwischen ihrem Elfen-Licht und der Vampir-Finsternis. Daran kann auch Bills Ableben eigentlich nichts ändern.

Für mich ergibt Bills Entscheidung insgesamt mehr Sinn, wenn man sie nicht nur als Opfer für Sookie sieht, sondern auch als Ausdruck seines Wunsches, wieder mit seiner Frau und seinen Kindern vereint zu sein. Dazu passen die vielen Flashback-Szenen in dieser Staffel. Er hat seine Familie, wenn auch nicht freiwillig, im Stich gelassen und ein langes Leben ohne sie geführt, sich wieder verliebt und quasi eine neue Familie gegründet. Das will er jetzt beenden.

Partnertausch

Nach der vorherigen Folge habe ich mich gefragt, wie man die komplizierte Situation zwischen Jessica und Hoyt in der kurzen Zeit noch auflösen will. Dies erschien mir etwas schwierig, aber die Autoren haben einen (un)guten, alten Trick ausgegraben: das Schnellverfahren. Jessica erzählt Hoyt die ganze Geschichte, überwiegend Off-Screen, und Hoyt versteht und verzeiht Jessica, während er Jason erneut auf die Matte schickt. Jessica wird doch wohl nicht etwa vergessen haben zu erwähnen, dass Hoyt Jason schon verprügelt hatte? Ein bisschen einseitig und unfair ist Hoyts Reaktion ja schon.

Während Jessica und Hoyt miteinander schlafen, kommen sich Jason und Brigette näher. Hier bahnt sich ein klassischer Partnertausch an. Hoyt kommt zurück, um wieder mit Jessica vereint zu sein, und bringt gleich noch die perfekte Partnerin für Jason mit, die quasi das genaue Gegenteil von Violet darstellt. Brigette sieht Jason nicht nur als Sexobjekt, sondern glaubt an seine inneren Werte. Dieser Partnertausch passt eigentlich schon zu perfekt und ist daher zwar nett, aber auch ziemlich kitschig. Da hatte Jason so viele wilde, gefährliche und unnötige Affären und dann wird ihm Mrs. Perfect kurz vor dem Serienende gewissermaßen auf dem Silbertablett serviert, geliefert aus Alaska, offenbar dem Hort der guten Menschen. Okay, es steckt auch Ironie drin, die wieder zu "True Blood" passt, aber man muss ehrlich festhalten, dass hier der Kitsch überwiegt.

Bye, Bye, Bon Temps

Mit Sams Weggang aus Bon Temps in Richtung Chicago wird ein weiteres, wichtiges Kapitel ziemlich schnell abgehandelt. Sam hinterlässt zwar Sookie einen emotionalen Brief, von anderen engen Freunden wie Lafayette oder Arlene verabschiedet er sich aber nicht. Nebenbei scheint sich Nicoles hartes Ultimatum in keiner Weise negativ auf die Beziehung ausgewirkt zu haben und dass das Baby vermutlich ein Gestaltwandler wird, ist kein einziges Mal thematisiert worden. Es wäre durchaus einer Diskussion wert gewesen, ob für eine kleine Gestaltwandlerin nun Bon Temp oder Chicago ein besseres Pflaster zum Aufwachsen ist. Diese Staffel hat uns nachdrücklich vor Augen geführt, wie stark Bon Temps von Voruteilen und Misstrauen geprägt ist, was gegen die kleine Stadt als passende Kinderstube für Baby Merlotte spricht, andererseits bietet Bon Temps natürlich mehr Freiraum als die Großstadt Chicago, in der es schwieriger sein dürfte, mal eben als Pferd, Schwein oder Stier herumzustreifen.

Darüber hinaus frage ich mich, warum Sookie und Jessica im Anschluss an Bills verweigerte Heilung als erstes zu Sams Haus gefahren sind. Darin sehe ich absolut keinen Sinn.

Kommen wir nochmal auf das Thema Bon Temps und die Vorurteile zurück. Zu Beginn dieser Staffel fand ich es durchaus sehr reizvoll, dass die Bedrohung durch die H-Vampire eine Art ultimativer Test für die Bürger der Stadt war, durch den sie dann ja mit Fackeln und Mistgabeln durchgefallen sind. Am Ende waren es doch wieder nur die üblichen Verdächtigen, die etwas Sinnvolles geleistet und die Gefahr beseitigt haben, während der Großteil der Bürger alles nur schlimmer gemacht oder gar nichts getan hat. Davon kommt aber nun auch nichts mehr. Außer, dass das Bellefleur's einen rapiden Gästerückgang zu verzeichnen und Sam die Stadt verlassen hat, sehen wir nichts von den Auswirkungen des Dramas. Was ist mit den Beteiligten des Mobs passiert, die überlebt haben? Ist Kenya zum Beispiel immer noch Polizistin, oder wurde sie gefeuert? Sehen die Aufständischen ihre Fehler wenigstens ein? Hier wurde noch einiges an Potential verschwendet.

Ab - und Anwesenheitsliste

Die größte Verschwendung erleben wir aber im Umgang mit diversen Hauptcharakteren, die zur Unsichtbarkeit verdammt wurden. Der übergroße Cast von "True Blood" hat des Öfteren Kritik hervorgerufen, aber so schlimm wie in dieser Staffel war es noch nie. Wo ist Willa? Hält sie sich überhaupt noch in Bon Temps auf? Diesen Charakter hat man völlig ins Abseits gestellt. Rocky sieht man in genau einer Szene. Dass er zum Hauptcharakter gemacht wurde, war Unsinn. Ginger liefert uns zumindest eine der besten und bizarrsten Szenen dieser Folge und Sex-Szenen der Serie überhaupt.

Als weitere gute Szenen, die uns daran erinnern, dass wir hier immer noch bei "True Blood" sind, lassen sich der Moment nennen, als Pam Jessica tröstet (und gleich eine Drohung bezüglich der Unversertheit ihrer Klamotten nachschiebt) und als Eric Sookie nach Hause fliegt. Ein grotesker Hauch von Superman und Lois Lane weht hierbei durch die Szenerie. Auch die Szene zwischen Pam und Sarah weiß zu gefallen. Zunächst ist Sarah erstaunt und erleichtert zu erfahren, dass sie nur ins Büro geschleppt wurde, um wieder blondiert zu werden, realisiert dann aber, dass sie zur neuen Edelprostituierte der Vampirwelt werden soll. Wer wenig Geld hat, muss sich mit New Blood begnügen, wer es sich leisten kann, darf an der einzig wahren Sarah Newlin knabbern, dem (nun wieder) blonden Heilmittel mit der Lizenz zu Intoleranz, Bigotterie und Wahn. Viel Spass und guten Hunger!

Maret Hosemann - myFanbase

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